LÜBECK: PARSIFAL – PREMIERE am 2. September 2012

1. Aufzug

1. Aufzug

Gerade hat das Theater Lübeck für seine bemerkenswerte Inszenierung des „Ring des Nibelungen“ in der Inszenierung von Anthony Pilavachi, mit dem es sich nach Meinung des Rezensenten an die Front der derzeitigen Wagner-Rezeption gespielt hat, den Deutschen Musikpreis „Echo Klassik 2012“ erhalten. Zu Recht beflügelt durch den großen Erfolg der „Ring“- Produktion des relativ kleinen Hauses hat man sich gleich zum Auftakt der Spielzeit 2012/13, die ja in das Jahr von Richard Wagners 200. Geburtstag führt, Wagners Abschlusswerk „Parsifal“ vorgenommen. Anthony Pilavachi, mit dramaturgischer Unterstützung von Richard Erkens, führte wiederum Regie und stellte in der Ausstattung von Tatjana Ivschina und bei guter Lichtregie von Falk Hampel eine eigenwillige, teilweise absolut unorthodoxe, aber dennoch interessante Produktion auf die Beine.

Parsifal und Amfortas 1. Aufzug

Parsifal und Amfortas 1. Aufzug

Wie beflügelt von Stefan Herheims erst vor wenigen Tagen in Bayreuth ausgeklungenem Phantasie-„Parsifal“ mit seinen überbordenden Bildwelten und Traumassoziationen beginnt auch Pilavachi schon während des Vorspiels mit einem völlig ungewohnten Bild: In einem weiß gekachelten sterilen Krankenzimmer – die gesamte Produktion ist in einer Weiß-Ästhetik gehalten, in Antithese zum üblichen Dunkel des „Parsifal“ – befinden sich zu Pantomimen erstarrt alle Protagonisten, sogar Titurel im Rollstuhl, in profaner Alltagskleidung am Sterbebett Parsifals – Amfortas im Regenmantel mit kariertem Hemd und Pollunder drunter… Es gleicht einer Familienaufstellung, ähnlich wie in Dietrich Hilsdorfs Essener „Walküre“. Unklar bleibt nur, wer die angesichts Parsifals Ende erschüttert weinende Frau an der Seite Klingsors ist – aufgrund ihrer Jugend eine Freundin oder Herzeleide?! Wohl eher diese, denn dann wäre Pilavachis „Parsifal“-Familie komplett. Eine Herzlinie ist zu sehen und zu hören, die beiden Gralsritter werden als Krankenpfleger tätig, übrigens den ganzen Abend, und schalten das Gerät ab. Parsifal ist offenbar gestorben…

Klingsor und Kundry 2. Aufzug

Klingsor und Kundry 2. Aufzug

Doch nun beginnt der Traum oder das Mysterium, oder war es gar der von Christoph Schlingensief schon thematisierte Nahtod, den Günter Ewald im Programmheft detailliert beschreibt?! Parsifal erhebt sich langsam vom Bett, blickt verwundert umher und verschwindet in die Welt hinter dem Krankenzimmer, angedeutet durch die dem Berg Montserrat bei Barcelona nachempfundenen, hier weißengetünchten Felsen mit einer kleinen Wasserfläche, wohl dem heiligen See, und einer neuzeitlichen Palastmauer.

Er ist also in den Gralsbezirk hinausgetreten. Bis er daraus wieder auftaucht, mit einem abgeschossenen blutenden Schwanenhals als Zeichen seiner ersten „Schuld“, predigt Gurnemanz den Krankenpflegern die Vorgeschichte. Störendes Klatschen bewirkt ihre Auf- und Abtritte. Amfortas kehrt nun in weißem Mönchsgewand mit riesigem Blutfleck zurück. Großartig der Moment, wenn Klingsor von der Seite unmissverständlich Kundry in grellem Lichtschein zu sich ruft, als sie singt: “Nein! Nicht schlafen! – Grausen fasst mich! Machtlose Wehr! Die Zeit ist da … ich muss.“ Ein konsequenter Vorgriff auf den 2. Aufzug, den Gurnemanz bemerkt.

Wie das Regieteam es überhaupt immer wieder schafft, sinnvolle Verbindungen zwischen den Aufzügen herzustellen und damit eine druchgängige dramaturgische Intensität erreicht. Wenn sich der Raum zur Gralsburg weitet, kommt ein großer runder Spiegel von oben herab und lässt das Publikum an einem schaurigen Ritual teilhaben: Der in väterlicher Herrschaft über den Sohn unerbittlich die Gralsenthüllung fordernde Titurel zückt ein Messer, und die ebenso erbarmungslosen Gralsritter zwingen Amfortas ins Wasser, wo ihm von den Pflegern die Pulsadern aufgeschnitten werden. Das Wasser färbt sich rot, wie die gesamte Bühne, und ein kleines Mädchen erscheint mit dem weiß glühenden Gral unter einem Tuch – allgemeine Ergötzung.

Parsifal mit Zaubermädchan 2. Aufzug

Parsifal mit Zaubermädchan 2. Aufzug

Den zusammen gebrochenen Amfortas liegen lassend ziehen sich alle Ritter beglückt zurück. Die Worte Gurnemanz’ „Weißt du, was du sahst?“ erlangten hier nachvollziehbare Bedeutung. Aber Pilavachi schafft mit seiner Gurnemanz- und Parsifal-Dramaturgie einen entscheidenden humanistischen Gegenpol zu diesem zwanghaft ewig wieder kehrenden Ritual.

Wie schon in seinem „Ring“ betont er in diesen beiden Protagonisten die tiefe Menschlichkeit des Werkes, bei Parsifal zumeist seinem Mitleid – mit dem leidenden Amfortas – gleichgesetzt. Während Gurnemanz den jungen Toren trotz seiner „Tat“ liebevoll umarmt, wendet sich Amfortas bereits bei seinem verzweifelten ersten Monolog mit intensiver Geste an Parsifal, der ganz offenbar schon hier Mitleid empfindet und sodann unfassbar die Lieblosigkeit der Ritter nach der Gralsenthüllung zur Kenntnis nehmen muss.

Seine Erlösungsodyssee wird damit umso verständlicher und erhält im 2. Aufzug noch weitere, unerwartete Facetten. Im Gegensatz zu den nach Wolfram von Eschenbach „nach dem Weißen strebenden beständigen Menschen“ agiert im Felsgeklüft „jenseits des Tales“ der ganz „der schwarzen Farbe verfallene haltlose Mensch“ Klingsor, schon leicht als Teufel gezeichnet. Er hält die wilde Kundry in feuerrotem Kostüm in seinem manipulativen Bann ebenso wie die Zaubermädchen, an roten Bändern. Diese spannen, intensiv choreographiert, nach Origines – wie im Programmheft angemerkt – die Fallstricke, die für das Leben aller Sterblichen typisch sind und sie straucheln lassen. Ein „arglistiges Netzwerk“, das Parsifal, „stärker als diese Netze“, zerreißt… Damit hat er einen wesentlichen Schritt zu seiner Reifewerdung vollzogen, denen ein zweiter, nun in der Tat völlig unerwarteter, folgt: Als Kundry zum alles entscheidenden Kuss ansetzt, erscheint, total überraschend, Amfortas im blutbefleckten Königsgewand und küsst sie an Parsifals Stelle leidenschaftlich. Und das gleich noch einmal, nachdem Klingsor wie weiland Tristan den Speer in Parsifals Händen gegen sich gerichtet hat und daran blutend stirbt.

Kundry und Parsifal 2. Aufzug

Kundry und Parsifal 2. Aufzug

Nun ist Anthony Pilavachi für leicht exotische Regieeinfälle bekannt, hat er doch im „Rheingold“ Erda bereits mit der kleinen Brünnhilde auftreten und den Wanderer im „Siegfried“ gar die Urmutter allen Seins und Werdens, Erda, erwürgen lassen… Aber hier machte es dramaturgisch doch Sinn im Kontext seines offenbaren und löblichen Bestrebens, Parsifal als den großen Erlöser eines menschlich wie moralisch völlig unhaltbaren Zustands bzw. Rituals zu charakterisieren. So tritt dieser im Schlussaufzug folgerichtig als stumm leidender Christus mit Dornenkrone auf – Stefan Herheim lässt allerdings grüssen – zusätzlich umhängt mit Handgranaten sowie einer MP, die ihm Gurnemanz freilich sofort wegnimmt. Was dann folgt, entspricht durchaus Wagners Regieanweisungen, Fußwaschung und Salbung, die Taufe Kundrys, etc. Dass Kundry im 3. Aufzug ihre Dienstbereitschaft ausgerechnet durch das Schrubben der Bühne auf allen Vieren mit einer Bürste dokumentieren muss, gehört sicher zu den weniger durchdachten Ideen und steht mit der nahe liegenden Assoziation auch völlig neben dem allgemeinen dramaturgischen Duktus.

Parsifal und Gurnemanz 3. Aufzug

Parsifal und Gurnemanz 3. Aufzug

Immer wieder bemerkt man bei aller Unkonventionalität der Regieeinfälle die tiefe Verbindung Pilavachis zu Wagner und das Verständnis seiner Intuitionen, bis das Ende kommt. Die von Kriegen schwer gezeichneten Gralsritter beschwören noch einmal Amfortas zum letzten Ritual. Er erscheint im Grabtuch Jesu von Turin! Als er es ablegt, kommt aber wieder der Amfortas des Vorspiels hervor – einer von uns, mit Pullunder und Schalke 04-Feierabend-Outfit… Wie als Gegengewicht zu solch profanem Finale, das alle Protagonisten wie zu Beginn um Parsifals nun leeres Bett versammelt, gestaltet Pilavachi im Hintergrund eine esoterische, mythisch verbrämte Engelsszene in gleißendem Licht, in die Parsifal nahezu unmerklich hineinschreitet. Langsam wird auch der Gral wieder sichtbar- ein mehrdeutiger und damit interessanter Schluss, der einmal wirklich klar macht, wer mit Wagners spekulativem Finalsatz „Erlösung dem Erlöser!“ gemeint sein könnte…

Wieder einmal hat es Lübeck unter der musikalischen Leitung des versierten und nun scheidenden Operndirektors Roman Brogli-Sacher geschafft, ein überregional bedeutsames und in weiten Teilen erstklassiges Sängerensemble für diesen neuen „Parsifal“ zusammen zu stellen. Allen voran hat Gast Albert Pesendorfer mit seinem Gurnemanz nun eine Bayreuther Festspielreife erreicht, die nur noch von wenigen Sängerkollegen geteilt wird. Er besticht auf jeder Note mit einem prägnanten, bestens geführten Bass, den er klar artikuliert und mit hervorragender Diktion klangvoll einsetzt. Dazu kommt eine intelligente und in dieser Inszenierung auffallend humane Darstellung der Rolle, mit der er immer einzunehmen versteht.

Finale 3. Aufzug

Finale 3. Aufzug

Der Heldentenor Richard Decker hat den Rezensenten nach seinen guten Parsifal-Interpretationen in Dessau und Tallinn einmal mehr mit seinem klangvollen, dunkel timbrierten und sicher fokussierenden Tenor beeindruckt, den er immer bestens intoniert, und mit dem er auch mühelos alle geforderten Höhen und Bögen singt. Gerade in dieser Rolle kommt der darstellerisch etwas bedächtige, aber charismatische Decker besonders gut zur Wirkung. Gerard Quinn war ein stimmstarker, solider Amfortas, der es etwas an Charisma und letzter vokaler Durchschlagskraft missen ließ. Die dem Lübecker Ensemble angehörende junge Litauerin Ausrine Stundyte bestach wie schon als Waltraute in der Lübecker „Götterdämmerung“ in erster Linie durch ihre ganz vorzügliche Rolleninterpretation der Kundry. Sie ist wohl das, was man in Fachkreisen als Bühnenvieh bezeichnet, gibt darstellerisch ihr Letztes mit großer Empathie. Dazu kommt eine gute Mittellage mit dunkler Schattierung, bestens für die Kundry geeignet. Allein, die Sängerin verfügt über zu wenig Tiefe für die Rolle. Hier wurde fast ständig deklamiert bis hin zum reinen Sprechgesang. Bis zum „… und lachte…“ ging es auch mit den Höhen ganz gut, und es waren im 2. Aufzug auch einige schöne Legati zu hören. Bei den gefürchteten expressiven Höhen in dessen Finale geriet Stundyte jedoch scharf an ihre Grenzen. Die letzte Höhe „… dich weih’ ich ihm zum Geleit’!“ konnte sie dann auch nicht mehr singen. Wahrscheinlich kommt diese anspruchsvolle Roll für die junge Sängerin viel zu früh.

Der Lübecker Alberich Antonio Yang aus Südkorea sang den Klingsor mit seinem gewohnt prägnanten Bariton, der zwar gut für den Klingsor geeignet ist, den er aber etwas zu einsimensional intoniert. Etwas Phrasierung könnte hier noch erarbeitet werden. Man muss aber bedenken, dass fast alle SängerInnen des Lübecker Ensembles Rollendebuts hatten. Igor Levitan war ein guter Klingsor mit ansprechender Bassfülle im Rollstuhl. Wioletta Hebrowska sang eine exzellente Stimme aus der Höhe und auch einen klangvollen 1. Knappen. Bei den Herren unter diesen fiel besonders Daniel Szeili auf. Exzellent und transparent sangen sie Zaubermädchen Andrea Stadel, Rebekka Reister, Wioletta Hebrowska (1. Gruppe) und Monika Reinhard, Anne Ellersiek sowie Valentina Fetisova (2. Gruppe). Ihre Einzelleistungen und Ensembleauftritte hatten ebenfalls Festspielreife. Auch der von Joseph Feigl einstudierte Chor und Extrachor des Theater Lübeck, ergänzt durch Mitglieder des Freien Opernchores Coruso e.V. war großartig.

Roman Brogli-Sacher konnte mit dem Philharmonischen Orchester der Hansestadt Lübeck die gute musikalische Tradition des „Echo“-gekrönten „Ring“ nahtlos fortsetzen und dirigierte einen „Parsifal“ von beeindruckender Klarheit, Prägnanz im Ausdruck und guter Dynamik. Die Tempi stimmten stets und waren bedacht auf die jeweilige Handlung abgestimmt, wobei Brogli-Sacher auch nie die SängerInnen zudeckte, sondern gefühlvoll auf sie einging. Natürlich kommt in einem relativ kleinen Haus wie dem Lübecker das schwere Blech stärker zur Wirkung als an einem großen. Dies machte sich aber nie negativ bemerkbar und wurde ohnehin immer wieder von den wunderbaren Celli, aber auch den Violinen und Violas relativiert. Bei aller Plastizität des musikalischen Vortrags wurden die Philharmoniker unter Brogli-Sachers Stabführung nicht zu kaut und musizierten fast fehlerfrei. Wieder ein guter Wagner-Abend im hohen Norden, der den Anspruch Lübecks, in der ersten Liga der Wagner aufführenden Opernhäuser zu spielen, untermauert.

Fotos: Oliver Fantitsch

Klaus Billand