JANICE BAIRD, international bekannte Sopranistin aus New York - Berlin November 2012

Janice Baird - Fotp: Shelagh Howard

Janice Baird - Fotp: Shelagh Howard

Schon lange hatte ich vor, ein Gespräch mit der international bekannten und besonders im schweren Fach der Musikdramen von Richard Wagner und Richard Strauss renommierten US-amerikanischen Sopranistin Janice Baird zu führen. Da sie oft zwischen ihren beiden Wohnsitzen Berlin und in der Nähe des südspanischen Cadiz hin- und herpendelt und leider auch nicht oft in Wien singt, ist das nun endlich in Berlin gelungen. In einer ganzen Reihe von Wagner- und Strauss-Aufführungen in Catania, Toulouse, Seattle, Berlin, Marseille, Kopenhagen, Zürich, São Paulo und Wien habe ich Janice Baird stets als äußerst emphatisch und authentisch agierende Sängerdarstellerin mit ihrem immer gesanglich orientierten hochdramatischen Sopran erlebt, vor allem in den Partien der Brünnhilde und Elektra. Für mich wurde sie deshalb zum Inbegriff des intelligenten „Bühnenviehs“. Eine Frau, welche ihre Rollen nicht nur spielt, sondern bei der man meint, sie sei in Wahrheit die jeweilige Figur, auch wenn sie allein durch ihre Präsenz – also ohne zu singen – auf der Bühne mit der entsprechenden Mimik agiert.

Toulouse Frau ohne Schatten - Foto: Patrice Nin

Toulouse Frau ohne Schatten - Foto: Patrice Nin

Ihr Werdegang, erste Rollen und ihre LehrerInnen

Janice Baird kommt auch einer hochmusikalischen Familie. Der Vater war zudem ein bekannter Schauspieler. Beide Elternteile haben gesungen, aber auch der Großvater sowie alle Onkel und Tanten, und viele hatten wohl auch sehr gute Stimmen! Allerdings ist sie von des Großvaters Enkelkindern das einzige, das singt… Schon mit drei bis vier Jahren bekam sie Gesangsunterricht und hat als Kind auch Popmusik gemacht. Dann studierte Janice Gesang im Actor’s Studio in New York. Wie kam sie zur Oper? „Mich faszinierte die Idee des Gesamtkunstwerks, in dem alles involviert und vereint ist. Ich wollte immer das Holistische!“ So ist sie natürlich gewissermaßen instinktiv auch zu Wagner gekommen. Zunächst hat sie aber als Mezzosopranistin angefangen, hatte aber von Beginn an eine große Stimme. Sie sang die Amneris in den USA, in der Carnegie Hall, in Buffalo und anderen Städten. Im Jahre 1991 ging es nach Europa, wo sie ihr erstes Engagement in Aachen annahm, auch weil sie dort ihren Mann kennen lernte. Sie sang auch die Geschwitz in „Lulu“ und nahm ebenfalls noch in Aachen mit der Katja Kabanova den Fachwechsel zum Sopran vor, die Lage, die sie nun seit 1992 auf vielen Bühnen der Welt singt. Ihre wichtigste Lehrerin war die große Astrid Varnay, die ihr auch eine „liebe Freundin“ wurde. Mit Birgit Nilsson hat sie intensiv die Brünnhilden einstudiert, auch die Turandot. So hatte Janice Baird stets viel im deutschen Fach gesungen. Große Sympathien hat sie zu dem auch in seinem hohen Alter immer noch so aktiven Maestro Siegfried Köhler.

Toulouse Götterdämmeriung Foto: Patrice Nin

Toulouse Götterdämmeriung Foto: Patrice Nin

Wie sieht sie den heutigen Operngesang?

Janice Baird ist er Ansicht, dass die Belcanto-Technik bedauerlicherweise langsam verloren geht. „Es wird immer zu laut gesungen. Die Piano-Kultur wird nicht mehr geschätzt, und das ist gar nicht im Sinne von Richard Wagner“. Dies sei auch einer der Gründe dafür, dass viele Stimmen heutzutage eine so kurze Halbwertzeit haben. „Man muss eben für das schwere Fach hochdramatisch sein und das ständig pflegen“. Und das geht nur, meint Janice, wenn man nicht jeden Ton laut singt. Ihrer Meinung nach Wagner hat nicht viel anders geschrieben als andere Komponisten, auch Verdi…

Toulouse Götterdämmerung - Foto: Patrice Nin

Toulouse Götterdämmerung - Foto: Patrice Nin

Wie begann es mit Richard Wagner und Richard Strauss?

Im Jahre 1999 sang Janice ihre erste Elektra und bis 2002 die Salome und Isolde, 2001 war sie die Walküre in Genf. Danach ging es ganz schnell mit den großen Rollen der beiden deutschen Komponisten. Es folgten Fidelio, Salome und die Lady Macbeth an der Deutschen Oper Berlin, sowie die Salome an der Wiener Staatsoper. Hier hat sie in der vergangenen Saison auch mehrere Male die Elektra gesungen. Mit Wolfgang Wagner in Bayreuth ging es leider über Vorgespräche zu bestimmten Rollen nicht hinaus. Und auf meine Frage, was ihr die liebsten Rollen seien, sagt sie in ihrer bemerkenswerten Professionalität: „Die liebste ist mir immer die, die ich gerade spiele.“ Es ist aber offensichtlich, dass sie die Elektra, die Brünnhilde und die Isolde besonders schätzt. „Diese Rollen haben alle Facetten des Frau-Seins. Wagner hat die Frauen gut verstanden. Für ihn waren die Frauen offenbar ein kraftvolles Urbild, stark in der Psyche verankert. Ähnliches lässt sich vielleicht von Richard Strauss und Pauline sagen – er liebte sie trotz aller Probleme. Mit der Brünnhilde, Isolde und Elektra darf man alle Höhen und Tiefen, Emotionen und Gefühle auf die Bühne bringen – und das mit möglichst großer Authentizität. Der Reiz all’ dieser Partien ist die private Seite dieser Frauen, die keineswegs unfehlbare, aus Kraft bestehende Heldinnen sind.“ Für Janice ist das Schöne bei Wagner, dass man bei ihm so viel assoziieren kann. Wie wahr…!

Seattle Brünnhilde - Foto: Chris Bennion

Seattle Brünnhilde - Foto: Chris Bennion

Wie sieht sie ihre wichtigsten Rollen?

Wer wie Janice Baird die großen Rollen verkörpert, und ich kann die Authentizität ihrer Interpretation durch eigenes Erleben nur bestätigen, den möchte man auch gern etwas näher zu seinem Verständnis einzelner Partien befragen.

Beginnen wir mit Wagner und der Brünnhilde aus dem „Ring“. „In der ‚Götterdämmerung’ ist Brünnhilde einmal stark und dann total auf dem Boden. Im Vorspiel drückt sie Angst aus, Siegfried zu verlieren, also dass er nicht zu ihr zurückkehrt. Aber sie liebt ihn, gibt ihm ihre Runen, hofft, dass er wiederkommt und lässt ihn also ziehen. Aber auch der Moment der Rache im 2. Aufzug ist total echt. Sie ist in einem überaus starken emotionalen Moment, als sie vor allen vorgeführt wird, von dem Mann, den sie liebt und mit dem sie vor zwei Tagen noch gefrühstückt hat – und der sie nun verleugnet. Dann der Chor und dauernd Hagen mit seinen Interventionen. Und Siegfried besitzt auch noch die Frechheit, mit Gutrune wegzugehen… Eine unerträgliche Situation, die ihren Verrat an ihm kurz darauf verständlich erscheinen lässt. Im 3. Aufzug sieht sein dann alles ganz klar. Da hatte sie die nötige Zeit zum Nachdenken, die ihr im 2. mit seiner hohen Emotionalität nicht gegeben war. Und mit diesem umfassenden Wissen über alle Zusammenhänge versöhnt sie sich am Ende auch wieder mit ihrem Vater Wotan.“
Und die Ortrud im „Lohengrin“? „Sie will ihre angestammte Position zurück haben. Nach dem Eindringen in ihr Land wurde ihre Religion von den Christen unterdrückt. Ihr Mann ist dazu immer noch in Elsa verliebt, sie kann das im 1. Akt ja alles gut beobachten. Auch wenn er es vor König Heinrich anders darstellt, wollte er in Wahrheit immer Elsa haben. Also wird die Eifersucht zum zentralen Thema…“

Wien Elektra - Foto: Wiener Staatsoper

Wien Elektra - Foto: Wiener Staatsoper

Bei Richard Strauss ist Elektra für Janice Baird hingegen ein verletztes Kind, das werde oft übersehen. „Mit ihrer unbändigen Wut überspielt sie diese große Verletztheit, es ist ihr Schutz. Aber Elektra kannte auch Liebe. Sie hat aber ein Urtrauma – das Bild von ihrem ermordeten Vater, das immer vor ihr ist. Auch ihre Mutter Klytämnestra hat dieses Bild immer vor Augen. In ihrem Trauma stehen sich beide Frauen komplementär gegenüber.“
Und die Salome? „Auch Salome wächst in einer kranken Gesellschaft auf, sie konnte in ihr aber nie richtige Liebe erkennen und erfahren. Nur einmal, ganz zum Schluss ihres Lebens, als sie sagt: ‚Hättest Du mich angesehen, Du hättest mich geliebt.’ Dabei ist sie fast gerührt – eine tolle Stelle! Am Ende will sie Jochanaan nur noch physisch haben. Ein älterer Mann hätte etwas gefühlvoller mit einer jungen und so unerfahrenen Frau umgehen können. Sie ist eine kranke Figur, hat einfach keine Chance!“

Zürich Walküre - Foto: Suzanne Schwiertz

Zürich Walküre - Foto: Suzanne Schwiertz

Und die Färberin in „Die Frau ohne Schatten“? Sie ist jung und will aus ihrer Enge heraus. Sie ist es leid, die Kinder kriegen zu müssen, von Barak wie eine Gebärmaschine gesehen zu werden. Wie ein Trottel stößt er ständig auf diese wunde Stelle und regt sich dabei nie auf. Deshalb wird sie so aggressiv, und dennoch geht er nicht weg, steht zu ihr – und sie liebt ihn auch. Also auch hier gibt es wieder kein flaches Charakterbild, es ist alles sehr viel komplexer…“

Toulouse Elektra - Foto: Patrice Nin

Toulouse Elektra - Foto: Patrice Nin

Und wie sieht die Zukunft aus – neue Rollen?

Das ist Janice Baird ganz wichtig: Sie möchte nicht immer nur mit Wagner und Strauss assoziiert werden. In Strasbourg hat sie einmal konzertant die Amelia im „Maskenball“ gesungen. Der Intendant wollte sie als Amelia haben, aber die Agentur verstand das nicht… Marc Albrecht hatte sie sich gewünscht. In den letzten Jahren hat Janice u.a. die Minnie in „Fanciulla del West“, die „Wozzeck“-Marie, die „Fidelio“-Leonore und die Ariadne gesungen. Sie würde auch sehr gern die Küsterin singen und hatte auch schon Angebote im tschechischen Fach. Die Emilia Marty aus „Die Sache Makropulos“ hätte sie bereits in Strasbourg machen sollen. Das soll nun 2014 kommen. Sie würde, und da wären wir natürlich wieder bei Wagner, auch einmal sehr gern die Kundry singen und weiterhin die Ortrud, mit der sie gerade in Toulon beschäftigt ist. Im „Tannhäuser“ würde sie sich gern die Elisabeth erarbeiten und interpretieren. Zuletzt sprang sie als Isolde in Nürnberg ein. Von Februar bis Juni wird sie die Brünnhilde im „Ring“ an der Pariser Bastille-Oper geben. Natürlich würde Janice Baird gern auch wieder an der Wiener Staatsoper auftreten. Ich hoffe, noch viel von der sympathischen Sängerin zu hören.

Klaus Billand