ELENA ZHIDKOVA, Interview in Berlin im Sommer 2012

Elena Zhidkova, Mezzosopran

Elena Zhidkova, Mezzosopran

Anlässlich einer Opernreise nach Berlin hatte ich die Gelegenheit, die international bekannte russische Mezzo-Sopranistin Elena Zhidkova aus St. Petersburg zu interviewen. Erst einige Tage zuvor hatte ich sie in Mannheim in der 55 Jahre alten Hans Schüler Produktion des „Parsifal“ wieder als exzellente Kundry erlebt und im Juni dieses Jahres als Venus in einer Neuinszenierung des „Tannhäuser“ am Musikpalast in Budapest unter Adam Fischer. Mein Urteil damals: „Elena Zhidkova singt die Venus kraftvoll und total höhensicher mit ihrem ausdrucksstarken Mezzo-Timbre. Dies ist gepaart mit ihrer großen Bühnenpräsenz und einer aufgrund ihrer Attraktivität beeindruckenden Laszivität.“ Im März dieses Jahres sang sie in einer Neuinszenierung des „Parsifal“ durch Francois Girard, die in Koproduktion an die MET gehen wird, ebenfalls die Kundry und beeindruckte mit ihrem geschmeidigen Mezzosopran mit guten Höhen und einer klangvoll farbigen Abdunkelung in der Mittellage. Mit ihrem guten Aussehen zeigte sie ein authentisches und souveränes Rollenporträt der Ruhelosen, das in einer intensiven Kuss-Szene mit Parsifal gipfelte.

Elena Zhidkova wurde 1997 von Götz Friedrich an die Deutsche Oper Berlin geholt, was man an ihrer einnehmenden Theatralik und ausgereiften Mimik zu bemerken meint. Später arbeitete sie auch regelmäßig mit Claudio Abbado. Seit Ende der Neunziger Jahre ist Elena Zhidkova unter anderem an den Opernhäusern von Hamburg, Frankfurt, Leipzig, Stuttgart, Köln, Madrid, Montpellier, Amsterdam, an der Mailänder Scala und am New National Theatre Tokio aufgetreten, wo sie als Carmen debütierte. Sie war auch konzertant in der Londoner Barbican Hall und im Lincoln Center New York zu hören. Ihre Bayreuth-Auftritte von 2001 bis 2003 im „Ring“ von Jürgen Flimm sind mir noch in bester Erinnerung.

Wie war Ihr Werdegang?

„Ich studierte am Konservatorium in Sankt Petersburg. Kurz vor dem Ende des Studiums wurde ich in das Opernstudio der Hamburger Staatsoper aufgenommen. Seit vielen Jahren arbeite ich mit den Pianisten Daniel Sarge zusammen, der gleichzeitig mein Gesangslehrer ist. Es ist eine kontinuierliche Arbeit auf dem Weg von der Rheintochter zur Kundry gewesen, und sie geht weiter.“

Ich debütierte in der Rolle der Olga in der „Eugen Onegin“- Inszenierung von Götz Friedrich an der Deutschen Oper Berlin. Es war eine wunderbare Inszenierung (Götz Friedrich sagte in seiner Ansprache zur Premierenfeier, dass es das erste Mal war, dass er keine Buhs bei einer Premiere bekommen hatte…). Als ich etwa zehn Jahre später am selben Haus die ,Rheingold’-Fricka sang, wurde ich von Opernliebhabern angesprochen, die sich an mich und die Inszenierung von damals erinnerten.“

Götz Friedrich und Claudio Abbado spielten eine bedeutende Rolle bei meiner künstlerischen Entwicklung

„Ich war zwei Jahre fest engagiert in der DOB, es war eine wichtige Erfahrung für mich. Unter anderem nahm ich als Flosshilde Teil an den Vorstellungen der legendären „Ring“-Produktion von Götz Friedrich unter der musikalischen Leitung von Christian Thielemann. Mit Götz Friedrich bei den Proben zu arbeiten, war ein Privileg. Ich habe damals mit kleinen und mittleren Wagner-Partien angefangen, sang aber gleichzeitig Cherubino und Dorabella. Später kam noch Octavian dazu. Er war für mich ein wichtiger Mentor.“

Claudio Abbado hat mich sehr beeindruckt. Er nahm jede Probe auf und hörte sie abends ab. Am nächsten Tag gab es dann Korrekturen für Sänger und Orchester. Es war mir eine Ehre, als er mich bat, bei seinem Abschiedskonzert mit den Berliner Philharmonikern mitzuwirken – in Schostakowitschs „King Lear“. Abbado lud mich auch zu konzertanten Aufführungen des Parsifal“ und Schumanns „Faust“-Szenen in der Berliner Philharmonie ein, sowie nach Salzburg und Edinburgh. Dazu noch kleine Geschichte: Während ihres Studiums im Petersburger Konservatorium gab es ein Gastspiel von Claudio Abbado mit dem Gustav Mahler Jugendorchester. Es war eine große Sache im Musikleben St. Petersburgs. Die Studenten durften in die Generalprobe gehen, und ich war mit meiner Freundin Anna Netrebko auch dabei.“ Ein Foto von dieser GP zeigt die beiden hinter dem Maestro…

Judith in „Herzog Blaubarts Burg“ – eine bedeutende Rolle

„Die Judith sang ich zum ersten Mal in Genua mit d e m Blaubart, Laszlo Polgar. Es war natürlich ein erheblicher Stressfaktor, aber gleichzeitig sehr spannend, mit ihm zu singen.“ Als nächstes in dieser Rolle kam die Premiere an der Mailänder Scala unter Daniel Harding in der Inszenierung von Peter Stein. Später gab es eine Wiederaufnahme dieser Produktion in Amsterdam, wo Stein nach dem ersten szenischen Durchlauf sagte: „Ich glaube, das machen wir jetzt anders“ und bei der gleichen „Choreographie“ ein ganz anderes emotionales Konzept entwickelte. „Das Stück birgt viele Möglichkeiten der Interpretation. So war ich diesmal viel liebevoller zu Gabor Bretz als Blaubart. Er und Adam Fischer am Pult sind erfreulicherweise gebürtige Ungarn, und sie konnten mir bei der Arbeit mit der Rolle sehr helfen. Judith hat mich auch mit Valerie Gergiev zusammengebracht – mit ihm hatte ich in der Rolle meinen ersten Auftritt in Russland.“ Für die Vorstellung im Marinskij-Theater mit Willard White zusammen bekam sie die „Maske“ verliehen, die renommierteste Theaterauszeichnung Russlands. „Für meine künstlerische Entwicklung war es von Bedeutung, dass ich Judith mit vielen verschiedenen Partnern und Dirigenten gestalten konnte. So konnte ich erleben, welch große Interpretationsmöglichkeiten eine einzige Partie in sich birgt.“

Und Richard Wagner…

Die erste Wagner-Partie war für Elena Zhidkova die Flosshilde. Danach kamen Waltraute in der „Götterdämmerung“ 2004 am Teatro Real in Madrid; Brangäne, Adriano („Rienzi“) in Leipzig; Venus mit ihrem Rollendebut in Frankfurt, sowie die beiden Frickas und Kundry hinzu. In der Spielzeit 2011/12 sang die gleichzeitig Kundry und Venus. „Es war sehr interessant, die Ähnlichkeiten zwischen diesen beiden Frauen zu erleben. Venus hat viel zu tun mit Kundrys ,dunkler’ oder erotischer Seite, also in der Szene mit Klingsor im 2. Aufzug. Die Kundry bei den Gralsrittern ist eine Parallele zu Elisabeth, in ,Parsifal’ zu einer Rolle zusammengeschmolzen. Die ,Parsifal’-Produktion in Lyon war sehr modern, und als Gegensatz dazu war es für mich spannend, in der Mannheimer Inszenierung von 1957 zu singen.“

Wie sind die weiteren Pläne, und wie steht es mit neuen Rollen?

Im Januar und Februar 2013 wird Elena Zhidkova die Venus am New National Theatre Tokio in einer Wiederaufnahme der Hans-Peter Lehmann Produktion von 2007 sein. Im Frühling wird sie die Venus an der Rheinoper Düsseldorf in einer Neuinszenierung von Burkhard C. Kosminski unter der musikalischen Leitung von Axel Kober singen. 2013/14 wird sie La Principessa in der Premiere von „Adriana Lecouvreur“ an der Wiener Staatsoper interpretieren. Auf der Wunschliste für neue Partien stehen Eboli und Sieglinde ganz oben. „Sonst wissen wir ja: Wenn Du Gott zum lachen bringen willst, dann erzähl' ihm, was Du morgen machen wirst… Ich rede nicht gern über die Zukunft, ich bin da sehr abergläubisch.“ Aber wie oben zu lesen war: Die Arbeit auf dem Weg von der Rheintochter zur Kundry war kontinuierlich, und sie geht weiter…

Ich bin sicher, dass wir uns noch lange an Elena Zhidkova in großen Wagner- und anderen Rollen erfreuen dürfen.

Foto: Eigenes Archiv

Klaus Billand