Wien/Galerie des Online-Merker: Ausstellung Wagner-Poster – 5. Juni-8. November 2018

Klaus Billand und David Walser vor der Eröffnung

Klaus Billand und David Walser vor der Eröffnung

Seit etwa 25 Jahren sammle ich mit steigender Begeisterung Ankündigungs-Poster von internationalen Wagner-Aufführungen, meist Premieren, die ich auch für den „Neuen Merker“ in Wien und andere europäische Opernmedien rezensiere. Mittlerweile ist das eine ohne das andere kaum noch denkbar, es sei denn, das Opernhaus bringt keinen Poster heraus.

Christoph Ungerböck und Hande Yusumut-Walser

Christoph Ungerböck und Hande Yusumut-Walser

Aber das ist nur selten der Fall. Irgendwann kam dann die Idee, diese so vielseitigen Bildeindrücke immer neuer Herangehensweisen an Wagners Musikdramen, insbesondere an den „Ring des Nibelungen“, sein opus magnum, einem breiteren interessierten Publikum vorzustellen.

Einführung in die Ausstellung

Einführung in die Ausstellung

Der „Ring“ macht etwa 80 Prozent der gesamten Sammlung aus. Oft sind die Poster selbst kleine Kunstwerke, eröffnen sie doch dem Graphiker die Möglichkeiten zu einer Bilderwelt, die mit einer Inszenierung auf der Bühne oft gar nicht zu erreichen ist – oder mangels Phantasie des jeweiligen Regisseurs nicht erreicht wird. Manchmal sind die Poster also sogar aussagekräftiger als die jeweilige Inszenierung…

Nach der Premiere im Budapester Palast der Künste (MÜPA) während der „Wagner-Tage“ im Jahre 2013 zur damaligen Aufführung des „Ring“ in der Inszenierung von Hartmut Schörghofer unter der musikalischen Leitung von Ádám Fischer sind es schon sechs Ausstellungen geworden, aber es gab noch nie eine wirklich umfangreiche in Wien.

Ich habe es der Idee und dem großen Engagement von Frau Esther Hatzi, sie ist vielen Besuchern der Wiener Staatsoper vom Opernshop im Schwind-Foyer bekannt, und natürlich auch der Bereitschaft des Online-Merker Chefredakteurs Anton Cupak zu verdanken, dass diese Ausstellung in der Galerie des Online-Merker, der „Strichelei“ zustande kam.

Mit fünf Monaten Gesamtdauer wurde die Ausstellung auch recht lang. Dies gestattete mir, die ersten knapp 50 Poster nach der halben Laufzeit gegen eine zweite Gruppe von ebenfalls etwa 50 Stück auszuwechseln, sodass insgesamt fast 100 Poster zu sehen waren.

Es gab am 5. Juni 2018 auch eine stimmungsvolle Vernissage bei sehr gutem Besuch mit gesanglicher und musikalischer Begleitung von Christoph Ungerböck und Hande Yusumut-Walser sowie einer Einführungsrede von mir. Vielen Dank nochmals den beiden Musikern.

Hier folgt die Rede des Kurators David Walser, bei dem ich mich an dieser Stelle nochmals für seine intensive Vorbereitung und diese Rede bedanken möchte. Im Verlauf der Ausstellung interviewte Univ. Lektionsrat Dr. Mag. Irene Suchy, österreichische Musikwissenschaftlerin, freie Publizistin sowie Moderatorin vor allem für den Radiosender Ö1, Herrn Walser und mich zur Ausstellung. Der Beitrag würde auf Ö1 ausgestrahlt.

Frau Barbara Zeininger bin ich zu Dank verpflichtet, nahezu alle Poster der beiden Ausstellungsrunden fotografiert zu haben.

Klaus Billand

Kurator David Walser bei der Ausstellungseröffnung: Einige kluge Dinge wurden an anderen Orten bereits über Herrn Dr. Billands große Sammlung gesagt. In Füssen bei einem von Klaus Billand moderiertem Symposium rekapitulierte Prof. Stephan Braunfels die Kunstgeschichte des Plakats, beginnend mit dessen Anfängen als Propagandamittel im holländischen Freiheitskrieg gegen die Spanier im 16. Jahrhundert, über dessen Blütezeit im Paris des späten 19. Jahrhunderts, zu Lebzeiten Richard Wagners.

Im Feuilleton des Nordbayerischen Kurier erinnerte dann Frank Piontek an die zeitgenössische Rezeption von Wagner-Plakaten in der Dortmunder Schau „Wagners ‚Ring des Nibelungen‘ in der Welt des Plakats“ von 1992.

Da wir heute die Ehre haben, Herrn Billands Sammlung von Wagner-Plakaten der letzten 25 Jahre in Wien präsentieren zu dürfen, möchte ich eine kleine Kunstgeschichte des Wagner-Plakats in unserem Wien erzählen. Dabei ist Wagners Meisterwerk „Tristan und Isolde“ ein Dreh- und Angelpunkt.

Diesem Epos misst schon Herr Billand durch das Leitzitat seiner Sammlung aus dem „Tristan“: „Wie, hör‘ ich das Licht?“ und dessen Umkehrung „Wie, seh‘ ich die Musik?“, eine inspirierende Rolle zu. Die erst zweite Inszenierung des „Tristan“ in Wien im Jahr 1903 durch Gustav Mahler, stellt die Verwirklichung des von Wagner vielbeschworenen Gesamtkunstwerks in Wien dar.

Mahler, selbst durchdrungen von der genialen Idee eines totalen Zusammenwirkens aller Kunstformen, engagierte für den „Tristan“ den Maler und Graphiker Alfred Roller, Mitbegründer und ab 1902 auch Präsident der Wiener Secession, als Bühnenbildner. Mahler schwebte eine gerundete Inszenierung einer Wagner-Oper vor, die seinen modernen Vorstellungen von der Einheit des Musikalischen und des szenischen Geschehens entsprach. Das Wagnis, einen führenden Kopf, einer damals hochmodernen wie hochumstrittenen Künstlerbewegung miteinzubeziehen, sollte sich auszahlen.

So war die Idee des Gesamtkunstwerks auch ein Leitmotiv der Secessionsbewegung, welche das Gesamtkunstwerk als ein Mittel zur Lebensreform feierte. Sich auf Wagners Traum vom: „[…] nach ethischer Verbesserung strebenden Menschen, welcher sich dazu völlig mit Kunst umgeben sollte, da er dadurch mehr Sinn für das Gute und Schöne in der Welt gewinne, Aggressionen verliere, und Toleranz für alles von seinen Seh- und Hörgewohnheiten abweichende entwickle […]“ (Agnes Husslein-Arco, Einführung, in: Agnes Husslein-Arco/Alfred Weidinger (Hg.), Gustav Klimt und die Kunstschau 1908, München 2008, S. 9.), berufend, eröffnete die Secession im Jahr 1902 eine Ausstellung, welche ganz im Zeichen des Gesamtkunstwerks stehen sollte.

Die Beethoven-Ausstellung brachte Skulptur, in Form von Max Klingers Beethoven-Statue, Malerei durch Gustav Klimts Beethovenfries und auch Kunsthandwerk in Form von für die Ausstellung von Alfred Roller gestalteten Plakaten, unter ein Dach. Dabei wurde jedem künstlerischen Teil die gleiche, große Bedeutung zugesprochen. Die Plakate wirkten als eigenständiges Kunstwerk an der Verwirklichung der Gesamtidee mit. Besonders die repräsentative Funktion der Plakate für die Ausstellung und damit auch die gesamte Secessionsbewegung darf nicht unterschätzt werden. Für die Ausgestaltung des Beethovenfrieses von Klimt war Beethovens 9. Symphonie ein entscheidendes Vorbild.

Richard Wagner selbst hatte in Texten den Sinngehalt der 9. Symphonie in romantischer Manier herausgearbeitet und bot eine programmatische Deutung dieses Werkes, welches als das Genialste in der Musik betrachtet wurde und Klimt als Ausgangspunkt und Inspiration für die Szenen des Frieses diente.

Mahler wirkte 1902 ebenfalls am Gesamtkunstwerk mit: er dirigierte persönlich das Finale der 9. Symphonie. Roller gestaltete im Weiteren für Mahler nicht nur ein umjubeltes Bühnenbild für den „Tristan“, sondern auch Plakate für Mahlers Uraufführung seiner 8. Symphonie in München im Jahre 1910.

Wagner Plakate hier in der Merker Online Galerie zu präsentieren bedeutet also dezidiert, einen Teil des Wagnerschen Werkes zu verwirklichen, welcher in dieser Form für uns Zuschauer vermutlich seltener erfahrbar ist, als die zahlreichen Aufführungen der „Ring“-Tetralogie, welche Herr Dr. Klaus Billand auf der ganzen Welt bereist.

Wir dürfen uns alle glücklich schätzen, im Sinne Richard Wagners heute einem echten Gesamtkunstwerk beiwohnen zu dürfen, welches durch die gesangliche und musikalische Begleitung von Christoph Ungerböck und Hande Yusumut-Walser vervollkommnet wird.

David Walser

Fotos copyright: Barbara Zeininger