Zu vermeintlichen „Gendergerechtigkeit“ der deutschen Sprache - Februar 2021

Zur Verteidigung der vermeintlich „gendergerechten“ Sprache wird oft ins Feld geführt, dass Sprachen sich im Laufe der Zeit verändern. Solche Veränderungen kommen aber nur über lange Zeiträume zustande, über Jahrhunderte. Und zwar von innen heraus, ganz wichtig, also von jenen, die diese Sprache sprechen, von unten nach oben. Seit meinem Abitur 1971 kann ich keine wirklich nennenswerten Änderungen der deutschen Sprache erkennen, weder in der Großschreibung noch in der Wortwahl (bis auf mehr Anglizismen, die auch technologiebedingt sind wie IT etc.) noch in der Interpunktion. Das war vor fast 50 Jahren, also einem halben Jahrhundert. Auch die sog. Rechtschreibreform hat die deutsche Sprache nicht wirklich verändert und war bekanntlich sehr umstritten, ja wurde von einigen Medien gar boykottiert. Erfreulich natürlich, dass das Fräulein verschwand. Es gab ja auch nie ein Männlein! Seit 20 Jahren bin ich selbst journalistisch tätig in der internationalen Opernrezension. In der Literatur hat sich auch nichts geändert, auch hat hier die sog. „Gendergerechtigkeit“ nicht Einzug gehalten. Das finden Sie in kaum einem in Deutschland oder Österreich verlegten Buch.

Die eigentlich nur mit einer Aufsetzung zu vergleichende sog. „gendergerechte“ Sprache ist Ausfluss eines politischen Willens, der seit relativ kurzer Zeit um sich greift. Es ist ein politisch-bürokratisches Oktroyieren von Änderungen auf die deutsche Sprache, die von einer Minderheit als wünschenswert gesehen und vornehmlich von Moderatoren von TV-Sendungen verwendet und über Gleichstellungsbeauftragte in staatlichen und privaten Institutionen gewissermaßen „von außen“ durch Verordnungen und Vorschriften durchgesetzt werden. Also eine diskretionäre Sprachänderung von „oben“ statt von unten. Und dabei entspricht das nicht einmal dem Wunsch der Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland. Dort ergab eine Infratest Dimap Studie 2020, dass 56 Prozent der Befragten gegen das „Gendern” sind. Und dabei waren auch Frauen, die sicher auch Bücher lesen oder sich TV-Programme ansehen.

Moderatoren „gendern“ vornehmlich in den Nachrichtensendungen, aber auch jene in Talkshows, immer nur die Moderatoren. Interessant ist nämlich, dass die in Dokumentationen und Interviews Befragten, und seien sie auch aus der avantgardistischen Kulturszene, nahezu nie „gendern” – nur die Moderatoren. Man hat oft das Gefühl, Moderator und Interviewter sprechen verschiedene Sprachen – so wie es Zerbinetta von Ariadne in der Oper „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss vermutet… Man könnte aber auch meinen, es handele sich um ein Moderatorenkartell zu Gunsten der vermeintlichen sprachlichen „Gendergerechtigkeit“ gegen den semantischen Mainstream.

Die Sprache wird durch das „Gendern” auch (in ihrer Aussage) verfälscht, was gravierend, aber besonders im Fall der deutschen Sprache auch leicht belegbar ist. Ich habe das schon in meinem Aufsatz zum Thema 2019 geschrieben, den ich hier anhängen darf.

https://www.klaus-billand.com/deutsch/betrachtungen/zu-politischen-themen/gendergerechtigkeit-in-der-deutschen-sprache-maerz-2019.html

Mittlerweile ist dazu noch ein interessanter Artikel erschienen, vom Dichter Reiner Kunze, den ich ebenfalls hier anhänge.

https://www.pnp.de/nachrichten/kultur/Dichter-Reiner-Kunze-Sprachgenderismus-ist-eine-aggressive-Ideologie-2971049.html

Kunze ist eine seriöse Kapazität auf dem Gebiet der Dichtung und natürlich Sprache, also eine gute Referenz. Und er hat einiges im Leben mitgemacht, hier seine Wikipedia:

https://de.wikipedia.org/wiki/Reiner_Kunze

Es ist in seinem Aufsatz eigentlich alles erklärt und auf die Konsequenzen hingewiesen, was das „Gendern” in der deutschen Sprache bewirken wird: Ihre Verarmung. Ich würde sogar sagen, ihre Verhunzung!

Immer wieder stellt man nun fest, dass Moderatoren in einer Nachrichtensendung ein Substativ, das sowohl Frauen wie Männer umfasst, mit der Endung -innen gebrauchen, ohne die Sprechpause zu machen. Damit wird ein klarer Verständnisfehler produziert. Es wird damit versucht, das sog. „Gendersternchen“ auszusprechen, was nicht geht, womit das auf
„-innen“ endende Substantiv wie ein durchgehendes Wort gesprochen wird. Damit unterstellt der Moderator automatisch, dass mit der Aussage nur Frauen gemeint sind. Es ist aber aus dem Zusammenhang offensichtlich, dass Frauen und Männer gemeint sind (was im Schriftbild durch das „Gendersternchen“ im Prinzip sichtbar wäre). Diese Formulierung ist also eine ernstzunehmende Verfälschung der Sprache und ihrer Ausdrucksfunktion. Wenn das weiter um sich greift, muss man annehmen, dass Dinge oder Sachverhalte nur noch Frauen betreffen und die Männer ausgeschlossen sind. Schlichte Fehlinformation! Ein möglicher Fall zum Nachdenken: „Die Soldatinnen wurden auf der ganzen Front zurückgeschlagen.“

Dabei ist es doch ganz einfach. Im Gegensatz zu anderen Sprachen kennt die deutsche die markierte Form bei der weiblichen Ausdrucksweise. Diese wird dadurch dokumentiert, dass bei der weiblichen Form des Substantivs immer ein -in oder im Plural ein -innen als Suffix anhängt. Die männliche Form hat eine solche Markierung nicht. (Bei: Ich gehe zum „Arzt“ oder „die Ministerpräsidenten“ kann es sich sowohl um Männer wie auch Frauen handeln; es wäre reiner Zufall, wären es nur Männer). Man könnte deshalb sogar sagen, das männliche Geschlecht ist in der deutschen Sprache benachteiligt. Wegen der fehlenden Markierung des männlichen Geschlechts kommt es zur Verwechslung mit der unmarkierten, vermeintlich männlichen Form, der generischen Form, die geschlechtslos ist. Wer also unbedingt das …-in und …-innen anhängen will, oder Binnen I oder Ähnliches wie das „Gendersternchen“ einbringt, um vermeintlich „gendergerecht“ zu formulieren, beweist, dass er die deutsche Sprache nicht vollumfänglich versteht. Und das kann und darf bei einem weitreichenden Medium doch nicht sein. Interessanterweise übersieht oder negiert nun auch der Duden diese Realitäten.

Wenn man es etwas überspitzt formulieren wollte, wäre sogar zu sagen, dass sich jene, die auf „Gendergerechtigkeit“ pochen, mit dem zwanghaften Anhängen von -in und -innen an die von ihnen vermeintlich für biologisch maskulin gehaltene Form – von zumeist Berufsbezeichnungen – auf -er (die aber de facto eine generische ist) gar keinen Gefallen tun. Denn sie formulieren wieder nicht gendergerecht: Das Weibliche wird lediglich zum semantischen Anhängsel des (vermeintlich) Männlichen, also einem Suffix…

Ich möchte aber auch einen Vorschlag zur Güte machen: man könnte bei der ersten Gelegenheit oder einmal im Text einfach …-er und …-innen bei einem relevanten Substantiv sagen (aber bitte ohne die Sprechpause, die ohnehin mit der Zeit wieder verschwinden wird, weil niemand eine solch mechanistische Sprachkonstruktion auf die Dauer aushält und sprechen wird; hier wird die Sprachökonomie sicher ihre Wirkung zeigen) bzw. schreiben und bleibt dann im Rest des Beitrags bei der bisher üblichen, auch in der Literatur maßgebenden generischen Form. Immer wieder ist festzustellen, dass es ohnehin schon so gemacht wird. Denn ein ständiges, gewissermaßen durchkomponiertes Enden auf …-in oder …-innen würde Zuhörer und Leser in den semantischen Wahnsinn treiben und mehr Text und damit Platz kosten, ohne dass Wesentliches hinzukäme.

Womit wir bei einer weiteren Regel wären, gegen die die vermeintlich „gendergerechte“ Sprache ebenfalls verstößt, eben der Sprachökonomie. Sprachen entwickeln sich nach der Regel, so ökonomisch wie möglich zu sein. Das „Gendern“ mit in der Regel erhöhter Wortzahl spreizt den Text signifikant auf, ja bläht ihn auf, ohne inhaltliche Substanz hinzuzugewinnen. (Das wird auch einer der Gründe sein, warum es in der Literatur nicht gemacht wird). Allein von daher wird das „Gendern“ auf lange Sicht im allgemeinen Sprachgebrauch wohl wieder erodieren zugunsten einer ökonomischeren Sprache – einfach durch den täglichen Sprachgebrauch. Am Ende könnte man dann frei nach Shakespeare sagen: „Viel Lärm um nichts.“

Und haben sich die Befürworter des „Genderns“ einmal gefragt, wie ein Ausländer dann die deutsche Sprache lernen soll?! Wir leben in der Staatengemeinschaft der EU und sollten auch darauf erpicht sein, dass die deutsche Sprache erlernbar bleibt. Deutsche und Österreicher führen überall die Touristenstatistiken an…

Es gibt aber noch etwas ganz Verblüffendes:

Das alte Englisch, das wesentlich komplexer war, hatte drei Geschlechter wie heute das Deutsche.

Die altenglische Endung – ere für jemanden, der etwas macht, war maskulin. Daraus wurde später -er (teacher, singer, lover etc.) oder Deutsch; Lehrer, Sänger, Liebhaber. Die altenglische Feminin-Endung dazu war – estre.
Die Feminin-Endung – estre verschwand später fast komplett, abgesehen von wenigen Ausnahmen wie z.B.“seamstress”, so dass im heutigen Englisch nur noch die Maskulin-Endung -er existiert oder -or bei Wörtern, die aus dem Französischen bzw. Lateinischen kommen (professor, actor, doctor etc.).
Das moderne Englisch hat also bei Berufsbezeichnungen, (um die es ja im Genderdeutsch im Wesentlichen geht), nur noch eine Maskulin-Endung, die für alle gilt und auch generell akzeptiert ist.

Andererseits legen die englischen Schauspielerinnen Wert darauf, als “actor” angeredet zu werden und nicht als “actress”, was als abwertend gilt.
Es ist also nicht so, wie vielfach positiv herausgestellt wird, dass das moderne Englisch kein Gender hätte und damit gerechter wäre, ganz im Gegenteil, es hat nur das Maskulinum!

Im Deutschen ist das Weibliche mit einer eigenen Feminin-Endung (-in), mit der sog. Markierung, also privilegiert. Auch in den romanischen und slawischen Sprachen haben sie diesen Vorzug.
https://en.wikipedia.org/wiki/Old_English_grammar

Es geht mir bei dieser Thematik um etwas ganz Wesentliches: Die Beibehaltung der Schönheit und Klarheit der deutschen Sprache, so wie sie sich über Jahrhunderte entwickelt hat. Und da wirkt die Oktroyierung einer vermeintlichen „Gendergerechtigkeit“, die de facto gar keine ist, sowie die verschiedenen Erscheinungsformen, wie „Gendersternchen“ und andere Sonderzeichen, wie ein krasser Fremdkörper an der Sprache.

Ich möchte in dem Zusammenhang noch an den Turmbau zu Babel im Alten Testament erinnern, eine schöne und hier durchaus passende Geschichte. Die Menschen wollten im Stile einer Selbstüberhöhung mit einem immer höheren Bau des Turms Gott gleichkommen. Bekanntlich strafte er sie durch die babylonische Sprachverwirrung, die dazu führte, dass sie sich nicht mehr verständigen konnten….

Klaus Billand