Cord Garben

Cord Garben

Im Hinblick auf die Premiere des ColónRing am 27. November am Teatro Colón lud die Projekt-Direktorin Caecilia Scalisi zu dieser Pressekonferenz ein. Zuerst stellte sich Maestro Roberto Paternostro einer Gruppe von fünf Journalisten aus dem deutschsprachigen Raum. Im Anschluss daran konnte die Gruppe auch noch Cord Garben zu seiner Kurzfassung befragen.

Maestro Paternostro informierte zunächst, dass er bei einem Aufenthalt in Tel Aviv das Angebot bekam, diesen „Ring“ anstelle des ursprünglich angesetzten J. Salemkour zu dirigieren. Er nahm das Angebot mit großer Freude an, denn es war für ihn eine besondere Ehre, in diesem legendären Theater an dem Pult zustehen, von dem aus Erich Kleiber, Otto Klemperer, Felix Weingartner („Ring“-EA am Colón 1922) u.a. schon dirigiert hatten. Die Kurzfassung hat er so vorgefunden, wie auch alle anderen Vorarbeiten. Fragen zur musikalischen Seite sollten deshalb an Cord Graben gerichtet werden.

Roberto Paternostro

Roberto Paternostro

Die Arbeit an dem Stück gestaltete sich seit Paternostros Einstieg erst am 25. Oktober für ihn euphoriserend. Er sieht diese Produktion als ein Experiment as, aus dem vieles Neue entstehen könnte und glaubt, dass es im Grunde funktionieren kann. Einige Striche von Cord Garben hat er wieder aufgemacht, insgesamt aber nicht über 15 Minuten. Auch das Colón hat noch einige Szenen länger gelassen als in der Kurzfassung zunächst geplant war. Man möge bedenken, dass heute, abgesehen von Peter Stein, auch Schillers „Wallenstein“ und Goethes „Faust” I und II oft erheblich gekürzt werden. Sogar Wagner selbst ließ, als er in der Entstehungszeit des „Ring“ Geld brauchte, Kurzfassungen spielen. Die großen symphonischen Stücke sind jedoch beibehalten worden.

Das Colón spielt diese Kurzfassung des „Ring“ wegen der Länge von etwa sieben Stunden an einem Stück mit zwei Orchestern, die beide dem Theater unterstehen. Es ist aber den Musikern frei gestellt, nach dem ersten Teil von „Rheingold“ und „Walküre“ zu wechseln oder durchzuspielen, was einige wohl machen wollen. Es ist ein enormer Aufwand: wegen des Tausches braucht man unter anderem 16 Cellisten, acht Kontrabässe und acht Trompeten. Es gibt neun Hörner, weil das 1. Horn doppelt besetzt ist. Die vier Wagner-Tuben werden von jungen Musikern im Alter von erst 25-30 Jahren gespielt. Die Harfen werden in den Proszeniumslogen sitzen. Allerdings gab es auch einige Probleme mit dem Orchestermaterial. Für jeden Musiker wurden eigene Notenblätter erstellt, und für jede Änderung mussten fünf Archivare bemüht werden.

R. Paternostro und L. Watson beim Schlussaplaus der Reprise

R. Paternostro und L. Watson beim Schlussaplaus der Reprise

Für diese wunderbare Konstellation des „Ring“ ist aber eine enorme Konzentration erforderlich. Wenn man nach dem Beginn um 14:30 Uhr gegen 24 Uhr aus dem Theater kommt, ist man wie erschlagen. Besondere Konzentration ist in der Arbeit mit den Musikern gefragt, zumal nicht alle deutsch sprechen. Wichtig ist auch, den Sängern Raum zu geben und in den Gesangsszenen nicht zu sehr mit dem Orchester hochzufahren. Das will er dann umso mehr in den symphonischen Zwischenstücken und Vorspielen machen.

Cord Graben, zunächst von mir befragt, ob er denn mit der Generalprobe zufrieden war, sagte, er habe eine gewisse Sorge gehabt, ob sich die szenische Komprimierung nach der musikalischen möglich war – er war mit dem Ergebnis zufrieden. Der Anstoß zu dieser Kurzfassung der Tetralogie kam von außen. Garben war in Brisbaine, und die Intendantin der Oper von Adelaide beklagte sich, dass sie sich den kompletten „Ring“ nicht leisten könnten. Als er daraufhin fragte, ob es mit einer Kurzfassung ginge, sagte sie offenbar begeistert ja. Daraufhin sah er sich die Partitur genauer an und kam zu dem Schluss, dass die vielen Erzählungen und Rückblicke entbehrlich seien. Er glaubt auch, dass Wagner den „Siegfried“ ausgedehnt habe, um dieses Stück in Einklang mit den anderen beiden großen Teilen und dem kürzeren „Rheingold“ als erklärendem Vorabend zu bringen. Dieses könne man auch rückgängig machen.

Glaskuppel über der Lobby des Colón

Glaskuppel über der Lobby des Colón

Dann entdeckte Garben eine von Giacomo Puccini 1888 entworfene Kurzfassung für die „Meistersinger von Nürnberg“, denn der Verleger Ricordi konnte die langen Monologe und Dialoge für einen Produktion an der Mailänder Scala nicht hinnehmen. Es kam zu einer Kürzung von etwa einem Drittel. Allerdings ist Garben nicht einverstanden mit der Streichung der beiden großen Monologe des Sachs, die Puccini offenbar aus politischen Gründen machte. Garben wandte nun dieselbe Technik beim Kürzen an, meint aber, dass die „Ring“-Pausen länger sein sollten als in Buenos Aires. Deshalb sei man zur Überlegung gekommen, den ColónRing auf zwei Tage auszudehnen, was auch noch eine starke Kürzung bedeuten würde, eventuell mit einem Abend Pause dazwischen. Garben geht auch auf die zuerst geplante Aufführung der Kurzfassung in Peking ein.

Die Absage von Katharina Wagner entwickelte sich etwa über ein Jahr. Es gab verschiedene Vertragsentwürfe, und dann wurde im Oktober der Audi-Event öffentlich. Auch war die Lage mit den SängerInnen nicht klar, wobei es auch Dialoge zwischen Katharina Wagner und diesen gab. Er selbst habe einmal einen „Tannhäuser“ in Tokio geprobt, wo es zunächst weder Bühnenbilder noch Kostüme gab, und man mit Markierungen auf der Bühne mit der Einstudierung von Bewegungsabläufen begann. Diese Technik mag aber nicht jedem Regisseur liegen. Garben hatte aber nie mit einem Abbruch des Projekts gerechnet und glaubt auch nicht, dass K. Wagner jemals an der Idee und dem Klavierauszug gezweifelt hat.

Bühnenportal des Colón

Bühnenportal des Colón

Seine Berufung für das Projekt sieht er u.a. durch seine langjährige Mitarbeit bei der Deutschen Grammophon, wo er viele Erfahrung beim Schneiden von Operninhalten sammeln konnte, und wie Schnitte angelegt werden. Zudem hat der die Aufnahme des Met-„Ring“ mit James Levine produziert, wofür er übrigens vier Grammys bekam (Anm. D. Verf.). Dabei wurde ihm klar, dass die ersten drei Werke der Tetralogie in Modulen komponiert sind. Das betrifft auch die Musik, die mit dem Abschluss dieser Module jeweils auch harmonisch endet. So kann man an diesen Stellen gut Schnitte setzen, solange man das Problem der Harmonie löst (u.a. Tonartenwechsel). Bei der „Götterdämmerung“ geht dies nicht, weshalb man hier auch viel weniger schneiden kann.

Die nächste Fassung des ColónRing soll im August/September 2013 ins chinesische Tianjin gehen, wo ein großartiges neues Opernhaus steht. Katharina Wagner habe angefragt, ob sie es noch einmal versuchen könne, aber das müsse erst noch besprochen werden. Juristisch ist der ColónRing nicht abgesichert, zumal das Theater selbst noch einige größere Striche aufgemacht hat. So kam es, wie auch einer der Journalisten kommentierte, zu gewissen Ungleichgewichten zwischen dem 1. und 3. Aufzug der „Walküre“.

Heute ist also nun endlich die Premiere, und man darf gespannt sein, wie das vorläufige Endprodukt aussehen und klingen wird.

Fotos: Klaus Billand