Interview mit dem Bühnenbildner und Regisseur Roland Aeschlimann in Chamonix - 3. Mai 2008

Zurück zum Handwerk!

Roland Aeschlimann

Roland Aeschlimann

Schon seit seiner Genfer Neuinszenierung des „Parsifal“ 2004 wollte ich den schweizerischen Bühnenbildner und Regisseur Roland Aeschlimann interviewen. Es gelang ihm in dieser äußerst eindrucksvollen Produktion, für die er auch Bühnenbild und Beleuchtung gestaltete, die metaphysischen Dimensionen von Wagners Spätwerk in einer intensiven Bildsprache darzustellen. Sie überzeugte trotz ihres Abstraktionsgrades durch eine dezidiert aus dem Stück heraus entwickelte Personenregie auch emotional. Anlässlich der „Lohengrin“-Premiere am Grand Théâtre de Genève durch Daniel Slater Anfang Mai gelang das Interview mit dem viel reisenden Künstler des alten Schlags, und zwar in einem Garten vor der lichtdurchfluteten Nordwand des Montblanc-Massivs bei Chamonix – an sich schon ein Bühnenbild, in dem Licht und Farben Regie führen, ganz im Sinne Roland Aeschlimanns.

Werdegang und künstlerisches Wirken

Roland Aeschlimann studierte in Bern und Basel Grafik und Architektur. Danach arbeitete er zuerst als Designer und Plakat- und Buchgestalter. Er war mehrere Jahre Art Director in Japan und studierte dort die nationale Theaterkultur. Dabei gewann er wichtige Erkenntnisse über die Bedeutung von Architektur und Licht für den theatralischen Raum. Wichtige Impulse für seine Theaterarbeit erhielt er durch den Bühnenbildner Josef Svoboda, als Assistent bei den Bayreuther Festspielen, und bei Caspar Neher in Salzburg. Als Aeschlimann zur Oper kam, war er zunächst vor allem Bühnenbildner. Und er sieht sich auch heute in erster Linie noch so. Von 1976 bis 1980 war er Ausstattungsleiter am Grand Théâtre de Genève. Als Bühnenbildner gastierte er u.a. an den Opernhäusern in Düsseldorf, Essen, Mannheim, Stuttgart, Frankfurt, Leipzig, Karlsruhe, Berlin, Warschau, Paris, New York, San Francisco und bei den Festwochen in Wien, Paris, Aix-en-Provence und Schwetzingen. Wichtige Arbeiten am Brüsseler Théâtre de la Monnaie waren „L’Orfeo“ von Monteverdi, wofür die Produktion den französischen Kritikerpreis erhielt, „Luci mie traditrici“ von Sciarrino und „La damnation de Faust“ von Berlioz, wo er auch Regie führte. Des weiteren das Bühnenbild zu „Die Meistersinger von Nürnberg“ in der Regie von Nikolaus Lehnhoff am Opernhaus Zürich. Aeschlimann war auch für Bühnenbild und Lichtregie in „Pélleas et Mélisande“ in Leipzig sowie „Tristan und Isolde“ beim Glyndebourne Festival (als beste Produktion des Jahres 2003 in Großbritannien ausgezeichnet) verantwortlich, ferner für das Bühnenbild zu „Il figlio delle selve“ bei den Schwetzinger Festspielen und der Uraufführung von Mauricio Kagels „TheaterKonzert“ bei der Ruhr-Triennale. Im März dieses Jahres hat er eine Neuinszenierung von „Manon Lescaut“ in Karlsruhe ausgestattet. Und im April zeichnete er mit Georges Delnon bei der Münchner Biennale für die Installation (statt Regie) der Uraufführung des Stücks „hellhörig“ von Carola Bauckholt verantwortlich. Beim Festival in Aix en Provence konnte er im Juli in der Regie von Christof Nel und unter der musikalischen Leitung von René Jacobs sein Bühnenbild zu „Belshazzar“ von Händel vervollkommnen, eine neue Koproduktion mit der Staatsoper unter den Linden, Berlin, den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik und dem Théâtre du Capitole Toulouse.

Sein künstlerisches Credo für die Oper

Da lässt Roland Aeschlimann keine Zweifel aufkommen: „Das Publikum muss freien Raum haben – das ist entscheidend. Die Oper ist schon selbst surrealistisch – die Menschen sprechen singend zueinander. Das ist nicht gerade natürlich, eröffnet aber neue und interessante künstlerische Perspektiven.“ Die Opernarbeit ist stets so zu machen, dass sie beim Publikum ankommt. „Es muss verstehen, was es sieht und hört.“ Dabei nimmt die Lichtregie eine sehr wichtige Rolle ein. Für Aeschlimann ist die Oper ein Gesamtkunstwerk, ganz im – übertragenen – Sinne Richard Wagners: „Jedes Teil ist gleich wichtig, Musik, Bühnenbild, Licht und Regie, sowie auch die Klarheit des gesungenen Wortes, leider immer mehr in ihrer Bedeutung unterschätzt. Dietrich Fischer-Dieskau, Christa Ludwig und Astrid Varnay sind Beispiele für hohe Gesangskultur, die Oper erst zu einem solchen Gesamtkunstwerk werden lassen.“ Aber auch der Teamgeist aller Akteure ist von größter Bedeutung. „In dieser Hinsicht haben Nikolaus Lehnhoff und Christof Nel sehr viel erreicht. Leider ist die Verwaltung heute so mächtig geworden, dass das Künstlerische oft an den Rand gedrängt wird – und so lässt sich dann die wünschenswerte Teamarbeit nicht immer realisieren.“ Für ein gutes Beispiel in diesem Zusammenhang hält Roland Aeschlimann die Intendanz von Klaus Zehelein und Hans Tränkle in Stuttgart, die sich bestens verstanden haben. Und dann wird er etwas plastisch, aber es ist ja was dran: „Heute ist alles in Tüten verpackt. Die Hühner haben keine Köpfe mehr, auch keine Füße, die Fische keine Köpfe und meist auch keine Flossen mehr. Die Losung muss aber heißen: Zurück zum Handwerk!“

Zur Romantik in der Oper

„Man sollte die Romantik wieder viel mehr respektieren. Früher waren Donizetti und Rossini die tonangebenden Komponisten. Mit der Romantik änderte sich das, und viel davon ist heute verloren gegangen. Vielleicht wird auch an den Schulen nicht mehr so sensibilisiert.“ Aber Aeschlimann gibt auch dem nachlassenden Interesse mancher Regisseure an der Befolgung von Regieanweisungen, die in der Partitur stehen, die Schuld. „Man muss sie zwar nicht eins zu eins umsetzen, aber es wäre wünschenswert, wenn heutige und künftige Regisseure sie wieder etwas ernster nehmen würden, zumal bei Richard Wagner.“

Die Bedeutung des Lichts in seinen Bühnenbildern

Als Ausstatter ist es nicht verwunderlich, dass er sein Bühnenbild mit dem Licht andenkt. So baut er auch schon mal Räume zu, in die das Licht nur schwer herein kommt. Dann wiederum kann die Bühne voll ausgeleuchtet sein, wenn es die Aussage der jeweiligen Szene nahe legt. Aeschlimann gestaltet Lichteffekte gern auch farbig, wenn er einen bestimmten Kunstausdruck erzielen will. Das war insbesondere bei seinem Genfer „Parsifal“ zu erleben. „Da wollte ich die Leute in Stimmung versetzen durch Farben und farblich changierende abstrakte Bühnenbildkonstruktionen.“ Die Möglichkeiten des Lasers als Ausdrucksmittel auf der Opernbühne hält er für ausgereizt. „Es hat sich nicht weiter entwickelt.“ Vorsichtig sollte man auch mit dem Video als Zusatzmedium sein. „Es kann leicht modisch werden, im schlimmsten Falle die Oper zum Kino machen. Das Video hat bei einer Reihe von Stücken gut funktioniert, vor allem bei neuen Werken.“

Zum Verhältnis von Bühnenbildner und Regisseur

„Man redet vorher schon einmal über das Konzept.“ Der Bühnenbildner schlägt dem Regisseur eine optische Idee vor. Oft kommen gute Schauspielregisseure zur Oper. Sie haben auf dem Feld des Theaters sicher viel geleistet, meint er. „Sänger sind aber anders. Ein Sänger steht anders da, wenn er singt, als ein Schauspieler. Die Musik transportiert so viel an inneren Zuständen und Regungen. Wenn die Regisseure das nicht bemerken und verstehen, kommt es zu Doppelungen, also gewissermaßen das Theatralische auf das Opernhafte oben drauf – und da ist sicher zu viel.“ Nach Aeschlimanns Ansicht ist dies im Prinzip auch das Problem des sog. Regietheaters. „Ohne Ballast kann es durchaus mit einer ganz neuen Form daher kommen. Leider wird es aber zu oft von Regisseuren gemacht, die das Metier nicht beherrschen.“ Im Grunde läuft es auf die Frage der Qualität hinaus, die einfach da sein muss. „Der Regisseur muss sein Handwerk perfekt können. Der Bühnenbildner muss sein Metier ebenso beherrschen wie Kostümbildner und Lichtdesigner. Und dann darf der Dirigent nicht erst im letzten Moment kommen! Wenn schließlich noch die Besetzung gut und homogen ist, stimmt es auch – ein großer Opernabend ist gesichert.“ Nach Möglichkeit sollte der Regisseur Noten lesen können oder wenigstens einen guten Mitarbeiter haben, der sie ihm nahe bringt…

Roland Aeschlimann und das Werk Richard Wagners

Zwei Werke des Bayreuther Meisters hält Aeschlimann für besonders schwer zu inszenieren, „Tannhäuser“ und „Die Meistersinger von Nürnberg“. Ihn würde reizen, die „Tannhäuser“ Regieanweisungen des Bacchanals einmal auf der Bühne umzusetzen. 1957 war er zum ersten Mal in Bayreuth und sah Wieland Wagners Holunderbaum im 2. Aufzug seiner „Meistersinger“- Inszenierung – er blieb ihm stets im Gedächtnis. „Es ist heute noch schwer, das besser zu machen, das war Romantik pur und unglaublich ausdrucksstark.“ Aeschlimann baute in sein Bühnenbild für die Lehnhoff-„Meistersinger“ in Zürich Elemente des Wielandschen Holunderbaums ein. Patrice Chéreau hält er für einen hervorragenden Regisseur. Vielleicht ist ihm aber der „Tristan“ in Mailand zu gegenständlich geworden. Aeschlimanns Ansicht nach muss der „Tristan“ schweben, metaphysisch sein. Wieland Wagner habe dazu einen wesentlichen Beitrag geleistet. Die „Götterdämmerung“ hingegen hält Aeschlimann überraschenderweise für das im „Ring“ am einfachsten zu inszenierende Stück. „Peter Konwitschny zeigte in Stuttgart, dass Humor in der ‚Götterdämmerung’ funktioniert. Das machte er sehr gut, aber man muss es auch können wie er.“ In Münster wurde Roland Aeschlimanns Bühnenbild zum „Ring des Nibelungen“ in der Inszenierung von Peter Beat Wyrsch von 1999-2001 von Publikum und Presse einhellig gewürdigt. Auch hier dominierten sehr aussagekräftige Raum- und Lichtassoziationen. Von „Tristan und Isolde“ in Glyndebourne, 2007 noch einmal aufgenommen, wurde eine DVD eingespielt. Aber auch sein Bühnenbild und die Lichtregie zum „Tannhäuser“ in Münster bestachen durch tiefgründige Theatralik und intensiven künstlerischen Ausdruck. Von der jungen Generation schätzt Roland Aeschlimann besonders den talentierten Stefan Herheim, dessen „Macht des Schicksals” an der Staatsoper Berlin ihm besonders gefiel.

Die Presseleute und die Oper

„Meistens kommen die Presseleute aus der Musikwissenschaft und sind deshalb zu festgefahren.“ Dabei ist das Bühnenbild als wesentliches Element der Oper bildende Kunst und erfordert damit auch eine entsprechende Beurteilungsqualität. Da sich die Presseleute aber zu sehr auf das musikalische Feld zurückziehen, blockieren sie in der optischen Ästhetik oft neue Sichtweisen. Die Oper ist aber eben ein Gesamtkunstwerk, eine Kombination aus den schönen Künsten und der bildenden Kunst.

Seine weiteren Pläne

Bei seiner Auffassung vom Opernhandwerk und dem, was man von Roland Aeschlimann bisher sehen und erleben konnte, stellt sich am Ende dieses Interviews sofort der Wunsch nach neuen Arbeiten ein. Im August wird er bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik die dortigen Aufführungen von „Belshazzar“ betreuen. Den Dirigenten René Jacobs schätzt er besonders. „René Jacobs ist immer bei jeder Probe dabei.“ Im Frühjahr 2009 wird Aeschlimann an der Rheinoper Düsseldorf für Christof Nel das Bühnenbild zu „Moses und Aaron“ machen. Im Juni 2009 ist er für das Bühnenbild zu „L´Upupa und der Triumph der Sohnesliebe“ von Henze in Dresden verantwortlich. Leider – man kann es kaum fassen – ist derzeit kein Wagner geplant. 2010 soll aber noch einmal sein „Parsifal“ von 2004 in Genf gegeben werden, der übrigens auch schon in Leipzig gezeigt wurde.

Die Ruhe und Gelassenheit großer künstlerischer Erfahrung und eine klare Überzeugung dessen, worauf es bei der Kunstform Oper ankommt, aber auch die intellektuelle Frische des bescheidenen und eher nachdenklichen Künstlers Roland Aeschlimann lassen mich hoffen, dass das Opernpublikum noch viele Gelegenheiten bekommen wird, seine gut durchdachten Arbeiten zu erleben. Im oftmals allzu aufgeregten Trubel des wesentlich von Nachwuchsregisseuren bestimmten Regietheaters, und angesichts des zunehmenden Event- und Starcharakters manchen Opernschaffens unserer Zeit, sollte der beruhigende Einfluss eines erfahrenen Mannes wie Aeschlimann und seiner künstlerischen Ästhetik nicht fehlen. Vielleicht könnte ein intensiverer Dialog, und sei es auch nur über die Wahrnehmung seiner Arbeiten bei Publikum und Presse, genau das zustande bringen, was auch Aeschlimann will: Neue Lösungen und Sichtweisen, aber auf der Grundlage und -aussage der Stücke, und für das Publikum verständlich. Ich danke ihm für dieses Interview, das eigentlich eher ein Gedankenaustausch über die Oper und ihre weiterhin ungebrochene Anziehungskraft für viele Menschen wurde.

Foto: Birkigt

Klaus Billand