BERLIN/Deutsche Oper: „Der Rosenkavalier“ – 17. April 2016

Zustand des Übergangs zwischen Vergangenheit und Zukunft

1. Akte (andere Besetzung 2008)

1. Akte (andere Besetzung 2008)

An diesem Abend erlebte die auch heute immer noch frisch wirkende und sehenswerte Inszenierung des Straussschen „Rosenkavalier“ in der Inszenierung von Götz Friedrich aus dem Jahre 1993 ihre 77. Aufführung. Das sind Wien-ähnliche Werte, aber man bemerkt das Alter dieser optisch zeitweise aufregenden Produktion aufgrund des äußerst fantasiereichen Einsatzes der damals schon zu Verfügung stehenden technischen Mittel des Musiktheaters zu keinem Zeitpunkt. Gottfried Pilz und Isabel Ines Glathar schufen in Zusammenarbeit Bühnenbilder und Kostüme, und Duane Schuler sorgte für das stets dazu passende Lichtdesign.

In einem Aufsatz im Programmheft thematisiert Götz Friedrich die scheinbare Stilwidrigkeit des bei dieser Oper des Garmischer Meisters immer wieder kritisierten Anachronismus, sieht aber gerade darin einen Kunstgriff von Richard Strauss, der Historienoper zu entgehen und daraus ein Stück für die Zeit zu machen, ein Zeitstück. Das Regieteam wollte diese Irritationen künstlerisch nutzen und das Werk in eine künstliche Zeit verlegen, wo sich die Epoche Maria Theresias, die Entstehungszeit des Stücks, und unsere Gegenwart überlagern. Man wollte sich von dem die Rezeption des „Rosenkavalier“ jahrzehntelang prägenden Interpretationsmodell Alfred Rollers verabschieden, welches Friedrich für 1911 als genial bezeichnet.

2. Akt Überreichung der Rose (andere Besetzung 2008)

2. Akt Überreichung der Rose (andere Besetzung 2008)

Und das ist ihm in der Tat gelungen. Man erlebt eine Inszenierung mit einer packenden Personenregie, die von Beginn an auf den Typus des Sängerdarstellers abzielt und die Figuren von ihrem herkömmlichen Ballast und Traditionsgehalt befreit. Friedrich nennt das „entpudern“, ein schönes und in diesem Zusammenhang bestens zutreffendes Wort. Dabei zeigt er die drei Zeitebenen des Stücks, wie er sie in der Überlagerung sieht, in klarer Weise. So ist die Überreichung der Rose in einem moderne Stilelemente mit der Ästhetik des Theresianischen Zeitalters verbindenden Bühnenbild samt Kostümierung ein gutes Beispiel für diese Überlagerung zeitlicher Spielebenen. Hingegen lenkt Friedrich im 3. Akt den Blick auf die enge Zusammengehörigkeit von Wiener Walzer und Fasching, indem er karnevalesk anmutende Figuren über die Hinterbühne ziehen lässt, um Ochsens Schäferstündchen mit dem „Mariandel“ zu durchkreuzen. Das gelingt ihm und Pilz mit viel Farbe und Humor! Dabei greift Friedrich einen Vorschlag Hugo von Hofmannsthals an Richard Strauss von 1909 auf, „sich für den letzten Akt einen altmodischen, teils süßen, teils frechen Wiener Walzer einfallen (zu lassen), der den ganzen Akt durchwehen muss.“

Rosenkavalier und Sophie (andere Besetzung 2008)

Rosenkavalier und Sophie (andere Besetzung 2008)

Mit den Bildern des 3. Akts gehen in Berlin tatsächlich Wirklichkeit und Traum ineinander über, so wie in Wien und anderswo vor Beginn des 1. Weltkriegs. Mit seinem genialen Regiekonzept schafft es der alte Theaterhase Friedrich, mit seinem „Rosenkavalier“ das kommende Ende einer Epoche zu zeigen, einen „Zustand des Übergangs zwischen Vergangenheit und Zukunft“. Darin liegt die immerwährende Aktualität dieser Inszenierung, denn selbst heute, 23 Jahre nach der Premiere, ist mit dem immer mehr alles beherrschenden Internet auch das Ende einer Epoche gekommen…

Eigentlich hätte Anja Harteros die Marschallin singen sollen, aber sie musste absagen. Für sie sprang die junge Betsy Horne ein, die die Rolle sehr jugendlich gestaltete und dabei einen klaren, eher hellen, aber bestens geführten und höhensicheren Sopran hören ließ. Albert Pesendorfer war ein vor diesem Regiehintergrund intelligent agierender Ochs, frei von allem plüschigen Ballast, gezielt und beweglich in seiner Aktion. Dass Pesendorfer neben Zeppenfeld und Groissböck zu den neuen großen Bässen für das Wagner- und Straussfach zählt, sollte bekannt sein und wurde von ihm an diesem Abend einmal mehr bestätigt. Daniela Sindram war ein erstklassiger Octavian in Gesang und Darstellung. Die Überreichung der Rose wurde so in der Tat zu einem Höhepunkt der Oper, der er ja auch sein sollte. Michael Kupfer-Radecky sang mit klangvollem Bariton den Herrn von Faninal, und Siobhan Stagg war eine einnehmende Sophie mit vielseitigem Spiel und anmutig klingendem Sopran. Fionnula McCarthy als Jungfer Marianne Leitmetzerin sowie Patrick Vogel als Valzacchi und Stephanie Lauricella als Annina trugen das ihre zur allgemeinen Komödiantik bei. Der gute alte Peter Maus gab eine skurrile Rollenstudie des Haushofmeisters bei der Marschallin. Vokales Aufsehen konnte Matthew Newlin als Sänger erreichen, der die beiden Strophen mit einem klangschönen Tenor sang. Man musste bedauern, diese gute aber zu kurze vokale Episode durch Ochsens Ruf nach der Morgengabe jäh abbrechen zu sehen… Die übrigen Nebenrollen waren auf gutem Niveau besetzt, wie es sich für ein Haus wie die DOB gehört. Der von Thomas Richter einstudierte Chor der Deutschen Oper Berlin und der von Christian Lindhorst geleitete Kinderchor der Deutschen Oper Berlin waren stimmstark und situationsgerecht choreografiert. Zu keinem Zeitpunkt wirkte diese Aufführung wie ein verstaubtes und nicht mehr betreutes Repertoirestück.

3. Akt (andere Besetzungen 2008)

3. Akt (andere Besetzungen 2008)

Ulf Schirmer dirigierte das Orchester der Deutschen Oper Berlin mit viel Verve und Gefühl für die komödiantischen Szenen. Er dokumentierte zu jedem Zeitpunkt große Sängerfreundlichkeit und stellte eine gute Harmonie zwischen Graben und Bühne her. Man sollte diese bemerkenswerte Arbeit noch lange im Repertoire der DOB halten.

Fotos: Bettina Stöss

Klaus Billand