LÜBECK: “West Side Story – 24. April 2016

Beeeindruckend auf allen Ebenen

Jets und Sharks

Jets und Sharks

Das Theater Lübeck, ein Mehrspartenhaus im besten Sinne des Wortes, zeigt nicht nur erstklassige Opernproduktionen, zumal von Werken Richard Wagners und Richard Strauss‘, sondern konnte an diesem Abend mit der Produktion der „West Side Story“ von Leonhard Bernstein nach einer Idee von Jerome Robbins und dem Buch von Arthur Laurents sowie den Gesangstexten von Stephen Sondheim unter Beweis stellen, dass ihm auch die Kunstgattung Musical gut liegt. Man erlebte eine unglaublich farbige, vielseitige und dynamische Inszenierung von Wolf Widder in den Bühnenbildern und Kostümen von Katja Lebelt und einer Choreografie von Kati Heidebrecht. Sie konnte mit den Jazz-Tänzen und Straßenschlachten mit großer Phantasie und Gefühl für das Innenleben der Mitglieder beider Gangs, der „Jets“ aus New York und der „Sharks“ aus Puerto Rico, ein hohes Maß an Emotion und Authentizität in das Geschehen auf der Bühne einbringen.

Die Mädchen

Die Mädchen

Jerome Robbins und Arthur Laurents, die das Stück gemeinsam entwickelten und Leonard Bernstein für die Komposition gewinnen konnten, wollten keine Eins-zu-Eins-Umsetzung des Shakespeareschen Stoffes von „Romeo und Julia“ in Szene setzen. Es sollte ein „Romeo und Julia“ moderner Fassung werden, welcher die täglichen Probleme der oft arbeitslosen Jugendbanden zunächst in der New Yorker East Side thematisieren und den Irrsinn der Feindschaft zwischen zweien von ihnen zeigen sollte, deren Gründe weder den „Jets“ noch den „Sharks“ wirklich klar sind. Es geht hier in gewissem Sinne um eine Feindschaft um der Feindschaft Willen, wobei am Ende der Überlegungen von Robbins und Laurents das rassische Element zwischen den New Yorker „Jets“ und den Puerto Ricaner „Sharks“ zum wesentlichen Erklärungsgrund ihres dramaturgischen Konzepts wurde, der aber eher im Unterbewusstsein beider Gangs verhaftet ist. Man verlegte die Handlung an die West Side von Manhattan. Dort befehdeten sich gerade Banden junger Puerto Ricaner und junger US-Amerikaner. Ursprünglich ging es Robbins und Laurents um die Thematisierung eines gewissen Konfessionsstreits, also um das jüdisch und katholisch sein, wobei Maria, die noch sehr junge Schwester des Anführers der „Sharks“, Bernardo, jüdisch sein sollte und Tony, der Architekt und frühere Anführer der „Jets“ katholisch. Diese Idee wurde in einem Gespräch mit Leonard Bernstein Monate später in Hollywood „endgültig im Schwimmbecken unseres Hotels versenkt“, wie Arthur Laurents sich im Programmheft erinnert. So sollte die Grundidee Shakespeares zwar beibehalten, aber daraus eine Geschichte entwickelt werden, die für das Wesen der Menschen unserer Tage bezeichnend ist. Das ist ihnen mit diesem klassischen Musical aus der Musical-Blüte der 1950er Jahre voll gelungen. Dabei waren sie im Wesentlichen darauf aus, die künstlerische Illusion der Wirklichkeit zu schaffen. Dieser nicht gerade leichte Spagat gelang dem Theater Lübeck mit der sehenswerten Produktion auf das Beste.

Maria

Maria

In dem deprimierenden Hinterhofambiente der New Yorker West Side, das wie eine Abschottung von der übrigen Realität dieser Mega-City wirkt, erleben wir die Auseinandersetzungen der beiden Gangs hautnah, wobei das Regieteam mit seiner Dramaturgin Doris Fischer in der Lage ist, ein Höchstmaß an jugendlicher Emotion zu vermitteln. Geschickt werden die großen grauen Betonwände, die natürlich von Graffiti aller – auch und gerade politischer Art – übersät sind, immer wieder gegeneinander versetzt. Sie geben so immer neue Spielebenen und Sichtachsen frei, die ein ständig variierendes Bühnenbild ohne Vorhangfall ermöglichen. Somit bleibt die Spannung ständig aufrecht, und es wird der räumliche Boden für die dann jeweils folgende Gruppen- oder Individualszene bereitet. Dabei nimmt die Lichtregie von Benedikt Kreutzmann stets eine tragende Rolle ein. Natürlich darf die typische New Yorker Hinterhof-Feuerleiter nicht fehlen, die in Assoziation mit dem berühmten Shakespeareschen Balkon von „Romeo und Julia“ die Kussszene und das für einen Moment glückliche Zusammensein von Maria und Tony wirkungsvoll ermöglicht.

Maria und Toni auf der Feuerleiter

Maria und Toni auf der Feuerleiter

Evmorfia Metaxaki singt die Maria mit einem charaktervollen leuchtenden Sopran und großer Empathie – sie kann diese vielseitige Rolle im wahrsten Sinne des Wortes authentisch verkörpern. Ihr Partner Tony, Freund des Bandenführers Riff der „Jets“, wird an diesem Abend von Edward Lee als Gast gespielt. Auch er kann mit dem klangschönen Material seines bestens geführten und wortdeutlichen Tenors und ebenfalls einem hohen Maß an Emotion und Authentizität überzeugen. Herrlich gelingen den beiden die großen Solonummern und Ohrwürmer, die einen sofort in die Ästhetik der 50er Jahre zurückversetzen. In diesen Momenten ging ein großer Zauber von der Bühne aus. Femke Soetenga singt die Rolle von Bernardos Freundin mit einem voll klingenden und wortdeutlichen Mezzo. Sie spielt die Gefühlsausbrüche und emotionalen Klippen dieser Partie mit großem Engagement und ebenfalls viel Emotion. Thomas Christ als Riff und Kai Bronisch als Bernardo können ebenso in ihren Rollen, zumal mit großem körperlichem Einsatz, überzeugen wie Michael Ewig als Chino, Bernardos Freund, und die vielen anderen, die fast zwei Seiten des Abendspielzettels füllen…

Das Ende Bernardos

Das Ende Bernardos

Ludwig Pflanz konnte mit dem Philharmonischen Orchester der Hansestadt Lübeck die vom Geschehen auf der Bühne ausgehende Dynamik und Emotion mit einem feurigen Herangehen an die großartige Partitur von Leonard Bernstein auf musikalisch beste Art und Weise untermauern. Man merkte, dass diesem Orchester viel an der oftmals subtilen und dann wieder schwärmerischen und rhythmischen Tonmalerei des großen US-amerikanischen Meisters gelegen war. Ein beeindruckender Musical-Abend am Theater Lübeck, mit einem begeisterten Publikum!

Fotos: Olaf Mahlzahn

Klaus Billand

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