ISTANBUL: Das Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra spielt Wagner - 7. November 2013

Anadolu Auditorium

Anadolu Auditorium

Das war ein ganz besonderer Tag bzw. Abend in der Geschichte der Wagner-Rezeption in der Türkei: Zum ersten Mal überhaupt wurden Auszüge aus seinem „Ring des Nibelungen“ konzertant mit Singstimmen in einem öffentlichen Konzert gegeben, und zwar vom renommierten Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra in Istanbul. Das von dem in der Erdöl- und Autoindustrie tätigen privaten türkischen Konzern Borusan im Rahmen seines Borusan Culture and Arts Programms finanzierte Orchester feiert in diesem Jahr sein 15jähriges Bestehen. Es steht unter der Leitung des Künstlerischen Direktors und Chefdirigenten Sascha Goetzel und gab vor 15 Jahren sein erstes Konzert im Yildice Palace Arsenal unter der Leitung von Gürer Aykal, der heute sein Ehrendirigent ist.

Gürer Aykal mit dem Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra

Gürer Aykal mit dem Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra

Aykal, überwiegend in den USA musikalisch tätig, leitete auch dieses erste ausschließlich Wagners „Ring“ gewidmete Konzert mit zwei Solisten der Ankara Staatsoper Staatsoper und Ballett im modernen, fast 2.000 Plätze und sehr gut besetzten Anadolu Auditorium von Istanbul. Natürlich stand dieses Konzert im Zusammenhang mit Wagners 200. Geburtstag. Gürer Aykal ist ein großer Verehrer der Wagnerschen Musik, und es war ihm ein ganz besonderes Anliegen, diese Auszüge aus dem „Ring“ einmal einem größeren Publikum vorzustellen, und zwar in chronologischer Reihenfolge von „Rheingold“ bis „Götterdämmerung“.

Ünüsan Kuloglu und Tunkay Kurtoglu

Ünüsan Kuloglu und Tunkay Kurtoglu

So kam es zu einer ganz und gar ungewöhnlichen Rollenverteilung insbesondere für Ünüsan Kuloglu, einem in der Türkei und auch in Westeuropa tätigen Heldentenor, den der Rezensent bereits 2012 im anatolischen Aspendos als Tannhäuser in einer Peter Lehmann Produktion und diesen Sommer beim Meisterkurs von Petra Lang in Bayreuth erleben konnte, sowie dem Bassisten Tunkay Kurtoglu. Beide bestritten den vokalen Teil. So sang Kuloglu zunächst den Loge mit „Immer ist Undank Loges Lohn…“, dann Siegmund mit den Wälse-Rufen“, um darauf mit seinen „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ und der Schwertgewinnung „Siegmund heiß ich und Siegmund bin ich…“ aus der „Walküre das Publikum zu begeistern. Nach der Pause ging es für ihn mit dem „Siegfried“-Mime (!) in der Wissenswette weiter, gefolgt von „Nothung, Nothung! Neidliches Schwert!“ und den Schmiedeliedern „Hoho! Hoho! Hohei! Schmiede, mein Hammer, ein hartes Schwert!“ aus „Siegfried“. Kuloglu kam schließlich mit „Brünnhilde, heilige Braut“ ans Ende dieses „Ring“-Tenor Parforce-Ritts, der wohl seinesgleichen sucht… Tunkay Kurtoglu begann mit dem Wotan-Monolog „Abendlich strahlt der Sonne Auge“ aus „Das Rheingold“ und sang daraufhin Wotans Abschied aus der „Walküre“. Nach der Pause gab er den Wanderer in der komplett gesungenen Wissenswette des „Siegfried“ und schlüpfte schließlich in die Rolle des Hagen mit dessen Wacht aus dem 1. Aufzug der „Götterdämmerung“.

Die Hornisten in der Pause

Die Hornisten in der Pause

Den Loge singt Kuloglu mit viel tenoralem Schmelz und Farbe – gut gelingen die langen Bögen der Erzählung. Kräftig und dramatisch ertönen seine Wälse-Rufe, während er bei den „Winterstürmen“ die ganze Emotionalität und Lyrik dieses Liebeslieds entfaltet. Stets merkt man bei Kuloglu, der auch sehr gut deutsch spricht, dass er weiß, was er singt. Obwohl der Mime kaum seine Lage ist, beeindruckt, wie sehr er in der Wissenswette seine Wandlungsfähigkeit vom strahlenden Helden zum hadernden kleinlichen Zwerg unter Beweis stellt. Lediglich zu Beginn verfällt er hier in etwas zu starkes Deklamieren, sicher dem speziellen Ausdruck des Mime geschuldet. Kuloglu bringt aber starke schauspielerische Elemente in den Vortrag ein. „Nothung!“ Nothung! Neidliches Schwert!” gelingt dann wieder sehr expressiv mit blendender heldentenoraler Höhe, und bei den Schmiedeliedern zeigt er viel Lebhaftigkeit im stimmlichen und spielerischen Ausdruck. Das Finale mit Siegfrieds Tod gerät Kuloglu berührend und wird mit seiner gefühlvollen, lyrisch timbrierten Phrasierung zu einem der Höhepunkte des Abends.

Schlussapplaus

Schlussapplaus

Tunkay Kurtoglu, den der Rezensent noch im vergangenen Juli beim Istanbul Opernfestival am Tokapi als Osmin in der „Entführung aus dem Serail“ erleben konnte, singt den Wotan mit einer vornehmlich gesanglichen Note mit seinem farbigen Bassbariton, den der Sänger bestens intoniert und phrasiert. Was eventuell hier und da an Dramatik im stimmlichen Ausdruck fehlt, wird überzeugend durch die gesangliche Linienführung mit großer Wärme im Stimmklang wettgemacht. Dazu kommt auch viel Würde im Vortrag, die Kurtoglu besonders als Wanderer zugute kommt, wo er die geforderten langen Bögen klangvoll und souverän intoniert. Es ergibt sich damit ein auch dramaturgisch überzeugender Kontrast zwischen seinem Wanderer und dem Mime von Kuloglu in der Wissenswette. Als Hagen kann Kurtoglu schließlich seine profunde und dennoch klanglich stets überzeugende Tiefe ausloten und der düsteren Wacht emotionale Facetten abgewinnen. Beide Sänger haben ganz offenbar ein riesiges Potenzial im Wagner-Gesang.

Anadolu Auditorium

Anadolu Auditorium

Gürer Aykal führte die Qualitäten des Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra auch noch in zwei rein konzertanten Stücken vor, und zwar mit „Siegfrieds Rheinfahrt“ und dem Trauermarsch aus der „Götterdämmerung“. Wie gut das Ensemble diese Orchesterzwischenstücke aus dem „Ring“ spielte, ist umso verwunderlicher, als man für das ganze Konzert lediglich drei Probentage hatte!

Fotos: Klaus Billand

Klaus Billand