WIEN/Staatsoper: „Ring“-Zyklus 2 – "Götterdämmerung" - 5. Juni 2017

Musikalisch erstklassig, szenisch durchwachsen

Waltraute mit Brünnhilde 1. Aufzug

Waltraute mit Brünnhilde 1. Aufzug

Mit einer weit über Wiener Repertoireniveau hinaus gehenden „Götterdämmerung“ ging am Pfingstmontag auch der 2. Wiener „Ring“-Zyklus zu Ende und konnte, wie schon an den Abenden zuvor, mit erstklassigen Sängerleistungen aufwarten. Unter dem Baton von Altmeister Peter Schneider am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper wurde der musikalische Teil dieses Abends zu einem Erlebnis, auch wenn man die Wiener „Götterdämmerung“ schon mehrmals erlebt hat. Es war nun immerhin schon die 21. Aufführung der wegen vieler kleiner und größerer Mängel sowie Ungereimtheiten für den Wagnerfreund nicht zufriedenstellenden „Ring“-Produktion von Sven-Eric Bechtolf und seinem Bühnenbildner Rolf Glittenberg. Sie stammt ja bekanntlich noch aus dem Ende der Direktion Holender, läuft also nun auch schon über 10 Jahre.

Dabei ist die „Götterdämmerung“ der szenisch noch gelungenste Teil der vier Abende (Besprechungen der anderen drei weiter unten). Allerdings fängt der Prolog mit den Nornen gleich wenig überzeugend an. Man sieht ein Tannenwäldchen, das sich von vorn nach hinten immer mehr verdichtet, wobei sich unweigerlich die bestimmt nicht gewollte Assoziation zu einem Weihnachtsbaumverkaufsstand im Dezember aufdrängt – und das selbst bei hohen Außentemperaturen Anfang Juni. Die Nornen fummeln das weiße Runenseil relativ unmotiviert und schon gar nicht mystisch verklärt um ein paar Tännchen im Vordergrund. Wenn es reißt, zieht man einfach ein Ende aus dem Boden, und das war’s. Dabei hätten die drei mit dem weißen Seil auf dem schwarzen Grund zum Beispiel interessante Runen konfigurieren können, die zu ihrem Sang eine optische Entsprechung gewesen wären… Der Tannenwald mutiert sodann zum Brünnhildenstein und ist auch der playground für die Waltrauten-Szene sowie die letzte Szene des 1. Aufzugs – alles optisch eher bedürftig.

Fantasievoll gelungen ist hingegen die Erweckung Siegfrieds durch Brünnhilde im Vorspiel, in einer Art Umkehrung des 3. Aufzugs von „Siegfried“ – ebenso wie beide ihre Treueschwüre mit einer kleinen Flamme zelebrieren. Die Lichtregie von Rudolf Fischer hätte hier durch einige entschlossenere Akzente stimmungsverstärkend wirken können. Die Gibichungenhalle ist ebenfalls optisch anstandslos gelöst und lässt den Protagonisten viel Raum zur Aktion. Im Zentrum steht ein schwarzes, durch seine kreisförmige Rundung wie ein kleines Labyrinth wirkendes Ledersofa. Aus seiner Mitte steigt Siegfried auf und ist damit sogleich in diesem von Hagen dominierten Labyrinth gefangen. Was man Glittenberg zugutehalten muss ist, dass er wie wenige Bühnenbildner die ganze Bühnentiefe ausstaffiert. Dies kommt insbesondere im 2. Aufzug und speziell in der Mannenszene positiv zum Tragen, wo diese auf Hagens Ruf langsam an 18 grauen Stelen vorbei aus der Bühnentiefe nach vorne treten – ein starkes Bild! Der von Thomas Lang perfekt einstudierte Mannenchor (Chor und Extrachor der Wiener Staatsoper) setzt in diesem Bild durch eine gute Choreografie lebhafte Akzente. Die Ruderboote im 3. Aufzug mit dem Aufzug der Mannen um Hagen können ebenfalls gefallen. Weniger überzeugend ist hingegen das allzu bemühte Versteckspiel der Rheintöchter mit ihren Badekappen unter den Booten. Das kann man woanders viel besser und auch wenigstens einen Hauch erotischer sehen…

Ein finaler Höhepunkt, und vielleicht der dieses ganzen „Ring“, ist das wirklich einmal zur Aussage der Musik perfekt passende und besonders spektakulär in Szene gesetzte Feuer- und Wasserfinale des 3. Aufzugs. fettFilm haben hier ihr großes Können bewiesen, wie schon im Finale der „Walküre“. Wie es Wagner musikalisch vorgibt, brennt zunächst die Gibichungenhalle in einem sich zum Wirbel steigernden Feuersturm. Sodann tritt der Rhein über die Ufer – blaue Wasserfluten überströmen die Bühne zu den einen Moment Ruhe suggerierenden Klängen aus dem Orchestergraben. Dann kommt ein zweites Feuer, noch intensiver als das erste – nun brennt Walhall! Und dazu die großartige Idee, Wotan noch einmal mit den beiden Speerstücken aufsteigen zu lassen, bis er im nun alles verschlingenden Flammenwirbel verschwindet. Wie in der legendären Otto-Schenk-Inszenierung an der Met in New York bildet das Schlussbild zum Motiv des „… hehrsten Wunder“ der Sieglinde eine ruhige Wasserfläche, unter der die alte Welt verschwunden ist. Im Hintergrund gewahrt man ein sich in den Armen liegendes junges Pärchen – die Zukunft. Dieses Finale kann wohl niemanden kalt lassen, und man muss sich fragen, warum das Regieteam nicht auch an den anderen Abenden zu solch schlüssigen und ebenso beeindruckenden wie einleuchtenden Bildern gefunden hat. Offenbar scheint in Wien die Möglichkeit späteren Nacharbeitens, also szenischer Korrekturen im Sinne des mit Bayreuth einstmals verbundenen Werkstattgedankens nicht gegeben. Oder die Regisseure lassen Änderungen auch wider bessere Einsicht nicht zu… Wer weiß?!

Siegfried mit den Rheintöchtern 3. Aufzug

Siegfried mit den Rheintöchtern 3. Aufzug

Das Sängerensemble war durch die Bank exzellent, ja auf Weltklasseniveau. Es begann schon mit den stimmlichen Leistungen der drei Nornen, Monika Bohinec, Stephanie Houtzeel und Caroline Wenborne. Ein solches Terzett muss man auch an großen Häusern lange suchen. Stefan Vinke sang wieder einen überragenden Siegfried ohne jede Ermüdungserscheinung bis zum letzten Takt. Er verkörpert die Rolle mit hoher Authentizität, in seinem Gebaren, der Mimik, und nicht zuletzt indem er selbst in den so schwierigen Waldvogel-Erzählungen im 3. Aufzug noch zu einem nuancenreichen Vortrag findet. Niemand auf dieser Welt macht derzeit Vinke die Steilklippe des hohen Cs in der Begrüßungsszene der Mannen im 3. Aufzug nach. Er hält nicht nur das „Hoihe“ so lange an, dass man fast die Schuhsohlen wechseln könnte, sondern moduliert die beiden Silben auch noch eindrucksvoll. Zuvor hatte Vinke schon das kurze hohe C am Ende des 2. Aufzugs auf „Mute“ mühelos gesungen, was bei den meisten Rollenvertretern, auch den wirklich guten, selten, wenn überhaupt, zu hören ist. Petra Lang war auch an diesem Abend wieder eine fulminante Brünnhilde, die in der Anklageszene des 2. Aufzugs über sich hinaus zu wachsen schien. Durch ihre spezielle Gesangstechnik, die ihr große Sicherheit in allen Lagen verschafft, kommt die Diktion manchmal etwas zu kurz. Dafür vermag sie ihre Aussage intensiv mit ihrer Mimik zu unterlegen, was ihr eine durchgängig starke Bühnenpräsenz sichert. Man erinnerte sich im 2. Aufzug oft an ihre großartige Ortrud. Falk Struckmann ist als mittlerweile erstklassiger Hagen der dritte in diesem Bunde. Er hat den Fachwechsel vom Bassbariton zum Bass offenbar bestens gemeistert. Struckmann strahlt durch seinen darstellerischen Ausdruck eine solche Finster- und Boshaftigkeit aus und kann dazu seinen Bass so facettenreichen einsetzen, dass er auch an diesem Abend der klare Strippenzieher am Untergang Siegfrieds war. Eine wirklich beeindruckende Leistung!

Brünnhildes Schlussgesang 3. Aufzug

Brünnhildes Schlussgesang 3. Aufzug

Jochen Schmeckenbecher als Alberich konnte mit seiner klangschön und perfekt geführten Stimme ebenso überzeugen wie mit seinem intensiven Eindringen auf Hagen, beiden die Weltherrschaft zu erobern. Waltraut Meier ist als Waltraute schon so etwas wie eine Kultbesetzung und stellt allein durch ihre starke Bühnenpräsenz eine Autorität in dieser Rolle dar. Da ist es dann auch nicht mehr von Bedeutung, wenn nicht alle klanglichen Facetten dieser so interessanten Rolle ausgelotet werden. Was hier zählt, ist die sowohl darstellerische wie stimmliche und damit musikalische Intensität, mit der sie Brünnhilde beschwört, den Ring den Rheintöchtern zurück zu geben. Die Staatsoper konnte an diesem Abend auch ein erstklassiges Gibichungenpaar aufbieten. Regine Hangler sang eine kristallklare und mit großer Leuchtkraft ihres gut geführten Soprans ausgestattete Gutrune. Markus Eiche brillierte als prägnant und mit bester Diktion singender Gunther. Er interpretierte die relativ kleine und eigentlich etwas undankbare Rolle mit viel darstellerischem Ausdruck. Ähnlich wie das Nornenterzett hatte auch das Rheintöchter-Terzett erstklassiges stimmliches Niveau, und man merkte den dreien (Ileana Tonca als Woglinde; Stephanie Houtzeel als Wellgunde und Zoryana Kushpler als Flosshilde) die große Erfahrung in diesen Partien an.

Und last but by all means not least zu Maestro Peter Schneider am Pult des Orchesters. Schon wie an den Abenden zuvor legte er offenbar großen Wert auf eine analytische und dem Wagnerschen Erzählduktus folgende musikalische Interpretation, die von ebenso großer Intensität wie Emotionalität gekennzeichnet war. Zu keinem Zeitpunkt gab es an diesem Abend einen musikalischen Tiefpunkt, auch nicht bei 4 Stunden und 36 Minuten Gesamtlänge… Stets war aus dem Graben ein hohes Maß an Spannung zu vernehmen, insbesondere auch bei den Orchesterzwischenspielen wie „Siegfrieds Rheinfahrt“, dem Trauermarsch, dem Vorspiel zum 2. Aufzug und dem grandiosen Finale, in die Schneider beeindruckende Steigerungen einzubauen wusste. Es kam hinzu, dass er den Kontakt zu den Sängern und Sängerinnen durch äußerst exakte Einsätze sicher stellte und es somit große Harmonie zwischen dem Geschehen und dem Graben gab. Welch langjährige Erfahrung konnte dieser exzellente Kapellmeister vom „alten“ Stil auch an diesem Abend wieder unter Beweis stellen! Soll das wirklich sein letzter „Ring“ in Wien gewesen sein?! Man kann sich jedenfalls schon auf seine baldige „Salome“ an der Staatsoper freuen.

Als Fazit zu diesem 2. „Ring“-Zyklus im Haus am Ring ist zu sagen, dass er musikalisch von einem der Wiener Staatsoper mehr als entsprechendem Niveau war. Er hätte sich allerdings eine bessere und zumal in den Details kompetentere szenische Umsetzung verdient gehabt.

Fotos: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Klaus Billand

Ring des Nibelungen