BERLIN/Staatsoper im Schiller-Theater: „Tristan und Isolde“ - 11. und 26. Oktober 2014

Ein Schwanengesang…

Schillertheater

Schillertheater

Seit dem Sommer kann man Daniel Barenboim mit Aufführungen von Richard Wagners opus summum, „Tristan und Isolde“ beobachten, und zwar mit zwei lang bewährten Interpreten der Hauptrollen, Waltraud Meier und Peter Seiffert. Es begann im argentinischen Winter/hierzulande Sommer mit dem 2. Aufzug konzertant am Teatro Colón in Buenos Aires und setzte gegen Ende August bei den Salzburger Festspielen mit einem sog. „Projekt Tristan“ ebenfalls mit dem konzertanten 2. Aufzug fort. Bis heute bleibt unklar, warum das ein „Projekt“ gewesen sein soll. Claudio Abbado führte vor einigen Jahren ebenfalls den 2. Aufzug des „Tristan“ beim Sommerfestival in Lausanne schlicht und einfach „konzertant“ auf. Auf ewig wird wohl auch unverständlich bleiben, warum Daniel Barenboim in Salzburg die Sänger im Großen Festspielhaus hinter dem Orchester platzierte und damit die vokale Seite des „Projekts“ – der Rezensent besuchte auch diese Aufführung – signifikant ins Hintertreffen brachte, was allerdings sich schon damals andeutende stimmliche Defizite der beiden Protagonisten weniger bewusst hervor treten ließ. Wann immer Opern im Großen Festspielhaus konzertant gegeben wurden, standen die Sänger vor dem Orchester, zuletzt beispielsweise 2013 bei Walter Braunfels’ „Szenen aus dem Leben der heiligen Johanna“ und 2014 bei Donizettis „La Favorite“. Sollte da vielleicht ein Primat des Orchesters über die Sänger manifestiert werden?! Es deckte die Sänger in der Tat mehrmals signifikant zu.

Lindenoper im Umbau

Lindenoper im Umbau

Seit Oktober gibt es nun eine Serie szenischer Aufführungen des „Tristan“ in der Inszenierung von Harry Kupfer aus dem April 2000 an der Staatsoper Berlin, die derzeit und wohl noch lange im Schillertheater spielen wird müssen, wenn man sich heute die Baustelle der Lindenoper ansieht… Nun konnte man also klar erkennen, wo Waltraud Meier und Peter Seiffert mit diesen Rollen stehen, die bekanntlich mit die größten Herausforderungen der Opernliteratur stellen.

Lindenoper im Oktober 2014

Lindenoper im Oktober 2014

Und da ist es nicht mehr zum Besten bestellt. Waltraud Meier hat über lange Jahre mit einem ganz anderen Stil als weiland die große schwedische Sopranistin Birgit Nilsson die Isolde geprägt. Anders auch, weil sie sie als Mezzosopranistin sang und weiterhin singt. Nur allzu gern erinnert man sich an ihre Interpretation in der großartigen Bayreuther Inszenierung von Heiner Müller mit Siegfried Jerusalem, als am Grünen Hügel noch wirklich ernst zu nehmendes Wagnersches Musiktheater im Sinne des Gesamtkunstwerk-Begriffs des Bayreuther Meisters gemacht wurde. Ungern erinnert man sich auch an jenen Moment, als Wolfgang Wagner Waltraud Meier die Isolde in Bayreuth nicht mehr singen ließ, weil sich die Probenarbeit im damaligen Festspielsommer nicht mit ihren Auftritten bei den Münchner Opernfestspielen vereinbaren ließ. Das war ein herber Verlust für den Grünen Hügel, der damals auch auf weites Unverständnis stieß.

Neue Saalakustik Lindenoper

Neue Saalakustik Lindenoper

Auch heute noch vermag Meier wie wohl keine andere die Isolde mit einer mimischen Intensität und darstellerischen Authentizität zu spielen, die auch an diesen beiden Abenden in Berlin das Publikum erneut zu Beifallsstürmen hinrissen. Unvergleichlich und charakteristisch für Ihre aus vielen heraus zu hörende Stimme sind das charaktervolle Melos ihrer Tiefe und die damit verbundene Ausdruckskraft, sowie ihre weiterhin wohlklingende Mittellage. Was die Isolde in ihrer Ganzheit betrifft, aber ist der Star nun dennoch hörbar in die Jahre gekommen. Und es ist keineswegs damit abgetan, wie manche Rezensenten – vielleicht aus einer gewissen Ehrfurcht – verständnisvoll kommentieren, dass Meier die unzureichende Wiedergabe der beiden hohen Cs im 1. Aufzug nachzusehen sei. Auch eine „Walküre“-Brünnhilde, die das „Hojotoho“ nicht ganz schafft, aber ansonsten auf der Höhe der stimmlichen Anforderungen singt, wie sie in der Partitur stehen, ist deswegen noch keine schlechte Walküre. Man muss aber auch sagen dürfen, dass der Komponist Wagner schon gewusst hat, warum er diese Noten so komponiert hat. Es wird einem sofort klar, wenn man den jeweils dazu gehörigen Text studiert und in den relevanten Kontext stellt. So sollte es durchaus auch gesungen werden, das verlangt allein schon der Respekt vor der Rolle.

Waltraud Meier

Waltraud Meier

Bei der Isolde von Waltraud Meier sind die stimmlichen Probleme aber strukturellerer Natur. Schon bei ihrem „… er sah mir in die Augen“ war ein leichtes Bröckeln der Stimme zu vernehmen. Es fehlte zudem immer wieder der gesanglich harmonische Fluss in den Übergängen. Dramatische Höhen gerieten klanglich relativ resonanzlos, was aber nicht heißen soll, dass einige große Momente auch gut gelangen, so die berühmte Stelle: „Frau Minne will: es werde Nacht, dass hell sie dorten leuchte, wo sie dein Licht verscheuchte.“ – aber auch der Liebestod in der ersten der beiden besuchten Aufführungen. Im 2. Aufzug, bei der emphatischen Begrüßung Tristans, ließ Frau Meier in beiden Aufführungen fast alle Spitzentöne weg bzw. sang die Stellen zu tief, die hier – kurz zwar nur – aber doch wohl gesungen werden sollten. Auch in der zweiten Vorstellung war der gesangliche Vortrag immer wieder brüchig und ließ Klangfülle oberhalb der gut ansprechenden Mittellage bei bisweilen fahler Tongebung vermissen. Auch im dramatischeren Teil des Liebesduetts klang Frau Meiers Part zeitweise angestrengt. In der zweiten Aufführung waren dann auch im Liebestod einige aufgesetzte Töne und Härten zu hören… Nun, Hand aufs Herz: Wenn eine Sängerdarstellerin wie es Waltraud Meier ist, eine eher als sog. Altersrolle eingestufte Partie wie die Klytämnestra hervorragend singt – und so hat sie der Rezensent bei ihrer „Elektra“ in Aix en Provence 2013 auch kommentiert – muss sie dann auch noch unbedingt eine erstklassige Isolde sein (wollen)?! Wer hat das vor ihr wirklich gut gekonnt?

W. Meier u. Ch. Franz

W. Meier u. Ch. Franz

Bei Peter Seiffert als Tristan liegt der Fall in etwa ähnlich. Auch er hat mit dem Tristan lange Zeit neuere Maßstäbe gesetzt. Schon in Salzburg, wo ja nur der 2. Aufzug gegeben wurde, auf gleichwohl bekannt hohem Niveau nicht mehr ganz überzeugend, konnte er den 1. Aufzug in Berlin jedoch stimmlich mit großer Emphase und heldentenoraler Höhensicherheit im Finale des Aufzugs („O Wonne voller Tücke.“) gestalten. Die Probleme begannen im späteren Verlauf des Liebesduetts im 2. Aufzug, unglücklicherweise auch von der Inszenierung verstärkt. Man kennt ja Harry Kupfers Leidenschaft fürs „Robben“ der Sänger. Sein Bayreuther „Ring“ der 1980er Jahre war von dieser Bewegungsphilosophie geprägt. So musste also auch der mittlerweile doch recht korpulent wirkende Seiffert umständlich über diesen großen gefallenen Engel „robben“, was ihm sichtlich Unbehaben schaffte und wohl die stimmlichen Probleme aufgrund der sängerisch ungünstigen Sitzhaltung unnötig verstärkte. In der ersten der beiden Aufführungen begannen seine Höhen im 2. Aufzug zu wackeln, bei der zweiten ging es besser, als er auch die erforderliche Dramatik ohne zu forcieren meisterte. Kann man denn in einem solchen Fall nicht einmal über die Regieanweisungen des Regisseurs hinweg sehen – ohnehin bereits 14 Jahre alt – und den Sänger im Stehen singen lassen?! Stattdessen musste Seiffert mit seiner Angebeteten auch noch unter dem Engel hindurch kriechen, um wenig später hinten wieder hoch zu kommen. Das wirkte grenzwertig, um es diplomatisch auszudrücken…

Waltraud Meier

Waltraud Meier

Wirklich problematisch wurde es an beiden Abenden aber im 3. Aufzug, denn hier wurden die nun unüberhörbar werdenden stimmlichen Grenzen des Sängers offenbar. Von Daniel Barenboim musikalisch nicht gerade schonend behandelt, kam es zu einem Par Force Ritt durch die scheinbar endlosen Monologe, mit gelegentlichen Intonationsschwankungen und offenbar auch Konditionsproblemen, und es wurde immer wieder zu sehr auf bedingungsloses Forte gesungen. Die Höhen klangen angestrengt bis gepresst, in beiden Aufführungen kam es häufig zum Verlassen der Gesangslinie, die mit einer Charakterisierung des Zustands Tristans in diesem Aufzug nicht mehr zu rechtfertigen war. Und es war bisweilen eine weit über das Deklamieren hinausgehenden Tongebung zu vernehmen. So war man regelrecht erleichtert, als Seiffert endlich sein letztes „Isolde“ singen und das Bühnenzeitliche segnen durfte. Er vielleicht auch…

W. Meier u. Ch. Franz

W. Meier u. Ch. Franz

Großartig hingegen sang Stephen Milling in der ersten Aufführung den Marke, mit einem warm klingenden, geschmeidigen und sehr kantablen Bass bei perfekter Diktion. René Pape war ein ebenso guter Marke in der zweiten Vorstellung, eine Spur gefühlvoller in der Tongebung mit einem berührenden Piano und noch etwas noblerer Darstellung. Auch Pape sang wie gewohnt vollkommen wortdeutlich. Ekaterina Gubanova war eine klangvolle Brangäne mit leuchtendem Mezzo-Timbre und herrlich langen Bögen bei den berühmten Rufen im 2. Aufzug. Sie sang die Rolle auch in Salzburg schon erstklassig. Roman Trekel begann in der ersten Aufführung als Kurwenal sehr gut mit seinem farbig prägnanten Bariton, der aber im 3. Aufzug etwas guttural und wie leicht belegt klang. Auch in der zweiten Aufführung hörte sich seine Stimme etwas verquollen an. Darstellerisch machte Trekel seine Sache mit behenden Bewegungen auf dem „Engel-Gebirge“ ausdrucksstark und brachte so etwas Bewegung in die weitgehend statische Ästhetik des Geschehens. Florian Hoffmann war ein exzellenter Hirte mit dem ganz zur Rolle passenden Timbre und sang auch mit bester Lyrik die Stimme eines jungen Seemanns. Maximilian Krummen war ein klangvoller Steuermann – beide offenbar Haus-Luxusbesetzungen für diese kleinen Rollen. Der Staatsopernchor, von Frank Flade einstudiert, sang stimmstark und effektvoll aus den Seitengängen des Parketts, wozu jeweils die Türen geöffnet wurden.

Schlussapplaus am 26.10.2014

Schlussapplaus am 26.10.2014

Über das im Prinzip gelungene Bühnenbild des gefallenen Engels von Hans Schavernoch ist schon viel und meist Gutes geschrieben worden, auch vom Rezensenten anlässlich der Festtage 2002. So soll hier nicht weiter darauf eingegangen werden. Die zeitlosen und geschmacksicheren Kostüme von Buki Shiff passten auf besondere Weise zur prägnanten Optik der Szene und verstärkten die allgemeine Tristesse treffend.

Die Staatskapelle Berlin war auch in der nicht an jedem Sitzplatz für Oper unbedingt wünschenswerten Akustik des Schillertheaters in Bestform und ließ unter der Stabführung von Daniel Barenboim einen ausdrucksvollen und intensiven Wagner-Sound sowie herrliche Soli erklingen. Barenboim ließ das Vorspiel zum 1. Aufzug mit großer Ruhe getragen und äußerst transparent musizieren. So wurde es an beiden Abenden zu einer großen Exposition im Hinblick auf das, was da kommt bzw. kommen sollte. Schon hier war die hohe Qualität der Violinen, Bratschen und Celli zu hören. Herrlich dann die 1. Violine bei Isoldes „Den hehrsten Trank, ich halt’ ihn hier…“ im 1. Aufzug und das lyrisch berückende Spiel des Konzertmeisters zu Beginn des Liebesduetts im 2. Aufzug. Das war hohe musikalische Kunst, die von tiefer Kenntnis des Wagnerschen Werkes zeugte. Nach einem beschwingt und transparent musizierten Vorspiel zum 2. Aufzug ließ Barenboim im 3. Aufzug eben leider immer wieder zu große Lautstärke walten, was den guten Gesamteindruck der orchestralen Seite beider Abende schließlich doch etwas trübte.

Noch einmal zu erleben ist dieser „Tristan“ am 28. Dezember 2014. Ob es dann das letzte Mal in dieser Besetzung gewesen sein sollte…?!

Fotos 5-8: Monika Rittershaus
Alle anderen: Klaus Billand

Klaus Billand