ULAN UDE/Südost-Sibieren: Così fan tutte - Pr. 17. Oktober, Reprise 18. Oktober 2014

Unkonventioneller Mozart im der Tiefe Asiens…

Das Opern- und Ballett-Theater

Das Opern- und Ballett-Theater

Einmal im Jahr bringt das Buriatische Opern- und Ballett-Theater in Ulan Ude, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Buriatien, die Neuinszenierung einer Oper, neben einem Repertoire mit wenigen monatlichen Aufführungen und vor allem dem hier wie überall in Russland sehr beliebten Ballett. Das Theater, welches von Stalin bereits 1939 konzipiert wurde, wegen des 2. Weltkriegs aber erst in den Jahren 1945-52 erbaut werden konnte, ist nach Angaben seiner Leitung der Stolz Buriatiens und gehört zum nationalen Erbe sowohl Buriatiens wie ganz Russlands. Es hatte damals großen Symbolwert, dass man dieses Theater weit in der Tiefe Asiens am Zusammenfluss des großen Selenga und des kleineren Ude errichtete, deren Wasser etwa 150 km nördlich der Stadt in den Baikalsee mündet. Dieser See mit dem größten Süßwasserreservoir der Erde hat für die Buriaten und die Bewohner anderer angrenzender Teilrepubliken mystische Bedeutung.

Dirigent Philip Chizhevsky, Minister Timur Tsybikov, Regisseur Prof. H. J. Frey, Dolmetscherin

Dirigent Philip Chizhevsky, Minister Timur Tsybikov, Regisseur Prof. H. J. Frey, Dolmetscherin

Das Buriatische Opern- und Ballett-Theater hat ein Sängerensemble von etwa 30 Personen. Dass es so hoch im Kurs steht bei Regierung wie Bevölkerung, konnte man als Angereister „aus fernem Land“ leicht feststellen. Der Minister für Kultur Buriatiens, Timur Tsybikov, betreute mit der Theater-Direktorin Ayuna Tsybikdorzhieva und dem Regie-Team der „Così“ die Ehrengäste, Protagonisten und auch die Journalisten. Das Publikum nahm den ersten Mozart nach 52 Jahren an diesem Theater mit Mozarts „Così fan tutte“ in der Inszenierung von Hans-Joachim Frey, dem Künstlerischen Leiter des Brucknerhauses Linz, mit großer Begeisterung auf. 1962 war es übrigens auch die „Così“.

Der Saal

Der Saal

Frey hatte hier vor einem Jahr bereits Wagners „Fliegenden Holländer“ inszeniert, der dann auf Besuch in das relativ nahe Irkutsk am nordwestlichen Baikalsee ging und später auch ins weißrussische Minsk. Wie damals konnte Frey mit seiner weitgehend unkonventionellen, aber sich gleichwohl im theatralischen Duktus von Mozart und Lorenzo da Ponte bewegenden Inszenierung einen großen Erfolg verbuchen. Dabei stand ihm Marc Bogaerts als kongenialer Choreograph mit einem in dieser überzeugenden Form wohl selten zu sehenden Bewegungschor zur Seite.

Buriatisches Paar vor Beginn des Vorspiels

Buriatisches Paar vor Beginn des Vorspiels

Sie inszenierten die universale Bedeutung der Liebe, indem der hier ausschließlich aus jungen Menschen bestehende Chor des Buriatischen Opern- und Ballett-Theaters zum Tanzen animiert und angeleitet wurde. Während das bekannte Spielchen auf der Bühne abläuft, sind immer wieder die jungen Leute zu sehen, mal singend, mal tanzend, immer präzise das Geschehen – bisweilen pantomimisch – kommentierend, wie einst der Chor im alten Hellas. Diese jungen Leute sind in der Inszenierung die wahre Schule der Liebenden, womit Frey den zweiten Teil des Operntitels in den Mittelpunkt seiner Interpretation stellt. Sie beobachten das Geschehen der Oper und lernen sozusagen aus den Erfahrungen, die hier gemacht werden. So wurde eine intensive und niemals Langeweile aufkommen lassende dramaturgische Wirkung erzielt, die auch beim Publikum bestens ankam. Bereits vor dem Erklingen des Vorspiels geht ein junges buriatisches Paar langsam durch die Gänge des Saals und singt mit guten Stimmen mantraartige Verse im Stile der lokalen Vokalkultur.

Don Alfonso und Despina

Don Alfonso und Despina

Das Regie-Team wusste dabei auch lokale kulturelle Elemente geschickt in das Geschehen einzuflechten, im Sinne einer interkulturellen Interpretation von Mozarts großem Meisterwerk. Statt dass Ferrando einen Selbstmordversuch vortäuscht, um Dorabella im Sinne der Wette mit Don Alfonso für sich zu gewinnen, sind beide Freier in einem heftigen Boxkampf zu sehen. An dessen Ende sinken sie erschöpft und wie gefoulte Fußballspieler leidend zu Boden, um so die Zuneigung der beiden Damen zu ergattern. Der Boxsport ist in Buriatien außerordentlich beliebt.

1. Akt

1. Akt

Im 2. Akt ist auf dem weiten Bühnenhorizont der Baikalsee angedeutet und sogar ein allen hier lebenden Buriaten bekannter, im Wasser stehender Stein. Er sieht wie eine riesige Schildkröte aus und hat und somit ebenfalls mystische Bedeutung. Don Alfonsos großer Saal deutet hingegen mit europäischer Symbolik und dunklen Bordeaux-Tönen eine Art Gedankenküche oder Labor an. Alfonso ist der Laborleiter im völlig stilgleichen Gewand. Diese Ästhetik erinnerte an jene von Leonardo da Vinci und die Zeichnungen seiner vielfachen Beschäftigung mit technischen Phänomenen. Auch die Wette Alfonsos mit den beiden ist ja eine Art Feldstudie…

1. Akt

1. Akt

Nun ist Ulan Ude, wenn es um Mozart-Gesang geht, sicher nicht mit Salzburg zu vergleichen. Es war dennoch erstaunlich, wie gut die meisten SängerInnen, die hier alle als RollendebütantInnen und auf dem für sie doch recht befremdlichen Italienisch sangen, mit ihren Partien zurecht kamen, einige sogar sehr gut. Dazu kam bei allen eine intensive Mimik und Darstellung, als hätten sie das Stück schon des Öfteren gespielt.

1. Akt

1. Akt

Am Premierenabend stachen Badmá Gomboshápov als Don Alfonso mit seinem prägnanten und klangvollen Bass sowie Biligmá Rinchínova als Despina mit glänzend gespielter wissender Koketterie und einem technisch gut geführten Sopran bei bester Diktion auf. Die beiden waren ein tolles Team. Munchsúl Namcháin war ein guter Guglielmo, seinen Bariton bisweilen aber nicht immer ganz deutlich artikulierend. Oksána Chinqéeva sang eine emphatische Dorabella mit nicht immer ganz sicherer Tongebung, aber schöner stimmlicher Farbgebung. Sie konnte weitgehend überzeugen, ebenso wie die Sängerin der Fiordiligi, die aber noch etwas an ihrer Stimmtechnik arbeiten sollte.

2. Akt

2. Akt

Einzig der Tenor Bairsháb Dambiev als Ferrando fiel stimmlich gegenüber den anderen Protagonisten ab. Zu verquollen, bei wenig Wortdeutlichkeit und oftmals Problemen mit den Höhen war er in der Premiere und mehr noch in der Reprise tags darauf überfordert. In der Reprise am Folgetag sang der noch recht junge Eduárd Shagháev mit exzellenter Diktion, aber etwas kleinerem und nicht immer höhensicherem Bass den Don Alfonso. Als Dorabella war hier Ólga Shigmitova mit einem klanglich beeindruckenden Vortrag und großem darstellerischem Engagement zu erleben. Der Bewegungs-Chor war hingegen stimmlich bestens bei der Sache und offenbar gut einstudiert. Die Inszenierung strahlte durch die Intensität der Bewegungsregie enorme Frische und Lebendigkeit aus.

2. Akt

2. Akt

Der junge Dirigent Philip Chizhevsky vom Bolschoi-Theater Moskau entfaltete einen beschwingten und beherzten Mozart-Klang im um einige Gäste aus anderen Landesteilen ergänzten Orchester. Er wusste mit weit ausholendem Schlag und großer Aktion am Pult des Orchesters des Buriatischen Opern- und Ballett-Theaters die SängerInnen stets mit Blickkontakt gekonnt zu führen. So war große Harmonie zwischen Graben und Bühne garantiert – die Aufführung wirkte wie aus einem Guss.

Schlussapplaus mit Philip Chizhevsky, Hans-Joachim Frey und Ensemble

Schlussapplaus mit Philip Chizhevsky, Hans-Joachim Frey und Ensemble

Bei der Reprise sprang bei einer gegenüber der Premiere noch intensiveren Spielfreude aller Akteure regelrecht der Funken ins zahlreich erschienene und zu großen Teilen junge Publikum über. Wann und wo hat es das schon einmal gegeben, dass während der Schlussszene der „Così“ vor Begeisterung rhythmisch geklatscht wurde…?! Oper hat Zukunft in Sibirien!

Fotos 5-10: Buriatisches Opern- und Ballett-Theater Ulan Ude
Alle anderen: Klaus Billand

Klaus Billand

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