COTTBUS: "Götterdämmerung" - Premiere 30. März 2013

Birmingham und Paßow 1. Aufzug

Birmingham und Paßow 1. Aufzug

Mit der Premiere der „Götterdämmerung“ hat ausgerechnet das im allgemeinen nicht allzu bekannte Staatstheater Cottbus in der Lausitz das erste ganz große Ausrufezeichen im Jahr von Richard Wagners 200. Geburtstag gesetzt! Mit einer in einem Theater von dieser Größe selten, wenn überhaupt zu beobachtenden Langzeitvision, Kontinuität und Arbeitsintensität über ein ganzes Jahrzehnt (!) hat man in aller Ruhe seit 2003, als es mit dem „Rheingold“ losging („Die Walküre“ 2008, „Siegfried“ 2011), an Wagners „Ring“ geschmiedet. Es ist endlich mal ein runder geworden, im Gegensatz zu manchem, was man in letzter Zeit an großen Häusern wie etwa Hamburg und Paris erleben musste. Auch mit der „Götterdämmerung“ bewies Intendant und Regisseur Martin Schüler mit seiner Dramaturgin Carola Böhnisch, dass Wagners opus summum auch mit den beschränkten Mitteln eines Hauses der sog. Provinz überzeugend, ja emotional mitreißend darzustellen ist. Was man in Cottbus bescheiden eine semiszenische Aufführung nennt, zumal das recht große Orchester nicht in den hiesigen Graben passt und auf die Hinterbühne verlegt wird, kann mit szenischen Produktionen anderer und größerer Häuser absolut mithalten. Das hat auch schon die Inszenierung von „Tristan und Isolde“ im ebenfalls kleinen Mindener Theater im letzten Herbst gezeigt.

Der Verrat 1. Aufzug

Der Verrat 1. Aufzug

Dabei ist die Ausstattung von Gundula Martin für die Cottbuser „Götterdämmerung“ denkbar schlicht und einfach: Auf der Vorderbühne stehen lediglich ein paar schwarze Stühle, später für die Mannen und das Finale ein paar mehr. Am Ende bilden sie den in flackernder Glut und Bühnennebel schwadernden Scheiterhaufen für Siegfried, an dessen Seite Brünnhilde nach ihrer theatralisch adäquat inszenierten Welterlösung mit größter Emotion zusammenbricht. Von der Vorderbühne durch das Orchester hindurch nach hinten erstreckt sich ein Laufsteg, der zu einer eleganten cremefarbenen Sitzgarnitur führt, auf der sich zunächst Siegfried und Brünnhilde miteinander beschäftigen, sie später allein auf ihren nächsten Einsatz wartet, während vorn die Handlung weitergeht. Auch das sorgt schon für eine gewisse Spannung. Ein alter Panzerschrank, Relikt aus den Vorabenden, dient am rechten Bühnenrand als Stauraum für das rote Nornenseil, als Bar für die folgeträchtigen Drinks und als Versteck für Intriganten, Verfolgte und Feiglinge… Den Hintergrund dominiert ein riesiger rechteckiger Rahmen, der schon seitlich absinkt, das kommende Ende subtil, aber optisch dräuend andeutend. Die stets sinnvoll Stimmungen untermalende Lichtregie von Mirko Möller-Pietralczyk und die geschmacksicheren Kostüme von Nicole Lorenz, die mit ihrem Design gekonnt Mythos mit Moderne verbinden, tragen das ihre zu einer durchwegs geschlossen wirkenden Theatralik bei. Allein die albernen Stofftiere in der Mannenszene des 3. Aufzugs wirken allzu entbehrlich. Wie man aus dieser Beschreibung erkennt, hält sich Schüler bei aller szenischer Reduktion an den mythologischen Gehalt der Tetralogie und nimmt Wagners Regieanweisungen ernst, die, wie er in einem Interview mit der Lausitzer Rundschau am Vorband der Premiere sagt „besser als ihr Ruf“ sind. Wohl war! Für Schüler steht die Psychologie der Figuren im Vordergrund, da ja ein „riesiger Weltstoff“ behandelt wird.

Speereid 2. Aufzug

Speereid 2. Aufzug

Um in diesem Sinne mit so wenigen Requisiten einen ganzen Abend lang Spannung zu erzeugen und aufrecht zu halten, braucht man neben einem guten Wagner-Orchester und SängerInnen eine stringente Dramaturgie sowie eine darauf ausgerichtete, sauber ausgefeilte Personenregie. Dies hat das Regieteam offenbar voll beherzigt und die Figur des Hagen als „Macher“ der “Götterdämmerung“, der er bei Wagner in Prinzip ja auch ist – im 2. Aufzug schon allein von der Musik her – zum Roten Faden der ganzen Inszenierung gemacht. Noch bevor die drei Nornen im Prolog als alte Frauen orakelnd und dabei Äpfel schneidend auf die Bühne schleichen, dreht er eine Runde und schaut nach dem – in seinem Sinne – Rechten. Folgerichtig schneidet er den Nornen das Seil durch und verstaut es, leider unter zu großer Geräuschentwicklung, im Panzerschrank. Später agiert er auch aus der oberen Proszeniumsloge und immer wieder im Hintergrund. Kurz, Hagen ist hier als ultimativer Strippenzieher omnipräsent, er hält bis zum Finale die Fäden in der Hand.

Der Mord im 3. Aufzug

Der Mord im 3. Aufzug

Und damit wären wir bei der bemerkenswerten SängerInnen-Riege, die das Cottbuser Staatstheater für diese „Götterdämmerung“ aufbieten konnte und die offenbar in ihrer schauspielerischen Leistung weit über das hinaus gingen, was ein Regisseur nur vorschreiben kann. Hier war sehr viel Eigeninitiative am Werk. Gary Jankowski, bewährter Hagen schon in Lübeck und Fafner des ColónRing in Buenos Aires im vergangenen November, besticht durch eine unglaublich intensive und dominante Gestaltung mit ausdrucksstarker Mimik sowie durch seinen voluminösen klangvollen Bass, den er bei bester Diktion sehr gut phrasiert. Lediglich in den dramatischen Höhen trägt er bisweilen nicht ganz. Aber es gibt an diesem Abend auch eine Reihe von außerordentlichen Rollendebuts. So singt Sabine Paßow nach der „Walküre“- und „Siegfried“-Brünnhilde (Online-Merker Juli 2012) nun auch ihre erste „Götterdämmerung“-Brünnhilde und tut dies mit einer darstellerischen Intensität und stimmlichen Kraft ihres immer dramatischer werdenden Soprans, dass es einem bisweilen die während einer Live-Aufführung ohnehin nicht angebrachte Sprache verschlägt. Paßow versteht es wie wenige andere in dieser so anspruchsvollen Rolle, die stimmliche Aussage authentisch mit der theatralischen Gestik und Mimik zu verbinden, sodass ein sehr authentisches Rollenbild entsteht. Dabei verfügt sie bei völliger Wortdeutlichkeit über sichere und lang gehaltene Höhen. Ihr berückendes „Heilige Götter! Himmlische Walter!…“ soll nur als ein Beispiel für andere stehen. Im Juni wird Sabine Paßow im „Ring“ in Riga die „Siegfried“-Brünnhilde singen.

Gutrune, der tote Siegfried, Gunther und Hagen 3. Aufzug

Gutrune, der tote Siegfried, Gunther und Hagen 3. Aufzug

Es gab ein ebenso bemerkenswertes Rollendebut für die in Cottbus engagierte Mezzosopranistin Marlene Lichtenberg als Waltraute, wobei sie in weiteren Rollendebuts auch die Erste Norn und die Flosshilde sang – drei Rollendebuts an einem Abend! Und alle gelangen sehr gut, die Waltraute gar aufregend gut. Lichtenberg versteht wie Paßow Aussage mit intensiver Mimik und perfekter Tongebung zu kombinieren und damit eine Waltraute von hoher emotionaler Intensität zu zeigen, die bei ihrem Auftritt und der Auseinandersetzung mit Brünnhilde quasi eine emotionale Achterbahn durchfährt. Dabei singt sie mit perfekter Diktion wunderschön verinnerlichte Stellen wie „ … dann noch einmal – zum letztenmal – lächelte ewig der Gott.“ sowie „Erlöst wär’ Gott und Welt!“ ebenso eindrucksvoll wie die fordernden Höhe auf „Walhalls Göttern Weh’!“ Dabei erzeugt die Sängerdarstellerin Klang auf jeder Silbe. Sie wird bei ihrer Professionalität und Disziplin im deutschen Fach sicher noch sehr weit kommen. Nachdem Peter Svensson noch den jungen Siegfried im letzen Jahr gesungen hatte, ist diesmal der US-Amerikaner Craig Birmingham als Siegfried engagiert, der sich mit einer Siegfried-artigen Optik und intensiver Spielfreude bestens in das Ensemble einpasst und somit einen großen Beitrag an der dramatischen Intensität des Geschehens hat. Er war zunächst Posaunist und Bassist (!) und zuletzt bis 2011 am Stadttheater Dortmund engagiert. Birmingham verfügt über einen kräftigen, nicht ganz heldischen, dunkel timbrierten Tenor, der etwas an jenen von Klaus Florian Vogt erinnert, also eher eine Tendenz zum italienischen und Mozartfach aufweist. Er führt ihn aber nicht immer mit der besten Technik, manches klingt gedrückt, die Höhen kommen nicht immer leicht, und allzu oft wird zu kraftbetont und auf Lautstärke gesungen. Auf Dauer kann das nicht gut gehen.

In den Untergang... Evan Christ am Pult, vorn S. Paßow

In den Untergang... Evan Christ am Pult, vorn S. Paßow

Von ausgezeichneter Qualität, nicht nur darstellerisch, sondern ganz besonders auch stimmlich ist das Geschwisterpaar der Gibichungen. Andreas Jäpel, auch klangvoller Alberich der Vorabende, verfügt über einen sehr kultivierten Bariton mit Liedgesangs-Qualität und kann den Gunther auch mit dem nötigen stimmlichen Volumen singen. Gesine Forberger ist eine agile Gutrune mit sicher geführtem und an den wenigen Stellen auch höhensicheren Sopran. Cornelia Zink singt eine gute Dritte Norn und Woglinde, Debra Stanley eine ebenso gute Wellgunde, während Carola Fischer als Zweite Norn stimmlich etwas abfällt. Thomas Ghazeli mimt den Alberich in seinem kurzen Auftritt als alten selbstverliebten Mann, stimmlich etwas zu rustikal und auf Lautstärke bedacht. Die Damen und Herren des Opernchores, „Cantica Istropolitana“ Bratislava und die Herren des Extrachores sorgen für eine starke und transparente Chorleistung, teilweise auch aus den Seitenlogen, unter der Leitung von Christian Möbius.

Götterdämmerung...

Götterdämmerung...

Evan Christ, der junge Cottbuser GMD, der Martin Schüler, als dieser zunächst nur das “Das Rheingold” machen wollte, bekniete, den ganzen „Ring“ zu machen, stand auch an diesem Abend wieder am Pult des Philharmonischen Orchesters des Staatstheaters Cottbus. Schon mit den Auftaktakkorden des Prologs wurde klar, dass es musikalisch ein guter Abend würde, und diese Erwartungen löste Christ mit seinen Musikern und stets äußerst engagierter Gestik, die sich unmittelbar in Musik umzusetzen schien, auch ein. Erstklassiges Blech, der Rezensent kann sich in jüngerer Vergangenheit kaum an eine „Götterdämmerung“ erinnern, in der die Hornrufe so gut gelangen, aber auch ein intensiver und wegen der Platzierung auf der Bühne sehr transparenter Streicherklang bei großartiger Dynamik in den dramatischen Passagen ergaben einen vorzüglichen Wagnerklang, der den großartigen sängerischen und schauspielerischen Leistungen auf Augenhöhe begegnete. Evan Christ hat mit diesem „Ring“ wohl sein Meisterstück abgelegt und sich für größere Aufgaben, durchaus auch ganz große, empfohlen. Er könnte einer dieser Garde aus guten Nachwuchsdirigenten im Wagner-Fach, wie A. Nelsons, C. Meister, P. Jordan und anderen, werden.

Die Rheintöchter mit dem Ring

Die Rheintöchter mit dem Ring

Es war ein Abend der emotionalen Superlative, und zu großen Teilen auch der sängerischen. Was Sabine Paßow und Marlene Lichtenberg, aber auch Gary Jankowski und Andreas Jäpel sowie Gesine Forberger hier vorgeführt haben, war wohl genau die Kunst Wagners, die er zu Lebzeiten auf der Bühne den SängerInnen einzubläuen versuchte und die es manchmal nicht schafften. Noch ein ganz großer Moment sei abschließend erwähnt: Als der stumme Wotan in Person des Regieassistenten Hauke Tesch an die Leiche Siegfrieds tritt und nach einem langen Blickaustausch mit seiner Tochter Brünnhilde dieser die Hand zur Versöhnung reicht und diese sie nach sichtbarem innerem Kampf ablehnt, zog sich schlicht das Herz zusammen! Da war nur noch bei Harry Kupfer 1988 so bewegend. Der Rezensent hat selten so intensives, emotional einnehmendes und dennoch so einfach verständliches Wagnertheater erlebt. Man muss es so sagen, Cottbus war und ist bei diesem „Ring“ große Wagner-Kunst gelungen und kommt mit der Ästhetik der Produktion sowie der Qualität ihrer Akteure der Idee von Wagners Gesamtkunstwerk sehr nahe. Und es war einmal mehr der Beweis, dass Wagner aus den Figuren heraus lebt und nicht von Regisseuren allein…

Fotos: Marlies Kross/Staatstheater Cottbus

Klaus Billand

Ring des Nibelungen