CHEMNITZ: „Die tote Stadt“ - am 19. November 2014

Traum oder Wirklichkeit? Das ist hier die Frage…

Oper Chemnitz

Oper Chemnitz

Schon länger bemüht sich die Oper Chemnitz unter der musikalischen Leitung von Frank Beermann um die Wiederbelebung weniger gespielter Werke. Von Oktober 2014 bis April 2015 setzt man nun mit einer Neuinszenierung der Oper „Die tote Stadt“ von Erich Wolfgang Korngold einen starken Akzent auf die „Goldenen Zwanziger“, in denen dieses Meisterwerk des erst 22-jährigen Nachwuchstalents zu einem der meistgespielten Stücke wurde. Im Jahre 1920 erlebte es gleichzeitig an zwei Opernhäusern, Hamburg und Köln, seine Uraufführung.

N. Oettermann als Paul

N. Oettermann als Paul

Wie Dramaturg Jón Philipp von Linden in einem interessanten Aufsatz im Programmheft betont, war gerade dieses Stück „Am Nerv der Zeit“. Es basiert auf dem Roman von Georges Rodenbach „Bruges la morte“. Dieser handelt von der nach der Versandung des einzigen Verbindungskanals zur Nordsee in tiefe wirtschaftliche und damit auch mentale Depression verfallenen flämischen Stadt Brügge. Gotische Mauern, stehende, und damit oft stinkende Gewässer, sowie die vielen Glocken werden zu tristen Zeugen der einst blühenden Vergangenheit. Wie in Rodenbachs Roman werden auch in der Oper Menschen gezeigt, die in Erinnerungen an frühere Zeiten zwischen dieser Vergangenheit und der Gegenwart taumeln. Im Mittelpunkt steht Paul, der seiner verstorbenen Frau Marie nachtrauert und trotz Warnungen seines Freundes Frank in der unerwartet auftauchenden Schauspielerin Marietta deren Ebenbild zu sehen glaubt, ja in traumartiger Anwandlung ihr Wiederauferstehen. „Brügge und ich sind eins. Wir beten Schönstes an: Vergangenheit“, heißt es in der Oper über Paul, und damit ist fast alles gesagt. Und es hat viel mit der Traumanalyse Sigmund Freuds zu tun, die zu jener Zeit in Europa hoch im Kurs stand und vor deren Hintergrund sich das Stück sehr gut verstehen lässt. Die Kunst bei der „Toten Stadt“ scheint zu sein, den Zuschauer weitestgehend im Unklaren zu lassen, was hier Realität und was Traum bzw. Vorstellung bzw. Verstellung oder besser noch Wunschvorstellung ist…

Damit gibt es eine interessante Parallele zur Entstehung dieser Oper. Julius Korngold, der Vater von Erich Wolfgang Korngold und damals bedeutendster Musikkritiker Wiens, der für die Neue Freie Presse schrieb, wollte aus Furcht vor Intrigen nicht bekannt werden lassen, dass er mit seinem Sohn an einem Kunstwerk arbeitete, welches er damals in seinem Medium schon mal verriss. Julius Korngold war 1916 durch einen Anstoß von Siegfried Trebitsch auf das Stück gekommen. Trebitsch hatte Rodenbachs Schauspiel „Le mirage“, welches auf „Bruges la morte“ basiert, unter dem Titel „Die stille Stadt“ ins Deutsche übersetzt und das Stück nach einer neuerlichen Überarbeitung 1913 „Das Trugbild“ genannt. So wählten die beiden Korngolds ein Pseudonym für den Librettisten der „Toten Stadt“ nämlich „Paul Schott“, eine Zusammensetzung aus der Hauptfigur und dem Verleger. Sie erfanden sogar eine Librettistenbiografie, um das Geheimnis zu wahren, und es gelang ihnen in der Tat über eine lange Zeit! Also auch hier so etwas wie ein Traum…

N. Oettermann und M. Ammann

N. Oettermann und M. Ammann

Die Regisseurin Helen Malkowsky hat mit dem Bühnenbildner Harald B. Thor, der Kostümbildnerin Tanja Hoffmann sowie der stets dazu passenden Lichtgestaltung von Holger Reinke diesen Spagat aus Traum und Realität in Chemnitz aufs Beste geschafft. Die kargen, fahlen Bühnenbilder, die mit wenigen Accessoires auskommen und somit umso mehr auf die individuellen und zwischenmenschlichen Konflikte abstellen, lehnen sich an Gemälde von Fernand Khnopff an, der wie andere bedeutende Künstler nach Erscheinen von Rodenbachs Roman 1892 die Stadt Brügge besuchte. Die hohen grauen Wände, über die immer wieder das für Brügge so charakteristische Wasser rinnt, ja sogar das – stehende – Wasser auf der Bühne selbst drücken tiefe Depressionen, emotionale Ausweglosigkeit sowie bedrängte und eingeengte Gefühle aus. Umso intensiver wirkt in diesem tristen Umfeld die leuchtend blonde und damit Leben suggerierende Locke von Pauls verstorbener Frau Marie, die er sorgsam unter dem Kopfkissen eines Bettes versteckt, bis Marietta sie dort entdeckt und es im 3. Akt zur finalen Auseinandersetzung beider kommt. Auf eben diesem Bett erwürgt er sie mit dieser Locke und kommt – ebenso wie das Publikum – nach einem unglaublich authentisch wirkenden, aber eben irrealen Handlungsablauf unverhofft in der Realität an, bzw. zu ihr zurück. Das war schon großes Musiktheater! Weitere dramaturgische Höhepunkte dieser äußerst sehens- und hörenswerten Produktion waren Brigittas Gang ins Kloster mit dem Spiel der Glocken der „toten Stadt“ und einer beeindruckenden Bebilderung, sowie der große Prozessionszug im 3. Akt, der im Hintergrund seltsam kostümierte Personen unter gotischen Gewölben bei grandioser Musik sichtbar werden lässt und einen starken religiösen Akzent im Hinblick auf Pauls Seelenleben in diesem Moment voller Zweifel setzt. Seine Religion, und das zeigt Helen Malkowsky mit ihrem Team sehr deutlich, ist allerdings ausschließlich sein Glaube an Marie, sein ganz privates „Heiligtum“… Ein großer Wurf für die Oper Chemnitz, mit ihm sollte man auf Reisen gehen!

M. Ammann mit den Komödianten

M. Ammann mit den Komödianten

In einer äußerst intensiven Personenregie findet der große Konflikt zwischen Paul und Marietta mit einem Ensemble aus Sängerdarstellern statt, die nicht nur schauspielerisch, sondern auch stimmlich erstklassige Leitungen bieten. Niclas Oettermann stellt die ganze Zerrissenheit – auch mit seiner eine gewisse Dekadenz betonenden Maske – und die tiefenpsychologischen Abgründe des Paul dar und singt ihn mit heldischem Aplomb seines gerade für diese Rolle bestens geeigneten, etwas metallischen, aber stets höhensicheren Tenors, der etwas in das hier durchaus passende Charakterfach weist. Mühelos hält er auch die langen Bögen, die die Rolle bisweilen verlangt. Von ihm würde man auch gern mal einen Loge hören.

Marion Ammann scheint die Marietta nicht nur zu spielen, sie scheint sie wahrlich zu verkörpern, so intensiv und authentisch wirkt ihre Mimik und Darstellungskunst. Von der Spontaneität und Koketterie des 1. Akts über gekonnte Schauspielerei mit den Komödianten im zweiten bis zur dramatischen Intensität des Dialogs mit Paul zum Ende des 2. Akts und der finalen Auseinandersetzung um – nur geträumt – Leben und Tod im dritten schöpft sie darstellerisch und gesanglich alle Facetten dieser so interessanten Rolle aus. Mühelos schafft sie mit ihrem leuchtenden Sopran alle Anforderungen sowohl der Marie mit mystisch verklärter Stimme aus dem Off als auch der Marietta auf der Bühne, mit fein ausgesungenen lyrischen Spitzentönen und viel Farbe in der Mittellage, bei stets exzellenter Diktion.

N. Oettermann und M. Ammann 3. Akt

N. Oettermann und M. Ammann 3. Akt

Tiina Penttinen ist eine von der ganzen Skurrilität der „Kirche des Gewesenen“ bereits gezeichnete eindrucksvolle Brigitta mit klar artikulierendem Mezzo. Klaus Kuttler singt den Frank und den Pierrot mit samtweichem Bariton ausdrucksvoll. Er kann sich besonders im 2. Akt profilieren, als es zur Auseinandersetzung mit Paul um Marietta kommt und er von den Komödianten als Pierrot wieder zum Leben erweckt wird. Ausgezeichnet in Szene setzen sich auch mit ihren schillernden Kostümen die übrigen Komödianten: Guibee Yang als Lucienne; Carolin Schumann als Juliette; André Riemer als Victorin uns Edward Randall als Graf Albert. Der von Simon Zimmermann einstudierte Chor sorgt für starke Momente, insbesondere mit dem Prozessionszug im 3. Akt.

Frank Beermann mit den Solisten beim Schlussapplaus

Frank Beermann mit den Solisten beim Schlussapplaus

Frank Beermann lässt mit exaktem Schlag und bei der sehr guten Akustik des Chemnitzer Hauses die vielschichtige und oft bizarre Musik der „Toten Stadt“ mit der Robert-Schumann-Philharmonie in all ihren Facetten erleuchten und sorgt für filigrane Transparenz am Pult. Er legt besonderen Wert auf eine stimmungsbetonende Feinzeichnung der hier so reichen Psychologie der Korngoldschen Musik und eine gefühlvolle Begleitung der Sänger durch das emotionale Auf und Ab, welches in diesem Stück besondere musikalische Anforderungen stellt. Stets stimmen die Tempi. Die großen dramatischen Höhepunkte werden sorgfältig und transparent aufgebaut und in ihrer ganzen tonalen Herrlichkeit ausmusiziert. Zuletzt im Schloss Neuschwanstein mit einem „Meistersinger“- und danach auf Gran Canaria mit einem R. Wagner-, R. Strauss- und A. Skriabin-Konzert erlebt, erscheint mir dieser noch relativ junge Maestro nach seiner Interpretation der „Toten Stadt“ vor einer großen Karriere zu stehen. Jedenfalls sollte er die Chance dazu bald bekommen. 2016 wird er Chemnitz verlassen…
Noch zwei Termine: 27.3. und 6.4. 2015.

Szenenfotos: Dieter Wuschanski

Foto 1,6: Klaus Billand

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