Wien: Die Frau ohne Schatten - 2. Juni 2019

Konventionelle Jahrhundertfeier…

Amme und Kaiserin

Amme und Kaiserin

Gestern Abend lief nun die dritte Aufführung der neuen „Frau ohne Schatten“ in der Regie von Vincent Huguet und den Bühnenbildern von Aurélie Maestre sowie der schwachen bis kaum wahrnehmbaren Lichtregie von Bertrand Couderc. Da ich gleich nach der Premiere am 25. Mai eine detaillierte Rezension der Produktion geschrieben habe (weiter unten), möchte ich hier im Wesentlichen nur auf die Stimmen, wie sie sich gestern darstellten, eingehen.

Die Färberin

Die Färberin

Im Allgemeinen ist zu sagen, dass alles gegenüber der mit so großen Erwartungen belasteten Premiere (150 Jahre Wiener Staatsoper, 100 Jahre FroSch) viel entspannter über die Bühne ging, was insbesondere der vokalen Interpretation zugutekam. Es ist unbestreitbar, dass Nina Stemme als Färberin und Evelyn Herlitzius als Amme erstklassige schauspielerische Interpretationen dieser beiden zentralen Rollen der FroSch gaben. Insbesondere Nina Stemme stellte alle – viel facettenreicheren – Seiten der Färberin ebenso authentisch wie überzeugend dar, während die Amme im Prinzip eindimensional bösartig und gegen alles Menschliche konzipiert ist und Thielemann durch das Auflassen der sonst üblichen Striche den negativen Charakter der Amme noch anschaulicher macht. Einzigartig die Mimik Stemmes in dem musikalisch herrlichen Moment im 1. Akt, als sich Barak ihr nähert – hier freilich etwas umständlich – und sie sich nach ihrer schuldbewussten Aussage, dass sie nach „dritteinhalb Jahr‘“ ihm noch kein Kind geboren habe, erwartungsvoll lächelt und, als es nicht weitergeht (gehen kann..?), sie ihn dennoch liebe- und verständnisvoll anblickt. Dann die Aufregung mit den drei Brüdern und die Forderung an Barak, das abzustellen, sowie viele weitere Momente, in denen Stemme die totale Verinnerlichung der komplexen Rolle unter Beweis stellt. Evelyn Herlitzius spielt die Amme mit unglaublicher darstellerischer Gewandtheit und Überzeugungskraft, natürlich auch mit der entsprechenden Mimik. Sie ist jetzt, nach ihren Brünnhilden und der auch nur noch begrenzt überzeugenden Isolde, gut in diesen Rollen. Man weiß es von der Elektra in Aix-en-Provence, ja auch von ihrer wahrlich boshaften Ortrud in Dresden her.

Färberin und Amme

Färberin und Amme

Aber hier kommt meine m.E. berechtigte Frage: Inwieweit kann darstellerische Souveränität und Überzeugungskraft ein bei beiden Sängerdarstellerinnen eklatant wahrnehmbares Defizit an Wortdeutlichkeit wettmachen oder gar „übertrumpfen“? Wenn man den begeisterten Applaus des Publikums hörte, schien es ihm nichts auszumachen. Richard Wagner legte sehr viel Wert auf genaue Textwiedergabe und sagte einmal so oder so ähnlich: „Text, Text, und wieder Text! Bleibt mir gewogen, ihr Lieben.“ Und bei Richard Strauss, der sicher auch auf klare Worte Wert gelegt hat, bietet sich durch seinen Kompositionsstil noch viel eher Wortdeutlichkeit an als bei Wagner. Sobald es bei Stemme und Herlitzius in die Höhe ging und – erst recht – dramatisch wurde, war kein Wort mehr zu verstehen. Hinzu kamen bei Stemme noch einige scharfe Spitzentöne und bei Herlitzius im untersten Register bisweilen Sprech(-gesang).

In einem Interview mit der Brünnhilde von Bordeaux vergangene Woche (unter Interviews) sagte Ingela Brimberg dazu Folgendes, und das finde ich interessant. Sie zitiert Lotte Lehmann als eines von mehreren Beispielen „…für die Faszination, wie diese Sängerinnen früherer Zeiten gesanglich den Text mit dem Charakter der Rolle zu verbinden vermochten. Gerade das ist so attraktiv und berührend, aber auch schwer zu verwirklichen. Wenn es gelingt, kann die enge Verbindung von Text und gesanglicher Umsetzung Momente der Überraschung schaffen und neue Perspektiven eröffnen, sowohl für das Publikum als auch für den Künstler.“ Wäre das nicht auch bei der Färberin und der Amme wünschenswert, bzw. ist das zu viel verlangt? Ich hörte in vielen FroSch-Aufführungen schon Sängerinnen, die das konnten. Übrigens hält Ingela Brimberg Camilla Nylund für eine Kaiserin, die diesem Ideal folgt.

Der Kaiser

Der Kaiser

Insbesondere im 2. Aufzug konnte man merken, dass Wolfgang Koch der Barak etwas zu tief liegt. Bassbaritone wie Franz Grundheber, selbst noch in hohem Alter, und Falk Struckmann, ganz zu schweigen von Walter Berry, konnten aufgrund ihrer Lage viel mehr aus der Rolle herausholen. Und bei einem Haus wie der Wiener Staatsoper sollte ein Vergleich mit früheren Sängern schon erlaubt sein. Hinzu kommt bei Koch ein meines Erachtens zu zögerliches Engagement in der Rolle, die mehr Intensität in der Darstellung verlangt, geht doch auch Barak durch eine Art Metamorphose.

Einfacher hat es da der Kaiser, den Stephen Gould mit gewohnt schönen Klängen und kräftigen Höhen sang, aber eben zu einer gewissen Untätigkeit verdammt ist. Was hatte Strauss nur gegen die Tenöre?! Ja, und Camilla Nylund kam in der Tat dem Brimbergschen textorientierten Gesangsideal am nächsten, um das sie sich auch sichtbar bemühte. Sie hat eine bemerkenswerte Stimmkultur, letztlich wohl auch aufgrund der Liederabende, die sie des Öfteren gibt. Es könnte als Kaiserin nur ein bisschen mehr Volumen sein. Ich dachte gestern in dieser Hinsicht an die große Cheryl Studer, die hier eine große Kaiserin war.

Amme und Kaiserin

Amme und Kaiserin

Sebastian Holecek sang den Geisterboten sehr wortdeutlich und souverän. Er machte damit prägnant die Bedeutung dieser Rolle hör- und sichtbar. Holecek, der soeben in zwei „Salome“-Neuinszenierungen in Tel Aviv und Bologna als Jochanaan glänzte (Rezensionen weiter unten), hätte an der Wiener Staatsoper sicher größere Aufgaben verdient, die er mit seinem umfangreichen Repertoire auch leicht meistern würde.

An der viel zu schwachen und die Dramaturgie kaum unterstützenden Lichtregie hat sich leider nichts verbessert. Dabei könnte man mit Punktstrahlern in dem eintönigen Einheitsbühnenbild die Protagonisten hervorheben, wie das gerade bei der „Walküre“ von Julia Burbach in Bordeaux äußerst eindrucksvoll geschehen ist. Vielleicht sollte man sich den Beleuchter Eric Blosse von dort als Berater holen und hier nachbessern lassen. Damit würde viel gewonnen.

Kaiser mit Kaiserin und Barak

Kaiser mit Kaiserin und Barak

Immerhin ist nun die Zigarette weg, die sich Barak noch in der Premiere – so gar nicht märchenhaft – ausgerechnet beim Gesang der Wächter der Stadt mit ihrem phänomenalen Text von Hugo von v. Hofmannsthal ansteckte, aber GsD gleich wieder ausmachte. Auch wird der Thron des Kaisers oben nicht mehr händisch abgeräumt. Aber jeder ab dem 2. Rang sieht das ganz unmärchenhafte Wegziehen des Throns zur Seite, bevor der Deckel kommt. Muss das sein bei einem Haus wie der Wiener Staatsoper?! Die Unterbühne ermöglicht doch ein Verschwinden bis in eine auch oben unsichtbare Tiefe. Gehen Regisseure in den Proben auch mal in Ränge und Galerie um zu sehen, wie es von dort aussieht? Überhaupt ist es wieder mal eine Inszenierung, die in keiner Weise von den technischen Möglichkeiten des Wiener Hauses Gebrauch macht, wahrscheinlich aus Phantasielosigkeit des Regisseurs. Man könnte sie so auch im Erler Passionsspielhaus bringen. Was hat uns Robert Carsen in seiner FroSch vorgeführt, welche Verwandlungen bei voller Einbeziehung der Unterbühne, aber auch nach oben möglich sind! Sven-Eric Bechtolf hat diese Möglichkeiten in seinem „Ring“ mit dem Bühnenbildner Glittenberg auch nicht genutzt – erst im Finale der „Götterdämmerung“, was dann auch richtig gut wurde.

Wenn ich eine Empfehlung an das neue Direktionsteam geben darf: Warum setzt man nicht in die Ausschreibung einer Neuproduktion die Verpflichtung zur Phantasie derart hinein, dass sie nach dramaturgischen Möglichkeiten die Technik der Bühne nutzen, im oben genannten Sinne. Das würde vielleicht auch bei den Regisseuren die Spreu vom Weizen trennen…

Fotos: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Klaus Billand