Santa Cruz de Tenerife/Spanien: Opernforum und Künstlergespräch - 11. Dezember 2018

Ankündigungsplakat Opernforum

Ankündigungsplakat Opernforum

In den letzten Jahren haben sich unter der Leitung des Intendanten der Ópera de Tenerife, Alejandro Abrante, das Programm und die Initiativen dieser kanarischen Kompanie signifikant erweitert und diversifiziert. So nimmt sie neben dem normalen Saison-Programm von bis zu sechs Opern, einem Gesangswettbewerb sowie Meisterklassen auch an dem „Creative Europe“Programm teil. Das ist ein Programm der Europäischen Union für den Kultur und Kreativsektor in Europa mit einer Laufzeit von 2014 bis 2020. Einmal im Jahr wird die Inszenierung einer Oper für junge Sänger unter 32 Jahren in drei Ländern der EU bzw. mit diesem EU-Programm assoziierten Ländern finanziert. In der Saison 2019/20 wird man zusammen mit Tiflis und Bologna die Oper „Der Liebestrank“ von G. Donizetti aufführen. Dazu werden Auditionen in allen drei Ländern für die jungen Sänger veranstaltet. Es werden zwei Besetzungen gebildet und die Oper in jedem Land zweimal aufgeführt, sodass jede Besetzung zweimal singt. Einige Sänger treten dann in den Hauptproduktionen der Kompanie auf. Teneriffa startet seine Saison stets mit der Oper dieses EU-Programms. 2018 war es „Die Italienerin in Algiers“ von G. Rossini.

In diesem auf über eine Stunde angesetzten „Opernforum“ stellte Alejandro Abrante dieses EU-Programm sowie das laufende Saisonprogramm der Ópera de Tenerife dar und kam auf die Geschichte und Bedeutung der Oper auf Teneriffa zu sprechen. Die Kompanie ist auch Mitglied der Regionalorganisation „Opera Europa“, über deren Treffen in Sofia und Madrid hier berichtet wurde. Die Oper kam schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts nach Teneriffa! Es hing mit der „Ruta del Vino“, also der Weinroute zusammen. Sie ging von hier nach England und weiter nach Flandern. Durch diese Weinroute entstand der kulturelle Austausch. Auch die Seidenroute spielte eine Rolle und schloss Asien ein. Schon 40 Jahre nach der UA von „Le Nozze di Figaro“ von W. A. Mozart fand die kanarische Erstaufführung auf Lanzarote statt!

Das erste Theater auf Teneriffa, in dem Opern gespielt wurden, stand am Hafen von Santa Cruz und nannte sich „Pequeno Teatro Calle de la Marina“ mit lediglich 400 Plätzen. Hier gab es zunächst Opern von Mozart und Rossini. In Guarachico an der Nordküste Teneriffas gab es um das 17./18. Jahrhundert sogar vier Theater. Die Inseln hatten damals viel Geld und investierten unter anderem auch signifikant in Kultur. Abrante unterstrich auch die integrative Wirkung der Oper im nationalen Kontext. In Italien sei es letztendlich die Oper gewesen, die das Land mit Werken von Donizetti von Bergamo im Norden bis Bellini in Catania auf Sizilien im Süden zusammenführte. In den meisten italienischen Dörfern gab es zu jener Zeit (und wohl auch heute noch) Dialekte, und nicht jeder verstand jeden. Aber die Oper war immer auf italienisch – das verstand eben jeder! So einte sich Italien über die Emotionen der Oper und zudem über die italienische Sprache, die in diesen Opern zum Tragen kam.
In den 1920er Jahren war Enrico Caruso in Candelaria bei Santa Cruz de Tenerife und sagte zu den Fischern dort: „Les canto gratis“ also „Ich singe für sie umsonst“. Puerto de la Cruz auf der Nordseite der Insel war damals kulturell schon viel weiter entwickelt. Auf das kleine Theater am Hafen von Santa Cruz folgte 1853 das Teatro Guimera mit nun 800 Plätzen. Es wurde bis zu einem gewissen Grad auch ein wirtschaftliches Zentrum, denn in den Pausen machte man Geschäfte – etwa wie heute beim Wiener Opernball. Aber es brachte auch einen enormen künstlerischen Aufschwung in der Entwicklung der Oper auf Teneriffa. Denn die Opern-Kompanien, die von Europa nach Argentinien, Chile und Kolumbien reisten, wurden von der Stadt zu Gastspielen auf ihrem Weg nach Südamerika verpflichtet. Das funktionierte gut bis zum Ausbruch des II. Weltkriegs 1939, dann blieben sie aus – verständlicherweise.

Mit der Kultur auf Teneriffa ging es bergab, auch der Saal des Guimera wurde zerstört. Er war bekannt als eine „buena caja de resonancia“, also als ein Raum mit guter Akustik. Nach dem Krieg erfolgte umgehend der Wiederaufbau, und es entstand später die „Asociación Tenerifeño de Amigos de la Ópera“. Daraufhin kamen die ganz Großen ins Teatro Guimera – wie Pavarotti, Caballé (mit Norma), Ricciarelli, und natürlich Alfredo Kraus, der ja aus Fuerteventura stammte. Er sang dort in „Werther, „Lucia“, „La traviata“. Es war ein Boom in den 70er bis 90er Jahren. Das Guimera wurde zu klein. Da entschied man sich, am Hafen das Auditorio Adán Martín zu bauen, in etwa vergleichbar mit dem Opernhaus von Sydney, was die Konstruktion des Stararchitekten Calatrava Valls aus Katalonien betrifft (denn künstlerisch wird das Opernhaus von Sydney m.E. total überschätzt, man denkt immer nur an das Dach, aus dem aber keine einzige Note herauskommt! Schon Simone Young ging einst dort „laufen“. Anm. d. Verf.). Das Auditorio wurde 2003 mit 1.600 Plätzen eröffnet.

Dann kam die große Finanzkrise als Folge der Wirtschaftskrise, die 2008 begann. 2011 hatte die Ópera de Tenerife lediglich ein Budget von 7.000€ für die Saison, musste also eine Kürzung von sage und schreibe 98,7 Prozent hinnehmen! Man möge sich das mal in Österreich oder Deutschland vorstellen. Die Kompanie sammelte Geld mit dem Einsatz vieler Freunde und von vielen Freunden. Bekannte Sänger wie Celso Abelo, der selbst aus Teneriffa stammt, sangen umsonst, um beispielsweise „La traviata“ aufführen zu können. Man machte „Così fan tutte“ für nur 15.000€! Aber es ging darum, die Emotion de Oper aufrechtzuerhalten – und man kam irgendwie durch. Nach der Krise wurde die „Academia de la Ópera“, dann noch eine „Ópera Família“, gegründet, und man machte auch Oper konzertant.

In diesem Zusammenhang brachte Alejandro Abrante zu Schluss seiner sehr interessanten Ausführungen den Wunsch zum Ausdruck, unter dem Publikum Interessierte für eine Gruppe von Opernliebhabern zu bilden, die sich bestimmten Themen der Oper widmen wollen. Für den Februar und/oder März habe ich angeboten, in diesem Rahmen in Santa Cruz einen oder zwei Vorträge halten.

A. Abrante mit den Künstlern

A. Abrante mit den Künstlern

In der Folge konnte man einem Künstlergespräch des leading teams der einige Tage darauf stattfindenden Neuinszenierung von „Il Viaggio a Reims“ folgen. Das Gespräch wurde inhaltlich von Giulio Zappa moderiert. Er stammt aus Monza in Italien und ist seit 2012 künstlerischer Leiter des Opernstudios des Auditorio de Tenerife Adán Martín, einem Projekt zu Entdeckung junger Sängertalente. Zappa führt auch deren musikalische Ausbildung durch. Das Thema des Gesprächs mit dem leading team der Neuinszenierung, welches ausschließlich aus Frauen besteht, war die Frage, ob Frauen in der Kunst bzw. speziell in der Opernarbeit irgendwelchen Diskriminierungen oder sonstigen Benachteiligungen ausgesetzt seien.

Yu Chen Lin und Stefania Bonfadelli

Yu Chen Lin und Stefania Bonfadelli

Als Erstgefragte antwortete Stefania Bonfadelli, dass gerade in der Kunst und in der Oper die Frauen besonders viele Chancen hätten, ganz abgesehen von den zahlreichen Frauenrollen. Wenn allerdings die Rolle als Sängerin mit Macht zusammentrifft, und das ist ja in der Oper in diversen Arbeitsbeziehungen so, dann ändere sich der Diskurs. Ferner meinte sie auch, dass in allen lateinisch geprägten Ländern, also insbesondere in Lateinamerika, Frauen als „sumisso“ erlebt würden. Das sei gerade in der Ópera de Tenerife nicht so. Hier gebe es besonders viele Frauen in wichtigen Positionen, dass es ihr fast „surreal“ erscheine. Aber sicher gebe es immer wieder Vorurteile.

Saisonprogramm Ópera de Tenerife 2018/19

Saisonprogramm Ópera de Tenerife 2018/19

Die Bühnenbildnerin der „Viaggio a Reims“, Serena Rocco, hatte keine Vorurteile festgestellt. Sie fühle sich immer stark, habe auch lange bei Pier Luigi Pizzi gelernt.

Insgesamt hat dieses Künstlergespräch m.E. keine eindeutige Bestätigung der vermutlichen Annahme, dass Frauen in der Kunst und speziell in der Opernarbeit Diskriminierungen erfahren, gebracht. Aber das Thema wurde viel eingehender beim 1. Weltopernforum im April 2018 in Madrid behandelt, welches dazu interessante Informationen und Überlegungen lieferte. (Siehe dazu auch meinen Bericht im Merker 05/2108).

Fotos: Klaus Billand

Klaus Billand

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