HELSINKI: Tristan und Isolde – Premiere am 17. Mai 2013

Brangäne und Isolde 1. Aufzug

Brangäne und Isolde 1. Aufzug

Die Finnische Nationaloper (FNO), die zuletzt 2011 den in den Jahren 1996-1999 von Götz Friedrich an diesem Hause – mit den Bühnenausmaßen der Wiener Staatsoper – inszenierten „Ring des Nibelungen“ komplett gespielt hat, würdigte Richard Wagner im Jahr seines 200. Geburtstags mit einer äußerst sehenswerten und stilvollen Neuinszenierung von „Tristan und Isolde“ in der Inszenierung von Elisabeth Linton. Einmal mehr war in Helsinki zu erleben, dass Regisseurinnen sich diesem auf dem Höhepunkt der deutschen Romantik stehenden und voller subtiler und offen ausgetragener Emotionen steckenden Meisterwerk bisweilen von einer gefühlsbetonteren Seite nähern als manche ihrer männlichen Kollegen. Linton fand dazu in Steffen Aarfing den passenden Bühnenbildner, in Marie í Dali die richtige und geschmacksichere Kostümbildnerin und den alles stets stimmungsvoll und sensibel beleuchtenden Jesper Kongshaug.

Nacht der Liebe 2. Aufzug

Nacht der Liebe 2. Aufzug

Lintons Regiekonzept wird so einfach wie dramaturgisch konsistent sowie optisch stringent und gradlinig umgesetzt. Dabei liegt die Betonung ganz klar auf Menschlichkeit und Emotion. Sie stellt die Geschichte der nur im Tode zur Erfüllung gelangenden Liebe von Tristan und Isolde als ein von Beginn an depressives, in ständiger Abwärtsrichtung orientiertes Drama dar. Äußere Metapher für dieses langsame Sterben eines großen Traumes (auch Wagner wollte sich ja danach mit der schwarzen Fahne des Todes zudecken…) ist das Schiff, eigentlich „ein beliebtes Symbol der Romantik“, wie es der Wiener GMD Franz Welser-Möst dieser Tage noch in einem Aufsatz zum „Tristan“-Akkord im Wiener „Kurier” sagte. Statt der positiven romantischen Konnotation fungiert das Schiff hier als Metapher des Verfalls. Schon im 1. Aufzug ist es ein Wrack, nicht einmal hier, als ihre Liebe erst beginnt, ist es also fahrtüchtig. Einige Spanten und eine Bordwand schauen noch in die Höhe, der Rest des Rumpfes ist im Boden der rechteckigen, stets dezent ausgeleuchteten Bühnenbox schon versunken. Äußerst spannend vermag Linton den inneren Kampf Brangänes darzustellen, die das Leiden beider besorgt beobachtet, selbst schon in eine Depression verfallen zu sein scheint, und sich in einem von Isolde unbeobachteten Moment zur Zerschmetterung des Todestrankes entschließt. Sie füllt den im entscheidenden Moment aufleuchtenden Pokal stattdessen mit Seewasser, also mit dem Wasser Irischen See, an der Bordwand in einer Art Kurzschlussreaktion geschöpft – ein dramaturgisch ebenso verblüffender wie poetischer Moment. Depressiv auch der Moment des virtuellen Anlegens in Cornwall, als die dunklen Pylonen von Markes Burgmauern sich über die Szene senken und die sich nun emphatisch zueinander hingezogen Fühlenden zu erdrücken drohen.Lintons Regiekonzept wird so einfach wie dramaturgisch konsistent sowie optisch stringent und gradlinig umgesetzt. Dabei liegt die Betonung ganz klar auf Menschlichkeit und Emotion. Sie stellt die Geschichte der nur im Tode zur Erfüllung gelangenden Liebe von Tristan und Isolde als ein von Beginn an depressives, in ständiger Abwärtsrichtung orientiertes Drama dar. Äußere Metapher für dieses langsame Sterben eines großen Traumes (auch Wagner wollte sich ja danach mit der schwarzen Fahne des Todes zudecken…) ist das Schiff, eigentlich „ein beliebtes Symbol der Romantik“, wie es der Wiener GMD Franz Welser-Möst dieser Tage noch in einem Aufsatz zum „Tristan“-Akkord im Wiener „Kurier” sagte. Statt der positiven romantischen Konnotation fungiert das Schiff hier als Metapher des Verfalls. Schon im 1. Aufzug ist es ein Wrack, nicht einmal hier, als ihre Liebe erst beginnt, ist es also fahrtüchtig. Einige Spanten und eine Bordwand schauen noch in die Höhe, der Rest des Rumpfes ist im Boden der rechteckigen, stets dezent ausgeleuchteten Bühnenbox schon versunken. Äußerst spannend vermag Linton den inneren Kampf Brangänes darzustellen, die das Leiden beider besorgt beobachtet, selbst schon in eine Depression verfallen zu sein scheint, und sich in einem von Isolde unbeobachteten Moment zur Zerschmetterung des Todestrankes entschließt. Sie füllt den im entscheidenden Moment aufleuchtenden Pokal stattdessen mit Seewasser, also mit dem Wasser Irischen See, an der Bordwand in einer Art Kurzschlussreaktion geschöpft – ein dramaturgisch ebenso verblüffender wie poetischer Moment. Depressiv auch der Moment des virtuellen Anlegens in Cornwall, als die dunklen Pylonen von Markes Burgmauern sich über die Szene senken und die sich nun emphatisch zueinander hingezogen Fühlenden zu erdrücken drohen.

Isolde und Tristan 3. Aufzug

Isolde und Tristan 3. Aufzug

Im 2. Aufzug erzeugt das Regieteam in diesen dunkel dräuenden Mauerpfeilern, hinter denen der nächtlich schwach schimmernde überdimensionale Mond sowie der weiter verfallene Schiffsrumpf zu erkennen sind, eine finster romantische Stimmung. Als sich die beiden gegen Endes des Liebesduetts mit einem langen Messer gemeinsam die Pulsadern aufzuschneiden beginnen und der Mond nun beim Hereintreten Markes mit Gefolge grell erleuchtet ist, wird endgültig der sehnliche Todeswunsch beider offenbar. Dieses Messer, welches Isolde Tristan nach Melots Anklage reicht, wird in dessen Händen zu dessen fatalen Waffe. Fast wirkt es so, als habe es Isolde Tristan nicht zur Verteidigung gereicht, sondern um ihrem Todeswunsch gerade auch angesichts der vollständigen Aufdeckung ihrer Liebe zur Erfüllung zu bringen. Der Tod sitzt im 3. Aufzug als schwarz kapuzierter Sensenmann auch bereits auf den letzten verbliebenen Schiffsplanken und lässt den schon rötlich verfärbten Sand des Bodens wie in einer Sanduhr langsam durch die Hände rieseln, während Tristan sich mit dem intensiv mitleidenden Kurwenal nach einem letzten Treffen mit Isolde sehnt. Kaum ist er in ihren Armen gestorben, zieht der Sensenmann ab und Kurwenal bricht weinend zusammen. Er begeht später mit demselben Messer Selbstmord. Ein letztes Mal betont die Regisseurin, wie sehr es ihr an der Darstellung großer Emotionen und dieser unerfüllbaren Liebe liegt, wenn Isolde Tristan innigst umarmt, die lange Klage intensiv gestaltet und sie schließlich auch bei ihrem Geliebten stirbt. Einen wahren Liebestod – das sieht man heute nur noch selten – es zeigte im Rahmen dieser ansehnlichen Inszenierung große Wirkung.

Isoldes Klage 3. Aufzug

Isoldes Klage 3. Aufzug

Marion Ammann besticht wieder als Isolde mit ihrem stets jugendlich wirkenden lyrisch dramatischen Sopran mit tollen Höhen und gerade bei ihren Zornesausbrüchen im 1. Aufzug auch großer Schlagkraft, wobei sie stets die Gesangslinie bei bester Intonation und Wortdeutlichkeit hält. Ein Musterbeispiel dafür ist ihr „Nun lasst uns Sühne trinken…“ Und das Legato, welches sie vor dem Trank einsetzt, scheint diesem eine tiefe Magie zu verleihen. Bemerkenswert auch ihr jäh versteinertes Gesicht, als sie nach der überaus emphatischen Hinwendung zu Tristan nach dem Trank auf einmal vor Marke steht. Sie und ihr Partner Robert Dean Smith sind ein gut zueinander passendes Paar, geht Smith die Partie doch ebenfalls betont von der lyrischen Seite an – ein Heldentenor im Wagnerschen Sinne war er nie. Er führt seine baritonal gefärbte Stimme stabil, wenn auch nicht immer die wünschenswerten tenoralen Klangfarben zu hören sind, sich hier und da eine gewisse stimmliche Blässe, in der Höhe auch eine leichte Kehligkeit einstellt. Dennoch gestaltet er den Tristan mit enormer darstellerischer Intensität und kann dieses Manko zu einem guten Teil überspielen. Eine Weltklasse-Brangäne ist Lilli Paasikivi, die dem Rezensenten schon im Friedrich-„Ring“ in Helsinki und jenem in Salzburg als Fricka aufgefallen ist, sowie in der finnischen Oper „L’amour de loin“ von Kaija Saariaho in einer Peter Sellars Inszenierung ebenfalls in Helsinki vor einigen Jahren. Ihren wohltönenden, äußerst farbigen Mezzo bringt Paasikivi mit einem einfühlsamen und stets engagierten Spiel zu großer Geltung. Und mit ihrem dunklen Timbre setzt sie sich hier auch kontrastreich von der Isolde Marion Ammanns ab – allzu oft wirkt die Ähnlichkeit der Lagen bei manchen Besetzungen doch nachteilig. Tommi Hakala singt und gestaltet einen hervorragenden Kurwenal. Sein heldischer Bariton ist prägnant, kraftvoll und wortdeutlich, sein Spiel engagiert und intelligent. Dazu sieht er blendend aus und ist auch noch recht jung. Matti Salminen hingegen ist wahrlich nicht mehr einer der Jüngsten, aber immer noch einer der besten Markes dieser Welt. Es ist immer wieder unglaublich, erleben zu können, wie sehr der Ausnahmesänger diese Rolle interpretiert, mit welcher Intensität er die Enttäuschungen und Qualen, durch die Marke gehen muss, mit stärkstem Ausdruck und auch stimmlich immer noch eindrucksvoll darstellt. Man könnte ihn fast als einen Placido Domingo der Wagnerbässe bezeichnen… Waltteri Torikka lässt als Melot einen zwar kräftigen, aber etwas rustikalen Bariton vernehmen. Kai Pitkänen ist ein guter Hirt aus dem Off, Tuomas Katajala ein klangvoll sehnsüchtig singender junger Seemann. Arto Hosio erledigt die undankbare Aufgabe des Steuermanns. Der ungewöhnlich zahlreich an Bord erscheinende und von Harri Karri und Marco Ozbic einstudierte Chor singt präzise und stimmstark. Marion Ammann besticht wieder als Isolde mit ihrem stets jugendlich wirkenden lyrisch dramatischen Sopran mit tollen Höhen und gerade bei ihren Zornesausbrüchen im 1. Aufzug auch großer Schlagkraft, wobei sie stets die Gesangslinie bei bester Intonation und Wortdeutlichkeit hält. Ein Musterbeispiel dafür ist ihr „Nun lasst uns Sühne trinken…“ Und das Legato, welches sie vor dem Trank einsetzt, scheint diesem eine tiefe Magie zu verleihen. Bemerkenswert auch ihr jäh versteinertes Gesicht, als sie nach der überaus emphatischen Hinwendung zu Tristan nach dem Trank auf einmal vor Marke steht. Sie und ihr Partner Robert Dean Smith sind ein gut zueinander passendes Paar, geht Smith die Partie doch ebenfalls betont von der lyrischen Seite an – ein Heldentenor im Wagnerschen Sinne war er nie. Er führt seine baritonal gefärbte Stimme stabil, wenn auch nicht immer die wünschenswerten tenoralen Klangfarben zu hören sind, sich hier und da eine gewisse stimmliche Blässe, in der Höhe auch eine leichte Kehligkeit einstellt. Dennoch gestaltet er den Tristan mit enormer darstellerischer Intensität und kann dieses Manko zu einem guten Teil überspielen. Eine Weltklasse-Brangäne ist Lilli Paasikivi, die dem Rezensenten schon im Friedrich-„Ring“ in Helsinki und jenem in Salzburg als Fricka aufgefallen ist, sowie in der finnischen Oper „L’amour de loin“ von Kaija Saariaho in einer Peter Sellars Inszenierung ebenfalls in Helsinki vor einigen Jahren. Ihren wohltönenden, äußerst farbigen Mezzo bringt Paasikivi mit einem einfühlsamen und stets engagierten Spiel zu großer Geltung. Und mit ihrem dunklen Timbre setzt sie sich hier auch kontrastreich von der Isolde Marion Ammanns ab – allzu oft wirkt die Ähnlichkeit der Lagen bei manchen Besetzungen doch nachteilig. Tommi Hakala singt und gestaltet einen hervorragenden Kurwenal. Sein heldischer Bariton ist prägnant, kraftvoll und wortdeutlich, sein Spiel engagiert und intelligent. Dazu sieht er blendend aus und ist auch noch recht jung. Matti Salminen hingegen ist wahrlich nicht mehr einer der Jüngsten, aber immer noch einer der besten Markes dieser Welt. Es ist immer wieder unglaublich, erleben zu können, wie sehr der Ausnahmesänger diese Rolle interpretiert, mit welcher Intensität er die Enttäuschungen und Qualen, durch die Marke gehen muss, mit stärkstem Ausdruck und auch stimmlich immer noch eindrucksvoll darstellt. Man könnte ihn fast als einen Placido Domingo der Wagnerbässe bezeichnen… Waltteri Torikka lässt als Melot einen zwar kräftigen, aber etwas rustikalen Bariton vernehmen. Kai Pitkänen ist ein guter Hirt aus dem Off, Tuomas Katajala ein klangvoll sehnsüchtig singender junger Seemann. Arto Hosio erledigt die undankbare Aufgabe des Steuermanns. Der ungewöhnlich zahlreich an Bord erscheinende und von Harri Karri und Marco Ozbic einstudierte Chor singt präzise und stimmstark.

Finale 3. Aufzug

Finale 3. Aufzug

Pinchas Steinberg stand am Pult des Orchesters der Finnischen Nationaloper und ließ es an einem beherzten Zugriff missen, der gerade bei dieser mit so einem hohen Grad an Emotionalität konzipierten Inszenierung gut getan hätte. So lief das Geschehen auf der Bühne nicht immer im Einklang mit dem Graben. Kräftigere Akzente bei den dramatischeren Passagen hätten die zu sehende Tragik sicher besser untermalt. Es gab übrigens ein paar Buhs zu Beginn des 3. Aufzugs. Gleichwohl war zu hören, dass das Orchester große Erfahrung mit Wagner gemacht und die entsprechenden Qualitäten entwickelt hat und sicher mehr könnte, als es an diesem Abend zeigen durfte. Laura Kemppainen spielte ein berückendes Englischhorn-Solo. Den größten Applaus bekamen Marion Ammann, Lilli Paasikivi, die ab August die Intendanz der FNO übernehmen wird, Tommi Hakala und Matti Salminen, deutlich abgesetzt Robert Dean Smith. Helsinki hat den 200. Geburtstag des Bayreuther Meisters würdig begangen.

Fotos: Heikki Tuuli

Klaus Billand