BONN: "Der Traum ein Leben" - Premiere 30. März 2014

Rustans Traum beginnt...

Rustans Traum beginnt...

Am Theater Bonn ging im März die Wiederbelebung des Werkes des Komponisten Walter Braunfels mit seiner Oper „Der Traum ein Leben“ in einer Neuinszenierung durch Jürgen R. Weber weiter. Braunfels war von den Nationalsozialisten 1933 als „Halbjude“ seines Amtes als Gründungsdirektor der Kölner Musikhochschule enthoben und im März 1938 mit einem völligen Berufsverbot belegt worden. Er ging daraufhin in die innere Emigration nach Überlingen am Bodensee. Nach der Verfemung seiner Musik durch die Nationalsozialisten folgten nahezu 60 Jahre künstlerischer Ächtung und Ausgrenzung. Denn nach dem Krieg erschien die Musik des Spätromantikers Braunfels, die nach seiner Konversion vom Protestantismus zum Katholizismus infolge der Erlebnisse im I. Weltkrieg durch seinen starken Glauben inspiriert war, nicht mehr zeitgemäß.

Der bedrohte König von Samarkand

Der bedrohte König von Samarkand

Noch vor seinem Exil in Überlingen komponierte Walter Braunfels in Bad Godesberg nahe bei Bonn von 1934 bis 1937 die Oper „Der Traum ein Leben“ nach dem gleichnamigen Stück von Franz Grillparzer. Das Werk sollte unter Bruno Walter in Wien 1938 seine UA erleben, was wegen des „Anschlusses“ Österreichs nicht mehr möglich war. So fand die – allerdings wenig beachtete – szenische UA erst 2001 in Regensburg statt. Wie der Bonner Dramaturg Andreas K. W. Meyer, ein großer Fürsprecher des Werkes von Walter Braunfels, um das er sich auch schon in seiner vorherigen Position an der Deutschen Oper Berlin verdient gemacht hat, im Programmheft schreibt, spricht einiges dafür, dass Walter Braunfels das Stück auch aus naheliegenden autobiografischen Motiven heraus schrieb. In einer Tagebuchnotiz aus der Godesberger Zeit empfindet der Komponist seine Lage als „eine schwere Form der Ächtung, die mich getroffen.“ Gleichzeitig bringt er zum Ausdruck, dass ihn selbst diese verzweifelte Lage nicht an seinem Schaffen hindern solle. Er beschreibt so eine seelische Schaffenssituation, aus der heraus „Der Traum ein Leben“ entsteht. Denn da für ihn eine Emigration außer Landes nicht in Betracht kam und er sich also weiterhin mit der misslichen Realität abfinden musste, mutete Grillparzers Stoff wie eine traumhafte – künstlerische – Flucht aus dieser Situation an.

Gülnare und der König

Gülnare und der König

Im Stück geht es um die Geschichte des jungen Rustan, dem der Alltag im Hause des reichen Landmanns Massud zu langweilig wird und der sich zu Höherem berufen fühlt. Die aufrichtig entgegen gebrachte Liebe von Massuds Tochter Mirza kann er nicht recht erwidern und sehnt sich nach vermeintlich Besserem. Also verfällt er in einen Traum, in dem ein ganz anderes Leben beginnt. Mit seinem Diener Zanga, der ihn in der Folge schlecht berät, kommt er in eine fremde Welt und erlebt folgenschwere Abenteuer. Ein Mann wird von einer Schlange bedroht, Rustan wirft den Speer zu seiner Rettung, verfehlt aber das Ungeheuer, welches ein Unbekannter von einem nahen Felsen tötet. Als sich der Gerettete als der König von Samarkand entpuppt, Rustan für seine Rettung, die er ihm zuschreibt, einen kostbaren Dolch schenkt und ihm auch noch seine schöne Tochter Gülnare verspricht, lässt dieser von Zanga sich zur Lüge verleiten, er sei der Retter des Königs gewesen – eine interessante Parallele zu Papageno und der Schlange in Mozarts „Zauberflöte“. Als der wahre Retter sich meldet, nimmt das Unheil seinen Lauf, der Traum wird zum Albtraum. Rustan tötet ihn im Handgemenge mit dem Dolch des Königs. Der Mord wird entdeckt, zunächst dem König zugeschrieben, der in der Folge mit Rustans Zutun, um alle Spuren zu verwischen, durch einen Gifttrank stirbt. Der Alte Kaleb, einziger Zeuge des Mordes, gibt die Identität des wahren Mörders preis: Rustan! In größter Bedrängnis erwacht Rustan schließlich aus seinem Traum in Mussads Hütte und erkennt das wahre Glück seines Leben an Mirzas Seite: „O Mirza! Holdes Bild, Du wurzelst tiefer als die wirren Traumes-Nachtgestalten; sieh, ich lebe, o verzeih mir!“

Rustan und Gülnare in überschwänglicher Fantasie...

Rustan und Gülnare in überschwänglicher Fantasie...

Regisseur Jürgen R. Weber und sein Bühnenbildner Hank Irwin Kittel sahen sich mit ihrer optischen Opulenz und Bildervielfalt offenbar durch den Traum angeregt, das Stück mit einer visuellen Intensität zu überfrachten, die immer wieder den so interessanten und durchaus realistischen Inhalt zuschüttete, ja bisweilen gar zu banalisieren schien. Denn wer hat nicht selbst schon mal davon geträumt, dass alles auch ganz anders sein könnte bzw. sollte? Zunächst beginnt es zutreffend und überzeugend schlicht mit der Rückseite der „Traumbühne“ im Hause Massuds und der Darstellung Mirzas und Rustans als junger Leute unserer Tage. Mit seinem Bett wird Rustan dann durch das Tor in die Traumwelt hinaus getragen. Ein Spektakel aus bildhaften Traumassoziationen beginnt und läuft scheinbar unaufhaltsam ab, mit durchaus fantasievollen Kostümen von Kristopfer Kempf und einer exzellenten, stets situationsgerechten Lichtregie von Max Karbe. Statt so vieler verwirrender und vom eigentlichen Thema bisweilen wegführender Requisiten hätte Karges Lichtregie wahrscheinlich zu tiefgreifenderen Assoziationen und mehr Imaginationsmöglichkeiten beim Publikum führen können. Stattdessen erinnerte einiges an den Karneval von Rio. Was aber das Fass zum Überlaufen brachte, waren die über der Bühne unentwegt aufklärend kommentierenden Texteinblendungen, die zudem den mitlaufenden Text überlagerten, sowie die allzu beliebigen und alles nur noch unkonturierter machenden Videoeinspielungen von Mariana Jocic. Mit dieser Plakativität wurde dem nachdenklichen Werk von Walter Braunfels viel an Tiefe und Tiefgründigkeit genommen. Weniger von durchaus manchem Guten wäre hier viel mehr gewesen und hätte auch die Musik besser zu ihrer berechtigten Wirkung kommen lassen. Das Schlussbild glitt mit dem auf die Bühnenwand in Bonbonfarben gepinselten Herzen in Hollywood-artigen Kitsch ab, während aus dem Graben hymnische Töne erklangen…

Rustan und die alte Hexe

Rustan und die alte Hexe

Manuela Uhl singt im Vor- und Nachspiel die Mirza und im Traumstück die Gülnare mit ihrem leuchtenden, bestens phasierenden und sehr wortdeutlichen Sopran. Auch darstellerisch lotet sie alle Facetten beider Rollen überzeugend aus. Gleichwohl könnte die Gülnare durchaus von einem noch dramatischeren Sopran gesungen werden. Mark Morouse, den der Rezensent bereits als guten „Rheingold“-Wotan in Detmold und König Heinrich in Kassel erlebte, gibt mit seinem klangvollen und sowohl höhensicheren wie profunden Bassbariton einen sehr agilen Diener Zanga mit guter Diktion – unter den Herren die beste stimmliche und schauspielerische Leistung des Abends. Endrik Wottrich kann hingegen als Rustan mit seinem zwar heldischen aber allzu verquollen klingenden Material stimmlich nur begrenzt beeindrucken, zu gaumig und abgedunkelt tönt sein Tenor. Die Höhen erscheinen oft angestrengt und gar gepresst. Sein großer Monolog im 2. Akt ist zu wenig differenziert, und auch darstellerisch wirkt Wottrich zu verhalten und bisweilen stereotyp.

Rustan, Gülnare und der Alte Kaleb

Rustan, Gülnare und der Alte Kaleb

Rolf Broman beginnt als Massud im Vorspiel etwas blass, kann sich als König von Samarkand jedoch erheblich steigern und sorgt für eine gewisse Skurrilität bei dessen Darstellung. Anjara I. Bartz singt die wilde Gift mischende Hexe mit beeindruckender physischer und stimmlicher Beweglichkeit – ein Moment besonderer schauspielerischer Aktion inmitten der Bilderflut. Für einen ganz speziellen Moment sorgt der schon über siebzigjährige große Charaktertenor Graham Clark, der den Alten Kaleb gibt und mit letzter Kraft vor seinem Tode ein hörenswertes „Du!“ ausstößt. Christina Kallergis als Erster und Nina Unden als Zweiter Genius im Vorspiel, sowie Johannes Mertes als Kalebs Neffe Karkhan, Josef Michael Linnek als Kämmerer und Ludwig Gruber als der Mann vom Felsen ergänzen das Ensemble mit ansprechenden Leistungen. Der von Volkmar Olbrich einstudierte Chor des Theaters Bonn singt kommentierend transparent mit kräftigen Stimmen.

Rustan wieder daheim...

Rustan wieder daheim...

Will Humburg stand bei dieser Premiere am Pult des Beethoven Orchesters Bonn und sorgte mit seiner engagierten und die große Komplexität der diffizilen Partitur wohl weitestgehend auslotenden Stabführung für die eigentliche Wiederbelebung dieses Werkes. Man sah ihm am Ende die auch physische Anstrengung an. Walter Braunfels greift in Wagnerscher Manier immer wieder auf Leitmotive zurück, die aber vielfach wieder aufgebrochen werden und einem Rezitativstil weichen. So ist der 1. Akt von großer Rhythmik gezeichnet mit einiger Chromatik. Die Blechbläser spielen stets eine markante Rolle. Der 2. Akt beginnt mit hymnischer Linienführung und auch klarer ausformulierten Motiven, wobei Humburg die später folgenden dramatischen Momente bestens aufzubauen weiß und dabei immer mit viel Rücksicht auf die SängerInnen agiert – die meisten mit ihren jeweiligen Rollendebuts. Behutsam führt Humburg mit großer Ruhe im Nachspiel die musikalischen Exzesse des so beängstigend endenden Traumes Rustans in die beschauliche Einfachheit von Massuds Haus zurück. Das hatte nach aller Aufregung am Ende doch etwas sehr Beruhigendes…

Fotos: Barbara Aumüller

Klaus Billand

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