LIOBA BRAUN, neue Isolde, Interview am Ammersee - 24. Juli 2012

Lioba Braun

Lioba Braun

Schon des öfteren habe ich Lioba Braun in wichtigen Wagner-Rollen erleben können und war stets beeindruckt von der Qualität ihres warmen, weich timbrierten und in der Mittellage charaktervoll abgedunkelten Mezzosoprans, sowie von ihrer darstellerischen Intensität. So habe ich sie u.a. als Kundry im „Parsifal“ am Teatro di San Carlo in Neapel im Dezember 2007 und als Ortrud in „Lohengrin“ in Leipzig im März 2008 gehört. Mein Urteil damals: „Lioba Braun setzte mit ihrem eher hellen, aber charaktervoll farbigen Mezzo starke Akzente als Ortrud, sicher momentan eine ihrer besten Rollen im Wagner-Fach. Selbst die schwierigen „entweihten Götter“ gerieten noch klangvoll, und sie zeigte eindrucksvoll die vielen Facetten sowie die Verführungskunst der Friesenfürstin.“

Am Ammersee ergab sich am 24. Juli die Gelegenheit, mit der sympathischen Sängerin ein Interview zu machen. Es wurde eigentlich ein Gespräch über ihre Auffassung des Operngesangs und ihre bevorstehende erste szenische Interpretation der Isolde. Es verlief ebenso emphatisch, wie Lioba Braun ihre Rollen auf der Bühne verkörpert.

Wie steht es um den Operngesang?

Die menschliche Stimme als Instrument ist spannend wie ein Musikinstrument, sie entwickelt sich ständig weiter und erreicht ihre wahre Reife erst mit der Zeit, wie eben ein gutes Musikinstrument. Man denke nur an die legendären Stradivari-Geigen. Das Entscheidende bei diesem Reifeprozess ist jedoch, dass er in Einklang mit der sich ebenfalls entwickelnden menschlichen Reife einhergeht. Für Lioba Braun ist es bedenklich, dass heutzutage den Stimmen nicht mehr die Zeit für diesen Reifeprozess gelassen wird und es konsequenterweise zu viel kürzeren Halbwertzeiten kommt. Der Reifeprozess ist eminent wichtig, um über einen langen Zeitraum gute sängerische Leistungen erbringen und halten zu können. Als sie die ersten Anfragen für die Isolde bekam, fühlte sie sich auch noch nicht bereit dafür. Für Lioba Braun ist der erste Parameter für die Entscheidung, eine neue Partie zu erarbeiten, ob sie diese auch gestalten kann. „Ich muss die technische Souveränität für die Tessitura haben, um die Freiheit zu erzielen, die Rolle zu gestalten. Keinesfalls kann es darum gehen, nur die erforderlichen Töne bzw. Noten zu singen. Man muss über der Rolle stehen. Und deshalb muss man auch mal Nein sagen können und nicht in Panik geraten, dass ein Angebot nicht wiederkehrt. Was sein soll, wird kommen…! Das gilt ja für das gesamte Leben.“ Außerdem hat Lioba Braun einen Gesangslehrer, mit dem sie seit Jahren alle Rollen erarbeitet, nun auch die Isolde. „Mit ihm wird alles besprochen. Man braucht einfach zwei bis drei kritische Menschen um sich herum, um richtig entscheiden zu können.“

Wie ist es vor diesem Hintergrund zu ihrer Isolde gekommen?

Bereits 2006 fragte Stefan Soltesz bei Lioba Braun für die Isolde an, aber damals hat sie das weit von sich gewiesen. Da sie die Rolle als Brangäne aus nächster Nähe seit langem kannte, hielt sie die Isolde damals noch für zu lang und mit zu intensiven Ausbrüchen ins Dramatische. Dann bekam sie ein Angebot für ein Konzert beim MDR, in dem sie die Wesendonck-Lieder und Isoldes Liebestod sang. Der Dirigent des Abends, Jun Märkl, bot ihr daraufhin den 2.Aufzug konzertant als Isolde in Lyon mit dem Orchestre Nacional de Lyon im dortigen Auditorio an. Einige Zeit später kam das Angebot, im Februar 2011 die Isolde konzertant an drei Abenden in der Bremer Glocke zu singen, einen Aufzug pro Abend. Das war für Lioba Braun offenbar eine willkommene Möglichkeit, in die Länge der Rolle hineinzuwachsen. Nachdem sie 2010 in Birmingham unter Andris Nelsons die Ortrud in einem konzertanten „Lohengrin“ gesungen hatte, sagte er ihr, dass er in Kürze einen „Tristan“ plane und bot ihr die Partie der Isolde an. Da sie der sängerfreundlichen Dirigierweise Nelsons vertraute, sagte sie zu. Dieses Vertrauen bestätigte sich in zwei konzertanten Aufführungen im März dieses Jahres in Birmingham und Paris. „Lebhaft und heftig im ersten Aufzug, schmelzend zart im zweiten, sang sie den Liebestod des dritten Aufzugs mit hypnotisierend-verzückter Beherrschung“, urteilte The Guardian nach der Aufführung in Birmingham und in The Times war zu lesen: „Diese Isolde war außergewöhnlich. Lioba Brauns zielgenaue Intensität, Klarheit, Intelligenz und die pure Menschlichkeit ihres Gesangs zogen das Publikum in ihren Bann.“ Schon in der Vorbereitungszeit kam das Angebot aus Nürnberg, die erste szenische Isolde dort zu singen. Das wird nun am 21. Oktober sein. Auf Wunsch von Dmitri Jurowski, dem GMD in Antwerpen, wird sie im Oktober 2013 die Isolde auch in Antwerpen und Gent sein.

Wie waren Ihre Erfahrungen in Bayreuth?

Lioba Braun hat immer sehr gern in Bayreuth gesungen. „Nirgendwo auf der Welt gibt es ein Haus, in dem alles so zusammentrifft, wie es sein soll: Aus dem Geist des Komponisten entstanden nicht nur Text und Musik, sondern auch die Idee für den Raum, in dem diese Musik sich am besten entfalten kann. Wie genial, die lautesten Instrumente in dem Orchestergraben unter der Bühne zu platzieren! Darüber freuen wir Sänger uns ganz besonders.“ Sie hat hier oft die Brangäne und Waltraute in der „Götterdämmerung“ gesungen, zuvor unter James Levine auch die Zweite Norn und verschiedene Walküren.

Wie ist ihr Rollenverständnis der Isolde?

Lioba Braun sieht diese Rolle auf drei Ebenen: 1. Die offizielle – Isolde als irische Königstochter; 2. Isolde als Frau; und 3. Isolde als Mensch. Spannend ist dabei zu sehen, welche Prozesse sie durchlebt, welchen inneren Kämpfen sie sich stellen muss. „Er sah mir in die Augen…“ heißt es bei Wagner. Dieser Satz bedeutet aber noch nicht, dass sie sich in Tristan verliebt hat, sondern zeigt eine unerwartete tiefe menschliche Begegnung, gibt ihre innere Berührung in jenem Moment wieder („Seines Elendes jammerte mich…“). „Man spricht oft davon, dass die Augen das Fenster zur Seele seien, in diesem Sinne erklärt sich für mich dieser Moment. Später erst kommt die Erotik hinzu, die Ebene der Weiblichkeit, induziert durch den Liebestrank.“ Tristan hingegen, von der Männerwelt geprägt, stellt sich den Forderungen, die Isolde an ihn hat, zunächst nicht und dann auch nur mit seinen eigenen – den kriegerischen – Mitteln. „Es ist spannend zu sehen, wie beide im 1. Aufzug miteinander ringen – ein wahrer Krimi! “ begeistert sich Lioba Braun.

Die Rolle der Isolde ist für sie unglaublich erfüllend, weil sich der Stoff dieser Oper mit dem Werden, Sein und Vergehen der menschlichen Existenz beschäftigt und dem, was darüber hinaus reicht („…das Land, das Tristan meint, der Sonne Licht nicht scheint, daraus die Mutter mich gebar“ oder „…traut allein, ewig heim in ungemeßnen Räumen“) bis hin zum Liebestod, der durch Wort und Musik in des „Weltatems wehendem All“ die Ewigkeit der Seele umschreibt.

Wie sieht Lioba Braun die Zusammenarbeit mit den Regisseuren?

Lioba Braun ist der Überzeugung, dass das gemeinsame Erarbeiten der Rolle in einem kommunikativen Prozess mit den Regisseuren die besten Ergebnisse bringt. Diese Fähigkeit schätzt sie u.a. bei den Altmeistern Harry Kupfer und Patrice Chéreau, die stets diese Auseinandersetzungen gepflegt und gefördert haben. „Das gemeinsame Entlangarbeiten an Text und Musik, das Gebären einer Figur“ sei es, was die Probenzeit so unendlich kostbar und spannend mache.

Was sind Lioba Brauns Pläne für die Zukunft?

Das Wichtigste ist natürlich die bevorstehende Isolde am Staatstheater Nürnberg im Oktober unter der musikalischen Leitung von Marcus Bosch. Anschließend wird sie im November noch einmal zur Brangäne in konzertanten Aufführungen des 2. Aufzugs unter Donald Runnicles in Edinburgh und Glasgow zurückkehren. Im März 2013 wird sie die Kundry in einer Neuproduktion von Joachim Schlömer unter der musikalischen Leitung von Stefan Soltesz sein. Die Kundry steht auch in Leipzig an Wagners 200. Geburtstag auf dem Programm. Weitere Projekte sind im September/Oktober 2014 „Lohengrin“ in Köln und im Dezember die Amme in „Frau ohne Schatten“ unter Zubin Mehta in Florenz. Außerdem ist sie auf die soeben bei Orfeo (C848121A; WDR SO Köln, Dirigent Andris Nelsons) erschienene Einspielung von Puccinis „Suor Angelica“, in der sie die Principessa singt, zu hören. Im orpheus war nach einer halbszenischen Aufführung in der Berliner Philharmonie über ihre Interpretation dieser Partie zu lesen: „Im eleganten schwarzen Abendkleid war trotz des Krückstocks Lioba Braun eine attraktive Zia, angemessen autoritär und hart im Auftreten, tadellos im mit kalter Miene vorgetragenen „Il principe Gualtiero, vostro padre” (I.W.).“

Wir wünschen der sympathischen Sängerin viel Erfolg bei ihrer ersten Isolde und allen weiteren Rollen, die sie mit ihrer so zutreffenden Philosophie noch erarbeiten wird.

Foto: Susie Knoll

Klaus Billand