BUENOS AIRES/Teatro Avenida-Usina del Arte: Großes Gala-Konzert Juventus Lyrica - 5. Dezember 2012

Teatro Avenida

Teatro Avenida

Ähnlich wie die Asociación Bella Música (siehe Bericht in dieser Rubrik), engagiert sich die Asociación Juventus Lyrica als private Gesellschaft ohne Erwerbsziel für die Förderung junger KünstlerInnen, allerdings mit einem klaren Schwerpunkt auf die Oper. Daneben will Juventus Lyrica ganz allgemein das Interesse an der Oper als Kunstgattung auch bei solchen Bevölkerungsschichten wecken, die sich einen Besuch im großen Teatro Colón nicht ohne weiteres leisten können. In diesem Sinne verstehen sie ihre Arbeit als Beitrag zur Demokratisierung des Zugangs zur Oper in einem alternativen Raum (eben zum Teatro Colón), und dieser ist das Teatro Avenida in der Avenida de Mayo von Buenos Aires. Noch alternativer ist jedoch die Usina del Arte im Stadtteil Boca am alten Hafen, wo diese Gran Gala und damit zum ersten Mal ein Konzert der Juventus Lyrica stattfand. Das imposante Gebäude in rotem Backstein mit einem hohen Turm war einmal ein Heizkraftwerk und verfügt nun über einen wunderschönen, in Holz gearbeiteten Konzertsaal mit blendender Akustik und einer Kapazität von 1.200 Plätzen, einen Saal für Kammermusik mit 400 Plätzen, sowie großzügige Pausenräume.

Seit ihrer Gründung 1999, im selben Jahr also wie die Asociación Bella Música, hat Juventus Lyrica bereits 75 Opern zur Aufführung gebracht, 12 nationale Preise gewonnen und – was ihre Exekutiv-Direktorin María Jaunarena wohl zu Recht mit Stolz erfüllt – zum ersten Mal 2012 eine Operntournee nach Europa unternommen, und zwar in die Niederlande. Sie spielten ihre Produktion des „Don Giovanni“ vier Mal in Den Haag und Rotterdam mit großem Erfolg – das holländische Publikum gab standing ovations. Das blieb, natürlich vor dem Hintergrund der 14-jährigen Arbeit, nicht ohne Folgen daheim. Die Stadtregierung von Buenos Aires ernannte Juventus Lyrica als Gesellschaft „von kulturellem Interesse“. Die gute Botschaft wurde von einem Vertreter der Stadtregierung im Rahmen dieser Gran Gala in der Usina del Arte offiziell verkündet. Es ist zu hoffen, dass diese Auszeichnung Juventus, die nur 50 Prozent ihrer Kosten durch Abonnements und freien Verkauf decken und für die andere Hälfte auf die Unterstützung eines Freundeskreises angewiesen ist, nun mit zusätzlichen Mitteln der öffentlichen Hand rechnen kann.

Dass dies absolut gerechtfertigt wäre, ebenso wie es der Titel ist, konnte Juventus Lyrica mit diesem Opern Gala-Abend nachdrücklich unter Beweis stellen. Mit einem reduzierten, aber exzellenten Orchester von 17 Musikern und einem 27-köpfigen Chor, der dramaturgisch geschickt im Saal agierte, stellte Juventus unter der Leitung von Antonio Maria Russo 15 junge Sänger und Sängerinnen vor. Das Programm war wahrlich opulent und auch anspruchsvoll: Insgesamt 26 Titel von Mozart („Cosí fan tutte“, „Don Giovanni“ und „Die Zauberflöte“), Rossini („Der Barbier von Sevilla“), Donizetti („Don Pasquale“ und „Der Liebestrank“), Gounod („Romeo und Julia“), Verdi („Rigoletto“ und „Nabucco“), Puccini („La Bohème“ und „Tosca“), Richard Strauss („Caecilia“), Johann Strauss Sohn („Die Fledermaus“), Lehar („Die lustige Witwe“), Bizet („Carmen“) und schließlich Offenbachs („Hoffmanns Erzählungen“). Die Arien, Duette und alle weiteren Auftritte wurden halbszenisch mit ausgefeilter Personenregie und bei den komödiantischen Nummer mit viel Humor und Witz aufgeführt (Regie: Anna D’Anna), in den Kostümen der Entstehungszeit der jeweiligen Oper.

Der Bariton Fernando Grassi konnte mit der Sopranistin Laura Penchi in „Là ci darem la mano“ aus „Don Giovanni“ glänzen, und beide stellten ihre Musikalität, Klangschönheit und komödiantisches Talent später als Papageno und Papagena mit „Pa…pa…pa..“ wieder unter Beweis. Laura Penchi begeisterte das Publikum auch mit einer stimmlich prägnanten und mit gekonnter Koketterie – unter Einbeziehung einiger Herren im Parkett – vorgetragenen Arie der Musette. Ein absolutes Bühnentalent! Ernesto Bauer sang mit seinem gut geführten schlanken Bariton und blendender Optik als Barbier das „Largo al factotum“ effektvoll und trat auch mit „Ah! Chi mi dice mai“ und „Non ti fidar, o misera“ aus „Don Giovanni“ sowie mit „Un di se ben rammentomi“ aus „Rigoletto“ auf. In diesem Quartett konnte auch die Sopranistin Laura Polverini ihren guten Sopran hören lassen, ebenso wie im Duett mit dem etwas hellen Tenor Iván Maier „Se il mio nome saper voi bramate“ aus „Der Barbier von Sevilla“ und ebenfalls mit Maier in dem exzellent vorgetragenen „Tornami a dir che m’ami“ aus „Don Pasquale“. Ihre exzellente Intonation und darstellerisches Talent stellte Polverini schließlich mit der Arie “Je veux vivre…“ aus „Romeo und Julia“ unter Beweis.

Die äußerst klangvolle Sopranistin Soledad de la Rosa glänzte als lustige Witwe mit dem Chor und mit der ebenfalls ausgezeichneten Mezzosopranistin Eugenia Fuente in der Barkarole aus „Hoffmanns Erzählungen“. Fuente eroberte das Publikum mit einer glutvoll gesungenen und inszenierten Habanera. Santiago Bürgi ließ mit seinem sehr höhensicheren Tenor in „Com’è gentil, la notte a mezzo april!“ mit dem Chor aus „Don Pasquale“ aufhorchen, während es Sebastián Angulegui als Toreador aus „Carmen“ etwas an Resonanz fehlen ließ. Die Sopranistin Sabrina Cirera sang „Vissi d’arte“ aus „Tosca“ sehr gut bis auf ein leichtes Schleifen in der Höhe, was aber ihrem guten stimmlichen Potenzial keinen Abbruch tut. Dario Sayegh konnte hingegen mit „E lucevan le stelle“ mit zu baritonaler Färbung und einer gewissen Steifheit im Vortrag keinerlei Italianitá vermitteln. Sebastián Russo sang die Arie des Nemorino aus „Der Liebestrank“ mit einem klangschönen, etwas dünnen Tenor, der aber sicher gutes Potenzial für eine Weiterentwicklung hat. Fast ein stimmlicher Ausfall, und damit der einzige in diesem sehr guten Ensemble junger SängerInnen, war der Tenor Mariano Spagnolo mit „Caecilia“ von Richard Strauss. Hier fehlte es fast an allem, gut intonierter Höhe, Resonanz und Seele im Vortrag. Der Bariton Javier Martínez und die Sopranistin Patricia Villanova sangen in einigen Ensemble-Nummern mit. Natürlich gab der Chor „Va pensiero…“ aus „Nabucco“, und das Orchester gönnte den Solisten im 2. Teil dieses Mammut-Programms einen Moment Ruhe, indem es sublim das Vorspiel zum 3. Akt von „Carmen“ musizierte.

Nach dieser eindrucksvollen und hochemotionalen Vorstellung mit entsprechend vielen, vom Publikum aufs heftigste geforderten Zugaben, kann ich nur mein Statement nach einer Opern-Aufführung der Juventus Lyrica vor einigen Jahren im Teatro Avenida wiederholen: Wenn man diese jungen, hochmotivierten, stimmlich qualifizierten und auch darstellerisch talentierten jungen Sänger und Sängerinnen erlebt hat, wie an diesem Abend, kann einem um den argentinischen Sängernachwuchs nicht bange sein. Hier steckt ein großes künstlerisches Potenzial, das auch in Europa Eindruck machen würde. Vor diesem Hintergrund muss es nach dem ColónRing am Teatro Colón in der Woche zuvor befremdlich erscheinen, warum dort selbst einige kleinere und Nebenrollen mit ausländischen SängerInnen besetzt wurden. Die Juventus Lyrica ist hingegen unbeirrt auf einem guten Weg: In der Saison 2013 spielt sie folgende eigene Neuinszenierungen: „Die Zauberflöte“ (19. bis 27.4.13), „Der Barbier von Sevilla“ (28.6. bis 6.7.13) und „La Bohème“ (6. bis 14. 9.13) neben einer Reihe von Konzerten. Wer zu diesen Terminen in Buenos Aires weilen sollte, möge zu Juventus Lyrica im Teatro Avenida gehen – es lohnt sich ganz bestimmt!

Foto: Klaus Billand

Klaus Billand