KIEL: „Tosca“ – NI 21. April 2016

Bühnenbilder, aber kein Bühnenbildner…

1. Akt, Scarpia beim Te Deum

1. Akt, Scarpia beim Te Deum

Puccinis „Tosca“ ist ein Werk des Verismo, und umso mehr sieht man gebaute Bühnenbilder, die Elemente einer Architektur meist aus der Zeit um 1800, in der dieses Werk historisch auszusiedeln ist – ähnlich wie in den Wiener Bühnenbildern der mittlerweile zum Kultstatus erhobenen Wallmann-Produktion aus den 1950er Jahren. Solch eine Herangehensweise lag dem Regisseur dieser Kieler Neuproduktion vom Januar 2016, Lukas Hemleb, und seinem Video-Künstler Luca Scarzella, fern. Denn in ihrem Konzept gibt es gar keinen Bühnenbildner! Aber es gibt Bühnen b i l d e r im wahrsten Sinne des Wortes. Der Regisseur vertritt die Ansicht, wie er in einem aufschlussreichen Beitrag im Programmheft mitteilt, unter Beachtung von Puccinis präzise an Orte gebundenen Regieanweisungen das Stück umzusetzen, „ohne in einen schwülstigen Detailrealismus und eine geschmäcklerische Ausstattungswut zu fallen“. Er will die Wahrnehmung des Zuschauers nur über die Magie scheinbar schwereloser Bühnenvorgänge erreichen und greift dabei Puccinis Sensibilität gegenüber technischen Neuerungen für alles Moderne auf. Scarzella erreicht mit seinen gefilmten Bildern durchaus die Verbindung von Puccinis Musik und Theatralik. Es geht schon damit los, dass der Maler Cavaradossi vor einem imaginären Bild steht, in der Kirche Sant’Andrea della Valle, die sich später in ihrer Perspektive durch die bewegten Bilder scheinbar unmerklich verändert, immer aber das Original zeigt. Dabei werden nicht die momentanen Gefühlslagen der Protagonisten kommentiert, sondern mit sich unmerklich verändernden und wandernden Bildern die reale Umgebung der Handlung nach Puccinis Ortsanweisungen suggeriert. In diesen Bildern können sich die Sänger und Sängerinnen bestens positionieren, zumal die Bilder immer etwas dunkel und im Hintergrund gehalten werden.

2. Akt, Scarpia mit Tosca

2. Akt, Scarpia mit Tosca

Das durchaus gute Sängerensemble setzte sich ausschließlich aus Sängern des Theaters Kiel zusammen, was, neben dieser gelungenen Produktion, auch das gute sängerische Potential dieses ja relativ kleinen Hauses dokumentiert, welches seit einigen Jahren äußerst erfolgreich von Intendant Daniel Karasek geführt wird. Agnieszka Hauzer, noch am Abend zuvor als Freia im „Rheingold“ und drei Tage später als Sieglinde in der „Walküre“ auf der Kieler Bühne, war eine einnehmende Tosca mit einem stabilen und klangschönen Sporn, mit dem sie alle Facetten und Höhen der Rolle meisterte. Hinzu kam ihr emphatisches Spiel. Der noch recht junge Yoonki Baek war ein Cavaradossi, der so gar nicht dem entsprach, was man optisch landläufig in dieser Rolle gewohnt ist. Sein studentisches Aussehen kam dem jungen Cavaradossi aber durchaus entgegen. Baek sang die Partie mühelos, auch mit den erforderlichen Spitzentönen, und konnte darstellerisch durch sein bedachtes, etwas introvertiertes, also nachdenkliches Spiel überzeugen.

2. Akt, Der Mord an Scarpia

2. Akt, Der Mord an Scarpia

Einen ganz starken Eindruck hinterließ Gevorg Hakobyan als Baron Scarpia, der die bigotten und lüsternen Charakterzüge des Römer Polizeichefs aufs Eindrucksvollste nachzeichnete und dabei noch mit einem ausdrucksstarken und äußerst klangvollen Bariton glänzte – eine Besetzung dieser Partie, die sich an jedem größeren Haus gut sehen lassen könnte! Christoph Woo war ein agiler und auch stimmlich ansprechender Angelotti, Michael Müller ein Spoletta mit einer nicht ganz klangvollen Stimme, während der Messner, noch am Abend zuvor der Fafner im „Rheingold“, mit einem profunden und gut geführten Bass sowie einem für diese kleine Rolle außergewöhnlich intensiven Spiel glänzte. Sciarrone wurde von Slaw Koroliuk, der Schließer von Anton Schmalz und der Hirtenknabe von Johanna Kahlcke jeweils gut interpretiert.

3. Akt, Cavaradossi und Tosca auf der Engelsburg

3. Akt, Cavaradossi und Tosca auf der Engelsburg

Der Opernchor und Extrachor des Theaters Kiel sowie der Kinder- und Jugendchor an der Oper Kiel bildeten ein starkes dramaturgisches Element an diesem Abend und bewiesen ein hohes Maß and Musikalität und Stimmkraft. So wurde das Te Deum zu einem Höhepunkt der Aufführung. Moritz Caffier leitete das Philharmonische Orchester Kiel mit viel Verve und guter Dynamik sowie feiner musikalischer Zeichnung in den lyrischen und kontemplativen Szenen.

3. Akt, die Erschießung Cavaradossis

3. Akt, die Erschießung Cavaradossis

Zum Schluss kulminierte Hemlebs und Scarzellas Bilder-Technik mit dem optisch eins zu eins nachvollziehbaren Sturz Toscas von der Engelsburg auf das Straßenpflaster – eine harter und manchen im Publikum erschreckender Schluss! Das Theater Kiel kann stolz sein auf diese Produktion.

Fotos: Olaf Struck

Klaus Billand

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