KARLSRUHE: 7. Internationaler Gesangswettbewerb für Wagner-Stimmen – 11.-13. Oktober 2012

Badisches Staatstheater Karlsuhe (Homepage)

Badisches Staatstheater Karlsuhe (Homepage)

Zum 7. Mal fand im Oktober der Internationale Gesangswettbewerb für Wagner Stimmen statt, und zum 2. Mal bereits in Karlsruhe. Der Richard Wagner Verband (RWV) Karlsruhe richtete den Wettbewerb in Zusammenarbeit mit dem Richard Wagner Verband International e.V., den Bayreuther Festspielen, dem Badischen Staatstheater Karlsruhe und der Stadt Karlsruhe aus. Wie die die Präsidentin des RWVI, Prof. Eva Märtson, auf der Pressekonferenz vor dem Semifinale mitteilte, war nach Strasbourg 1994 und 1997, Saarbrücken 2000, Bayreuth 2003, Venedig 2006 und Karlsruhe 2009 eine ursprünglich geplante Durchführung im Ausland diesmal nicht finanzierbar. Sie betonte auch, dass die Idee des Wettbewerbs auf die RWVe Lyon und Strasbourg zurückgeht, im Jahre 1991. Das Ziel war damals festzustellen, wann ein Sänger und eine Sängerin bereist ist, Wagner zu singen. Eine der Hauptaufgaben von RWVI sei es ja, junge SängerInnen auf den Weg zu Wagner zu bringen. Mit dem Wettbewerb will man SängerInnen entdecken, die erwarten lassen, dass sie nach weiterer Stimmreifung und Bühnenerfahrung in das Wagnerfach hinein wachsen können. So wurden nur Kandidaten zugelassen, die entweder am Ende ihrer Gesangsausbildung (Höchstalter 30 Jahre) oder am Beginn einer Bühnenlaufbahn (Höchstalter 35 Jahre) stehen.

Unter den bisherigen PreisträgerInnen, die im Wagnerfach bekannt geworden sind, befinden sich Mihoko Fujimura, Violeta Urmana, Detlev Roth, Michaela Kaune, Michaela Schuster, Anja Kampe, Annalena Persson, Sonja Mühleck, Heike Wessels, Okka von der Damerau und Emma Vetter. Die Ausschreibung für diesen Wettbewerb ging laut Gastgeber Prof. Dr. Hans-Michel Schneider, Vorsitzender des RWV Karlsruhe, an alle Richard Wagner Verbände weltweit, sowie an die großen Theater in Europa und Übersee. 110 SängerInnen aus 30 Nationen bewarben sich für die erste Ausscheidung in Karlsruhe im Mai, der ein Vorsingen von 36 TeilnehmerInnen in Bayreuth während der Festspiele folgte. Davon kamen 16 ins Semifinale in Karlsruhe, von denen sechs in das Finale einzogen. Die Jury-Vorsitzende war Eva Wagner-Pasquier, Co-Leiterin der Bayreuther Festspiele, und die weiteren Juroren Dame Gwyneth Jones, Sängerin; Prof. Eva Märtson; Edith Haller, Sängerin; Prof. Alessandra Althoff-Pugliese, Vorsitzende des RWV Venedig; Johannes Willig, 1. Kapellmeister des Staatstheaters Karlsruhe, in Vertretung des erkrankten GMD Justin Brown; und Joscha Schaback, Operndirektor des Staatstheaters Karlsruhe.

Eva Wagner-Pasquier erklärte in einer Pressekonferenz, an der neben knapp 10 Journalisten auch der Generalintendant des Staatstheaters Karlsruhe, Peter Spuhler, teilnahm, dass ihr bei der Findung neuer SängerInnen ein weltweites Netz, ein „Wagner-Netz“, zur Verfügung stehe. Auf die Frage einer jungen Journalistin, wie sie eine gute Wagner-Stimme erkenne, sagte sie nach kurzem Überlegen: „Mit dem Herzen, mit dem Vestand, und dann mit der Erfahrung vieler Jahre, die ich damit verbringe.“ Oft sei es dann auch eine persönliche Präferenz, aber man solle niemanden vorziehen, wenn man ihn besonders mag. Auf die Nachfrage des Journalisten der Badischen Neuesten Nachrichten, ob sie denn die Kriterien der Stimmfindung etwas präzisieren könne, wollte sie aber „in einer so großen Runde“ keine weiteren Auskünfte geben. Es wäre sicher interessant gewesen, hier Konkreteres zu erfahren, wie es beispielsweise die Jury-Vorsitzende KS Brigitte Fassbaender in der TV-Übertragung des Preisträger-Konzerts des 61. ARD-Musikwettbewerbs in München Ende September ausführlich tat. Die Pressekonferenz war damit beendet.

Das Semifinale:

Die 16 Sänger und Sängerinnen des Semifinales, 4 Sopranistinnen, 3 Mezzosopranistinnen, 2 Tenöre, 2 Baritone, 2 Bass-Baritone und 3 Bässe kamen aus 10 Ländern (darunter allein 6 aus Deutschland) und hatten jeweils einen Wagner-Monolog sowie eine Arie freier Wahl vorzutragen, also durchaus auch ein zweites Stück von Wagner. Davon machten interessanterweise nur 6 Gebrauch. Eines gleich vorweg: Ganz anders als beim ARD-Wettbewerb in München und dem Leyla Gencer Wettbewerb in Istanbul im September (Berichte im Merker 10/2012), und erst recht im Byul Byul Gesangswettbewerb in Baku/Aserbaidschan Ende Oktober/Anfang November (Bericht im kommenden Heft) war kein Sänger und keine Sängerin auszumachen, von dem oder der man hätte sagen können: „Das ist jetzt eine wirklich gute Wagnerstimme!“ Und immerhin war das Höchstalter mit 35 Jahren doch derart, dass man so etwas schon feststellen könnte. Bei einigen fragte man sich gar, wie sie überhaupt bis nach Karlsruhe kommen konnten. Und es mag kein Zufall sein, dass sich 7 von den 10, die keinen Wagner für das zweite Stück wählten, sich mit diesem weit besser taten als mit Wagner…

Die sechs, die schließlich ins Finale am 13.10. kamen, sangen wie folgt:

Der Deutsche Patrick Zielke, Bass, 30, festes Ensemblemitglied am Theater Luzern, sang den Daland-Monolog „Mögst du mein Kind…“ sehr musikalisch mit einem eher hellen Bass-Timbre und guter Phrasierung, aber recht steif und uninspiriert. Mit der Arie „La calunnia…“ aus dem „Barbier von Sevilla“ fühlte er sich offenbar viel wohler, engagierter und konnte seine gute Höhe, der es aber etwas an Klangfarbe fehlt, unter Beweis stellen.

Der deutsche Alexander Geller, Tenor, 33, seit 2010 Ensemblemitglied am Landestheater Mecklenburg-Vorpommern, sang zunächst „In fernem Land…“ aus „lohengrin“ und danach „Willst jenes Tages…“ aus dem „Fliegenden Holländer“. Er schaffte zwar rein technisch alle Höhen, es fehlt der für das Wagnerfach zu hellen Stimme aber an Volumen und bei den dramatischen Phasen auch die erforderliche Kraft, so dass es im zweiten Stück bereits zu einer gewissen Ermüdung kam. Unverständlich, dass die Jury ihn ins Fiale nahm.

Die Schwedin Anneli Lindfors, Sopran, 33, Debüt am Theater Magdeburg, begann mit „Einsam in trüben Tagen…“ aus „Lohengrin“, das sie mit leicht dramatischer Stimme bei klangvoller Mittellage und einem gewissen Klangverlust in der Höhe passabel sang. Bei der folgenden Hallenarie aus „Tannhäuser“ wurden dann die Höhenprobleme offensichtlicher, es kam zu deutlicher Forcierung.

Die Deutsche Julia Rutigliano, Mezzosopran, 34, seit 2009/2010 Ensemblemitglied am Staatstheater Braunschweig, wählte zunächst die Brangäne mit „Welcher Wahn – ihn bannte der Minne Macht…“ aus „Tristan und Isolde“ mit einem schönen, eher hellen Timbre und gutem Ausdruck, aber einem leichten Klirren in der Höhe. Auch bei dem folgenden Wiegenlied der Marie aus „Wozzeck“ wurden technische Probleme mit der Höhe offenbar. Sie wird übrigens im kommenden Sommer bei den Bayreuther Festspielen mitwirken, und zwar in „Das Rheingold“ und „Götterdämmerung“ als Wellgunde und in „ Die Walküre“ als Siegrune.

Der deutsche Sebastian Pilgrim, Bass, 27, seit 2009 Ensemblemitglied am Theater Erfurt, sang zunächst „Hagens Wacht“ aus „Götterdämmerung“ und dann „Wer bist du, kühner Knabe…“ des Fafner aus „Siegfried“. Bei guter Diktion klingt er eher wie ein Bass-Bariton mit nicht allzu großer Fülle. Es fehlt auch etwas an Musikalität und sicherer Tiefe.

Der Ukrainer Olexandre Pushniak, Bariton, 29, seit 2001 Ensemblemitglied am Staatstheater Braunschweig, sang das „Lied an den Abendstern“ aus „Tannhäuser“ mit großem Material, klarer Diktion und klangschön, wobei auch die gute deutsche Vokalisierung auffiel. Das folgende „Ves tabor spit…“ aus „Aleko“ von S.W. Rachmaninow lag ihm zwar stimmlich besser. Er sang dieses Stück mit gutem Ausdruck und stabiler Höhe. Pushniak könnte eher ein guter Verdi-Bariton werden…

Was ist aus diesem und den anderen o.g. Gesangswettbewerben nun zu schließen? Es steht um den reinen Wagnernachwuchs, zumindest sofern er sich bei diesen vier Wettbewerben präsentierte, nicht zum Besten. Es gibt praktisch keine jungen Tenöre, die sich für das Wagnerfach in dieser Altersphase qualifizieren. Nicht viel besser steht es um die Soprane und Mezzosoprane. Allein im Bass und Bassbariton-Fach zeichnen sich einige ab, aus denen einmal ein gestandener Wagnersänger werden könnte. Insgesamt war das Ergebnis des Karlsruher Gesangswettbewerbs für Wagner Stimmen aber enttäuschend, wobei die Jury mit einigen der anderen SängerInnen des Semifinales vielleicht auch etwas besser gelegen hätte, wie der 26jährigen lettischen Sopranistin Gunta Cèse, dem 35jährigen südkoreanischen Bass Sung-Heon Ha, oder der 33jährigen australischen Sopranistin Helena Dix. Es wurde letztlich nicht allen ganz klar, wie die Entscheidungen gefallen waren.

Klaus Billand