Bayreuth/Festspiele: Lohengrin VI - 14. August 2019

Anna Netrebko wurde nicht vermisst…

Piotr Beczala als Lohengrin

Piotr Beczala als Lohengrin

Das war ein Abend der besonderen Art im Bayreuther Festspielhaus! Ursprünglich war alles auf Anna Netrebkos lang diskutiertes und überwiegend auch ersehntes Bayreuth-Debut fixiert. Und dann sprang die in Bayreuth bereits in der vorherigen Neuenfels-Produktion bewährte Annette Dasch als Elsa ein und machte Netrebko – insbesondere für die Wagner-Kenner – vergessen. Kaum einer sprach mehr von ihr oder vermisste sie gar. Mit einem wunderbaren Stimmansatz und ihrem lyrisch leuchtenden Sopran besonders im Dialog mit Lohengrin im Trafohäuschen mit orangenem Ehebett, in dem zuerst beide fleißig die Hotelbibel konsultieren, bestach Dasch auch durch ihre dramatische Attacke sowie kräftige und klangvolle Spitzentöne. Dazu durch eine Mimik, die in jedem Moment die reifere und skeptische Dame signalisierte, die sich Lohengrins bisweilen arg anmaßenden und nicht unbedingt liebesfördernden sowie schon gar nicht romantischen Anschuldigungen gewachsen zeigte. Man denke nur an „Höchstes Vertraun hast du mir schon zu danken, da deinem Schwur ich Glauben gern gewährt; … Dein Lieben muss mir hoch entgelten für das, was ich um dich verließ; kein Los in Gottes weiten Welten wohl edler als das meine hieß.“ Und Ähnliches später.

Lohengrin erscheint

Lohengrin erscheint

Da wurde fast schon unverständlich, dass sie sich von Lohengrin in die Maso-Nummer mit Festbinden am Hochspannungskondensator im Trafohäuschen treiben ließ. Annette Dasch konnte den stürmischen Applaus, den sie für ihre Leistung bekam und der sie gar nicht wieder hinter den Vorhang lassen wollte, kaum fassen und hatte Tränen in den Augen. Ihre und auch Piotr Beczalas Weltklasse-Leistung als Lohengrin, sowie Christian Thielemanns Dirigat des brillant aufspielenden Festspielorchesters waren wohl die Gründe, warum es beim Schlussapplaus ein hier nur selten gehörtes rhythmisches Klatschen gab wie in Ungarn.

Elena Pankratova als Ortrud

Elena Pankratova als Ortrud

Diese Maso-Nummer im Trafohäuschen war wohl als Gegenstück zu Ortruds Fesselung Telramunds im dunklen Schilfgürtel des Holzkulissen-Verschiebebahnhofs im 2. Akt gedacht, wo dies allerdings einen gewissen Sinn macht. Denn die „wilde Seherin“ macht damit deutlich, wie sehr sie ihren Mann in der Hand hat. Gefesselt muss er hier beim unverschuldet viel zu spät in die Produktion gekommenen Regisseur Yuval Sharon zusehen, wie das Unheil ins Haus Elsas einzieht, welches auch da schon als Trafohäuschen – mit nach außen schallender Hochzeitsmusik – völlig unerklärlich mitten im Schilfgürtel und düsterem Wolkengetümmel auf und abtaucht… Im Dunkel dieses Feuchtbiotops wuselnd ist wieder Thomasz Konieczny als viel zu laut und undeutlich singender Graf Telramund zu erkennen, was ihm beim zweiten und dritten Einzelvorhang auch einige wenige – und damit statistisch insignifikante – Buhrufe einbrachte. Elena Pankratova aus dem hochmusikalischen Ekaterinburg in Westsibirien ließ wieder ihren vulkanartigen dunklen Sopran von der Leine, der zwar insbesondere mit ihrer Fertigkeit, die beiden Klippen „Entweihte Götter…“ und „Fahr heim…“ überzeugte, aber völlig wortundeutlich blieb. Allein, es wurde ihr nachgesehen.

Telramund und Ortrud

Telramund und Ortrud

Nahezu unbeschreiblich war wieder Piotr Beczala als Lohengrin, der wohl im Zenit seines Schaffens steht und eine makellose stimmliche Höchstleistung bot, mit allen Facetten, die die Titelrolle bietet, herrlichen Piani zu Beginn der Gralserzählung und einer „sogar“ Jonas Kaufmann in den Schatten stellenden Piano-„Taube“, dass einem fast die Tränen kamen. Dazu eine ausgezeichnete Phrasierung und feines Legato. Der Sänger gab ein ganz natürliches und unaufgeregtes Rollenporträt, was auch seinem Wesen entspricht. Und er überzeugte somit auch darstellerisch. Riesenjubel ebenfalls für ihn. Georg Zeppenfeld konnte mit seinem klar artikulierenden und eher hohen Bass als König Heinrich das Publikum wie gewohnt begeistern, war meines Erachtens zum erstklassigen Heerrufer des Bassbaritons und immerhin einem der besten Wotane unserer Zeit, Egils Silins, aber kein klar stimmlicher und damit auch einem König entsprechend souveräner Gegenpol. Albern sein – natürlich der Regie anzulastendes – irres Anlaufen auf die Brabanter mit erhobenen Armen, das sofort an das Anlaufen einer siegreichen Bundesliga-Fußballmannschaft auf die Fankurve erinnerte. Auch das Zittern der Brabanter und Heinrichs im Finale des 2. Akts leuchtete nicht ein. Oder standen sie bereits wieder unter dem so erwünschten Strom?!

Beängstigend schlecht verkabeltes Trafohäuschen als "Brautgemach"...

Beängstigend schlecht verkabeltes Trafohäuschen als "Brautgemach"...

Gezittert hätte vielmehr jeder seriöse Elektriker, wenn er das unsachgemäße Anzapfen der Hochspannungsleitung mit Schwachstromkabeln im ehelichen Trafohäuschen gesehen hätte. Jeder TÜV-Mitarbeiter würde bei so etwas aus Angst, einem heftigen Kurzschluss zu erliegen, davon laufen. Dieser erwischt immerhin dann Telramund bei seinem Mordversuch, verschafft den vier Edlen aber noch so viel Restenergie, dass ihre Ranzen bis in die nächste Szene in weißen Flammen stehen. In dieser kommen die Brabanter wie die alten Wikinger mit ungeschlacht geschnittenen Holzspeeren herangestampft, auch nicht unbedingt ein Moment, der zum Gewinn der Inszenierung beitrug und eher an die Bauerninvasion im 1. Akt von „Andrea Chenier“ erinnerte. Was soll das alles…?!

Georg Zeppenfeld als König Heinrich

Georg Zeppenfeld als König Heinrich

Am Schluss bekommt Elsa von Lohengrin einen orangenen Wäschekorb – passend zu ihrem nun orangenen Gewand – in dem alle im Text beschriebenen Hinterlassenschaften sind. Was der Wechsel zu Orange bewirken sollte, müsste noch etwas erforscht werden. Es passt aber gut als Kontrast zum alles dominierenden Blau von Neo Rauch. Gut allerdings der Schluss, bis auf das grüne Männchen, welches bei einiger Erheiterung des Publikums mit einem Minikondensator in Grün hereinkommt und damit zeigt, dass nun der Ökostrom angesagt ist. Aber dass die nachvollziehbar völlig verstörte Elsa nun ausgerechnet Ortrud in die Arme fällt, sich dann aber wieder löst und alle, inklusive König Heinrich und sein Heerrufer, tot umfallen, hat schon etwas für sich und mit dem Neuenfels-Schluss viel gemeinsam. Statt eines Homunkulus wie bei Neuenfels gehen die Brabanter bei „Weh“! durch einen Stromstoß unter, und für Ortrud gibt es kein Volk mehr, über das sie nun herrschen könnte… Schluss, aus, Feierabend! Der bekannt traurige „Lohengrin“-Schluss…

Fahr heim...

Fahr heim...

Christian Thielemann dirigierte diesen VI. „Lohengrin“ der Festspielzeit genauso hervorragend wie die von mir schon besprochene Premiere am 26. Juli und die Premiere am 25. Juli des Vorjahres. Ebenso erstklassig, ja Weltklasse, war der Festspielchor, der wie seit vielen Jahren von Eberhard Friedrich einstudiert wurde und ebenfalls stürmischen Applaus bekam.

Fotos: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Klaus Billand

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