André-Heller Lopes: Regie-Talent aus Brasilien - November 2011

André Heller-Lopes - Foto: Ana Liao

André Heller-Lopes - Foto: Ana Liao

Anlässlich der Premiere einer bemerkenswerten neuen „Walküre“ am Teatro Municipal von São Paulo Mitte November des letzten Jahres interviewte ich den dynamischen brasilianischen Nachwuchsregisseur André Heller-Lopes, der mit dieser Neuinszenierung ein markantes Zeichen zur interkulturellen Rezeption der Wagnerschen „Ring“-Tetralogie setzte (Merker 1/2012). Dem österreichischen Publikum stellte sich Heller-Lopes durch eine mitreißende und unkonventionelle „Tosca“-Inszenierung am Salzburger Landestheater im Haus für Mozart im März 2010 vor (Merker 4/2010). Als dreifacher Gewinner des Carlos Gomes Preises und Regisseur beim Royal Opera House Covent Garden für das Young Artists Programme, wo er mit Keith Warner, C. Loy, J. Copley, N. Armfield, J. Miller u.a. arbeitete, hat sich Heller-Lopes mittlerweile einen Namen in der brasilianischen Opernszene gemacht, der er bemerkenswerte künstlerische Impulse verleiht. Seine als Einspringer nach einer Bedenkzeit von nur einem Tag übernommene und in vier Wochen fertig gestellte Inszenierung von „Tristan und Isolde“ beim Amazonas Opernfestival FAO in Manaus 2011 bescherte ihm exzellente Kritiken in der nationalen und internationalen Presse.

Heller promovierte am Kings College London und ist seit 1996 Professor an der Musikhochschule der Föderalen Universität von Rio de Janeiro (UFRJ). Er war auch schon Opern-Koordinator in Rio. In Brasilien hat er sich mit interessanten Inszenierungen u.a. von „Andrea Chenier“, „La Fille du Régiment“ (Merker 7/2007), „Samson et Dalila“, „Idomeneo“ (Merker 6/2006), „Nabucco“, „Cavalleria Rusticana“, „Ariadne auf Naxos“ und der „Dreigroschenoper“ hervorgetan. International arbeitete er neben Salzburg bereits an der San Francisco Opera, der New Yorker Met, am Royal Opera House London Covent Garden, und am Teatro São Carlos in Lissabon, wo er zwei Spielzeiten das Opernstudio leitete. Seine Spezialität wurden Opern des späten 19. Jahrhunderts und besonders des Verismo. Er widmet sich aber immer wieder auch dem modernen Repertoire.

Wie kamen Sie auf die Idee, in São Paulo „Die Walküre“ zu inszenieren?

Ab 2002 inszenierte Aidan Lang beim FAO in Manaus den „Ring des Nibelungen“. Im ersten Jahr, als „Die Walküre“ als erstes der vier „Ring“-Werke herauskam, inszenierte André zur selben Zeit dort „Cavalleria Rusticana“. Was er da sah, infizierte ihn mit dem „Ring“-Virus. Der Engländer Aidan Lang lieferte eine sehr gute Arbeit ab. André stellte sich aber vor, die Tetralogie aus einer brasilianischen Perspektive zu inszenieren, eben als Brasilianer. Später hat sich bei der Mitarbeit an Keith Warners „Ring“-Produktion in London die Idee weiter verfestigt. Mit ihm hat er besonders an der „Walküre“ gearbeitet und mit Warner bei den Proben viel über das Werk gesprochen. Dazu las er das Buch „Der letzte der Titanen: Richard Wagners Leben und Werk“ von Joachim Köhler, das ihm weitere wichtige Einblicke in Wagners Werk gebracht hat. Beim „Ring“ sind für André drei Dinge von besonderer Bedeutung: (i) das Autobiografische, (ii) die Bedeutung der Gedankenwelt von Ludwig Feuerbach, und (iii) der brasilianische Kontext. Es geht ihm um die Vermischung der Kulturen. In der Zeit, als in Europa der „Ring“ entstand, fand auch in Brasilien eine kulturelle Findung statt. Sie basierte jedoch auf europäischer Kunsttradition. Im Jahre 1857 wurde mit der Inspiration von José Amat die „Opera nacional“, also die Nationaloper Brasiliens gegründet. Darüber hat André am Kings College seine Doktorarbeit geschrieben. Die brasilianische Nationaloper stützte sich in erster Linie auf das spanische, auch auf das italienische Fach. Sogar Portugal „importierte” damals Opern aus Spanien und Italien. 1920 gab es dann die „Semana de arte moderna“ (die Woche der Modernen Kunst) am Teatro Municipal, bei der dieser von Europa importierte Stil abgelehnt wurde. 1960 begann die Phase der „Cultura popular brasileira“ (der brasilianischen Popkultur) mit ihren afrikanischen und indischen Einflüssen. Das musste irgendwann notwendigerweise auch Einflüsse auf die Oper haben. Er hat das in seiner Inszenierung der „Walküre“ versucht zu zeigen.

Wie sehen Sie die Rolle und Wahrnehmung der Oper in Brasilien?

Für André schließt sich mit der Erweiterung der afrikanischen und indischen Einflüsse um die spezifisch brasilianische Kulturtradition ein Kreis. Die Oper ist in diesem Land kein Fall für die Elite. Die Eintrittspreise sind relativ günstig, aber einfache Leute haben eine gewisse Angst, ins Teatro Municipal zu gehen, sozusagen eine Berührungsangst mit dem Ort. Ihm ist es ein wichtiges Anliegen, die Oper als Kunstgattung für immer mehr Menschen zu erschließen, nicht in dem Sinne, dass sie das Erlebte unbedingt mögen müssen. Es geht um eine emotionale Annäherung, die nach und nach zu einer kulturellen Bereicherung der Menschen auch geringeren sozialen Niveaus führen kann. Das europäische Regietheater kann hierbei nicht immer behilflich sein. In Brasilien tendiert es dazu, das Publikum zu ignorieren. Heller-Lopes arbeitete auch mit Christoph Loy und gewann diesbezüglich wesentliche Einblicke. Sein Inszenierungsstil liegt aber mehr bei Keith Warner. Der dramatische Gehalt des Werkes muss respektiert werden, kann aber mit den jeweils passenden kulturellen Elementen des Aufführungsortes, bzw. -landes interpretiert und angereichert werden.

Und wie spiegelt sich das in Ihrer Inszenierung der „Walküre“ wider?

Der Walkürenritt wird hier als folkloristischer Reitertanz beim Fest von Pirenópolis im Staate Goiás gezeigt, wo jedes Jahr eine brasilianisierte Form mittelalterlicher Ritterspiele unter enormem Publikumszuspruch praktiziert wird. John Copland, mit dem er eine Zeit lang arbeitete, sagte ihm einmal: „Die Inszenierung hat tausend Blätter, jedes einzelne hat einen bestimmten Geschmack. Aber nur alle zusammen machen die Qualität einer Arbeit aus.“ Im „Ring“ sollte man nicht die Geschichte verhehlen, auch nicht die nordischen Sagen, die sich um ihn ranken. Wotan befindet sich bei Heller-Lopes in Walhall als einer Art Zufluchtsort, wo man ihm noch huldigt, eine Figur aus dem 19. Jahrhundert. Die dorthin pilgernden und ihre ex votos mit dem Wunsch auf Heilung abgebenden Menschen stehen im 20. Jahrhundert. Dabei ist im Mittelpunkt der Ring, der aber selbst keine Macht hat. Diese ist nur dem Fluch zu Eigen, der auf ihm liegt. Wotan und Alberich wissen sehr gut, das der Ring selbst keine Macht hat – es kommt allein darauf an, was seine Besitzer mit ihm erreichen wollen. Feuerbachs Zitat „Gott ist Liebe“, womit der Philosoph im Prinzip die Menschwerdung des Gottes durch die Liebe versteht, zeigt André u.a. durch Gebete aller Religionen an den langen weißen Röcken der Walküren. Damit will er andeuten, dass der „Ring“ etwas über jeden von uns erzählt. Folgerichtig zeigt er eine beeindruckende Menschwerdung Brünnhildes, die nach einem anmutigen Tanz zu den letzten Takten der Musik in einen erlösenden menschlichen Schlaf sinkt.

Was sind Ihre weiteren Pläne?

Beim FAO in Manaus ist 2012 ein neuer „Nabucco“ geplant. In diesem Jahr kommen auch „Rigoletto“ am Teatro Colón in Buenos Aires, „Cosí fan tutte“ in Rio de Janeiro und ein „Don Giovanni“ heraus, der in verschiedenen Städten Brasiliens gespielt werden wird. Im April steht die Inszenierung einer neuen brasilianischen Oper bevor, die auf Euclides da Cunha zurückgeht, mit dem Titel „Piedade“, in Rio de Janeiro. André erhielt kürzlich den Britten 100 Award, um die brasilianische Erstaufführung von „A Midsummer Night's Dream“ zu inszenieren, und zwar in Rio und São Paulo 2013.Und natürlich möchte er gern an seinem neuen „Ring“ in São Paulo weiter schmieden. Am 12. August diesen Jahres soll die „Götterdämmerung“ heraus kommen, mit fünf Reprisen noch im August. Für 2013 ist „Das Rheingold“ geplant, denn da besteht international die größte Sängerknappheit wegen des Wagner-Jahres, und schließlich 2014 der „Siegfried“. Dann sollte es idealerweise auch eine zyklische Aufführung dieses „Ring“ geben. „Aber wer hält soviel Wagner nach 2013 noch aus…?!“ fragt er verschmitzt. Wenn André Heller-Lopes für die Regie verantwortlich ist, sicher noch sehr viele…

Natürlich würde er sehr gern Wagner auch in Europa inszenieren. Es wird höchste Zeit, dass er dazu die Möglichkeiten bekommt, denn eine gekonnte interkulturelle Facettierung täte der eurozentrischen „Ring“-Rezeption durchaus gut. Warum soll die Globalisierung nur auf die Wirtschaft beschränkt bleiben?! Sie begann ja, lange bevor es Aktienmärkte gab, mit dem kulturellen Austausch…

(Das Interview wurde auf Portugiesisch geführt).

Klaus Billand