Bayreuth / Porzellanfabrik Walküre: 1. Akt Die Walküre - Kammerfassung mit Klavier - 28. Juli 2019

Enormes Engagement junger Künstler

Porzellanmanufaktur Walküre

Porzellanmanufaktur Walküre

Schon im Jahre 2014 erlebte ich zur Bayreuther Festspielzeit die kammermusikalisch verkürzte Version des „Parsifal“ einer kleinen Operntruppe, die heute unter dem Titel „Freebirdopera“ firmiert. Es handelt sich um wenige Sängerinnen und Sänger, die gleich unter dem Festspielhaus in den Produktionsräumen der Porzellanfabrik Walküre – nomen est omen – auch dieses Jahr wieder aufgetreten sind, und zwar mit einer fulminanten Interpretation des 1. Aufzugs von Wagners „Walküre“. Gerade das schlichte Ambiente des Porzellan-Produktionsraums mit seinen Laufbändern und Schaltkästen macht mit ebenso schlichter Ausstattung mit nur einem Tisch und Decke den besonderen speziellen Reiz dieser Aufführung aus. Und, was ganz besonders von Bedeutung ist: Die Schlichtheit und Unspektakularität des „Theaterraumes“, den man durchaus in die Kategorie „Alternativtheater“ einordnen kann, bewirkte eine umso stärkere Wahrnehmung der Darstellung der Akteure und ein intensiveres Erleben ihrer Rollen.

Siegmund fällt bei Sieglinde ein

Siegmund fällt bei Sieglinde ein

Diesmal waren unter der musikalischen Leitung von Marcus Merkel am Flügel wieder der Tenor Markus Ahme als Siegmund und der Bariton Felix Bruder als Hunding dabei. Hinzu gekommen ist die Sopranistin Lenka Möbius, die die Rolle der Sieglinde interpretierte.

Hunding ist da

Hunding ist da

Nach einem von Marcus Merkel äußert stürmisch gespielten Vorspiel, das einem die Flucht Siegmunds regelrecht vor Augen führt, stürzt dieser ebenso stürmisch in den Produktionsraum der Porzellanfabrik und wirft sich auf dem Wolfsfell seines Vaters Wotan zu Boden. Von Beginn an begeistert Markus Ahme als Siegmund mit einer schier grenzenlos intensiven Darstellung, ja einer wahrhaften Verkörperung des Gejagten und Getriebenen. Er setzt dabei eine außergewöhnlich inspirierte Mimik ein, die sowohl die ganze Traurigkeit seines Loses als „Wehwalt“ wie auch die Beglückung der unerwarteten Begegnung mit Sieglinde als Lichtstrahl neuer Hoffnung umfasst. Dazu besitzt er einen heldischen Tenor, der mit einer enormen Resonanz und Ausdruckskraft überzeugt. Die „Wälse-Rufe“, überlang, gelingen damit ebenso eindrucksvoll wie die zärtlich gesungenen „Winterstürme“ und der sich so emotional steigernde Dialog mit Sieglinde.

Misstrauen

Misstrauen

Mit den ebenso starken Stimmen von Lenka Möbius und Felix Bruder wird schnell klar, dass der relativ begrenzte Raum für diese Stimmen zu klein ist. Aber die Zuschauer kommen dafür in den Genuss einer „Walküre“ sozusagen direkt vor ihnen und sogar unter ihnen, wie in ihrem Wohnzimmer. Denn bisweilen bewegen sich die Sänger im ganzen Raum. Ein Erlebnis der besonderen Art! Und das ungerechterweise zum Ryanair-Tarif.

Wie gleicht er dem Weibe...

Wie gleicht er dem Weibe...

An einem schlicht gedeckten Tisch sitzt Lenka Möbius und lässt schon bei den ersten Worten einen wohlklingenden, bestens geführten und genau der Lage der Sieglinde entsprechenden Sopran erklingen. Mühelos meistert sie alle Höhen und auch die tieferen Lagen der Partie, ja sogar auch die gefürchtete Klippe „süßeste Rache sühnte dann alles!“ die sie mit guter Betonung aussingt. Das wird leider oft nur angedeutet. Unglaublich intensiv auch ihre mit Angst und gleichzeitiger Hoffnung gesungene Phrase „So bleibe hier! Nicht bringst du Unheil dahin, wo Unheil im Hause wohnt!“ Möbius zeigt schon bei der ersten zärtlichen Annährung mit einem Lächeln, dass hier etwas entsteht und geht den ganzen Kennenlernprozess mit immer emotionalerer Begeisterung sowohl darstellerisch wie gesanglich durch, bis sie Siegmund nachdrücklich zur Schwertgewinnung bringt, ebenso ausdrucksvoll von Marcus Merkel am Klavier unterstrichen.

Wälse, Wälse...!

Wälse, Wälse...!

Als von hinten der schwarz gekleidete und athletisch wirkende Felix Bruder als Hunding mit Speer eintritt, erstarren beide wie zu Eis. Ihre Mimik und der Argwohn im Gesicht Hundings lassen unmittelbar große Spannung entstehen. In Ahmes Gesicht ist aber auch zu erkennen, dass er mit einem starken Selbstwertgefühl die Schwächen des Wüstlings erkennt und Zuversicht hat, irgendwie mit ihm fertig zu werden, gestärkt von tief empfundener Zuneigung zu Sieglinde. Diese wird von Hunding gleich mit einem vergewaltigungsähnlichen Kuss bedrängt und mischt später im Hintergrund unter einem Schaltkasten heimlich den Schlaftrunk. Aufgeregt achtet sie darauf, dass er ihn auch ganz leert…

Siegmund und Sieglinde

Siegmund und Sieglinde

Mit dezenten Lichtspielen werden bestimmte Momente passend charakterisiert, insbesondere die „Winterstürme“, die bekanntlich dem Wonnemond wichen, und die Schwertgewinnung, bei der Siegmund das lange eiserne Schwert mit einem starken Ruck aus dem Fließband der Porzellantassen herauszieht und sängerisch in die Höhe reckt, bevor er es Sieglinde mit zärtlichen Blicken als Brautgabe überreicht. Das hört sich vielleicht etwas witzig an, hatte aber beim unmittelbaren Erleben große Wirkung.

Das Publikum war begeistert, spendete Minuten langen Applaus, der Felix Bruder noch animierte, ganz spontan „Wotans Abschied“ aus dem Finale der „Walküre“ zu singen.

Nothung ist gewonnen...

Nothung ist gewonnen...

Ich hoffe, man ist sich etwa 50 Meter höher am Grünen Hügel bewusst, was hier „unten“ für Talente agierten. Es müssen ja nicht immer gleich die großen Namen sein. Das hat die Festspielleitung mit der Berufung des „Ring“-Teams 2020 ja nun auch bewiesen. Vielleicht kommen diese jungen und hoffnungsvollen Künstler einmal bei dem so großartigen Kinderopern-Projekt von Katharina Wagner zum Zuge.

Schlussapplaus: Bruder, Möbius, Merkel, Ahme

Schlussapplaus: Bruder, Möbius, Merkel, Ahme

Auf jeden Fall sollten sie im kommenden Jahr in der Porzellanfabrik oder anderswo weiter machen und nicht wieder fünf Jahre warten. Und sich besser um entsprechende Vorankündigungen in den einschlägigen Medien kümmern. Der Saal hätte leicht ausverkauft sein können wie 2014. Dazu trug wohl auch bei, dass alle drei Aufführungen zum Zeitpunkt von Festspiel-Premieren stattfanden. Ich denke, der Vormittag im 11 Uhr wäre besser.

Markus Merkel

Markus Merkel

Ich denke, bei dieser Gelegenheit und ihrem Einsatz sollten diese Künstler auch einmal kurz vorgestellt werden.

Der Berliner Marcus Merkel ist musikalisch vielseitig engagiert. Er steht nicht nur als Dirigent, sondern auch als Pianist und Komponist auf der Bühne. Mit seinen Werken gewann er mehrfach Wettbewerbe wie den Deutschen Bundeswettbewerb Komposition. Im Jahre 2013 gründete er die Junge Philharmonie Berlin und ist seither deren künstlerischer Leiter. Gastspiele führten ihn bereits nach Kyoto, Rostock, Amsterdam und in der Saison 2018/19 nach Berlin, England, Österreich und Ägypten. Seit Jahren hat Merkel eine enge Beziehung zu Graz und ist für die Saison 2018/19 dort als Kapellmeister engagiert. Im Oktober 2019 wird er die Premiere der „Fledermaus“ und „Don Carlo“ dirigieren.

Markus Ahme in Bayreuth

Markus Ahme in Bayreuth

Markus Ahme ist als jugendlich dramatischer Tenor und Heldentenor in Deutschland und international tätig. Er studierte u.a. bei Reiner Goldberg, nahm Meisterkurse bei Michael Rhodes, Johan Botha und Ben Heppner. Den Parsifal sang er neben Bayreuth (s.o.) auch an der Kroatischen Nationaloper Zagreb. Ahme ist Opern- und Konzertsänger, singt Uraufführungen und die Rollen seines Fachs, wie Parsifal, Florestan, Canio, Cavaradossi, Max, Tambourmajor, Ägisth und Weissensee in Joseph Süß (Detlev Glanert). Auftritte neben Deutschland in Österreich (Tiroler Festspiel Erl), Krakau, Vilnius, Zagreb, Lemberg (Lviv) und Pretoria in Südafrika.

Ahmes Motto: „Gesang, so wie ich ihn verstehe, soll treffen, soll betroffen machen. Er trifft durchs Ohr ins Herz.“ Dem ist NICHTS hinzuzufügen…

Felix Bruder als Amfortas in der Walküre Porzellanmanufaktur 2015 (siehe "Parsifal")

Felix Bruder als Amfortas in der Walküre Porzellanmanufaktur 2015 (siehe "Parsifal")

Der Bariton Felix Bruder war von 2001-2008 im a-capella Ensemble FRACY und wirkte bei verschiedenen Theater- und Performanceprojekten mit. 2007-2011 entwickelte er mit dem argentinischen Maler Rinaldi Goni in Bayreuth ein Fragment um den „Ring des Nibelungen“ und war in Auszügen als Wotan, Wanderer, Hagen und Alberich zu hören. 2009 gab er sein Operndebut als Don Giovanni und sang in München 2010/11 Giorgio Germont. Als Frank in der „Fledermaus“ stellte er in Kiel, Hannover, München und anderen deutschen Städten auch seine komödiantischen Fähigkeiten unter Beweis. Im Wagner-Jahr 2013 konzipierte Felix Bruder eine Kammerversion von „Parsifal“ für das Theaterforum Kreuzberg, welche 2014 auch bei den Bayreuther Festspielen zu sehen war (s.o.). Er sang Amfortas und Klingsor. Später debutierte er als Escamillo und Monterone. Daneben ist Felix Bruder als Konzert- und Oratoriensänger tätig.

Lenka Möbius als Sieglinde 2019

Lenka Möbius als Sieglinde 2019

Die Hamburgerin Lenka Möbius studierte Gesang bei Franco Corelli in Mailand als Stipendiatin der Bel Canto Society New York und absolvierte bei Prof. Scardicchio den Poststudiengang Musiktheater in Bari. Sie war u.a. Meisterschülerin von Mirella Freni, Grace Bumbry und Felicia Weathers und erhielt Stipendien vom DAAD, dem Sokrates-Programm, des DFJW und der Richard-Wagner-Stiftung. Sie sang zunächst Partien wie Pamina, Marie (Lortzing), Soprano 1 (Purcell), Criside (Satyricon), Donna Elvira, 1. Dame und Venus (Mozart) und trat in Moskau in der Produktion „A Walk in the Park“ nach Ovid auf, die einen Award gewann. Zu ihren aktuellen Rollen gehören Manon Lescaut, Dido, Elisabeth (Tannhäuser), Emilia Marty, Tosca, Santuzza, Komponist, Zefira (Alecco) und Sieglinde. Lenka Möbius tritt auch international als Konzertsängerin auf und sang zu Mozarts Todestag in einer TV-Übertragung sein „Requiem“ mit dem Lviv Symphony Orchestra. Sie absolvierte zudem ein Studium der Illustration in Hamburg, Mailand und Paris. Im Beethovenjahr 2020 wird sie einen Liederabend sowie die „9. Symphonie“ mit der Kammerphilharmonie Europa geben.

Fotos: freebirdopera; Markus Merkel – Website; Felix Bruder – Tim Trosczka

Klaus Billand

Ring des Nibelungen

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