Zur vermeintlichen Gendergerechtigkeit in der deutschen Sprache, aus aktuellem Anlass - 5. Juli 2020

Wiener Staatsoper mit Besetzung in Corona-Zeiten

Wiener Staatsoper mit Besetzung in Corona-Zeiten

Wieder einmal ist mir in dieser Woche ein Anfall von versuchter Gendergerechtigkeit in der dt. Sprache untergekommen, und zwar der Abschiedsbrief von Dominique Meyer vom 30. Juni 2020.

Im dritten Paragraph wird fünf Mal (!) auf nur 7,5 Zeilen die Form Journalistinnen und Journalisten et al. gewählt, um der vermeintlich erforderlichen Gendergerechtigkeit in der deutschen Sprache gerecht zu werden, ohne auf das unsägliche Gendersternchen *, das ebenso unsägliche Binnen I oder den Unterstrich _ oder den Schrägstrich / zu verfallen (was löblich ist!), aber dennoch der munter fortschreitenden Verhunzung der deutschen Sprache Vorschub leistend. Hier zeigt sich einmal mehr die sprachliche Grenze der Form …innen und …er, wenn sie mehrmals hintereinander gebracht wird und das Lesen zu einer Farce macht.

Es wird ganz einfach und in Unkenntnis der deutschen Sprache das generische mit dem biologischen Geschlecht verwechselt. Ein Substantiv, das auf …er endet, bezeichnet einfach nur jemanden, der etwas macht, also der Bäcker, der Schuster, der Lehrer etc. Das können Frauen und Männer sein, es ist eben ein generisches und kein biologisches Geschlecht gemeint.

Wenn nun die Vertreterinnen der vermeintlichen Gendergerechtigkeit sich dafür stark machen, an das …er ein …in oder im Plural …innen zu hängen, unterwerfen sie sich, de facto, sogar noch der von ihnen fälschlicherweise als biologisch gewerteten „maskulinen“ Endung …er, werden sozusagen zu einem sicher nicht erwünschten Anhängsel der „männlichen“ Endung …er. Das ist, de facto, also ein Rückschritt in der vermeintlichen sprachlichen Emanzipation anstatt des gewünschten Fortschritts, und somit völlig unsinnig.

In einem international profilierten Kulturinstitut wie der Wiener Staatsoper, das bekanntlich auch einen Bildungsauftrag hat, sollten solche Fehlformulierungen keinen Platz haben. Das sieht man in keinem seriös verlegten deutschsprachigen Buch, überhaupt nicht in der Literatur allgemein. Und auch diese Bücher werden dennoch weiterhin gern von Frauen gelesen.

Eine kürzlich von der Welt am Sonntag exklusiv in Auftrag gegebene Infratest Dimap Studie zum Thema (siehe Bericht von Susanne Gaschke im Anhang, die vor kurzem veröffentlicht wurde), zeigt, dass 56 Prozent der Deutschen dagegen sind, obwohl auch viele der dabei erfassten Frauen regelmäßig Bücher und Zeitungen lesen, natürlich auch Opernprogramme und Abschiedsbriefe von Direktoren…

Ich habe dazu letztes Jahr schon einen detaillierten Aufsatz verfasst, der auch im Merker Online veröffentlicht wurde und den ich hier nochmal beifüge.

Gendergerechtigkeit in der deutschen Sprache

Lassen wir es in den Landen der Dichter und Denker doch bitte bei der guten deutschen Sprache, die in ihrer Feinheit vielen anderen haushoch überlegen ist. Hölderlin, Goethe, Heine, Schiller, Hermann Bahr, Arthur Schnitzler, Georg Trakl und viele andere, auch jüngere Nachkriegsautoren wie Grass et al., werden es uns danken.

Foto: K. Billand

Klaus Billand