ULM/Wilhelmsburg: “Aida” (open air) – 13. Juni 2017

Interessante Neudeutung des Triumphmarsches

Philippe Do als Radamès

Philippe Do als Radamès

Alle zwei Jahre zieht das Theater Ulm mit einer Musikproduktion auf die nahe Wilhelmsburg. Bisher waren das im wesentlichen Musicals. In diesem Jahr entschloss man sich, zum ersten Mal im weiten Innenhof der Burg eine Oper aufzuführen. Die Wilhelmsburg ist eine vom Deutschen Bund finanzierte Landesfestung und wurde 1842 bis 1859 vom preußischen Festungsbaudirektor und damaligen Oberst Moritz Karl Ernst von Prittwitz und Gaffron entworfen sowie unter seiner Leitung erbaut. Als erste Oper im weiträumigen Innenhof der Festung entschied sich das Theater Ulm für Giuseppe Verdis „Aida“.

Amneris mit Radamès

Amneris mit Radamès

Regisseur Matthias Kaiser und sein Dramaturg Benjamin Künzel wählten mit der Bühnenbildnerin Britta Lammers und der Kostümbildnerin Angela C. Schuett, die geschmackvoll sowohl klassische wie auch aktuelle Aspekte in sich vereinende Kostüme schuf, ein traditionelle und zeitgenössische Theaterelemente zusammenführendes Regiekonzept, das bisweilen etwas experimentell wirkt, aber im Großen und Ganzen gelang.

Feldherr Radamès vor dem Hofstaat

Feldherr Radamès vor dem Hofstaat

Das recht einfach gehaltene Bühnenbild setzt sich aus einem weitflächigen Holzpodium mit mehreren Treppenabgängen zusammen, die auf die um das Podium herum liegende und mit einer Kiesschicht ausgelegten Spielfläche führen. So ergibt sich ein weiter Bühnenraum, der bei den großen Chorszenen und insbesondere beim Auftritt der Äthiopier seine Wirkung zeigt. Auch nach oben ist das Podium mit der Festung verbunden. Eine Treppe führt hinauf in eines der Fenster im 2. Stockwerk für Auf- und Abgänge des ägyptischen Hofstaats durch einen rot beflaggten Korridor. Beleuchtungstechnisch beeindruckend wirken aus der hier oben liegenden Fensterreihe später die Auftritte einiger Mitglieder des Chores. Ferner sind sowohl auf der Bühne wie auf der Fläche davor einige bordeauxrot verhüllte Mumiensarkophage zu sehen. Zwei von ihnen werden am Ende das also nicht gemeinsame Grab von Radames und Aida abgeben. Die Lichtregie von Marcus Denk wird zu einem bedeutenden dramaturgischen Stilmittel, insbesondere nach der Pause zum 3. Akt, als es dunkel genug war, um auch mit farblichen Effekten starke Stimmungen zu erzeugen. Im 2. Teil gab es aufgrund der Lichtverhältnisse dann auch deutsche Untertitel.

Marlene Lichtenberg als Amneris und Hélène Lindquist als Aida

Marlene Lichtenberg als Amneris und Hélène Lindquist als Aida

Nun haftet der „Aida“, bisweilen ein gewisser Ruch der Gigantomanie an, die sich besonders in dem auch vielen Nichtopernbesuchern (bis hin zum Fußballpublikum…) bekannten Triumphmarsch äußert. Gerade eine open air Produktion eignet sich dazu, den diesbezüglichen Erwartungen eines breiten Publikums zu entsprechen – man denke nur an die Arena von Verona. Diesem Stereotyp wollte aber das Ulmer Regieteam ganz und gar nicht nachgeben. Und das ist das eigentlich Besondere an dieser in vielerlei Hinsicht ungewöhnlichen „Aida“-Inszenierung.

Die Äthiopier vor dem König von Ägypten

Die Äthiopier vor dem König von Ägypten

Schon gleich zu Beginn deutet Matthias Kaiser mit der Auftrittsarie des Radamès an, dass es ihm um die charakterliche und emotionale Feinzeichnung der einzelnen Protagonisten und ihrer Schicksale geht. Darin sieht er auch Verdis Charaktere: „Menschen aus Fleisch und Blut mit all ihren Nöten, Ängsten und Träumen, die sich gerade nicht durch das exotische Ambiente oder einen vorgegaukelten Historismus definieren. Es sind Individuen, die an den starren Regeln und Forderungen der Gesellschaft zerbrechen.“ Während Radamès seinen Wunsch besingt, nach einem Sieg gegen die Äthiopier mit seiner Geliebten Aida eine gemeinsame Zukunft zu gestalten, erscheint diese auf der Spielfläche wie eine optische Dokumentation seiner Gedanken. Ähnlich gelingt es Kaiser auch, die ganz anders gelagerte Verzweiflung der Amneris zu zeigen, sowie die zunächst ausweglose Situation Amonasros. Immer wieder wird dieser Fokus auf die Individuen mit Lichtspots verstärkt, sodass dem Publikum trotz des großen Bühnenraums eine Indentifizierung mit der Tragik der jeweiligen Figur erleichtert wird.

Chor aus den Fenstern der Wilhelmsburg

Chor aus den Fenstern der Wilhelmsburg

Vor diesem Hintergrund von Einzelschicksalen sieht Matthias Kaiser und sein Dramaturg Künzel naheliegenderweise auch den sog. Triumphmarsch ganz anders als üblicherweise dargestellt. Und diese Uminterpretation des Triumphmarsches könnte man durchaus als Zentralaussage ihres Regiekonzepts bezeichnen. Pomp und Gloria, die dem Sieg der Ägypter über die Äthiopier huldigen, kann das Regieteam nicht das Geringste abgewinnen. Wie der Dramaturg im Programmheft schreibt, bestimmen hier die Mächtigen über das Schicksal der Schwächeren: „Die Opfer sind anonymisierte Kriegsbeute, menschliche Ressourcen, um die eigene Macht und den eigenen Wohlstand zu erhalten. Nicht Gold und Edelsteine, die mit Elefanten angekarrt werden, sind die Trophäen der Sieger, sondern die Besiegten selbst – ihnen gibt Verdi auch eine Stimme, die aber im Triumphgetöse unterzugehen droht. Diese Kriegsgefangenen werden zum erschütternden Gegenstand des Triumphmarsches, der mit ohrenbetäubender Brutalität die Unmenschlichkeit zu verherrlichen versucht.“ Dramaturgisch setzt das Regieteam diese Interpretation ebenso menschlich berührend wie irritierend um. Man sieht neben den gefangenen Äthiopiern auch ihre Kinder, die unter dem Thron des Königs von Ägypten und seiner Tochter Amneris um Gnade flehen. Und statt eines Balletts betreten, geschickt von Statisten geführt, vier riesige Skelette den Bühneninnenraum, während oben auf der Plattform die Ägypter mit Sekt ihren Sieg feiern. Zwei der Skelette tragen Gasmasken – deutlicher lassen sich die Folgen des Krieges, und nicht nur jene dieses Krieges zwischen den Ägyptern und Äthiopiern, kaum darstellen!

Kwang-Keun Lee als Amonasro

Kwang-Keun Lee als Amonasro

Das Ulmer Theater bot an diesem Abend ein exzellentes Sängerensemble auf, wobei die 18 Aufführungen mit den wichtigsten Protagonisten doppelt besetzt sind. Der in Frankreich geborene Tenor vietnamesischer Abstammung, Philippe Do, überzeugt mit einem ausdrucksvollen, baritonal unterlegten Timbre und sicheren Höhen und gab den Radamès mit einem hohen Maß an Emphase. Die Südtirolerin Marlene Lichtenberg ist eine Amneris, die mit ihrem klangvollen und ebenso zu beeindruckender Tiefe wie sauberen Spitzentönen fähigen Mezzosopran ein beeindruckendes Rollenporträt der stolzen Königstochter gibt und über große Bühnenpräsenz verfügt. Der dem Ensemble des Theaters Ulm angehörige Koreaner Kwang-Keun Lee singt einen exzellenten Amonasro mit seinem samtenen aber gleichwohl voluminösen und ausdrucksstarken Bariton. Es interpretiert am Ulmer Haus ein weit gestreutes Repertoire. Valda Wilson, gebürtige Australierin, beeindruckt als Aida mit einem hohen Maß an lyrischer Tonfärbung und einem schönen Legato und besticht durch eine verhalten emotionale Darstellung der Titelrolle. Allein man hätte ihr eine andere Perücke gewünscht. Der koreanische Bassbariton Wooram Lim gibt einen gesanglich guten und agilen König von Ägypten. Martin Gäbler, ebenfalls dem Ulmer Ensemble angehörig, ist ein Respekt gebietender und souveräner Oberpriester Ramfis mit wohlklingendem Bass. Die Koreaner Joung-Woon Lee als Bote und JungYoun Kim als Tempelsängerin runden das Sängerensemble ab. Der von Hendrik Haas einstudierte Opern- und Extrachor des Theaters Ulm sowie der Motettenchor der Münsterkantorei singen kraftvoll mit hoher Transparenz. Aufgrund der Größe des Spielraums sangen alle Sängerinnen und Sänger mit Verstärkung (Ton: Daniel Hatvani).

Radamès, Amneris und der König von Ägypten

Radamès, Amneris und der König von Ägypten

Der junge Kapellmeister von Ulm, wo einst Herbert von Karajan seine Karriere begann, Hendrik Haas, dirigierte das Philharmonische Orchester der Stadt Ulm aus dem Off, ohne dass es dabei zu Momenten mangelnder Koordination zwischen dem Orchesterraum in der Burg und der Freilichtbühne kam. Auf Monitoren bekamen die Sänger exakte Einsätze von Handschuh, der nicht nur die subtilen Momente, wie beispielsweise im Nilakt, aber auch die großen Steigerungen wie im Triumphmarsch facettenreich ausmusizierte.

Fotos: Martin Kaufhold

Klaus Billand

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