LÜBECK: Der Ring des Nibelungen - Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck, Roman Brogli-Sacher - DVD 2011

Theater Lübeck

Theater Lübeck

Am Theater Lübeck unter der Leitung des nun scheidenden Operndirektors und GMD ROMAN BROGLI-SACHER und des Schauspieldirektors PIT HOLZWARTH wurde 2007 ein ganz neues und sehr interessantes Konzept gestartet, Richard Wagners opus summum, den „Ring des Nibelungen“, in einem neuen Kontext zu betrachten. Vor dem Hintergrund von Thomas Manns Schilderungen seiner Kindheitserlebnisse mit Wagners Musikdramen im Lübecker Stadttheater, und angesichts des grundlegenden Einflusses Wagners auf seine Romane, entschloss man sich zu einem über das Theater hinaus weisenden kulturellen Großprojekt: einer Kombination der „Ring“-Neuinszenierung mit Dramatisierungen von Romanen des Lübeckers Thomas Mann durch den Dramatiker und Dramaturgen JOHN VON DÜFFEL im Rahmen des spartenübergreifenden Gesamtprojekts „Wagner-trifft-Mann“. Nach den „Buddenbrooks“ zum „Rheingold“, dem „Zauberberg“ zur „Walküre“ und den „Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull“ zum „Siegfried“ wählte man „Doktor Faustus“ als Korrespondenzwerk zur „Götterdämmerung“. Für die Neuinszenierung des „Ring“ wurde der in Zypern geborene irische Staatsbürger und Wahl-Kölner ANTHONY PILAVACHI gewonnen, der mit der Dramaturgin KATHARINA KOST zwischen 2007 und 2010 eine wahrlich beeindruckende Interpretation der Tetralogie erarbeitete. Sie wurde vom Lübecker Publikum begeistert aufgenommen und von der deutschen wie internationalen Presse sehr gelobt. Mit dieser Inszenierung ist, anders als mit den groß angekündigten jüngsten Neuproduktionen des „Ring“ an Häusern wie z.B. Paris und Wien, ein Stück Rezeptionsgeschichte geschrieben worden. Mit einer unglaublich lebendigen und facettenreichen Personenregie, die in einer selten erlebten Intensität auf zwischenmenschliche Beziehungen und Konflikte abstellt, verfolgt Pilavachi das Regie-Konzept einer Mischung von realistischen und fantastischen Elementen. Bei großer Nähe zur Werkaussage wahrt es eine gewisse ironische Distanz, auch wenn der Regisseur damit gelegentlich über das Ziel hinaus schießt.

Siegfried in Lübeck

Siegfried in Lübeck

Die im Rahmen einer zyklischen Aufführung des Lübecker „Ring“ im September 2010 vom Klassik-Label musicaphon (Bestellnummer M56929) eingespielte und im Juni erschienene DVD-Edition gibt all diese interessanten Aspekte der Produktion auf exzellente Weise wieder. Die Bildregie von MARCUS RICHARDT fokussiert stets perfekt auf die jeweils dramaturgisch führenden Akteure und lässt auch großflächige Szenen mit dem durch MOMME RÖHRBEIN fantasievoll und stets in die Tiefe des Bühnenraums gehenden Bühnenbild eindrucksvoll wirken. Mit seinem Kamerateam und dem Schnitt legt Richardt Wert auf größtmögliche Harmonie zwischen dem szenischen Bild und dem jeweiligen musikalischen Geschehen im Graben. Hier dirigiert ROMAN BROGLI-SACHER das PHILHARMONISCHE ORCHESTER DER HANSESTADT LÜBECK mit viel Verve, großer Transparenz in den einzelnen Gruppen und mit einer hervorragenden akustischen Prägnanz auf der DVD. Allein aus der musikalischen Perspektive ist deshalb das Hören dieser Edition schon ein Genuss. Aber auch sängerisch kann diese DVD-Einspielung weitestgehend überzeugen. Unter den Protagonisten ragen Stefan Heidemann als Wotan, Marion Ammann als Sieglinde, Veronika Waldner als Fricka und Waltraute, Jürgen Müller als junger Siegfried, Richard Decker als Siegfried der „Götterdämmerung“, sowie Antonio Yang als Alberich hervor. STEFAN HEIDEMANN gibt einen Wotan mit großer menschlicher Authentizität. Blendende Höhen wechseln mit farbiger Tiefe und berührenden Piani, wo man sie sonst in dieser Form kaum hört. Hier deutet sich ein neuer Wotantypus an, nicht mit der Bassbariton-Röhre eines James Morris oder Alan Titus, eher gesangsbetont und mit intensiver menschlicher Facettierung. MARION AMMANN ist eine emotional berührende Sieglinde, geht die Rolle mit ihrem leuchtenden Sopran sehr lyrisch und ihrem jugendlichen Aussehen entsprechend fast mädchenhaft an, was zu großer künstlerischer Intensität führt. Dabei hat sie in den richtigen Momenten aber auch die Kraft zur Attacke. Für ihre Isolde, u.a. in Lübeck, wurde sie bereits 2009 von der „Opernwelt“ als Sängerin des Jahres nominiert. VERONIKA WALDNER singt die Fricka und Waltraute mit ihrem farbigen und ausdrucksvollen Mezzo mit bester Höhe und sehr guter Diktion. Sie hat auch ein bemerkenswertes schauspielerisches Talent. JÜRGEN MÜLLER gibt den jungen Siegfried mit authentischer Jugendhaftigkeit und lässt einen prägnanten, etwas hellen und metallisch timbrierten jugendlich dramatischen Tenor erklingen, der die Klippen der Riesenpartie gut meistert. RICHARD DECKER wirkt da stimmlich reifer und ausgewogener. Das dunkle Timbre seines ausdrucksstarken, stabilen und technisch exzellent geführten Heldentenors mit baritonaler Grundfärbung eignet sich bestens für die Rolle des niedergehenden Helden und bewirkte einen intensiven charakterlichen Ausdruck. ANTONIO YANG als Alberich ist eine der Entdeckungen dieses Lübecker „Ring“. Der Sänger hat einen kernigen ausdrucksstarken Bassbariton und singt mit großer Prägnanz sowie guter Technik. Eine gute Leistung ist von ANDREW SRITHERAN als Siegmund zu erleben. Er wirkt jugendlich, athletisch, männlich und – wie ein Siegmund sein sollte – draufgängerisch. Sein Tenor ist kräftig, gut intonierend und stark baritonal timbriert. Bei aller tenoralen Strahlkraft in der Mittellage klingen die Höhen jedoch (noch) leicht eingeengt und steif. REBECCA TEEM hat sich als Brünnhilde über diesen „Ring“ ständig gesteigert, kann aber mit dem hohen Niveau der o.g. nicht mithalten. Ihr relativ dramatischer Sopran ist farbig und durchschlagskräftig bei guter Diktion, wenn auch bisweilen etwas unruhig. Die Höhen gelingen überwiegend gut, wenn sie auch letzte Anstrengung abverlangen, wie einige Schärfen offenbaren. Darstellerisch lässt Teem an der komplexen Rollengestaltung nichts zu wünschen übrig, sie ist eine echte Sänger-Darstellerin. Die weiteren Rollen, auch die Nebenrollen sowie der Chor in der „Götterdämmerung“, sind nicht immer optimal, aber meist ansprechend besetzt.

Schlussapplaus Siegfried

Schlussapplaus Siegfried

Mit diesem „Ring“, wenn man von gewissen inszenatorischen Details und Abwegigkeiten absieht, hat sich Lübeck an die Front der derzeitigen Wagner-Rezeption gespielt. Diese DVD Edition gehört in die Sammlung eines jeden Verehrers des Wagnerschen Werkes. Sie ist ein Dokument dafür, was sog. kleine Häuser mit viel Fantasie, ernsthafter Probentätigkeit und dennoch relativ begrenzten Mitteln auf die Beine stellen können.

Fotos: Klaus Billand

Klaus Billand