WUHAN/China: „Die Walküre“ – NI am 9. November 2014

Die erste rein chinesische Walküre!

Qintai Theatre

Qintai Theatre

Im November fand das „Second China Opera Festival“ mehrerer Opera Companies in der südostchinesischen Provinzmetropole Wuhan statt, die am bereits hier riesige Ausmaße aufweisenden Jangtse liegt und mit etwa 10 Millionen Einwohnern um ein Viertel mehr als ganz Österreich sowie die dreifache Einwohnerzahl Berlins aufweist. Das China National Opera House in Peking gastierte mit seiner Neuproduktion der „Walküre“ von Richard Wagner, der ersten rein chinesischen „Ring“-Produktion, nachdem die Tetralogie erst zweimal im Land gezeigt wurde: Von der Oper Nürnberg in Peking mit der Produktion von Stephen Lawless und der Oper Köln in Shanghai mit der Inszenierung von Robert Carsen aus Anlass der EXPO 2010.

Saal des Qintai Theatre

Saal des Qintai Theatre

Maestro Feng Yu, der der erst im September das Abschlusskonzert der Competizione dell’Opera in Linz im Rahmen des Brucknerfestes 2014 dirigiert hatte, ist Initiator und musikalischer Mentor dieses ersten chinesischen „Ring des Nibelungen“. Er begann mit dem „Siegfried“ im Vorjahr, „Die Walküre“ folgte bald darauf, ebenfalls in Peking. Regisseur Wang Hu Quan wollte zusammen mit Yu, wie sich aus einem Gespräch nach der Aufführung ergab – wohl auch aus Respekt vor dem Genie Richard Wagner – diese „Ring“-Inszenierung nicht mit Deutungsversuchen jeglicher Couleur befrachten. Mann sollte dabei auch bedenken, dass Wagner in China noch keine Tradition hat und man das Publikum behutsam an seine Werke heranführen muss und offenbar auch möchte. So wählte man ein völlig traditionalistisches und den Anweisungen Wagners eng folgendes Regiekonzept.

2. Aufzug: Hunding tötet SIegmund

2. Aufzug: Hunding tötet SIegmund

Das chinesische, aber europäisch wirkende Regiekonzept konnte gleichwohl durch die Eindruckskraft der Bühnenbilder von Ma Lian Qin und die Lichtregie von Xin Xin auf der Riesenbühne der hypermodernen Qintai Theatre mit etwa 1.800 Plätzen am Ufer des Hanjiang River optisch und auch dramaturgisch beeindrucken. Die Produktion ähnelt jener von Otto Schenk an der Met und der von Speight Jenkins in Seattle, die beide bei großen Wagnerkreisen, denen die sog. Werktreue am Herzen liegt, über viele Jahre enormen Zuspruch fanden.

2. Aufzug: Wotan und Fricka

2. Aufzug: Wotan und Fricka

Lediglich bei den Kostümen von Wang Yu Kuan, die insbesondere bei Wotan, der wie ein ergrauter König aus dem europäischen Mittelalter mit dem für die klassische China Opera unerlässlichen Rauschebart (Maske Gao Jan Xin) und dort ähnlich gestaltetem Kostüm gezeigt wurde, hätte man sich eine etwas zeitgemäßere Ästhetik gewünscht. Aber auch in Bayreuth gibt es ja wieder einen Rauschebart bei Wotan, dort allerdings ebenso unpassend… Immerhin klangen bei den Kostümen der Walküren auch gewisse chinesische Elemente an. Die Personenregie hätte durchaus intensiver sein können, was die Dramaturgie in den großen Bühnenräumen, die hier mit zahlreichen plastischen Bühnenbildelementen ausgestattet wurden, lebhafter gestaltet hätte.

Du Xuan, Konzertmeister

Du Xuan, Konzertmeister

Einen noch größeren Eindruck als die Inszenierung selbst machten aber das Orchester des China National Opera House unter der Leitung seines GMD Feng Yu und mit dem noch jungen und hochbegabten 1. Konzertmeister Du Xuan, sowie das Sänger-Ensemble, welches fast vollständig am Pekinger Zentralkonservatorium ausgebildet wurde und das in dieser Produktion der „Walküre“ ausnahmslos Rollendebuts absolvierte.

Brünnhilde Wang Wei

Brünnhilde Wang Wei

Man hörte mit der in China sehr bekannten Wang Wei eine Brünnhilde, die mit ihren frühen Vierzigern mit dieser stimmlichen Qualität auch in Europa viel zu tun bekäme und an die junge Gwyneth Jones erinnerte. Schon ihr „Hojotoho“ war beeindruckend in Dynamik und Höhensicherheit. Im weiteren Verlauf konnte sie die zentrale Rolle mit sehr guter Technik und viel Empathie gestalten. Hier und da war trotz allgemein guter Diktion das Deutsch natürlich noch verbesserungsfähig. Das galt auch für andere Protagonisten, insbesondere für die an diesem Abend ihr Rollendebut als Sieglinde gebende Shen Na. Sie ließ bei großer darstellerischer und mimischer Intensität mit einem farbigen, jugendlich dramatischen Sopran aufhorchen, der allerdings ein bereits gut hörbares Vibrato aufweist. Hier wäre technisch noch etwas zu machen. Aber eine Sieglinde war Na allemal.

Wotan Yu Jing Ren nach der Aufführung

Wotan Yu Jing Ren nach der Aufführung

Der erst 35jährige Siegmund von Lin Yi Ran – er sang die Rolle erst zum fünften Mal – beeindruckte mit erstaunlicher Höhensicherheit, einem baritonal-virilen Siegmund-Timbre und sehr gutem Deutsch, sowie großer Spielfreude. Mit seinem „Schwester! Geliebte!“ ließ er auch eine gute Legato-Kultur anklingen. Der erst 33jährige Yu Jing Ren teilte sich die Rolle des Wotan – es war erst sein sechster – mit einem vornehmlich lyrischen Stimmansatz geschickt ein und kam damit sowohl in der Höhe wie den tieferen Lagen bestens zu Recht. Er bestach auch durch seine gute Diktion und weitgehend fehlerfreie deutsche Aussprache. Yi Ran und Jing Ren haben bis heute mit Deng Ying Zhao denselben Lehrer, und sie begannen ihre Karriere erst um das Jahr 2000! Dafür waren die gezeigten Leistungen ganz beachtlich.

2. Aufzug: Wotan und Brünnhilde

2. Aufzug: Wotan und Brünnhilde

Ein weiterer Pluspunkt war die Mezzosopranistin Wa Hong als Fricka, die zwar etwas zu zurückhaltend agierte, aber mit ihrem nicht allzu großen Mezzo den entscheidenden Dialog mit Wotan im 2. Aufzug überzeugend gestaltete. Der Hunding vom Tian Hao fiel mit seinem relativ farblosen Bass und etwas zu wenig Tiefe gegen die übrigen Protagonisten ab, war dem Wälsungenpaar aber dennoch ein ausdrucksstarker Gegner. Die Kampfszene, bekanntlich immer etwas problematisch zu inszenieren, gelang mit Hao und Yi Ran in Wuhan sehr aufregend. Im Sterben erkennt auch hier Siegmund seinen Vater- ein starker Moment, der auch beim Publikum große Wirkung erzielte.

3. Aufzug: Brünnhilde, Sieglinde und die Walküren

3. Aufzug: Brünnhilde, Sieglinde und die Walküren

GMD Feng Yu konnte mit dem großen Orchester (u.a. neun Celli, acht Kontrabässe und ansonsten voller Streichersatz) für einen über weite Stecken beeindruckenden Wagner-Klang sorgen. Besonders gut und dynamisch intensiv gelangen die Vorspiele zum 1. und 2. Aufzug sowie der Walküren-Ritt, bei dem es auch auf der Bühne einiges zu sehen und zu hören gab.

Schlussapplaus mit Regisseur und Dirigent

Schlussapplaus mit Regisseur und Dirigent

Die acht Walküren Li Jingjing, Guo Chengcheng, Mo Shuang, Zhang Yan, Niu Shasha, Zheng Jing, Hao Fei und Sun Xueman waren ausnahmslos gut besetzt und somit nicht nur im Ensemble, sondern auch in den Einzelstimmen beeindruckender als man es bisweilen in Europa erleben kann. Im 2. Aufzug geriet einiges etwas zu gedehnt. Yu ließ aber wohl ganz bewusst ein gewisses, zur Optik passendes Pathos zu, was sich im bewegenden Feuerzauber als stimmig erwies. Das zu großen Teilen junge Publikum war so angetan, dass es bei allen drei Aufzügen begeistert in die Schlusstakte hinein applaudierte.

Brünnhilde Wang Wei nach der Vorstellung

Brünnhilde Wang Wei nach der Vorstellung

Die erste chinesische „Walküre“ in rein chinesischer Sängerbesetzung und mit einem chinesischen Orchester offenbarte manch positive Überraschung. Das Riesenreich der Mitte – der Vergangenheit und wohl auch – der Zukunft ist nun auch in Sachen Wagner offenbar auf einem guten Weg…

Maestro Yu Feng und KB nach der Vorstellung

Maestro Yu Feng und KB nach der Vorstellung

Fotos 3-4, 6, 8-9: Fei Bin
Alle anderen: Klaus Billand

Klaus Billand

Ring des Nibelungen