MÜNCHEN/Prinzregententheater: VERKÜNDIGUNG am 18. Dezember 2011

Nach dem großartigen Erfolg der „Szenen aus dem Leben der heiligen Johanna“ an der Deutschen Oper Berlin in einer Inszenierung von Christoph Schlingensief (die 2012 auf DVD erscheinen wird), dem „Ulenspiegel“ in Gera, sowie der Verleihung des Deutschen Musikpreises Echo Klassik 2011 in der Kategorie „Welt-Ersteinspielung des Jahres“ für die Aufnahme der „Heiligen Johanna“ im Oktober ging die Renaissance der Werke von Walter Braunfels nun mit einer konzertanten Wiedergabe der „Verkündigung“ weiter. Das Mysterium in vier Aufzügen und einem Vorspiel wurde vom Münchner Rundfunkorchester unter Leitung von Ulf Schirmer aufgeführt. Mit einer Direktübertragung auf BR-Klassik im Rahmen des Euroradio Christmas Day der European Broadcasting Union war die Aufführung in über 15 Ländern Europas zu hören, von Spanien bis Rumänien.

Angesichts des Aufführungsortes ist zu erwähnen, dass Walter Braunfels mit seiner Oper „Die Vögel“ in München seinen Durchbruch erlebte und in den 1920er Jahren neben Richard Strauss und Franz Schreker zu einem der meistgespielten deutschen Komponisten wurde. „Die Vögel“ wurden in den ersten beiden Jahren über 50 Mal aufgeführt und harren dennoch in München bis heute einer Neuinszenierung… Nachdem Konrad Adenauer Braunfels 1925 zum Gründungsdirektor der Kölner Musikhochschule berufen hatte, fiel er bei den Nationalsozialisten als „Halbjude“ in Ungnade und wurde 1933 verbannt. Seine Werke wurden als „entartete Kunst“ gebrandmarkt. Braunfels wollte aber Deutschland nicht wie andere seiner Zeit in Richtung England oder USA verlassen – seine Musik ist stark deutsch geprägt. Er lebte damals an der Grenze zu Deutschland in Überlingen und wurde von einer befreundeten Familie von 1933-45 versorgt. Nach 1945 galten seine Werke als „veraltet“, obwohl die „Verkündigung“ noch 1948 in Köln uraufgeführt wurde. Die Darmstädter Schule lehnte die spätromantische Schule jedoch ab. Während Korngold, Zemlinsky und Schreker als österreichische Komponisten schon seit Jahrzehnten in Wien und andernorts wieder gespielt werden, blieb dem Werk des Deutschen Braunfels bislang eine nachhaltige Wiederbelebung verwehrt. Es ist seinem Enkel Stephan Braunfels, dem international bekannten Architekten, zu verdanken, dass das Werk seines Großvaters langsam wieder auf deutschen Bühnen sowie auf Ton- und Bildträgern erscheint.

Die Verbannung, unter der Walter Braunfels sehr litt, wurde aber auch zu einer inneren Emigration. Der Komponist ging radikal in sich. In einem freigeistigen Umfeld aufgewachsen, brachten ihn die Erlebnisse und eine Verletzung im Ersten Weltkrieg zu einem kompromisslosen Bekenntnis zu Gott und einer Konversion zum katholischen Glauben. Dieser half ihm offenbar, die Enttäuschungen und Entbehrungen der Verbannung zu ertragen und auch kompositorisch zu verarbeiten. Denn nach 1933 wandte er sich immer mehr religiösen Stoffen zu.

Das Mysterium „Verkündigung“ war die erste Opernkomposition nach der Verbannung, 1937 fertig gestellt, gefolgt von „Der Traum ein Leben“ nach Franz Grillparzer und der „Heiligen Johanna“.

Die „Verkündigung“, eine tief ergreifende menschliche Geschichte, handelt von der Auferstehung eines toten Kindes in der Weihnacht. Es geht um die Frage nach dem Sinn unverschuldeten Leidens. Denn, so der UA-Dirigent Hellmut Schnackenburg, die schöne Violaine, behütete Tochter eines reichen Hofbesitzers, steht hier auch stellvertretend für die schuldlos ins Unglück gestoßenen Menschen des „Dritten Reiches“. Die Vorlage zu dem geistlichen Spiel war das Schauspiel „L´annonce faite à Marie“ von Paul Claudel, ebenfalls ein überzeugter Katholik. Es wurde zu einem der größten Theaterstücke der 1920er Jahre, nachdem es in Dresden 1911 seine UA erlebt hatte – ein Großereignis, bei dem auch Thomas Mann und Gerhart Hauptmann zugegen waren.

Das Stück ist sehr komplex, ein zwar klarer Plot, aber mit einem mystischen Bezug zum Leben Christi. Nahezu alle Personen in Claudels Stück spielen eine Rolle aus dessen Leben. Der Franzose Claudel sah zunächst die Vertonung seines Stücks durch den deutschen Komponisten skeptisch. Er willigte erst ein, als Braunfels sich zur Übernahme der deutschen Übertragung durch Jakob Hegner verpflichtete.

Die gütige und selbstlose Violaine, mit Jakobäus verlobt, küsst aus Mitgefühl den aussätzigen Dombaumeister Peter von Ulm, der daraufhin gesundet, während sie an Aussatz erkrankt und von Jakobäus und der Gesellschaft verstoßen wird. Obwohl die Krankheit sie erblinden lässt, verliert Violaine nie ihren Lebensmut und erweckt sogar das tote Kind ihrer stets eifersüchtigen Schwester Mara zum Leben, die mittlerweile Jakobäus geheiratet hat. So erlangt sie Liebe und Achtung ihres ehemaligen Verlobten zurück und stirbt mit sich und Gott versöhnt: „Schön ist das Leben und Gottes Herrlichkeit, die kein Ende hat.“ Laut Stephan Braunfels, der mit Irina Paladi vor der Aufführung im Gartensaal des Prinzregententheaters eine Einführung gab, hat sein Großvater das Claudel-Stück, abgesehen von dem etwas veränderten Schluss, wörtlich vertont – er hatte keinen Librettisten. Er kommt hier zu einer herberen Musiksprache als in den noch stark spätromantisch geprägten, schwelgerischen Kompositionen der 1920er Jahre, insbesondere die noch stark an Richard Strauss erinnernden „Vögel“. Braunfels versuchte, in der „Verkündigung“ radikal den spätromantischen Orchesterklang zurückzunehmen. Das Vorspiel und die ersten beiden Aufzüge zeigen einen eher holzschnittartigen Kompositionsstil, über weite Strecken mit einer Art Sprechgesang, wobei Musik und Stimmen in engster Verbindung stehen.

Nach einem Trompetensolo-Auftakt, der Verkündigung, übernehmen die Streicher den Beginn des Vorspiels. Bis Ende des 2. Aufzugs kommt es weniger zu ausgedehnten melodischen Linien, sondern mehr zu kurzen Motivsegmenten. Dabei stechen immer wieder Soloinstrumente hervor, setzen musikalische Akzente und Schwerpunkte, die dramatische Entwicklung aussagekräftig unterstützend. In diesem Teil des Abends wirkten die Tempi Ulf Schirmers des Öfteren zu schleppend. Eine szenische Aufführung der Oper wird hier sicher eine andere Dynamik entfalten. In den Erzählungen des Andreas Gradherz, dem Vater von Violaine, kommt es auch zu einigen dramatischen Höhepunkten. Ebenso im Dialog zwischen Peter von Ulm und Violaine im Vorspiel. Ihr musikalisches Material ist jedoch eher lyrisch konturiert. Im 3. und 4. Aufzug gelangen durchaus wieder spätromantische Züge in die Musik – manches erinnert hier an den späten Pfitzner. Im Dialog zwischen Mara und Violaine im 3. Aufzug sind gar hymnische Klänge zu hören. Der lange Monolog des zu seiner Pilgerreise aufbrechenden Andreas zu Beginn des 2. Aufzugs erinnert an den Marke-Monolog in Wagners „Tristan und Isolde“. Ganz allgemein ist die Musik im 2. Teil der Oper dichter und wird von Ulf Schirmer und den Musikern eindrucksvoll und feinfühlig interpretiert. Immer wieder klingen die Blech- und Holzbläser mit markanter Linienführung und charaktervollen Soli hervor, gibt es Bögen und ausgestaltete Melodien. Der bestens disponierte Chor des Bayerischen Rundfunks in der Einstudierung von Stellario Fagone hat hier große kommentierende, aber auch gestaltende Momente, zumal am Schluss der Oper.

Das Sängerensemble war dem Anlass entsprechend gut. Herausragende Leistungen brachten Juliane Banse als Violaine, Adrian Eröd als Jakobäus und Robert Holl als Andreas. Banses Sopran besticht durch exzellente Intonation, Phrasierung und Linienführung sowohl in der Mittellage wie in den Höhen und den berührenden Piani. Eröd überzeugt durch seinen klar geführten und äußerst kultivierten Bariton, den er ebenfalls bei bester Diktion hervorragend phrasiert. Holl gestaltet die Partie des Andreas mit seinem geschmeidigen und farbenreichen Bass auch emotional einnehmend. Hanna Schwarz ist eine Mutter mit immer noch gutem Mezzo. Matthias Klink verleiht dem Peter von Ulm einen klangschönen Tenor mit baritonaler Färbung. Mit der überwiegend in der Mittellage angesiedelten Partie der Mara hat Janina Baechle keine Schwierigkeiten Vanessa Goikoetxea klingt in der Höhe als Engel etwas schrill, schafft aber ihren Part, gemeinsam mit dem großen Chor, mit Bravour. Mauro Peter hat einen guten Tenor für den Gehilfen Peter, und Johannes Stermann verleiht dem Ersten Arbeiter seinen Bass. Einige männliche und weibliche Sprechrollen runden das Ensemble ab.

Die Aufführung erntete großen Applaus beim Münchner Publikum. Es gab viele Bravi für die Protagonisten und indirekt natürlich für den Komponisten. Einmal mehr zeigte sich, dass das Werk Walter Braunfels’ eine Renaissance verdient.

Klaus Billand

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