BAYREUTH/Festspiele: „der verschwundene hochzeiter“ - UA 24. Juli 2018

Eine interessante Uraufführung in Bayreuth!

Im Rahmen des von Festspielleiterin Katharina Wagner ins Leben gerufenen „Diskurses Bayreuth“ wurde in diesem Jahr ein Kompositionsauftrag an den österreichischen Komponisten Klaus Lang, finanziert von der Ernst von Siemens Stiftung, vergeben. Lang komponierte die Oper „der verschwundene hochzeiter“. Der Kompositionsauftrag wurde auch von der Oberfrankenstiftung und der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth e.V. unterstützt. Die Uraufführung (und zwei Reprisen) fand einen Tag vor Beginn der 107. Bayreuther Festspiele im sog. Reichshof Bayreuth statt, einem geschichtsträchtigen Gebäude. Die Grundsteinlegung des Vorderhauses wird auf das 14. bis 15. Jahrhundert geschätzt. In den folgenden Jahrhunderten diente das Haus meist als Gasthof und wurde 1676 Taxis-Poststation in Bayreuth mit dem doppelköpfigen Reichsadler auf dem Wappenstein. Später wurde es „Hotel Reichsadler“ und 1926 ein Konzert- und Lichtspielhaus angefügt. Im Krieg weitgehend zerstört, wurde nach Wiederaufbau der Kinobetrieb 1947 wieder aufgenommen und 1999 eingestellt, als die Planungen zur Wiederbelebung als Kulturbühne begannen. Diese Geschichte ist bei der Besprechung der Oper nicht unwichtig, da es durchaus interessante Assoziationen zum Thema Zeit gibt.

Vor Beginn der Aufführung gibt Komponist und Librettist Klaus Lang die Geschichte des „verschwundenen hochzeiter“ wieder, was angesichts des Folgenden auch viel Sinn macht – und das gar nicht mit einer negativen Konnotation. Das Stück ist in der Tat ohne Vorbereitung, und es war ja eine UA, nur schwer zu verstehen. Einmal ging ein Bräutigam (Der hochzeiter) aus dem Gölsental in Österreich aus, um Gäste zu seiner Hochzeit einzuladen. Er traf auf einen Mann (Der Fremde), völlig unbekannt, den er ebenfalls zur Hochzeit einlud. Nachdem dieser sich auf seiner Hochzeit vergnügt hatte, lud er den hochzeiter zu seiner in drei Tagen statt findenden Hochzeit ein, und er nahm an. Auf dem Weg zur Hochzeit in das Dorf des Fremden begegnete er zunächst magerem Vieh auf einer fetten Wiese, dann fettem Vieh auf einer kahlen Weide, und schließlich dem Bienenhaus des Fremden, das er öffnete und aus dem Schwärme von Bienen fröhlich entflogen. Auf der Hochzeit gebot der Fremde dem Hochzeiter, ja nicht länger zu tanzen als die Musik spielt, woran er sich nicht hielt. Darauf konnte er gehen, bat aber den Bräutigam um Aufklärung über das Vieh und die Bienen. Die Bienen waren arme Seelen, die froh waren, erlöst zu werden. Das fette Vieh, das er auf dem Rückweg nicht mehr antreffen würde, waren arme Seelen, die der Erlösung schon nahe waren. Und das dürre Vieh auf der fetten Wiese, welches er noch antreffen würde, waren arme Seelen, die noch lange zu leiden hätten. Und so war es auf dem Rückweg. Als er in sein Dorf kam, kannte ihn niemand mehr, und man verwehrte ihm sogar Zugang zu seinem Hause. In den Annalen des Dorfes fand sich schließlich ein Eintrag, dass vor 300 Jahren ein Mann drei Tage nach seiner Hochzeit verschwunden war. Man nahm ihn daraufhin auf – aber er zerfiel sogleich in Staub und Asche.

Das ist zunächst einmal eine skurrile Geschichte, die den Opernfreund sogleich an „Die Sache Makropulos“ von Leos Janacek erinnern lässt. Aber Klaus Lang komponierte das Stück und gestaltete es auch dramaturgisch natürlich auf ganz andere Weise. Für ihn ist die Zeit eine Möglichkeit, eine Oper zu hören ohne zu definieren, was ihr Hauptthema ist, wie er in einem interessanten Aufsatz im Programmheft erklärt. Die Erzählung in der Oper sei dabei „eine Möglichkeit, aber keine unabdingbare Notwendigkeit“. Lang geht hier auch auf die eigenartige Tonsetzung ein. So gibt es im Libretto bis auf die Worte „hochzeiter“, „Hochzeit“ und „dreihundert“ nur einsilbige Worte, die zudem für den hochzeiter und den Fremden in jeweils klar definierte drei- bis zehnsilbige Sätze gefasst werden, um bestimmten Teiltonreihen und damit bestimmten musikalischen Konstellationen zu entsprechen. Beispiel: der hochzeiter: „kommt zum fest! kommt in mein haus zur HOCHZEIT! in mein haus zur HOCHZEIT kommt. zur HOCHZEIT kommt in mein haus. kommt zur HOCHZEIT in mein haus. zum fest kommt! in mein haus kommt zur HOCHZEIT. zur HOCHZEIT in mein haus kommt. kommt in mein haus zur HOCHZEIT. kommt zum fest!“ Der Fremde: „ich dank‘ dir sehr für speis‘ und trank und tanz. So komm auch du zur HOCHZEIT in mein haus. In drei Tag‘, geh‘ nur fort, du kommst zu mir.“ Über die Umsetzung dieser strengen Sprachformen in Zahlen will Lang also die Verknüpfung mit der Musik herstellen. Es geht ihm um das Verstreichen der Zeit, und er kommt auf eine Dauer des Stücks von genau 5.373 Sekunden. Die Sprache folgt dabei so klar wie die musikalische Struktur den gleichen kompositorischen Mitteln. Anders als die „kompositorische Baukastenmethode“ wie im Barock müsse man jedes Werk formal neu denken, meint er. Dabei will er im „hochzeiter“ einerseits Klangräume mit einer Erfahrung von Fülle und von sinnlicher Erfahrung von Klang darstellen und dem die Geschichte des einfachen Märchens entgegensetzen – also eine „extreme Abstraktion gegenüber der schlichten einfachen Linearität der Erzählung“.

Und das stellt sich dann in der Tat auch optisch so dar. Im Konzept, der Regie und dem Raum von Paul Esterhazy gibt es im Prinzip nur einen schlichten Raum mit zwei Stühlen, einem Tisch und zwei Fenstern in der Hinterwand, durch die die verschiedenen Szenen, also das Dorf, die Kühe auf den Wiesen, das fette Gras, die Bienen etc. angedeutet werden. In bisweilen unscharfen Überblendungen sieht man darin sich pantomimenartig bewegend den hochzeiter und den Fremden, von Pia Janssen in einer Art Tiroler Festtagstracht gekleidet, während die Szenerie immer wieder durch auf eine transparente Gaze geworfene Videos – unter anderem mit fallendem Schnee – von Friedrich Zorn verschleiert wird. Damit wirkt das Geschehen wie ein Traumwandeln der beiden Figuren. Auf diese Weise scheinen Zeit und Raum ineinander zu fallen, und man denkt unwillkürlich an den Kommentar des Gurnemanz an Parsifal in Wagners „Parsifal“ „… zum Raum wird hier die Zeit.“ Das ist aber nicht die einzige Referenz an das Werk des Bayreuther Meisters. Das über die Spieldauer der Kapelle auf der Hochzeit hinausgehende und nicht begründete Tanzverbot des Fremden an den hochzeiter könnte wie Lohengrins Forderung an Elsa „Nie sollst du mich befragen!“ gesehen werden und ist möglicherweise für den Fall durch die Zeit über 300 Jahre verantwortlich. Aber der Komponist will diese Kausalität vermeiden und das Rätsel des Märchens aufrecht erhalten.

Und dazu dient letztendlich auch die rätselhafte Musik. Das von Georges-Elie Octors einstudierte Ictus Ensemble unter der musikalischen Leitung von Klaus Lang erzeugt eine Art permanenten Klang-Teppich, der immer wieder an die minimal music eines Philipp Glass („Satyagraha“ et al.) erinnert. Gleichwohl ist eine gewisse Rhythmik zu vernehmen, die offenbar dem strengen Kompositionsstil mit seinen Teiltonreihen folgt. Die Forderung des Komponisten nach Klangfülle im Raum ist stets gewahrt, auch wenn dabei bisweilen eine gewisse Monotonie eintritt. Es gibt aber auch einige dramatische Steigerungen, insbesondere, wenn neue Situationen entstehen. Sie legen sich aber bald wieder und gehen in den das ganze Stück beherrschenden „Klangraum“ über. Der Cantando Admont Chor, von Cordula Bürgi einstudiert, liefert mit seinen an verschiedenen Stellen im Raum platzierten Sängern eine mit der Musik homogen verschmelzende vokale Komponente. Die Brüder Jirí Bubenícek und Otto Bubenícek spielen den hochzeiter I und II auf der Bühne, während Alexander Kiechle den hochzeiter mit einem wohlklingenden Bass und Terry Wey den Fremden mit einem guten Countertenor singen.

So skurril das Stück auch erscheinen mag, es hat nach der sicher zutreffenden Meinung von Klaus Lang einen ganz aktuellen Bezug, und zwar die Konfrontation und Auseinandersetzung mit dem Fremden, das zu uns kommt. Indem der hochzeiter den Fremden fragt, was es mit den Kühen und Bienen auf sich hat, sich also mit dem Fremden auseinandersetzt, beschäftigt er sich mit sich selbst und fragt dann, wer er selber ist. Mit der Erkenntnis darüber wird er dann fremd in seiner eigenen Welt, in die er zurückkehrt. Es ist letztlich das Fremde, was einen dazu bringt sich zu fragen, wer man ist…

Das Stück hinterließ – vielleicht gerade auch aufgrund seiner optischen Schlichtheit – einen tiefen Eindruck. Alle Akteure bekamen ebenso begeisterten wie lang anhaltenden Applaus. Man hätte es ein zweites Mal sehen müssen, um es besser zu verstehen und nachvollziehen zu können. Im kommenden Festspielsommer wird es wieder eine Auftragsproduktion im Reichshof Bayreuth geben. Ein Besuch ist sicher empfehlenswert.

Fotos: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Klaus Billand

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