AIX EN PROVENCE/Festival: Don Giovanni - WA 18. Juli 2013

1. Akt - Tod des Komtur

1. Akt - Tod des Komtur

Im Rahmen des 65. Festival d’art lyrique d´Aix en Provence, vom Generaldirektor des Festivals, Bernard Foccroulle, auch als spezifischer Beitrag zum Kulturhauptstadt-Projekt „Marseille-Provence 2013“ formuliert, nahm man noch einmal die Inszenierung des „Don Giovanni“ von W. A. Mozart aus dem Jahre 2010 auf, die später auch am Bolschoitheater Moskau und am Teatro Real Madrid gezeigt wurde und demnächst noch nach Toronto gehen wird. Die Premiere vor drei Jahren in Aix en Provence rief einiges Unverständnis hervor, hatte sich Regisseur Dmitri Tcherniakov doch ein Regiekonzept ausgedacht, welches weit entfernt von üblichen „Don Giovanni“-Interpretationen liegt, aber mit etwas Fantasie und Offenheit eine interessante und durchaus auch amüsante Alternative zum traditionellen Don Juan-Mythos bietet.

In einem Interview mit dem Dramaturgen des Festivals, Alain Perroux, im Programmheft (was man durchaus lesen sollte, denn nicht jede Inszenierung, zumal solche mit einem unkonventionellen, aber dennoch sinnvollen Regiekonzept erschließt sich vollends aus der Aufführung; und wenn Regisseure etwas dazu schreiben, dann macht es meist auch Sinn) schildert Tcherniakov schlüssig, wer Don Giovanni bei ihm ist. Er zeigt einen Verführer, der bereits müde geworden ist, da er alle Don Juans vor ihm in sich vereint, eine lange Lebenserfahrung, ein Mythos, die ihn haben alt werden lassen – ja äußerlich verkommen, obwohl er noch recht jung ist. Für diesen Giovanni liegt das Leben bereits zurück, er ist von den erlittenen Enttäuschungen desillusioniert und kennt die fundamentale Tragik der menschlichen Existenz. Nun kommt dieser schon wie ein Outlaw und dem Alkohol ständig zusprechende Ahasver der Verführung in das geordnete großbürgerliche Haus des Komtur, von Gleb Filshtinsky stets stimmungsgerecht und subtil beleuchtet.

Don Giovanni fixiert Masetto und Zerlina

Don Giovanni fixiert Masetto und Zerlina

Schon vor Beginn des Vorspiels sieht man das herrschaftliche klassizistische Wohnzimmer mit allen Beteiligten am großen Tisch, Don Giovanni unter ihnen im abgetragenen Mantel (dennoch geschmacksichere Kostüme D. Tcherniakov und Elena Zaytseva) und der Komtur am Kopf. In der großen Bibliothek an den Wänden dürften sich alle Don Giovanni-Abenteuer der Vergangenheit verbergen, so etwa wie eine zum Bücherregal gewordene Registerarie, in der auch der Komtur nach seinem Ableben nochmal zum Nachblättern kommt, wobei ihn jedoch nur Don Giovanni sieht… Zwischen ihm und dem Alten, der bei einer Handgreiflichkeit in der Bibliothek völlig ungewollt zu Tode kommt, besteht ein besonderes Verhältnis. Während des Vorspiels schließt sich der Vorgang bereits wieder, und ein in Zeitabständen auf den Zwischenvorhängen aufgeteiltes Spiel beginnt, ganz anders, als es Mozart mit dem „tollen Tag“ für nur 24 Stunden konzipierte. Der Regisseur spreizt die Handlung über einen längeren Zeitraum auf, um die nun im Hause des Komtur einsetzenden personellen Veränderungsprozesse darzustellen. Dafür findet alles in diesem Raum statt, was die nun erforderliche Psychologisierung umso nachvollziehbarer macht.

In diesem häuslichen und geordneten Ambiente trifft Don Giovanni auf eine Familie, die fest in ihren Traditionen und Schemata lebt, sich durch den großbürgerlichen Rahmen gesichert fühlt. Er, der eigentlich nichts mehr zu verlieren hat, vielleicht aber nach all seinen Erfahrungen etwas ganz Neues will, möglicherweise auch Utopisches, bewirkt nun einige Unordnung und vor allem Zweifel aller an ihren althergebrachten Verhaltensmustern. Und siehe da, sie lassen sich vom Reiz auf Veränderung bewegen, geraten dabei aber in allerlei Konflikte mit sich selbst und ihrer Umgebung. Sinnbildlich zeigt der Regisseur, dass sie ihre wahre Identität bei Don Giovannis Ball am Ende des 1. Aktes hinter Masken verbergen müssen… Und im 2. Akt setzt sich der so biedere Don Ottavio gar an die Spitze einer Verschwörung. Irgendwie bewundern alle Don Giovanni, fürchten sich aber, einen ungewissen neuen Weg in ihrem Leben zu gehen. Leporello steht abseits von diesem Treiben als Diener Don Giovannis auf der Seite des Stärkeren, lässt ihn aber am Ende, als es auch ihm wieder schlecht geht, fallen. Nur einmal lässt Tcherniakov seinen Titelhelden verführen, und zwar Zerline, aber mit ganz anderen und viel subtileren Methoden als von Don Juan gemeinhin gewohnt…

Don Giovanni mit Masetto und Zerlina auf dem Ball

Don Giovanni mit Masetto und Zerlina auf dem Ball

Rod Gilfry spielt das ungewohnte Rollenbild des Don Giovanni außerordentlich intensiv und überzeugend. Er ist in der Tat der große Protagonist des Stückes, gibt über lange Zeit den Ton und wird erst am Schluss im Suff selbst zum Opfer. Mit seinem Brutalo-Gesicht und rüdem Gehabe verfügt er gleichwohl über einen weich timbrierten und bestens phrasierenden Bariton, der zu guter Attacke fähig ist und den er ausdrucksvoll einsetzt. Kyle Ketelsen ist ein stimmlich exzellenter und mit seinem Herrn spielerisch bestens harmonierender Leporello. Kostas Smoriginas spielt hier einen ernsthafter konzipierten Masetto und kann dabei ebenfalls stimmlich voll überzeugen. Paul Groves hat den nötigen tenoralen Schmelz für den Don Ottavio. Joelle Harvey wartet als Zerline mit einer einnehmenden darstellerischen Leistung sowie einer erstklassigen klaren und farbigen Mozartstimme auf. Sie absolvierte die Académie euopéenne de musique und sollte eine große Zukunft vor sich haben. Maria Bengtsson ist eine Donna Anna mit einer gewissen Schwere mit glänzender stimmlicher Attacke und guten, weichen Spitzentönen. Die für Sonya Yoncheva eingesprungene Alex Penda aus Bulgarien gestaltet eine feurige, aber sehr mit ihrer eigenen Problematik befasste Donna Elvira und besticht sowohl durch stimmliche Dramatik wie Klangfülle. Anatoli Kotscherga, altbekannt nicht nur in dieser Rolle, gibt einen ehrgebietenden stimmstarken Komtur, der aber auch visionslos in seinen Konventionen gefangen ist. Der Estnische Philharmonische Kammerchor, einstudiert von Heli Jürgensen, agiert auf dem hohen Niveau der Protagonisten.

Marc Minkowski, der bekanntlich seinen Mozart mit den Musiciens du Louvre, die mit den alten Instrumenten jener Zeit spielen, interpretiert, dirigiert nun das auf heutigen Instrumenten spielende London Symphony Orchestra (LSO), welches beim Festival von Aix en Provence nach den Berliner Philharmonikern seit vier Jahren residiert. Die kräftigere Tongebung passt angesichts der durch die Derbheit Don Giovannis häufig recht kräftigen Treibens auf der Bühne bestens zu dieser Produktion. Die große Mozart-Erfahrung Minkowskis, aber auch des LSO, wird gleich zu Beginn schon deutlich, zumal er viel Wert auf die musikalische Feinzeichnung psychologischer Momente legte. Ein ungewöhnlicher, aber spannender und musikalisch erstklassiger Abend in Aix ein Provence, der diesmal großen Beifall bekam. Das Publikum hat mitgearbeitet…

Fotos: Festival d'art lyrique d'Aix en Provence

Klaus Billand

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