Las Palmas de Gran Canaria: Otello - Premiere 24. März 2026
Authentischer Verdi
Die Amigos Canarios de la Ópera (ACO) präsentierte am 24. März im Rahmen ihrer 59. Spielzeit im Teatro Pérez Galdós, die dem Andenken an den Kammersänger Alfredo Kraus, den großen Sohn von Las Palmas, gewidmet ist, eine Neuinszenierung von Giuseppe Verdis Otello. Als sechste ACO-Aufführung des Werkes seit 1972 setzt sie die stolze Tradition fort, Weltklasse-Sänger auf die Insel zu holen – Piotr Beczała als Cavaradossi in der vergangenen Saison ist nur das jüngste Beispiel.
Desdemona mit Otello
Die Besetzung der drei Hauptrollen zeugt einmal mehr von der bemerkenswerten Kunstfertigkeit der ACO in der künstlerischen Programmgestaltung, um die sie so manches größere europäische Opernhaus beneiden dürfte. Michael Fabiano, ein amerikanischer Tenor italienischer Abstammung mit internationaler Karriere, sang einen souveränen Otello mit einem schönen Spinto-Timbre. Dass sein Gesicht unbemalt blieb, wird niemanden überraschen, auch wenn die rassische Dimension der Figur im Zentrum ihres Schicksals und Untergangs steht.
Erika Grimaldi beeindruckte als Desdemona mit einer Stimme von exquisiter Klangschönheit, technisch makellos und tief musikalisch. Ihr Ave Maria im letzten Akt war von höchster Qualität – emotional ergreifend, mit leuchtenden Pianissimi – und ihre dramatische Darstellung erfasste jede Nuance der Rolle mit außergewöhnlicher Intelligenz und Sensibilität.
Gabriele Viviani verlieh dem Jago eine beeindruckende Intensität, seine Szenen mit Fabiano waren von außergewöhnlicher theatralischer Überzeugung geprägt. Viviani, den dieser Rezensent zuletzt als Macbeth 2025 in Savonlinna erlebte, ist ein Künstler ersten Ranges, von dem man sicherlich noch viel hören wird.
Unter den Nebendarstellern bot Bror Magnus Tødenes einen geschmeidigen Cassio mit einer Tenorstimme von solider Qualität und erkennbarem Entwicklungspotenzial, während David Barrera einen lebendigen Roderigo verkörperte. Max Hochmuth, Julián Padilla, Andrea Gens – alle in ihrem Rollendebüt – und Jeroboám Tejera als selbstbewusster Lodovico vervollständigten ein harmonisches Ensemble.
Regisseur Carlo Antonio de Lucia und Bühnenbildner Daniele Piscopo schufen eine herausragende Inszenierung mit einer dramaturgischen Konzeption, die sich konsequent auf Otellos alles verzehrende Eifersucht konzentrierte – jene Kraft, die ihn und die Frau, die er liebt, ins Verderben stürzt. Das prachtvolle Bühnenbild, das an spätmittelalterliche und klassische venezianische Architektur erinnerte, wurde von *Grace Morales *effektvoll in Szene gesetzt; ihre Arbeit verdiente Beachtung in einem größeren Saal.
Am Dirigentenpult gab Carlo Montanaro sein Debüt beim ACO. Die ersten Takte wirkten mitunter etwas überladen, doch das Gran Canaria Philharmonic Orchestra fand schnell zu seiner Form, und Montanaros profunde Verdi-Kenntnisse traten bald deutlich zutage; die Sänger wurden mit spürbarer Sorgfalt behandelt. Der von Olga Santana einstudierte Chor des Opernfestivals sang mitreißend und trug wesentlich zum dramatischen Gefüge des Abends bei. Der Kinderchor hingegen zeigte eine Intonation, die noch einer Verfeinerung bedurfte.
Es handelte sich um einen klassischen Otello – frei von Neuinterpretationen oder revisionistischen Ideen, aufgeführt gemäß Verdis Regieanweisungen. Man kann ihn getrost als „konventionell“ bezeichnen. Doch das Ergebnis war unbestreitbar kraftvoll: Das Werk entfaltet seine dramatische Wirkung am besten in dieser Inszenierung – eine überzeugende Werktreue. Las Palmas hat dies einmal mehr bewiesen – und das Publikum reagierte entsprechend.
Fotos: Nacho González Oramas / ACO 2-8; K Billand 1
Klaus Billand
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