Salzburg/Landestheater in der Felsenreitschule: Lohengrin -Premiere - 2. und 3. Reprise - 16. November 2019

Dramatik in totaler Unkonventionalität

Das Flugzeugwrack

Das Flugzeugwrack

Im November wartete das Landestheater Salzburg in der Felsenreitschule mit einer fulminanten „Lohengrin“-Neuinszenierung in der Regie von Roland Schwab auf, die ohne Weiteres auch bei den Sommer-Festspielen Staat machen würde. Schwab hatte die grandiose Idee, seinen Bühnenbildner Piero Vinciguerra dazu zu bringen, ein riesiges abgestürztes Verkehrsflugzeug mit den entsprechenden überall herum liegenden Wrackteilen auf die Bühne der Felsenreitschule zu bringen.

Der Heerrufer und die Überlebenden beim Vorspiel

Der Heerrufer und die Überlebenden beim Vorspiel

Auf diesem Flugzeugswrack – natürlich als Einheitsbühnenbild – spielt sich das ganze Drama in düsterem Grau-Schwarz ab. Genau das will Schwab hier zeigen, und es ist durchaus nachvollziehbar, wenn man Richard Wagners Notizen zu „Lohengrin“ studiert, der diese letzte seiner romantischen Opern als den „allertraurigsten“ seiner Stoffe bezeichnet hatte. Der Regisseur schildert das Scheitern Elsas als ein „breit angelegtes Panorama kollektiven Scheiterns“.

Elsa

Elsa

Was konnte Schwab also Besseres finden als ein noch rauchendes Wrack eines offenbar gerade erst abgestürzten Verkehrsflugzeugs, übrigens von der nicht mehr existierenden Britisch Caledonian Airways, die 1988 von der British Airways übernommen wurde. Das Wrack überrascht die meisten Besucher gleich beim Betreten der Felsenreitschule, wenn sie auf der ganzen Ausdehnung der vierzig Meter breiten Riesenbühne diesen noch dampfenden Koloss erblicken, halb aufgerissen vom crash.

Ortrud mit Elsa

Ortrud mit Elsa

Die Überlebenden – es scheinen ebenso glücklicher- wie ungewohnterweise alle Passagiere zu sein – hocken verzweifelt auf den weit verstreuten Trümmern. Eine junge Frau steht kurz vor dem Nervenzusammenbruch und muss beruhigt werden. Dass König Heinrich und sein Heerrufer die Brabanter gleich mit eingeflogen hat, statt sie an der Schelde zu besuchen und sich dabei auch noch eines damals völlig unbekannten Verkehrsmittels bedient, wollen wir mit der Genialität des Regieeinfalles von Roland Schwab und seien Bühnenbildners entschuldigen. Man kann eben nicht alles haben.

Telramund, hinten König Heinrich mit Helfer

Telramund, hinten König Heinrich mit Helfer

Gehalt und Aussage der Interpretation des „Lohengrin“ durch das Regieteam offenbaren sich dem genauen Beobachter schon während des Vorspiels. Es ist ja bekannt, dass Wagner hierin in musikalisch leicht nachzuvollziehender Form das auratische Herabkommen des Heiligen Geistes auf die Erde schildert, beginnend fast unhörbar in den Violinen, bis er im Tutti auf der Erde angekommen ist und sich dann langsam wieder entfernt, in den feinsten Höhen der Violinen verschwindend. Ein trauriges Vorspiel, voller Pessimismus, da eine Lösung der irdischen Probleme nicht möglich sein wird.

Lohengrin mit Elsa

Lohengrin mit Elsa

Nachdem ein dumpfes, den ganzen Raum erfüllendes Grollen erst mit dem Heben des Taktstocks durch den neuen Musikdirektor am LT Salzburg, Leslie Suganandarajah, verklungen ist, erleben wir dieses virtuelle Nahen einer Lösung und ihr erschütterndes Verschwinden in der Mimik der Überlebenden. Mit zunehmendem Crescendo des Vorspiels schauen sie mit immer größerer Erregung gen Himmel, wo sich offenbar eine Rettung aus ihrer ausweglos erscheinenden Lage ankündigt und gehen wieder in Verzweiflung über, als diese mit den finalen Takten wieder verschwindet. Man denkt sofort an die berühmte Situation von Schiffbrüchigen, die auf einer einsamen Insel in der Ferne ein Schiff nahen sehen, und damit ihre Rettung, der Kapitän sie aber nicht wahrnimmt und langsam am Horizont verschwindet… furchtbar!

Der Attentatsversuch

Der Attentatsversuch

Der von Ines Kaun einstudierte Chor des Salzburger LT und der von Walter Zeh geleitete Philharmonia Chor Wien wird zum eigentlichen Protagonisten der Oper und machte durch eine bestechende Choreographie deutlich, warum Lohengrin von Beginn an keine Chance hat, hier Ordnung hinein zu bringen. Die Chöre wurden auch stimmlich zu einem ganz besonderen Erlebnis dieses Abends, wobei man endlich einmal geschickt alle drei Ränge der Felsengalerien mit einbezog, was man bei den Sommerfestspielen ja so oft vermisst. Die Kostüme von Gabriele Rupprecht passen gut dazu, auch wenn man etwas die Nase rümpfen könnte, wenn Elsa im Ballkleid und die Chordamen in Palletten-Kleidern über das Flugzeugswrack wandeln… Das Lichtdesign von Richard Schlager war optimal auf die ungewohnte Szenerie abgestimmt.

Einbeziehung der Galerien der Felsenreitschule - selten so erlebt!

Einbeziehung der Galerien der Felsenreitschule - selten so erlebt!

Benjamin Bruns singt den „Schwanen“-Ritter mit einem klangvollen lyrischen Tenor, der im 3. Akt auch zu Attacke fähig ist. Jacquelyn Wagner ist eine nahezu perfekte Elsa mit einem alle Facetten der Rolle auslotenden Sopran und emphatischem Spiel. Alexander Krasnov gibt einen spannenden Telramund mit heldenbaritonalen Qualitäten. Miina-Liisa Värelä konterkariert alle mit ihrer expressiven Ortrud. Pavel Kudinov ist ein würdiger blinder König mit klangvollem Bass, und Raimunds Juzuitis singt einen prägnanten Heerrufer, dessen Rolle weit über das Rufen hinaus geht. Der junge Sri-Lanker Leslie Suganandarajah, zweiter Kapellmeister am Landestheater Linz, gibt am Pult des Mozarteumorchesters Salzburg einen großartigen Einstand bei Wagner und wird mit entsprechendem Applaus bedacht, wie auch das ganze Ensemble.

Finale: Weh!

Finale: Weh!

Mit diesem „Lohengrin“ hat das Landestheater Salzburg ein Zeichen gesetzt, dass die Werke Richard Wagners nahezu unerschöpflich zu interpretieren sind. Eigentlich sollte nun niemand mehr misratene Inszenierungen damit entschuldigen können, dass den Regisseuren die Ideen ausgingen, weil ja schon alles gemacht worden sei. Bravo!!!

Fotos: Anna-Maria Löffelberger

Klaus Billand

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