LINZ/Brucknerfest 2014: Feierliche Eröffnung - 14. September 2014

Brucknerhaus

Brucknerhaus

Die feierliche Eröffnung des Internationalen Brucknerfestes Linz 2014 stand diesmal ganz im Zeichen der Situation in Europa und der Bedeutung der Europäischen Union im Zeichen der Ukraine-Krise, und was Führungsqualität sowie Kunst und Kultur in diesem Zusammenhang für eine Rolle spielen können. Nach der Bundes- und Landeshyme begrüßte Vizebürgermeister Mag. Bernhard Baier den Bundespräsidenten Dr. Heinz Fischer mit Gattin, die anderen Ehrengäste und das zahlreich erschienene Publikum im Brucknerhaus.

Bürgermeister K. Luger

Bürgermeister K. Luger

In seiner Festansprache ging Bürgermeister Klaus Luger auf den zu beobachtenden moralischen Verfall von Eliten und Führungskräften ein, die auch für einen großen Teil der wirtschaftlichen Probleme zuständig seien. Angesichts einer wachsenden „Allmachtsrolle des Staates“ sei eine veritable Krise mit großem Sprengstoff zu bemerken. Daraus resultiere eine erhebliche Verunsicherung, die dazu beitrage, den Nährboden für Demagogie und einen immer mehr erkennbaren Nationalismus zu bereiten. Die Städte trügen eine besondere Verantwortung, solchem entgegen zu wirken. Gemäß dem Spruch „Stadtluft macht frei“ könne die Stadt als letzte Zelle des Staates in seiner Organisationsform Sicherheit und mehr Chancengerechtigkeit, u.a. mit dem Angebot wirtschaftlicher Aktivitäten (Linz: u.a. Industrie) schaffen. Die urbane Kultur ermögliche mit der Vielzahl der Nationalitäten – allein in Linz leben Bürger aus über 130 Ländern – eine Atmosphäre der Freiheit mit klaren Regeln, wobei virtuelle Räume, wie Internet etc., eine immer größere Rolle spielen werden.

LH Pühringer

LH Pühringer

Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer erinnerte zunächst an den Ausbruch des I. Weltkriegs vor 100 Jahren und den Fall der Mauer vor 25 Jahren, um sodann hervorzuheben, dass die Kultur eine „wunderbare Brücke“ sei, Grenzen zu überwinden. Der „Raum der Freiheit“ sei allerdings wie ein Perpetuum Mobile, er müsse immer neu geschaffen werden. Kunst und Kultur schaffen jedoch Identität. Dies habe auch in Oberösterreich lange Tradition, wobei die Einbindung in die EU eine zentrale Rolle spiele. Ein gutes Beispiel sei das neue Musiktheater in Linz, welches in der Saison 2013-14 bereits 342.000 Karten abgesetzt habe, 100.000 mehr als in der Saison davor im LT. „Der Mut zur Investition hat sich gelohnt“ rief Pühringer unter Beifall des Publikums. Er schloss mit dem Appell, dass man Kultur wollen müsse, ohne Anstrengung sei sie nicht zu haben.

Minister Ostermayer

Minister Ostermayer

Dr. Josef Ostermayer, Bundesminister für Kunst und Kultur, betonte sodann die völkerverbindende Bedeutung der Donau, um die Nähe momentan virulenter Krisen und ihre Bedeutung auch für Österreich zu betonen: „Die Donau führt durch zehn Länder. Das Wasser von Linz fließ bald in der Ukraine!“

Bundespräsident Fischer

Bundespräsident Fischer

Bundespräsident Dr. Heinz Fischer konzentrierte seine Eröffnungsrede des Internationalen Brucknerfestes 2014 auf die Krise in der Ukraine. „Wenn man später auf 2014 zurückblickt, wird man an jene denken, die an alle Aspekte von Konflikten gedacht haben.“ In der Ukraine sei ein „beinharter Machtkampf“ zu beobachten, mit viel offizieller und inoffizieller Einmischung von allen Seiten. Deshalb gebe es nur eine Lösung, die Verhandlung, eine der Intelligenz des Menschen angepasste Lösung. Eine Zusammenarbeit in dieser Hinsicht zwischen Russland, Europa und den USA sei möglich und wichtig, denn diese seien drei Zentralen der Einflussmöglichkeiten mit privilegierter Position in den Vereinten Nationen. Er, Fischer, fühle sich berechtigt, im Sinne des Genius Loci, gerade hier in Linz an der Donau, und unter Rückblick auf 1989, solche Statements zu machen.

Paul Lendvai

Paul Lendvai

Sodann hielt Prof. Paul Lendvai seine mit Spannung erwartete Festrede. Lendvai begann mit seiner eigenen Geschichte. Als er 1962 als Wiener Korrespondent der Financial Times zum ersten Mal nach Linz kam, um über die Erfolge der VOEST zu berichten, hätte er niemals gedacht, hier 52 Jahre später eine Festrede halten zu dürfen, in einer Stadt, die inzwischen zur Europäischen Kulturhauptstadt und zu einem dynamischen Zentrum von Kunst und Kultur aufgestiegen ist. Er freue sich auch ganz besonders, dass der musikalische Teil der Eröffnungsfeier vom ungarischen Dirigenten Tibor Bogányi geleitet werde. Lendvai betonte sodann die zentrale Bedeutung von Führungspersönlichkeiten, die viel bedeutender seien als Programme. Er erinnerte in diesem Zusammenhang an Bruno Kreisky, der ganz im Sinne von Max Webers Schrift „Der Beruf zur Politik“, dass die Leidenschaft für den Politiker eine der entscheidendsten Qualitäten sei, die leidenschaftliche Hingabe an eine „Sache“ verkörperte. Dabei sei die entscheidende Frage, „Wie setzt der Politiker Macht ein?“ Was will er mit ihr erreichen? Und da zeichnete Kreisky der ehrliche Glaube an die humanitären Zielvorstellungen seiner Partei im historischen Sinne aus. Sowohl seine Anhänger wie Gegner hätten sein Charisma anerkannt. Der Begriff Charisma komme aus dem Griechischen und bedeute ursprünglich „Gnadengabe“. Nach Max Weber entscheide sich die Geltung des Charismas durch die durch die Bewährung gesicherte Anerkennung durch die Beherrschten. Charisma müsse sich also durch Erfolge bewähren. Nach Lendvai standen somit Kreisky und Willy Brandt für das vom deutschen Historiker Hans Mommsen, der sich auch mit dem Thema des autoritären Führerstaates beschäftigte, so bezeichnete „Echte Charisma“, während einige derzeitige osteuropäische Führungspersönlichkeiten für das in Mommsens Sinne „Falsche Charisma“ stünden. Mit seiner Hervorhebung des „Echten Charismas“ bei positiv agierenden Führungspersönlichkeiten unter besonderer Bezugnahme auf Bruno Kreisky schloss Lendvai also den Bogen zur Festrede von Bürgermeister Luger. Er kam sodann noch auf das „österreichische Selbstmisstrauen“ zu sprechen. Das Wesen der österreichischen Leistungen nach Meinung des 1945 aus der Schweizer Emigration zurückgekehrten Theaterkritikers und Schriftstellers Hans Weigel (1908-1991) sei, „…dass sie trotzdem stattfinden. Meist auch unter Ausschluss der heimischen Öffentlichkeit. Die Begleiterscheinungen sind provinziell, die Leistungen sind es nicht.“ Weigel schrieb dies vor rund 35 Jahren. Der von ihm kritisierte Hang zur „Selbstkritik, Selbstanklage, Selbstzerfleischung“ sei nach Lendvai in den letzen Jahren noch gestiegen. Er habe sich als gebürtiger Ungar und Flüchtling, und erst seit dem 27. Lebensjahr „echter Österreicher“, aber nie dem „negativen Patriotismus“ unterworfen. Er sei vielmehr ein überzeugter Anhänger des Kompromisses, der Grundlage der Demokratie. Es gehe immer um den gewaltfreien Ausgleich der Interessen, und die Reden seiner Vorgänger zeigten, dass die Kultur des Kompromisses in Österreich auch heute noch lebt. Paul Lendvai erhielt für seine Festrede minutenlangen begeisterten Applaus.

Das Bruckner Orchester Linz mit Fazil Say

Das Bruckner Orchester Linz mit Fazil Say

Das unter der Stabführung von Tibor Bogányi stehende Bruckner Orchester Linz gestaltete das musikalische Rahmenprogramm dem Anlass und der Thematik entsprechend. Man begann mit dem berühmten Marsch aus „Pomp and Circumstance“ (Prunk und Zeremoniell) op. 39 March No. 1 von Edgar Elgar, eine Triomelodie, die ihn sehr berühmt machen sollte. Diese patriotische Hymne in Elgars charakteristischem angelsächsischem Stil steht auch heute noch für die Identität des Commonwealth (Isabel Biederleitner im Programmheft) und erklang an diesem Vormittag doch etwas zu laut und pauschal im Brucknerhaus.

Es folgte die „Festouvertüre 1812“ op. 49 von Peter I. Tschaikowsky, 1880 entstanden. Nach verhalten lyrischem Beginn mit dem Gebet der Russen um die Befreiung von den Truppen Napoleons in den Streichern lief das Bruckner Orchester zur Darstellung des Schlachtenlärms zwischen Russen und Franzosen, dargestellt durch die Russische Hymne und die Marseillaise, zu großer symphonischer Form auf und endete schließlich mit dem Triumph der Russischen Hymne über die Marseillaise mit gewaltigem Siegespomp – in der Tat auch im Brucknerhaus recht laut und pompös. Aber Tschaikowsky selbst charakterisierte seine Ouvertüre als „sehr laut und geräuschvoll“. Er habe sie mit wenig Wärme und Liebe geschrieben und vermutete deshalb geringen künstlerischen Wert.

Tibor Bogányi

Tibor Bogányi

Dann folgte der „Ungarische Tanz“ Nr. 5 g-moll von Johannes Brahms mit äußerst beschwingtem Tempo durch Tibor Bogányi – man merkte, dass er hier als Ungar in besonderer Weise in seinem Element war…

Vom Komponisten Ernö von Dohnányi, dem Großvater des Dirigenten Christoph von Dohnányi und des ehemaligen Bürgermeisters von Hamburg und SPD-Politikers Klaus von Dohnányi, erklangen anschließend die „Symphonischen Minuten“ op. 36, Thema con Variazioni, Rondo, welche mit verhalten romantischen Linien begannen und im weiteren Verlauf von Bogányi flüssig und beschwingt mit bemerkenswerter Rhythmik dirigiert wurden. Man hört in den fünf kurzen Sätzen der „Symphonischen Minuten“ musikalische Anleihen an Respighi, Ravel, Rachmaninow und Kálman in einer Art „neoklassisch bündigem Showpiece“ (Isabel Biederleitner im Programmheft).

Nach der Festrede von Paul Lendvai erklang abschließend noch das Scherzo aus der 5. Symphonie B-Dur von Anton Bruckner, wobei man wieder am Ort des Genius Loci angekommen war. Hier bestach die gute Rhythmik und der harmonische Streicherklang des Bruckner Orchesters, welches die gewisse Resignation, die sich nach den immer wieder versuchten Ausbrüchen rustikalen Frohsinns durch Tanzmelodien und Ländler am Ende dieses somit untypischen Scherzos durchsetzt – ein zur aktuellen politischen Lage durchaus passender Abschluss dieser feierlichen Eröffnung des Brucknerfestes Linz ganz im Sinne ihrer Thematik!

Fazil Say

Fazil Say

Am Nachmittag des Eröffnungstages fand im Brucknerhaus noch ein Konzert des Bruckner Orchesters Linz unter der musikalischen Leitung von Dennis Russel Davies statt. Es wurde am Abend in den Brucknerpark übertragen. Man begann mit dem Konzert für Klavier und Orchester G-Dur von Maurice Ravel, 1932 in Paris uraufgeführt. Dieses Stück wurde zumindest nach Ansicht des Rezensenten der musikalische Höhepunkt dieses Eröffnungstages. Denn was der türkische Pianist Fazil Say, 1970 in Ankara geboren, auf dem Flügel unter Begleitung des schlanken Orchesters hören ließ, war einfach großartige Kunst und begeisternd. In den drei Sätzen Allegramente, Adagio assai und Presto, besonders aber im Presto, offenbarte sich deutlich die feine Linienführung der Ravelschen Komposition ebenso wie ihr großer Unterhaltungswert und die Gegensätzlichkeit der verwandten Motiven, ohne je den Rahmen der Klassik zu verlassen. Das Publikum konnte nach diesem Stück nachvollziehen, was Ravel einst folgendermaßen bemerkte: „Ich bin wirklich der Meinung, dass die Musik eines Konzertes heiter und brillant sein kann; sie braucht keinen Anspruch auf Tiefgründigkeit zu erheben oder nach dramatischen Effekten zu trachten.“ Angesichts der Begeisterung des Publikums gab Say noch eine Zugabe, Summertime Variations aus „Porgy and Bess“.

Dennis Russel Davies

Dennis Russel Davies

Nach der Pause erklang die Symphonie Nr. 1 c-Moll WHB 101 in der Wiener Fassung 1890/91 von Anton Bruckner. Der Komponist bezeichnete seine Erste als „keckes Beserl“ und sagte später: „So kühn und keck bin ich nie mehr gewesen, ich komponiere eben wie ein verliebter Narr.“ Damit spielte Bruckner auf zu damaliger Zeit ungewohnte musikalische Formen an, obwohl die Erste doch bereits den wesentlichen Charakterzügen der Brucknerschen Symphonie-Komposition entspricht. Das Bruckner Orchester Linz unter Leitung seines engagiert agierenden GMD ließ das Stück dynamisch und facettenreich erklingen, bisweilen etwas zu großzügig in Sachen Lautstärke.

"Everything we see..."

"Everything we see..."

Im großen Foyer des Brucknerhauses ist während dieser Tage eine beeindruckende Lichtinstallation der Künstler Arotin & Serghei zu sehen, mit dem ebenso bemerkenswerten wie wahrhaftigen Titel „Everything we see could also be otherwise“, eine visuelle Komposition zu Ehren von Ludwig Wittgenstein.

"White Sreen"

"White Sreen"

Diese, sowie die dreiteilige Arbeit „White Screen“, die aus einer roten, grünen und blauen (nur aus keiner weißen…) Lichtdiodenplatte besteht, sollen die Betrachter anleiten, allgemeine Denkmuster zu überwinden – eine künstlerische Methode, den Gesichtspunkt zu ändern und den geistigen Raum für neue Wahrnehmungen und Erfahrungen zu öffnen. Sehenswert!

Fotos: Christian Herzenberger (2-6, 8, 10), Reinhard Winkler (7, 9)
Klaus Billand (1, 11-12)

Klaus Billand