Ein persönlicher Nachruf auf CHRISTOPH SCHLINGENSIEF - Oktober 2010

Christoph Schlingensief am Rio Negro bei Manaus 2007

Christoph Schlingensief am Rio Negro bei Manaus 2007

Nun ist es doch wahr geworden, was man nie glauben wollte und sich eigentlich auch nicht vorstellen konnte: Christoph Schlingensief, der höchst talentierte Filmemacher und wohl bemerkenswerteste deutsche Aktionskünstler der letzen Jahre, v.a. was seine Fähigkeit, verschiedene Formen der Schönen Künste ineinander fließen zu lassen, hat seinen tapferen Kampf gegen den heimtückischen Krebs verloren. Seine bewundernswerte Zuversicht und möglicherweise auch sein Glaube, diese Krankheit mit einer engagierten künstlerischen Thematisierung und Verarbeitung besiegen zu können, haben sich am Ende nicht realisiert, auch wenn er dies im letzten Jahr seines viel zu kurzen Lebens immer intensiver versucht hat.

Schlingensief war vielen in der internationalen Kunstszene ein Dorn im Auge, ein unbequemer Aufmischer des kulturellen Establishments, ein Künstler, der sich mit den normalen Kriterien eines Regisseurs nicht erfassen ließ. Ich hätte ihn eher als einen regieführenden Aktionskünstler bezeichnet. Sicher war vieles, was er machte und wie er es präsentierte, nicht jedem (gleich) zugänglich und blieb manchen auch ganz unverständlich, zumal er altbekannte Sichtweisen in der Opernregie (und um diese soll es hier im Besonderen gehen), inkl. jener des auch nicht mehr so jungen Wagnerschen Regietheaters, in Frage stellte. Aber er hat der Szene gut getan, hat neue Impulse gesetzt, deren sie bedurfte, wenn auch nicht alles immer überzeugend war – auch nicht sein konnte, wie er immer wieder selbst betonte. Er stand für ein Umdenken in der Opernästhetik, ohne dabei jemals einen Alleingültigkeitsanspruch zu erheben. Immer wollte er seine Sicht als eine Alternative zu anderen Konzepten und Herangehensweisen verstanden wissen, war sehr demokratisch in seiner Kunstauffassung, auch wenn sich das semantisch nicht immer manifestierte. Ja, er konzipierte seine Arbeiten immer aus einem ganz persönlichen inneren Drang und einem individuellen Bedürfnis heraus, welches sich gleichwohl als Reaktion auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen nahezu zwingend ergab. So war sein Theater immer auch ein politisches, bisweilen satirisch und humoresk, dann wieder knallhart gesellschaftskritisch, aber auch kunstkritisch. Seine „Church of Fear“ ist dafür nur ein Beispiel. Mit diesem intensiven inneren Drang zum künstlerischen Schaffen und seiner gesellschaftskritischen Aussage hatte Christoph Schlingensief auf seine ganz persönliche Weise einiges gemein mit Richard Wagner, den er vielleicht auch aus diesem Grunde sehr verehrte. Deshalb wurde auch die Bayreuth-Berufung zu „Parsifal“ 2004 als seiner ersten Opernarbeit der zentrale Meilenstein seines künstlerischen Schaffens im Bereich Oper. Dabei war m.E. sein „Fliegender Holländer“ beim Amazonas Opernfestival (FAO) im brasilianischen Manaus konzeptionell geschlossener und dramaturgisch dichter. Leider wurde diese Arbeit vom europäischen Rezensions-Mainstream, der allenfalls noch von den USA berichtet, viel zu wenig beachtet, und leider scheint es davon auch keinen Mitschnitt zu geben, ebenso wenig und genauso bedauerlich, vom Bayreuther „Parsifal“.

Teatro Amazonas Manaus am Abend der "Holländer"-Premiere von C. Schlingensief

Teatro Amazonas Manaus am Abend der "Holländer"-Premiere von C. Schlingensief

In Brasilien lernte ich Christoph Schlingensief auch persönlich kennen, und zwar durch den Leiter des Goethe-Instituts in Rio de Janeiro, Alfons Hug, der ihn auf die von Hug kuratierte Biennale in São Paulo 2006 eingeladen hatte. Damals erzählten wir Christoph vom Opern-Festival in Manaus, welches seit 1997 im altehrwürdigen Teatro Amazonas in Amazonien stattfindet. Er war von der Exotik der Idee begeistert, und das Goethe-Institut Rio organisierte ihm eine erste Reise nach Manaus. Auch wenn diese noch nicht gleich zu einem konkreten Projekt führte, ließ ihn die Idee, mitten im größten Regenwald der Erde Wagner zu inszenieren, nicht mehr los. Dafür war aber auch eine ganz andere Qualität Schlingensiefs mitverantwortlich, und zwar sein großes Interesse an der Verarbeitung interkultureller Elemente in seine Regiearbeiten, ein starkes Hervorheben ethnischer Perspektiven, die damit seinen Interpretationen ein viel universelleres Gewicht verliehen als es die heimische Opernregie je vermochte, und zwar bis heute. Er hatte die Gabe, kulturelle Andersartigkeit bis hin zu exotischen Bräuchen und Riten in sich regelrecht aufzusaugen, ja fast in ihnen aufzugehen. Im besten Sinne der heute – aus einem vorwiegend gesellschaftlich-politischen Blickwinkel – so intensiv diskutierten kulturellen Integration war er dann imstande, sie in seine Regiekonzepte europäischer Hochkultur zu integrieren.

Der „Fliegende Holländer“ in Manaus, der schließlich beim FAO XI am 22. April 2007 seine Premiere und drei Tage später eine einzige Reprise erlebte, war ein Paradebeispiel für diese interkulturelle Sozialkompetenz, die Schlingensief auch immer das begeisterte Mitmachen der Menschen gerade auch der unteren sozialen Schichten sicherte. Unvergessen werden mir nicht nur das Engagement der lokalen Mitwirkenden sondern auch die leuchtenden Augen der Brasilianer in Manaus bleiben, die noch nie in einer Oper saßen und im Teatro Amazonas diesen „Holländer“ erlebten und dabei in vielen Szenen ihre Kultur, Geschichte, Lebensweise, Traditionen, Mythen, Hoffnungen und Ängste wieder erkannten. In einem gnaden- und nahezu ruhelos voranschreitenden Aktionsrhythmus erlebte man Wagners Frühwerk als eine Art Satyrspiel, das auf alle kulturell und kultisch relevanten Elemente der brasilianischen Gesellschaft anspielte und dem Publikum weite Assoziationsfelder eröffnete, ohne dass das Stück werkentfremdend instrumentalisiert wurde. Dabei waren Operndramaturgie, Film und sogar eine Samba-Gruppe auf wunderbare Weise miteinander verwoben und schufen tiefgründige Momente und Räume. Der „Holländer“ in Manaus war eine ganz besondere kulturelle Leistung von Christoph Schlingensief und zeigte einmal mehr, wieviel die Kunst zum interkulturellen Verständnis beitragen kann. Es hatte etwas von Andreas Herzogs „Fitzcarraldo“ – nicht zuletzt hat auch er als Filmer später in Bayreuth inszeniert…

Gespräch nach seinem letzten "Parsifal" in Bayreuth 2007

Gespräch nach seinem letzten "Parsifal" in Bayreuth 2007

Ich bewunderte dabei immer Schlingensiefs unkonventionelle Bereitschaft, Kommentare, Ideen, ja auch Kritik aufzunehmen und oft sogar gleich in weitere Aufführungen eines wohl stets als „work in progress“ verstandenen Arbeitsstils zu integrieren. So konnte man mit ihm in Manaus einfach mal in ein völlig unprätentiöses Strandlokal gehen und bei frisch gefangenem Amazonas-Fisch über Amazonien, die indigene Bevölkerung, und was das alles mit Wagner zu tun haben könnte, diskutieren. Schon in der Reprise des „Holländer“ gab es einen anderen Schluss… Diese Nahbarkeit Schlingensiefs machte ihn für viele sympathisch, sie ist ja nicht unbedingt die Regel in der Branche. Manchen war sie aber auch suspekt, und manche Künstler kamen auch nicht immer mit seinen unkonventionellen und bisweilen extrem fordernden Regieanweisungen zurecht, vielleicht auch nicht mit seinem Kunstverständnis ganz allgemein. Der Fall des Parsifal-Darstellers in Bayreuth 2004 war dafür das wohl prominenteste Beispiel. Es ist schon bemerkenswert, dass Schlingensief den „Parsifal“ in Bayreuth als „Nahtod-Erlebnis“ inszenierte, zu einem Zeitpunkt also, da sich seine schwere Erkrankung noch gar nicht andeutete. Irgendwie ist die Begegnung Schlingensiefs mit Wagner und Bayreuth von einer gewissen Schicksalhaftigkeit geprägt. Unvergessen bleiben mir auch die wirkungsstarken Einschübe Wagnerscher Musik in seine Stücke wie beispielsweise „Bambiland“ und „Mea Culpa“, die u.a. am Burgtheater Wien unter Klaus Bachler aufgeführt wurden.

Nach dem letzten "Parsifal" in Bayreuth, Bayerischer Hof 2007

Nach dem letzten "Parsifal" in Bayreuth, Bayerischer Hof 2007

Als Christoph aber von der Krankheit und ihrer Schwere wusste, nahm er sie wie eine Herausforderung an, der aktiv zu begegnen war – und machte dies auf seine, künstlerische Weise. Er ließ sich in seiner Dynamik dadurch in nichts abhalten, ja, er wurde sogar noch kreativer. Mehr als schon zuvor ging er in seinen Stücken auf das Schicksal Unterprivilegierter, Ausgegrenzter und auch Behinderter ein, gab ihnen und ihren Problemen zentralen Raum in seinen Arbeiten. Die ständigen Mitwirkenden waren wie seine kleine Familie, folgten ihm auf Schritt und Tritt. Man konnte merken, gerade bei den Aufführungen von „Mea Culpa“ in Wien, dass Schlingensief durch die Krankheit nachdenklicher geworden war, mehr in sich ging. Eine bisweilen auffällige Plakativität ersetzte er durch ein größeres Maß an Kontemplation und Verinnerlichung, bei weiterhin ungebrochener Emphase in seiner Aktion und Mitwirkung auch in den Stücken selbst. Mehr und mehr verlegte sich dabei sein Diskurs auf das Schicksal der sog. Dritten Welt, verbunden mit einer immer stärker werdenden Selbstreflektion. Auf deren Basis und seiner intensiven Erlebnisse auf dem afrikanischen Kontinent im Zusammenhang mit der Suche nach einem geeigneten Platz für sein Festspielhaus in Afrika, kam er in seinem letzten, in Burkina Faso und Berlin ab März 2010 entwickelten und geprobten Stück „Intolleranza II“ – nach der bei der Biennale 1960 in Venedig uraufgeführten Oper „Intolleranza“ von Luigi Nono – zu einer selbst- und eurokritischen These: Warum sollen wir Afrika helfen, wenn wir uns selbst nicht mehr helfen können, „in einer heillosen Verstrickung aus Spektakel und Rationalisierung existieren, dass unsere Existenz fast jeden Boden verloren hat“? Auf der Suche nach einer ehrlichen und realistischen Begegnung mit Afrika und seinen Bewohnern fordert Schlingensief in „Intolleranza II“, dass wir „Von und mit Afrika lernen!“, ganz im Sinne seines o.g. interkulturellen Wahrheitsanspruchs. Das Operndorf Afrika Remdoogoo, das er zu diesem Zweck unter enormen Strapazen in der letzen Phase seines Lebens in der Hauptstadt Burkina Fasos, Ouagadougou, konzipiert und mit bewundernswertem lokalem Engagement begonnen hat, ist sein großartiges Vermächtnis für Afrika und ein Postulat an uns, sich diesem Kontinent unvoreingenommen und partizipativ zu nähern, wegzukommen von der paternalistischen Hilfsmentalität. Es sollte unbedingt weiter geführt werden. So hat sich Christoph Schlingensief am Ende doch wieder mit einer klaren politischen Aussage zu Wort gemeldet, ebenso wie er mit seiner Container-Aktion neben der Wiener Staatsoper mit der Anti-„Ausländer raus“ zu Beginn dieses Jahrzehnts bekannt wurde.

Christoph Schlingensief ist sich immer treu geblieben, auch in schwersten Zeiten, und wird nicht zu ersetzen sein. Es wäre schön, wenn seine mit dem Operndorf in Afrika verbundene Vision, „die Oper als alle Disziplinen vereinende Kunstform wieder mitten im Leben anzusiedeln und zu einem Ort für den unverstellten Blick von Kindern auf Kunst und Leben zu machen“, ihre weitere Rezeption auch nach seinem Tod beleben könnte und so eine Geschichte weiter geschrieben wird, „bei der die Oper emotionale, politische und gesellschaftsverändernde Strategien verfolgt.“

Fotos: Klaus Billand

Klaus Billand