BRASILIEN: Drei Opernhäuser und eine Opernkompanie in Pernambuco, São Paulo und Rio de Janeiro - November 2018

Im Rahmen der kürzlichen Reise durch Brasilien zur Durchführung von Meisterklassen in Gesang mit dem Dirigenten, Organisten und Klavierbegleiter Radu Pantea, Sohn des rumänischen Baritons Ionel Pantea (Bericht Merker 11/2018), kamen wir mit drei Opernhäusern und einer privaten Opernkompanie in Kontakt, die ich hier vorstellen möchte.

Teatro Santa Isabel

Teatro Santa Isabel

I. RECIFE – Pernambuco (Nordostbrasilien): Teatro de Santa Isabel

Als wir in Recife waren, fand im ehrwürdigen Teatro de Santa Isabel in Recife, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Pernambuco, die Feier zum 75. Jubiläum der Katholischen Universität von Pernambuco statt. Die Chorgemeinschaft Madrigal Lindbergh Pires trug unter der Leitung ihres Chefdirigenten Jadson Oliveira zu diesem Anlass ein interessantes Programm mit Werken von Wolfgang Amadeus Mozart (Das Duett und Chor „Giovinette, che fate all’amore“ aus „Don Giovanni“, (mit den Solisten Vanessa de Melo, Sopran, Interview Merker 11/2018, und Matheus Alvarenga, Bariton), von Charles Gounod, Keith Hampton, und Anna Maria Ribakoffi vor.

Seitenlogen

Seitenlogen

Dabei bot sich die Gelegenheit, dieses schöne Theater, das leider nur selten Opernaufführungen erlebt, vielleicht gerade mal zwei pro Jahr (!), etwas besser kennen zu lernen. Es wurde vom französischen Architekten Louis Léger Vauthier im neoklassischen Stil der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Brasiliens erbaut und 1850 eingeweiht. Wie beim Teatro Amazonas in Manaus (über das jährlich stattfindende Amazonas-Opernfestival FAO wurde hier oft berichtet) wurden damals die Architekten und viele Fachkräfte für den Theaterbau aus Europa angeworben. Auch Baumaterialien wurden aus der „Alten Welt“ beschafft…

Vor dem Haupteingang

Vor dem Haupteingang

1869 brannte das Theater fast völlig nieder, wurde aber im originalen Stil wieder aufgebaut. Es trägt den Namen der Tochter des beliebten brasilianischen Kaisers Dom Petro II, Prinzessin Isabel. Der Kaiser besuchte im Jahre 1859 bei einer Reise durch die Nordostprovinzen Brasiliens das Haus auch persönlich. Das Teatro de Santa Isabel war die Plattform für die Kampagne von Joaquim Nabuco zur Abschaffung der Sklaverei in Brasilien.

Theatro Pedro II

Theatro Pedro II

II. RIBERÃO PRETO – São Paulo Staat: Theatro Pedro II

Das Theatro Pedro II, benannt nach dem letzten Kaiser Brasiliens, ist das einzige Opernhaus Brasiliens, welches nicht in der Hauptstadt des jeweiligen Bundesstaates liegt. Der eklektizistische Bau liegt an der Praca XV de Novembro (Platz des 15. November) und wurde in der Zeit des Kaffebooms mit der Unterstützung einer großen brasilianischen Bierbrauerei von 1928-30 erbaut. Meira Júnior, einer der Gründer der Unternehmung Cervejaria Paulista, eben jener Bierbrauerei, nahm den Architekten Hippolyto Gustavo Pujol Júnior unter Vertrag, während die strukturellen Baubereiche durch die deutsche Firma Kemmitz, geführt von Fritz Hans Urlass, durchgeführt wurden. 1930 wurde das gegenüber dem Teatro Carlos Gomes erbaute Haus eingeweiht. Es hatte zur damaligen Zeit 2.000 Plätze aber heute „nur“ noch 1.588 und ist damit ein großes Haus. Nachdem das Theater seit 1970 als Kino diente und wesentliche Teile seiner Dekoration beseitigt worden waren, erlitt es 1980 einen Großbrand, bei dem das Dach und wesentliche Bereiche des Innenraums zerstört wurden. Ganz ähnlich wie nach der teilweisen Zerstörung der Wiener Staatsoper zum Ende des Zweiten Weltkriegs bedurfte es großer Überzeugungsarbeit und der Unterstützung einiger Persönlichkeiten, das Theater nicht ganz abreißen zu lassen, sondern wieder aufzubauen. Ab 1991 wurde es über einen Zeitraum von fünf Jahren in zwei Etappen wieder aufgebaut, wobei man die metallene Dachkonstruktion nachbaute und auch sonst weitgehend alle originalen Dekorationen nach den Originalplänen restaurierte. Eine Reihe wichtiger technischer Neuerungen kamen bei der Gelegenheit natürlich hinzu. Eine besondere Attraktion ist die völlig neue und moderne scharze Decke mit einem tropfenförmigen Leuchter, gestaltet vom brasilianischen Künstler Tomie Ohtake. 1996 wurde das Theater wieder eröffnet, und zwar mit der Ouvertüre zu „Il Guarani“ von Carlos Gomes und der Neunten Symphonie von Ludwig van Beethoven. Das Teatro Pedro II ist eines der fünf größten Theater Brasiliens und zeichnet sich durch eine gute Akustik aus.

Idem

Idem

In einem ausführlichen Gespräch mit Mariana Aude Jábali, der Präsidentin der Fundação D. Pedro II (sie ist bereits zum 2. Mal in dieser Funktion), der Trägerin des Theaters, und mit der Künstlerischen Direktorin Regina Scatena (bereits zum 3. Mal in dieser Funktion), schilderten sie mir die Produktionsbedingungen des Hauses. Es gibt keine festen Corps, also weder ein Orchester, noch ein Ensemble oder eine Tanzgruppe. Man hat sehr begrenzte finanzielle Möglichkeiten für künstlerische Projekte. Das Haus muss vom jeweiligen Veranstalter gemietet werden, wobei eine umfangreiche Bürokatie die Prozesse verlangsamt. Im Prinzip besteht nur ein Budget für die fixen Kosten. Aber sie inszenierten bereits „Rigoletto“ selbst, als noch die Möglichkeiten der Steuerfinanzierung durch das Lei Rouanet bestanden. Eine „Don Giovanni“-Produktion kam aus São Paulo mit reduzierten Bühnenbildern, um es finanzierbar zu machen. Aber man hat bisher noch nie Klassiker wie „Carmen“, „Turandot“ oder „Tosca“ aufgeführt. Immerhin gab es 1930 eine „Bohème“. Und 1999 tanzte im Pedro II kein geringerer als Mikhail Baryshnikov. Gelegentlich führt die private Opernkompanie Minaz aus Riberão Preto im Pedro II Opern auf, zuletzt „La serva padrona“. Natürlich spielt im Spielplan die brasilianische Volksmusik eine große Rolle.

Ópera Minaz - Theatersaal

Ópera Minaz - Theatersaal

III. RIBERÃO PRETO – Companhia Minaz

Die Cia. Minaz wurde 1990 gegründet, um ein Publikum und professionelle Sänger in den Städten des Hinterlandes des Bundesstaates São Paulo zu fördern, zum Wohle der Kunst der Musik und des Gesangs. Das Teatro Minaz wurde 2009 im Bau eines Kino im zentralen Stadtteil Jardim Paulista errichtet, wie auch das Theatro Pedro II lange als Kino funktionierte (s.o). Es hat 270 Sitzplätze. In den vergangenen 28 Jahren wurden mit Kooperationen interessante Projekte, auch viele Opern, vorbereitet und zur Aufführung gebracht. Dabei achtet man insbesondere auf kostengünstige Produktionen durch Verwendung preiswerter, aber dennoch effektvoller Bühnenbilder und Accessoires. Man hat ferner diverse Kinderprogramme sowohl in Riberão Preto als auch im Umland. Das Theatro Minaz, familiär geführt, wurde schnell zu einem kulturellen Pol in Riberão Preto und bietet Opern, Musicals, Konzerte, Theaterstücke, Ballettaufführungen, Shows, Meisterklassen und Workshops für ein Publikum an, das jährlich an die 20.000 Personen umfasst.

Bühnenbild einer Produktion

Bühnenbild einer Produktion

Die Direktoren und Eigentümer der Cia. Minaz, Gisele Ganade und Ivo Rinhel D’Acol, zeigten uns das in der Tat in perfektem Zustand befindliche Theater mit etwa 180 Plätzen und einem Orchestergraben von bis zu 25 Musikern. Wir konnten auch einige Gesangsnummern von in Ausbildung befindlichen Studentinnen und Studenten hören. Sie gehen von hier aus meist auf die Universität für Musik in Riberão Preto. Einige begannen später sogar internationale Laufbahnen. Auch wurden uns Fotos von bestimmten Opern-Produktionen gezeigt, die mit kostengünstigen Ausstattungen interessante Eindrücke boten. Auch ist schon ein Veranstaltungsprogramm bis Ende 2019 vorhanden.

Sowohl das Teatro Pedro II wies auch die private Opernkompanie Minaz bieten sich für Gastspiele internationaler Opernkompanien an und sind auch daran interessiert.

Theatro Municipal do Rio de Janeiro

Theatro Municipal do Rio de Janeiro

IV. RIO DE JANEIRO – Theatro Municipal do Rio de Janeiro

Das prachtvolle Theatro Municipal do Rio de Janeiro begann 1905 unter der Leitung von Francisco de Oliveira Passos, der sich von dem Prachtbau der Pariser Opéra Garnier inspirieren ließ. Am 14. Juli 1909 wurde das Theater mit zunächst 1.739 Sitzen eröffnet. Es wurde mehrmals umgebaut und saniert, zuletzt 2010, und verfügt heute über 2.361 Zuschauerplätze. Ein besonderer architektonischer Schatz ist das nach Vorlagen des Ischtar-Tores des alten Babylon um 600 v. Chr. nachgebildete Pausen-Café im Untergeschoss des Theaters, einzigartig auf der Welt. Jedes europäische Opernhaus würde es darum beneiden.

Tropen, Empire und Moderne

Tropen, Empire und Moderne

Mit seinen Sitzplätzen ist das Theatro Municipal heute weit größer als die Wiener Staatsoper. Allerdings, seit einiger Zeit gibt es wieder einmal wegen Geldmangels keine Opernaufführungen, nur gelegentlich Konzerte und Ballett. Das scheint für einen europäischen Opernliebhaber kaum fassbar. Noch schlimmer:

 Zerstörte Glasscheibe! Respektlosigkeit vor dem Kulturerbe!

Zerstörte Glasscheibe! Respektlosigkeit vor dem Kulturerbe!

Während einer der zum Teil violenten Demonstrationen auf dem Vorplatz gegen den später gewählten neuen Präsidenten Brasiliens, Jair Bolsonaro, wurden durch Steinwürfe einige der wunderschönen bunten, in Blei gefassten Originalfenster des großen Foyers aus der Entstehungszeit des Hauses zerstört! Es ist zu hoffen, dass dieses Kleinod an Opernhaus bald aus seinem Dornröschenschlaf erwacht bzw. erweckt wird. Aber das wurde es schon oft…

Fotos: Klaus Billand

Klaus Billand

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