Manaus: IX. Festival Amazonas de Ópera (FAO): Internationales Richard-Wagner-Symposium - 8. bis 11. Mai 2005

Interessante Überlegungen zum “Ring” in Südamerika

Richard Wagner

Richard Wagner

Im vergangenen Jahr anlässlich der Götterdämmerung in Manaus regte der Autor die Abhaltung eines Internationalen Wagner-Symposiums während des Premieren-Ring-Zyklus in diesem Jahr an. Die Idee wurde von der Festspielleitung und dem Kulturstaatssekretariat von Amazonas aufgegriffen, und das Symposium mit dem Titel „Der Ring des Nibelungen als Brücke zwischen Europa und Lateinamerika“ an drei Tagen vom 8. bis 11. Mai in der Usina Chaminé, einem in einen Kunstraum umgewandelten alten Wasserwerk in Manaus, abgehalten. Es wurde als Gemeinschaftsveranstaltung des Festival Amazonas de Ópera, des Goethe-Instituts Rio de Janeiro und des Neuen Merker Wien im Festspielprogramm annonciert.

Vor dem Hintergrund eines überbordenden Regietheaters in der Ring-Rezeption in Europa und eines möglichen rappel à l’ordre, der sich vielleicht mit der Neuproduktion der Tetralogie durch Tankred Dorst in Bayreuth 2006 abzuzeichnen beginnt (Dorst spricht davon, dass er die Götter im Ring wieder als solche darstellen will; er könne sich Götter vorstellen, die durch Wände gehen… Man könne sie als rätselhafte Macht vergrößern und in ihrer Fremdheit belassen) war die Fragestellung de Symposiums wie folgt:

• Kann die Rezeption eines europäischen Meisterwerkes universellen Gehalts des 19. Jahrhunderts durch lateinamerikanische Kulturvorstellungen erweitert und bereichert werden und somit in neue Dimensionen vorstoßen?
• Worin können neue Interpretationsinhalte des Ring des Nibelungen aus lateinamerikanischer Sicht bestehen?
• Welche Mythen und Sagenkreise bieten sich möglicherweise zum Transport auch sozialkritischer Sichtweise im Rahmen der Tetralogie an?
• Wie lässt sich der Ring interpretatorisch anderen als den bisher thematisierten Kulturkreisen öffnen?
• Bietet der lateinamerikanische Mythenkodex Möglichkeiten, die Rolle der Götter im Ring in einem neuen Licht, welches auch in unserer Zeit verstanden werden kann, zu zeigen? Etc.

Prof. Siegfried Mauser, Rektor der Hochschule für Musik und Theater München, Pianist und Musikhermeneutiker, der selbst eine größere Arbeit “Zum Nachwirken des Deutschen Idealismus in Wagners Ring” verfaßt hat, hielt einen Vortrag über “Wagners Leitmotive als interkulturelle Archetypen” mit Klavierbeispielen. Dabei stellte er die Möglichkeit einer Beziehung zu den magisch-religiösen Welten Südamerikas her, führte aber auch eine kritische Hinterfragung der denkbaren Verstehenshorizonte dieses einzigartigen musikalischen Welttheaters aus dem Blickwinkel des kompositorisch-musikdramatischen Gewebes durch.

Prof. Jorge de Almeida, Professor für Literaturtheorie und vergleichende Literaturwissenschaften an der Universität von São Paulo (USP) referierte über den Mythos im Ring im Hinblick auf die Region Amazonien einerseits und über seine Bedeutung in einer globalisierten Welt andererseits. Er ging auch auf den mythologischen Gehalt des Ring aus Wagners Sicht und den Mythos der Indianer mit Referenz auf Levi Strauss ein.

Prof. Sergio Saboya, Professor für Klinische Psychologie an der Universität von Campinas (UNICAMP) referierte über einige psychologische Elemente im Ring, die eine besondere Bedeutung für die Beziehungen der Götter mit den übrigen Protagonisten der Tetralogie haben. Er zeigte auf, welche mythologische Bedeutung diese Elemente für den Ring haben können.

Botschafter Dr. Gustav Ortner aus Wien referierte über die Wagnerrezeption in Wien im speziellen und in Österreich im allgemeinen nach dem II. Weltkrieg im Hinblick auf mythologische Elemente in diversen Inszenierungen.

Dr. Josef Oehrlein, Lateinamerika-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) aus Buenos Aires, sprach über den „Wagnerismus der Katalanen – Beispiel und Modell für Lateinamerika?“

Der Autor verfasste das Exposé zum Symposium „Richard Wagners Ring des Nibelungen im Spannungsfeld zwischen Europa und Südamerika“ und trug es zu Beginn des Symposiums zur Erläuterung der Fragestellung für das Publikum und als Grundlage für die weiteren Beiträge vor.

An einzelnen Tagen des Symposiums machten auch der Kulturstaatssekretär von Amazonas, Robério dos Santos Pereira Braga und der künstlerische Direktor und Ring-Dirigent Luiz Fernando Malheiro bedeutende Beiträge, sowie der Sänger der Bassrollen im Ring, Stephen Bronk. Der Direktor des Goethe-Instituts von Rio de Janeiro, Alfons Hug, und der Kulturdirektor des Goethe-Instituts von São Paulo, Dr. Joachim Bernauer, referierten ebenfalls zum Thema aus der Sicht der Programme ihrer Institution.

Etwa 30 Besucher pro Tag kamen in das Symposium, welches großes Echo in der brasilianischen Presse fand, sowohl in Amazonien wie auch auf nationaler Ebene. In europäischen Zeitungen, u.a. in El Pais, Madrid, sind bereits Artikel erschienen.

Klaus Billand

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