WIEN/Staatsoper: „Ring“-Zyklus 2 - „Siegfried“ – 28. Mai 2017

Erstklassige Sängerleistungen in langweiligem Ambiente

Mime Wolfgang Ablinger-Sperrhacke 1. Aufzug

Mime Wolfgang Ablinger-Sperrhacke 1. Aufzug

Was Stefan Vinke als Siegfried und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Mime im 1. Aufzug des 2. Wiener „Siegfried“ der laufenden Saison an stimmlichem und schauspielerischem Feuerwerk im 1. Aufzug entfalten, sucht seinesgleichen und reicht eigentlich für eine ganze Oper, ja vielleicht sogar einen ganzen Abend des „Ring des Nibelungen“! Dieser 1. Aufzug sprühte vor Emotionalität beider, die darstellerisch wie sängerisch auf Augenhöhe agierten, wobei es Stefan Vinke bei den Schmiedeliedern zu einer konditionellen und sängerischen Höchstleistung brachte. Er scheint als Siegfried noch stärker geworden zu sein als zuvor und dürfte zusammen mit Stephen Gould nun mit Abstand der beste Rollenvertreter sein. Bei ihm passt einfach alles zusammen, die Bewegung, die Mimik, das Eingehen auf seine Mitsänger und -sängerinnen, so auch mit Petra Lang im 3. Aufzug. Auch hier hatte Vinke noch beachtliche stimmliche Reserven aufzubieten. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke ist wohl ebenfalls einer der besten Mime unserer Tage. Mit seinem kraftvollen Charaktertenor und einem glaubwürdigen sowie nie manierierten Spiel zeichnete er ein starkes Rollenporträt von Siegfrieds Ziehvater.

Der Wanderer von Johannes Thomas Mayer, der an diesem Abend sein Rollendebüt an der Wiener Staatsoper gab, passte mit seinem souverän-eleganten Auftritt, der viel Göttliches an sich hatte, als Kontrapunkt bestens zu diesen beiden. Er konnte die Ansprüche, aber auch die Frustrationen des Wanderers in der Wissenswette eindringlich darstellen. Gerade im „Siegfried“ kommt Mayer sein kantabler Heldenbariton für den bisweilen liedhaften Gesang in diesem Stück zugute. Bei bester Diktion und guter Nuancierung sang er die Rolle klangvoll und mit seinen bewährten starken Höhen. Bei seinem Zwiegespräch mit dem wieder einmal großartig singenden Alberich von Jochen Schmeckenbecher im 2. Aufzug legte er auch dezente Komik an den Tag. Voller Verzweiflung im stimmlichen und mimischen Ausdruck geriet sein finaler Dialog mit Erda, der noch intensiver hätte ausfallen können, wenn er sich dabei in höchst entbehrlicher Form nicht als Bauarbeiter hätte ausgeben müssen… Aber zur Produktion später mehr.

Petra Lang sang die Brünnhilde diesmal souveräner und überzeugender als im ersten Durchgang dieses „Ring“ von ein paar Wochen. Sie gestaltete die Rolle mit viel Emphase in ihren Gedanken an die verlorene Gottheit sowie in ihrer darauf folgenden Annäherung an Siegfried. Alle Spitzentöne dieser für einen Mezzosopran nach dem gerade erst erfolgten Fachwechsel ja doch recht hoch liegenden „Siegfried“-Brünnhilde saßen perfekt, das finale hohe C konnte sie gar beachtlich lange halten. Okka von der Damerau sang wieder eine sonore und in der Tat urweise wirkende Erda mit wohl klingendem Mezzo, der an die Tiefen der legendären Marga Höffgen heran reicht. Sorin Coliban war mit seinem dunklen Bass ein überzeugender Fafner, der allerdings aus der „Höhle“ viel zu leise klang, eine der vielen Schlampereien dieser Repertoire-Inszenierung – der Terminus “Inszenierung” allein wäre hier des Lobes zu viel. Hila Fahima sang den Waldvogel mit anmutigen Tönen aus dem Off. Insgesamt konnten wir also wieder ein erstklassiges Sängerensemble erleben.

Erstklassig, da aus unglaublich langer Erfahrung entstanden, geriet – und wer hätte etwas anderes erwartet – die musikalische Seite dieses Abends, aus den bewährten Händen von Peter Schneider. Wieder legte er großen Wert auf eine analytische und einem erzählenden Duktus folgende Interpretation, die trotz gemäßigter Tempi immer spannungsvoll war und in enger Beziehung zum Geschehen auf der Bühne stand. Aus der Galerie war es beeindruckend zu sehen, wie gut Schneider die Sänger führt. Sein Dirigat machte diesen „Siegfried“ wie schon zuvor „Das Rheingold“ und „Die Walküre“ musikalisch zu Aufführungen aus einem Guss.

Alles andere als aus einem Guss, denn der Ärgernisse sind einfach zu viele, gerät der szenische Eindruck (Sven-Eric Bechtolf Regie und Rolf Glittenberg Bühnenbild). Dabei ist der 1. Aufzug noch der beste, obwohl nicht jedem einleuchten dürfte, warum Mime gleich 12 Schmieden in seiner „Höhle“ haben muss. Die unterschiedliche technische Bestückung der Pulte deutet immerhin auf ein frühheidnisches Arbeitsteilungskonzept hin…

Siegfried Stefan Vinke 2. Aufzug

Siegfried Stefan Vinke 2. Aufzug

Dann geht es aber los im 2. Aufzug, den ich gern den „Rucksack-Aufzug“ nennen möchte. Alle Akteure laufen hier mit mehr oder weniger großen Rucksäcken herum, auch der Wanderer. Warum hat er aber im 1. Aufzug keinen Rucksack?! Richtig, weil die diversen Sitzgelegenheiten in Mimes Schmiede einen solchen überflüssig machen. Denn die Rucksäcke Mimes und des Wanderers im 2. Aufzug sind als ideales Sitzkissen für die Protagonisten konzipiert. Inhalte spielen bis auf ein albernes Dreieckszelt, das kaum einer Person Schutz bietet, keine Rolle. Glittenberg wird dabei auch zum Opfer seines für boreale Verhältnisse viel zu mondänen Bühnenbodens – erst zwei, dann einige weitere flache Bühnenstufen, alles Grau in Grau. Dazu passen die lieblos hier und da drapierten hellbraunen Schilfbüschel wie die Faust aufs Auge. Wenn schon mondän, dann bitte durchgehend! Aber das war schon wegen der fluchtartig die Wände hinauf stürmenden Wildtiere nicht möglich. Dabei muss man nicht einmal ein Kenner der nordischen Fauna sein, um festzustellen, dass Gazellen in diesen Breitengraden nicht vorkommen. Man hätte es doch auch ohne Referenz an die Tropen bei den stattlichen Wildschweinen, den Gämsen und Füchsen belassen können – oder zugunsten einer anderen Bühnenbildidee – besser noch – alle weglassen können. Denn wir sehen hier nichts anderes als die Hinterwand von Mimes Schmiede – befinden uns also in einem Einheitsbühnenbild, und das bei einer 30minütigen Pause…. Man war sich offenbar auch zu schade, die Luftklappen mit den Ventilatoren aus Mimes Bühnenwand abzudecken – das wäre doch das Mindeste gewesen! Was sollen die in Fafners „Urwald“?!

Verstörend auch, dass Mime, nachdem er von Siegfried erstochen wurde, nach schnell einige Sätze zum Bühnenhintergrund macht, um dem Kollegen das Schleppen auf den Aufzug zur Entsorgung nach unten abzukürzen. Was für ein Mangel an Authentizität! Ferner sieht man von der Galerie, dass, sobald Fafner mit seinem langen blutigen Schlangengewand im Rohr verschwunden ist, ein Bühnenhelfer Siegfried ein anderes Gewand anreicht, freilich nun ohne jede Blutspuren! Es sind genau diese Dinge, die ich als Lieblosigkeit oder Gedankenlosigkeit, ja gar Schlamperei einer allzu weitgehend auf Repertoiretauglichkeit ausgerichteten Produktion bezeichnen möchte. Im 2. Aufzug ist allein die optische Darstellung des „Drachen“ als das hellgrüne Auge einer Echse oder Schlange gelungen, sowie der mystische Anblick des flatternden Waldvogels im nebligen Hintergrund. Hier gab es endlich auch einmal ein paar Farbtupfer in einer ansonsten selten einfallslosen und langweilenden Lichtregie.

Zu allem Überfluss kommt Mimes Wand, weiterhin mit den Ventilatoren, als Hintergrund des 3. Aufzuges wieder. Sie ist in der Wandererszene aber noch von einer Wand aus Glasbausteinen bedeckt (Fertighaus- bzw. Garagenassoziation). Seitlich haben sich völlig unpassend erneut einige von den Brie- bzw. Camembertscheiben (Felsenstücke sein wollend…) eingeschlichen, wohl als optische Kontinuität zum Walkürenfelsen, auf dem die Schlachtmaid ja zur Ruhe gebettet wurde. Aber ha! genau da gab es – glücklicherweise – einmal gar keine Brie- bzw. Camembertscheiben, es standen nur neun Pferde unartikuliert in der Gegend herum… Dies zeigt einmal mehr wie gedanken- und zusammenhanglos die Bechtolf/Glittenbergsche Regiekonzeption bisweilen ist.

Der traurige szenische Höhepunkt des 3. Aufzuges, ja vielleicht des ganzen Abends sind aber die Wanderer/Erda-Szene und die darauf folgende Wanderer/Siegfried-Szene. In einem effektvoll wirkenden weißen Gewand – allgemeine Lichtblicke sind die Kostüme von Marianne Glittenberg – taucht Erda aus einem wenige Minuten später ihr Grab werdenden Loch auf und verschwindet darin Minuten bevor der Wanderer sie tatsächlich zu ewigem Schlaf hinab wünscht. Bei ihrem Wandeln um das Grab kommt immer wieder diese entbehrliche Bauarbeiterschippe in Konflikt mit ihrem Gewand. Mit ihr muss der Wanderer dann das Grab zuschaufeln, welches später auch sein eigenes werden soll – denn nach Siegfrieds Speerschlag wird er von der Bühnentechnik beschwingt nach unten entsorgt. Dieser Speerschlag allerdings kann nur als Totalflop bezeichnet werden. Die Wiener Staatsoper ist wohl das einzige Haus in Europa, dass es nicht schafft, Siegfried den Speer seines Großvaters tatsächlich durchhauen zu lassen. Nun ist dieser hier immerhin aus Metall, gut. Aber genau da lässt sich vorzüglich ein Verriegelungsmechanismus einbauen. Was passiert aber hier: Siegfried schlägt auf die Mitte des ihm vom Wanderer beidhändig entgegen gehaltenen Speers. Es passiert nichts, sodass der Wanderer ihn intakt in die Grube wirft und behäbig und sorgsam – wie aus einem Werkzeugkasten – zwei Speeresstücke hervor kramt und sie Siegfried zeigt. Schlimmer, ja wenn man will, stümperhafter geht es kaum noch. Unglücklicherweise schaffte es der Speer bei dem Wiener Rollenneuling Mayer nicht gleich ganz in die Grube, sondern blieb an deren Rand hängen. So konnte jeder im Haus die Unzulänglichkeit dieser szenischen „Lösung“ bestaunen. Das sollte man doch in der Lage sein, im kommenden Jahr besser zu machen. Aber diese Produktion scheint schon lange nicht mehr betreut zu werden, das merkte man auch an diesem Abend wieder an allen Ecken und Enden.

Wer immer der nächste Staatsoperndirektor sein wird, ob mit oder ohne Doktorarbeit, der möge sich doch bitte um eine neue und hoffentlich gewagtere, einfallsreichere und das Wiener sowie auch das Touristenpublikum ernster nehmende Inszenierung von Wagners opus magnum kümmern…

Klaus Billand

Fotos: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Ring des Nibelungen