Gürer Aykal, Maestro, zur Situation der Oper in der Türkei - 6. November 2013

Gürer Aykal

Gürer Aykal

Anlässlich meiner Einladung zum ersten Konzert in der Türkei, in dem konzertante Auszüge aus Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ mit Singstimmen in Istanbul aufgeführt wurden, und zwar vom Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra, führte ich ein Interview mit seinem Ehrendirigent Gürer Aykal. Das renommierte Orchester feiert in diesem Jahr sein 15jähriges Bestehen. Es gab vor 15 Jahren sein erstes Konzert im Yildice Palace Arsenal unter der Leitung von Aykal, der dem Ensemble seither auf engste Weise verbunden ist und in dieser Zeit viele junge Musiker gefördert hat.

Istanbuler Opernhaus

Istanbuler Opernhaus

Die Idee des Interviews war es, mit Maestro Aykal über die derzeitige Situation der Oper in der Türkei zu sprechen. Man muss das auch vor dem Hintergrund sehen, dass die vor Leben nur so sprudelnde, fast 15 Millionen-Metropole Istanbul lediglich ein kleines altes Musiktheater aus dem Jahre 1927, im Jahre 2007 als Opernhaus wiedereröffnet, auf der asiatischen Seite Üsküdar im Stadtteil Kadikoy besitzt, das Kadikoy Süreyya Opernhaus. Es hat gerade einmal 570 Plätze, führt aber von Oktober bis Mai ein recht interessantes Programm auf. Das große Istanbuler Opernhaus der Istanbul Staatsoper und Staatsballett mit über 1.300 Plätzen liegt seit Jahren als Bauruine in der Nähe des Taksim-Platzes (siehe Foto). Es gibt offenbar keine konkrete staatliche Initiative oder Unterstützung, das Haus wieder herzustellen und damit ein der Größe der Stadt entsprechendes Opernhaus zu realisieren.

So wird das Interview mit Gürer Aykal schnell zu einem Plädoyer für die Förderung der Oper in der Türkei. Er holt hierfür zu einem hochinteressanten historischen Diskurs aus. Als Mustafa Kemal, Staatsgründer der heutigen Türkei, der 1934 vom türkischen Parlament den Nachnamen Atatürk (Vater der Türken) erhielt, im Jahre 1913 an der osmanischen Botschaft in Bulgarien als Militärattaché akkreditiert war, erlebte er an der Nationaloper von Sofia zum ersten Mal eine Oper. Er soll so beeindruckt von der Qualität der Aufführung gewesen sein, dass er verstanden haben will, warum die Türkei die Schlacht am Balkan verloren habe. Er plante für den Fall der Gründung der Türkischen Republik, die bekanntlich im Oktober 1923 erfolgte, eine unmittelbar sich anschließende Revolution der Kunst in der Türkei. Bereits im Jahre 1924 verlegte Mustafa Kemal das bestehende Orchester vom Serail/Topkapi in Istanbul nach Ankara mit der Verpflichtung, ab nun für die Öffentlichkeit Konzerte zu veranstalten. Er nannte das Orchester in „Präsidiales Symphonieorchester“ um, um ihm so größere Aufmerksamkeit und Bedeutung zu verleihen.

Istanbuler Opernhaus Vorderfront

Istanbuler Opernhaus Vorderfront

Dann gründete Mustafa Kemal eine Schule für die Ausbildung von Musiklehrern. Dazu kamen auch bekannte deutsche Musiker ins Land, im wesentlichen vor 1936, unter anderen auch Wilhelm Furtwängler. Sie zogen andere Musiker nach, wie Paul Hindemith oder Carl Ebert, der 1939 kam und in leitender Position an der Gründung des Konservatoriums und der Oper in Ankara beteiligt war. All das spielte sich nun in Ankara, der Hauptstadt und dem politischen Zentrum des Landes, ab. Mit dem Brustton der Überzeugung meint Gürer Aykal: „If a nation does not have any relation to art the main vessel is corrupted!“

In derselben Zeit bat Mustafa Kemal alle Musiker, die daran Interesse hatten, nach Anatolien zu gehen und die Volksmusik aufzunehmen und sie mit den modernsten Mitteln der Kompositionstechnik niederzuschreiben. Komponisten wie A. A. Saygun, U. C. Erkin und sogar Bela Bartók gingen auf diese Wiese nach Anatolien. Ziel war es, der Welt das Potenzial der türkischen Folklore bekannt zu machen. Im Zuge dieser von Kemal eingeleiteten Revolution der Kunst beauftragte er A. A. Saygun, die erste türkische Oper zu komponieren. Er lud den Schah von Persien zur Uraufführung ein, auch um die guten Beziehungen zwischen Persien und der Türkei zu dokumentieren. Da war am 18. Juni 1934. Der Schah war äußert beeindruckt, zumal sie in Persien keine Oper hatten. Kemal Mustafa soll ihm daraufhin sinngemäß gesagt haben: „Der Unterschied von einem Land zum anderen liegt in seiner Sensibilität für Musik, welche es zu einem entwickelten Land macht – (im emotionalen Sinne).“ Atatürk ließ in der Folge türkische Musik komponieren und forderte die Leute auf, auch die traditionelle Musik weiter zu entwickeln, sich dabei aber nicht zu wiederholen. Das brachte ihm offenbar auch Sympathieverluste ein.

Gürer Aykal mit dem Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra

Gürer Aykal mit dem Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra

„Nach Atatürks Tod im Jahre 1938 versuchten einige seiner Gegner, die Kunstrevolution sofort zurück zu drehen“, kommentiert Gürer Aykal mit einem Gesichtsausdruck größter Besorgnis und fügt hinzu, dass heute eine Auffassung bestehe, dass Oper, Ballett und andere Theaterformen nicht zur Lebensweise der Türkei passen. „All the art people try to fight back and many people help them in this. Let us recall that Atatürk gave voting rights to women before Finland and Switzerland. We have to work towards this direction to join the European Union – via music.” Gürer Aykal sieht sich ganz offen als Vorkämpfer für die kulturelle und völkerverbindende Rolle der klassischen Musik in der Türkei. Dies wurde auch mit seinem Kommentar zum Publikum während des Wagner-Konzerts des Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra im Anadolu Auditorium tags darauf deutlich…

Dieses Orchester hat laut Aykal aber ein treues und zahlreiches Publikum, nicht zuletzt wegen seiner hohen musikalischen Qualität und der interessanten Programme. In der Saison 2013-2014 wird man von Oktober 2013 bis Mai 2014 insgesamt 13 Konzerte geben und im Dezember 2013 ein Beethoven-Festival – unter anderen mit Rudolf Buchbinder, der alle Klavier-Sonaten spielen wird. In der Konzertreihe kamen bzw. kommen Größen wie Roberto Alagna, Murray Perahia, Alexander Gavrylyuk, Markus Schirmer et al. sowie der Salzburg Bach Chor nach Istanbul. Allgemein gibt es in der Türkei sechs Opern-Ensembles, die derzeit im Schnitt jede Woche etwa drei Opern und ein Ballett aufführen, i.e. Ankara, Antalya, Istanbul, Izmir, Mersin und Samsun.

(Das Interview wurde auf Englisch und Türkisch mit Dolmetschung geführt).

Fotos: Klaus Billand

1. Foto: K. Aykal (privat)

Klaus Billand