ANDECHS/Florianistadl: „Der Mond“ - Ein kleines Welttheater - NI 18.7.2015

Auf dass der Mond allen leuchte!

Das Plakat in Andechs

Das Plakat in Andechs

Die mittlerweile schon relativ traditionsreichen Carl Orff Festspiele auf dem „Heiligen Berg“ bei Kloster Andechs, in dessen Barockkirche der Komponist auch beigesetzt ist, warteten dieses Jahr mit einer Neuinszenierung von „Der Mond“ auf, neben „Astutuli“ und einigen Konzerten. Der unterhalb des Berges liegende Florianistadl bietet mit seiner exzellenten Akustik einen idealen und der Atmosphäre des Ortes angepassten Rahmen für die Aufführungen.

Die vier Burschen

Die vier Burschen

Carl Orff nahm die Erzählung, die er in den von den Gebrüder Grimm gesammelten und herausgegebenen „Kinder- und Hausmärchen“ fand, zur Vorlage für seine erste Oper „Der Mond“, die 1939 unter Carl Krauss in München ihre Uraufführung erlebte. Orff wollte damit ein nachdenkliches Gleichnis von der Vergeblichkeit menschlichen Bemühens, die Weltordnung zu stören, und gleichzeitig eine Parabel vom Geborgensein in eben dieser Weltordnung geben. Im Kern des Stückes wollte er jedoch auch einen Diebstahl und seine Folgen zeigen, wie Regisseur Marcus Everding im Programmheft meint.

Der Mond leuchtet in der alten Welt

Der Mond leuchtet in der alten Welt

Aus einem Land, in dem es immer dunkel war, zogen einmal vier Burschen auf Wanderschaft und kamen in ein Reich, in dem der Mond von einer alten Eiche herab die Nächte erhellte. Sie stahlen ihn kurzerhand und hängten ihn in ihrem Land auf, wo er von nun an allen sein mildes Licht spendete und sie damit signifikante Einnahmen erzielten, die sie ausschließlich zu ihrem Wohlergehen verwandten. Als sie alt geworden waren und der Tod bevorstand, verlangten sie, dass jedem ein Viertel des Mondes mit ins Grab gelegt werde, worauf es wieder dunkel wurde in ihrem Reich. Dafür erwachten nun durch das Licht die Toten und fingen an, in großer Gereiztheit aufeinander loszugehen, sich zu verprügeln und kaum noch Ruhe zu geben – nicht einmal als die Burschen versuchten, ihre leuchtenden Viertel des Mondes zu löschen. Daraufhin stieg Petrus herab und brachte mit einer beruhigenden Rede und Respekt gebietender Stimme die Toten wieder zur Ruhe, die damit in ihre Gräber zurück kehrten. So konnte Petrus den Mond mitnehmen und ihn am Himmel aufhängen, wo er fortan der ganzen Welt sein warmes Licht spendete.

Der Mond ist weg...

Der Mond ist weg...

Das „Kleine Welttheater“, das Carl Orff mit seinem „Mond“ vorschwebte, bestand idealerweise in der Dreiteilung der Schauplätze Unterwelt, Welt und Himmel. Dabei denkt man sogleich an das „große Welttheater“ der Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner, in dem ebenfalls diese drei Ebenen bestehen und vom Zwerg Mime in der Wissenswette mit dem Wanderer im „Siegfried“ detailliert beschrieben werden… So spielte in Orffs Anspruch an ein Bühnenbild zum „Mond“ das Visuelle eine entscheidende Rolle. Er schrieb selbst, dass der szenische Entwurf, der den Rahmen für das ganze Stück zu bilden habe, vor Text und Musik kommen sollte. Allerdings war mit den damaligen Mitteln der Theatertechnik eine solche Dreiteilung der Bühne kaum zu erreichen und ließ selbst Orff zu dem Schluss kommen, dass er, von der „Grundidee des Welttheaters beherrscht, von einer im Grunde genommen kaum realisierbaren Bühnenvision“ ausging.

In der Unterwelt

In der Unterwelt

Regisseur Everding mit seinen Videodesignern Raphael Kurig und Thomas Mahnecke, dem Listgestalter Gerd Boeshenz und der Kostümbildnerin Christine Gebhardt ist es in Andechs jedoch eindrucksvoll gelungen, diese drei Spielebenen zu realisieren. Sie schufen eine schwebende Bildwelt anstatt fester Bühnenkonstruktionen und zeigten die unterschiedlichen Welten des Mondes in ihrer ursprünglichen Dreidimensionalität auf der Bühne. Alle Bilder, die auch die Seitenflügel des Florianistadl miteinbezogen – so am eindrucksvollsten die düsteren Gewölbe der Unterwelt – waren von beeindruckender Intensität. Dabei wurde auch mit subtilen Farben agiert – das Licht schuf stimmungsgerechte Szenen und Wechsel. Die Kostüme waren bestens darauf abgestimmt und zeigten die vier Burschen in dunklen Farbtönen im Sinne ihrer Wanderschaft, naheliegenderweise hellblau für Petrus, und die wiederauferstandenen Toten erschienen in tristem Grau.

Die wieder erwachten Toten

Die wieder erwachten Toten

Das Sängerensemble war durchgehend gut besetzt. Der Erzähler Manual König konnte mit seinem klanvollen hellen Tenor bei bester Diktion überzeugen. Die vier Burschen, Michael Schlenger, Adrian Brunner, Benedikt Eder und Thilo Dahlmann sangen ihre Rollen akzentuiert mit viel Ausdruck. Das darstellerische Moment stand bei ihnen, wie bei den meisten Akteuren in diesem Stück, allerdings stets im Vordergrund. Die einzige längere Gesangsleistung ist dem Petrus vorbehalten, in dieser Aufführung Tobias Pfülb, neben Franz Hawlata an den fünf anderen Abenden. Pfülb war mit seinem wohlklingenden Bass überzeugend in der Lage, wieder Ruhe im Totenreich zu schaffen. In dieser Szene erreichte auch der Andechser Festspielchor seine großen Momente. Es war beeindruckend wie die sich langsame aufpeitschende Stimmung der Toten hier mit kräftigen Stimmen und großer Wortdeutlichkeit vonstatten ging. Nicht zu vergessen ist auch der Kinderchor der Carl Orff-Volksschule Andechs. Beide Chöre wurden von Christian Meister einstudiert.

Der Mond leuchtet wieder

Der Mond leuchtet wieder

Musikalisch erinnert die Rhythmik, die gleich zu Beginn vorherrscht, aber immer wieder die Komposition kennzeichnet, sowie die Volkstümlichkeit und die rustikale Derbheit mancher Szenen an die „Carmina Burana“, wozu auch der häufige Sprechgesang beiträgt. Immer wieder klingen Elemente des Orffschen Schulwerks an. Das musikalische Gewebe ist in hohem Maße mit der Handlung verflochten, in typisch Orffscher Manier. Christian von Gehren leitete das Orchester der Andechser ORFF-Akademie des Münchner Rundfunkorchesters mit großer Umsichtigkeit und Sängerfreundlichkeit, aber auch mit beherzter Emphase in den großen Chorszenen der Unterwelt. Ein hier musikalisch besonders einfühlsam musizierter Ruhepol war der Auftritt des Petrus mit seinem Monolog. Orff nannte die Partitur seinen Abschied von der Romantik. Das war an diesem Abend zu bemerken.

Schlussbild

Schlussbild

Bedauerlicherweise kursierte am Rande dieser Aufführung das Gerücht, dass die Carl Orff Festspiele im kommenden Jahr aus finanziellen Gründen nicht weiter geführt werden können. Das wäre ein herber Verlust, nicht nur für die Region um den schönen Ammersee und das Münchner Umland.

Fotos: Stefan A. Schuhbauer v. Jena

Klaus Billand

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