NEUSCHWANSTEIN: Der fliegende Holländer, konz. Querschnitt – 23. September 2012

“Holländer” im Märchenschloss…

Neuschwanstein

Neuschwanstein

Im September fand die bereits 43. Ausgabe der Neuschwansteiner Schlosskonzerte statt, die vom Landkreis Ostallgäu und der Gemeinde Schwangau im Sängersaal des Märchenschlosses König Ludwigs II. veranstaltet werden. Ein ganz besonderes und wohl auch erhabenes Ambiente, sicher einzigartig in der Kunstwelt, wenn man einmal von ähnlichen Konzerten im berühmten Sängersaal der Thüringer Wartburg absieht. König Ludwig II. sagte einmal: „Dieser Punkt ist einer der schönsten, die zu finden sind, heilig und unnahbar.“ So ließ er auch die Öffentlichkeit nie in sein Märchenschloss, das allerdings, zusammen mit den anderen beiden, Schloss Linderhof und dem nie fertig gewordenen Schloss Herrenchiemsee nach dem Vorbild von Versailles, dem Königreich Bayern damals ernste finanzielle Probleme bereitete. Als 1886 Ludwigs Entmündigung kam, konnte niemand ahnen, dass seine Schlösser durch Aufgabe der von ihm postulierten Unnahbarkeit eine Umwegrentabilität für den heutigen Freistaat brachten, von der Herbert von Karajan mit seinen Osterfestspielen in Salzburg nur träumen konnte und die wohl ihresgleichen sucht: Nach Pressemitteilungen der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung kommen von Juni bis August allein nach Neuschwanstein bis zu 10.000 Besucher am Tag, jährlich etwa 1,3 Millionen Gäste. Bis 2005 wurden insgesamt über 50 Millionen Besucher gezählt, mit über €6,5 Millionen an Einnahmen allein im Jahre 2004. Der auch heute in Bayern noch so beliebte „Kini“, auch „Märchenkönig“ genannt, hatte also eine langfristig balsamische Wirkung auf den Bayerischen Haushalt und das Allgäuer Touristenaufkommen. Wohl wichtiger ist aber, dass ohne des Königs Unterstützung Richard Wagner wohl nie den „Ring des Nibelungen“ hätte fertig stellen sowie „Tristan und Isolde“, „Die Meistersinger von Nürnberg“ und den „Parsifal“ realisieren können. Nicht nur die Bayern sollten ihm also ewig dankbar sein…

Eingang zum Schloss

Eingang zum Schloss

In diesem Jahr gab es wieder ein umfangreiches Klassik-Programm mit Werken von Janácek, Mendelssohn Bartholdy, Richard Strauss, Mozart, Haydn, Beethoven, Schubert und Dvorak, in dieser Reihenfolge, und abschließend Richard Wagner. Die Stuttgarter Philharmoniker spielten unter der Leitung von Gabriel Feltz einen konzertanten Querschnitt aus dem „Fliegenden Holländer“, und zwar mit einer Starbesetzung! Die kommende Bayreuther Brünnhilde, die Engländerin Catherine Foster, sang die Senta, Thomas J. Mayer, zuletzt als Münchner Wotan und Bayreuther Telramund unterwegs, den Holländer, Derrick Ballard den Daland und der in Wien seit langem bekannte Alexander Kaimbacher den Steuermann.

Porzellan-Schwan im Schloss

Porzellan-Schwan im Schloss

Es wurde vor allem vokal ein bemerkenswerter Abend. Catherine Foster sang eine exemplarische Senta. Die Ballade intonierte sie perfekt, mühelos in den strahlenden Höhen, die sie auch noch klangvoll und mit großem Ausdruck phrasierte. Leider ließ der Dirigent die Ballade aus unerklärlichen Gründen nicht ganz zu Ende singen. Was in Catherine Foster steckt an stimmlicher Dramatik und Spitzentönen, konnte sie dann aber mit ihrem finalen „Preis’ deinen Engel und sein Gebot! Hier steh’ ich, treu dir bis zum Tod!“ beweisen – in Überzeugungskraft und stimmlichem Ausdruck wohl derzeit einzigartig. Den eigentlichen Höhepunkt des Abends bildete aber das Duett Holländer-Senta „Wie aus der Ferne längst vergang’ner Zeiten…“, welches manchmal durchaus langweilig geraten kann. Schon mit dem erstmaligen Gewahren des Holländers mit Daland nimmt die Mimik Fosters eine Neugier und Spannung an, die auch im weiteren Verlauf meinen macht, man erlebe eine szenische Aufführung.

Halle

Halle

Schon im Holländer-Monolog hatte Thomas J. Mayer mit seinen blendenden heldenbaritonalen Höhen, hervorragender Diktion und bester Phrasierung geglänzt. Nicht nur das „So ist sie mein…“, sang er mit viel Energie und Hingabe, sondern zeigte dabei auch die richtige Mimik. Im Duett dokumentierte er seine hohe Musikalität, die sich mit der enormen stimmlichen Intensität und dem darstellerischen Engagement von Foster ideal verband und dem Duett zu einer ungewohnten Dramatik verhalf. Diese setzte sich selbst noch im folgenden Terzett (Daland, Holländer, Senta) fort „Verzeiht! Mein Volk hält draußen sich nicht mehr;“ in welchem auch Derrick Ballard mit seinem kantablen, etwas hellen Bass und ebenfalls guten Höhen beeindruckte. Alexander Kaimbacher sang den Steuermann mit schöner lyrischer Gesangslinie und großer Wortdeutlichkeit.

Sängersaal

Sängersaal

Die in dem relativ kleinen Saal voll aufspielenden Stuttgarter Philharmoniker ließen schnell erkennen, dass sie mit Wagner viel anzufangen wissen. Sie erreichten große musikalische Homogenität wie Intensität und Klangschönheit. Allerdings schien die Besetzung für diesen Raum mit wohl an die 70 MusikerInnen zu groß, um wie gewohnt auf volle Lautstärke zu spielen. Daran schien es Gabriel Feltz aber zu liegen, und so geriet einiges, insbesondere nach der Pause, zu laut, vor allem das Schlagwerk. Auch schien das Tempo manchmal zu schnell. Unerklärlich blieben ferner einige endlos lange Generalpausen, die Feltz hier und da einlegte. Diese würden sich eher bei einer szenischen als einer konzertanten Aufführung empfehlen. Im Prinzip ist der Sängersaal auf Neuschwanstein eher für Kammermusik und kleines Orchester geeignet. Wenn ein volles Opernorchester aufspielen soll, und dann noch Wagner, sollte man es auf die akustischen Verhältnisse etwas abstimmen. Dennoch, es war insbesondere aufgrund der großartigen sängerischen Leistungen und des besonderen Rahmens auf dem Märchenschloss ein Wagner-Abend, an den man sich lange erinnern möchte…

Fotos: Klaus Billand

Klaus Billand