BAYREUTH/Festspiele: „Tristan und Isolde“ - Premiere 25. Juli 2015

Eine Liebe ohne jede Chance…

Bayreuther Festspielhaus

Bayreuther Festspielhaus

Mit großer Spannung wurde diese zweite Inszenierung der Festspielleiterin Katharina Wagner in Bayreuth erwartet, gesteigert noch durch eine nicht öffentliche Generalprobe. Gegenüber ihrer „Meistersinger”Inszenierung des Jahres 2007 hielt sich Katharina Wagner mit ihrem Dramaturgen Daniel Weber diesmal jedoch mit der Unkonventionalität ihres Regiekonzepts auffällig stark zurück, auch wenn einige bisher ungewohnte Szenen und Einfälle zu registrieren waren. So sehen wir im 1. Aufzug, der in einem den ganzen Bühnenraum ausfüllenden grauen Stahlgerüst (Bühnenbild Frank Philipp Schlößmann und Matthias Lippert) mit Auf und Abstiegen, Aufzügen und Treppen, die ins Nichts führen, dass die Liebe zwischen Tristan und Isolde schon lange währt. Der Liebestrank wird ausgeschüttet, statt getrunken – man liebt sich ja eh schon. Wahrscheinlich entledigt sich das Paar vielmehr durch den auf beider Hände ausgeschütteten Todestrank aller Hemmungen für die gemeinsame Liebe im hier stärker als sonst gezeigten feindlichen Umfeld.

Düstres Gewölk...

Düstres Gewölk...

Ihre Liebe hat aber nicht nur angesichts des keinen Ausweg bietenden Labyrinths des 1. Aufzugs mit teilweise starken Bildern in K. Wagners Produktion nicht die geringste Chance auf Verwirklichung – nicht einmal im Tode, wie es Wagner eigentlich wollte. Denn König Marke (Hervorragend Georg Zeppenfeld) und seine Entourage beobachten das Paar als Gefangene mit Brangäne (Kraftvoll Christa Mayer) und Kurwenal in ihrem ausweglosen Gefängnis ununterbrochen im 2. Aufzug wie DDR-Grenzer die Berliner Mauer. K. Wagner und Daniel Weber begründen die ablehnende und verständnislose Haltung des Königs mit – und melden deshalb auch Zweifel an der Echtheit seiner im Monolog gesungen „balsamischen“ Worte – der durch die Provokation ihrer vor ihm offen zu Schau gestellten Liebe und dass beide nicht einmal selbst wagen, auf seine Selbstlosigkeit und Güte zu hoffen. Der „König“ und seine Schergen führen konsequenterweise ein arges Regiment gegen die beiden Liebenden bis hin zur Freigabe des Abstichs Tristans mit verbundenen Augen von hinten durch Melot (Klangvoll Raimund Nolte).

Nachdem dem siechen Tristan im zunächst völlig dunkel vernebelten 3. Aufzug (Licht: Reinhard Traub) in visuellen Dreiecken immer wieder Isolde-Darstellungen verschiedenster Assoziationen in stets blauen Kostümen (Meist geschmacksicher: Thomas Kaiser) erscheinen, ist das nach dem bis dahin Erlebten kommende Ende zwar überraschend, aber dramaturgisch nachvollziehbar: König Marke zieht Isolde, die gerade den Liebestod zu Ende gesungen hat, mit einiger Gewalt vom toten Tristan fort – der König bekommt mit aller den Abend zur schau gestellten martialischen Hartnäckigkeit am Ende doch noch seine Braut. Und diese sträubt sich nicht einmal besonders dagegen! Mit dem, was Wagners Musik dazu sagt, ebenso in den beiden anderen Aufzügen, hat das freilich wenig bis gar nichts zu tun. Unter anderem dient der Regisseurin eine Schrift von Stephan Stengel mit dem Titel „Liebe und Partnerwahl in der Moderne: zwischen Natur und Sozialität“, von 2006 zusammen mit im Programmheft nachzulesenden Aussagen und Überlegungen weiterer Autoren und Dichter zu den Gefahren absoluter Liebe etc. als maßgebliche intellektuelle Unterlage für ihr bisweilen überintellektualisiertes und von jeder auch noch so fein dimensionierten Romantik gnadenlos abstrahierendes Regiekonzept.

Abendlich strahlt der Sonne Auge...

Abendlich strahlt der Sonne Auge...

Ganz herausragend an diesem Abend, und so war es auch schon vor wenigen Monaten in Zürich, war Stephen Gould als Tristan. Evelyn Herlitzius überzeugte einmal mehr vor allem mit einer unglaublich intensiven Darstellung des in dieser Inszenierung sehr komplexen Rollenbildes der Isolde. Und Iain Paterson, erst vor kurzem äußerst erfolgreich als Hans Sachs an der ENO London auftrat, war ein klangschön singender und sehr emphatisch agierender Kurwenal. Der Chor folgte der bewährten Leitung von Eberhard Friedrich.

Christian Thielemann am Pult des Festspielorchesters sorgte einmal mehr für große und fein differenzierende musikalische Qualität. Eindruckvoll gelangen ihm die Steigerungen, gleich schon im Vorspiel und dann berückte das Klangbild in den feinsten Verästelungen der Piano-Phasen. Thielemann wurde mit dem Bayreuther Festspielorchester einmal mehr zum Garant eines großartigen musikalischen Erlebnisses. Starker Applaus für alle Akteure vom Premierenpublikum, bis auf einige wenige Buhrufe für den Dirigenten.

Fotos: Klaus Billand

Klaus Billand