MANNHEIM: Tosca - WA 28. März 2014

1.Akt Cavaradossi und Messner

1.Akt Cavaradossi und Messner

Das Nationaltheater Mannheim (NTM) nahm im März zusammen mit einer fulminanten „Elektra“ die 1994 von Renate Ackermann und dramaturgischer Unterstützung von Michael Klügl, dem heutigen Intendanten der Staatsoper Hannover, inszenierte „Tosca“ von Giacomo Puccini wieder auf. Und selbst 20 Jahre nach ihrer Entstehung wirkt die Produktion noch total frisch, ganz so wie sie damals in Szene gegangen sein könnte. Das liegt wohl vor allem daran, dass das Regieteam die Handlung in ein ganz und gar schlichtes, meist graues Bühnenbild (Hans-Martin Scholder) stellt, in dem es die spezifische innere Welt der drei Hauptfiguren völlig schnörkellos darstellen will. So steht hier nicht der mit der „Tosca“ verbundene Verismo im Vordergrund, der sich ja unter anderem an einer möglichst naturgetreuen Darstellung des Umfelds orientiert, sondern die nackten Tatsachen menschlicher Zwänge, Schwächen und Verwerfungen – in grauen kahlen Wänden, mit nur allerwenigsten Utensilien. Allerdings wird man durch die Kostüme von Eva Dessecker aus der Zeit, in der die Oper spielt, wieder ein kleines Stück an die gewohnte „Tosca“-Ästhetik herangeführt. Eine interessante Spannung zwischen alltäglicher Gewalt mit dem ihr zu Grunde liegenden Unrecht und dem äußeren Schein einer vermeintlichen künstlerischen Harmonie tut sich da auf….

1. Akt Cavaradossi und Tosca

1. Akt Cavaradossi und Tosca

So sehen wir im 1. Akt in einem Riesenraum der als solche kaum erkennbaren Kirche Sant’Andrea della Valle nur eine Staffelei und ein paar Mal-Utensilien Cavaradossis, im Hintergrund als Assoziation an die Entstehungsgeschichte noch die Madonna, an der Tosca auch hier ihre Rosen ablegt. Im 2. Akt erinnert Scarpias Palazzo Farnese mit seinen betongrauen Wänden und mal gerade einem Schreibtisch und Messinglampe darauf eher an die noch unausstaffierte Reichskanzlei in Berlin Anfang der frühen 1940er Jahre als an den schmucken römischen Palast, der seit langem Frankreich als Botschaft dient. Auch die Engelsburg ist hier bis auf wenige formale Linien abgespeckt. Nicht die äußere Welt steht bei Ackermann und Klügl im Vordergrund, „…sondern Welt, gespiegelt im Innern der Figuren“, wie Klügl in einem interessanten Aufsatz im Programmheft schreibt.

1. Akt

1. Akt

Dabei steht die Figur des Scarpia als die komplexeste der drei im Vordergrund, was auch an der Dramaturgie erkennbar wird. Selten erlebte man eine so vielfältige Auffächerung der charakterlichen Strukturen des römischen Polizeichefs. Er wird hier nicht als der eindimensional polternde und sexbesessene Grobian gezeigt, sondern als ein bisweilen fast weich erscheinender, in etliche innere Sehnsüchte, Zwänge und Komplexe verstrickter Charakter. Mikael Babajanyan als Gast ist wohl ideal, dieses Rollenprofil zu verkörpern. Er legt mit seinem kultivierten und sauber geführten Bassbariton mit klangvollem Timbre die Rolle vor allem gesanglich an. Dabei bemüht er sich immer wieder um lyrische Farbgebung und strahlt sogar noch im Verhör des 2. Akts eine gewisse Nachdenklichkeit aus.

2. Akt

2. Akt

Mit der stets zum jeweiligen Moment passenden Mimik ist Babajanyan dem nicht immer ganz emphatisch agierenden Cavaradossi des Michail Agafonov im 2. Akt weit überlegen. Agafonov hat einen heldisch kräftigen Stimmansatz und singt den Maler mit einem tragfähigen sowie höhensicheren, für das schwerere italienische Fach durchaus geeigneten Tenor. Es fehlt der Stimme allerdings doch etwas die Geschmeidigkeit, Wärme und tenoraler Schmelz, wenngleich man in diesem Fall wohl keine Italianità erwarten kann. Dazu kommt ein des öfteren zu unengagiertes Spiel. Er müsste gerade diese Rolle mit größerer Empathie darstellen. Davon hat Michèle Crider als mit Spannung erwarteter Gast recht viel. Auch wenn sie sich wegen eines stimmlichen Infekts ansagen ließ, ging sie die Tosca mit unglaublicher Intensität nicht nur in der Darstellung an, mimte die von Eifersucht besessene Diva, sondern bis weit in den 3. Akt auch stimmlich, von einigen dann eintretenden Klangverlusten bei Spitzentönen abgesehen. Cryder bot eine hervorragende engagierte Leistung mit viel Verve und Charisma. Ihr Mord Scarpias war dementsprechend brutal…

Tosca - Michèle Crider

Tosca - Michèle Crider

Des weiteren konnte der klangvolle Bryan Boyce als Angelotti gefallen, der an diesem Abend sein Rollendebut gab. Auch der Messner von Magnus Piontek, wieder mit Rollendebut wie am Abend zuvor noch als Pfleger des Orest, hatte einen stimmkräftigen und gut gestalteten Auftritt. David Lee war ein stimmlich guter Spoletta, während Junchul Ye als Sciarrone etwas blass blieb. Tadellos der Schließer von Chi Kyung Kim mit Rollendebut und der Sängerknabe Julius Lehmann mit seinem Solo als langsam über die Bühne wandelnder Hirt. Auch der von Tilman Michael geführte Chor und der von Anke-Christine Kober geleitete stimmkräftige Kinderchor des NTM konnten voll überzeugen.

2. Akt

2. Akt

Die wahre Explosivität dieser „Tosca“ kam aber aus dem Orchestergraben des NTM unter der exzellenten Stabführung von Dan Ettinger. Das Nationaltheater-Orchester Mannheim spielte einen intensiven Gegenpol zum optisch zurückhaltenden Bühnenbild und bildete so die gewollte innere Problematik der zentralen Figuren umso klarer und eindringlicher ab. Dabei konnte sich Ettinger auf hervorragende Streicher verlassen, und immer wieder bestachen die Celli doch ihre saubere und klangvolle Linienführung. Die Blechbläser agierten ebenfalls in Höchstform. In den ruhigeren Phasen gab es auch feinste Transparenz, immer wieder auch begünstigt durch die offenbar sehr gute Akustik des NTM. Mit dieser musikalischen Leistung machte das Orchester unter dem jungen Dirigenten völlig vergessen, dass man in einer Repertoire-Aufführung saß.

Fotos: Hans-Jörg Michel (bis auf M. Crider andere Besetzung)

Klaus Billand

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