Karlsruhe: Das schlaue Füchslein - 25. Oktober 2019

Viel Poesie mit Realismus

Das Bühnenbild

Das Bühnenbild

Das Badische Staatstheater Karlsruhe brachte im Dezember letzten Jahres eine überaus phantasievolle und allenfalls vordergründig auf Kinder zugeschnittene Produktion des „Schlauen Füchslein“ von Leos Janáček heraus. Regisseur ist Yuval Sharon, bekanntlich „Co-Regisseur“ des Bayreuther „Lohengrin“, auch wenn er als Regisseur neben den Bühnen- und Kostümbildnern Neo Rauch und Rosa Loy geführt wird. Für Sharon ist „Das schlaue Füchslein“, wie er im sehr schön bebilderten und inhaltvollen Programmheft darlegt, „wie ein ruheloses, wildes Tier, das sich jedem Versuch, es mit einfachen Erklärungen oder symbolischen Interpretationen zu zähmen, widersetzt.“ Man müsse ein Gleichgewicht auf verschiedenen Ebenen herstellen. „Die Aufführung soll spielerisch, aber nicht kindisch sein, poetisch, aber nicht schwerfällig, mitfühlend, aber nicht sentimental, phantasievoll, aber zuerst und vor allem die Phantasie des Publikums anregen.“ Es lässt sich einfach nicht besser als mit diesem Zitat des Regisseurs beschreiben, was er mit dramaturgischer Unterstützung durch Boris Kehrmann auf der Karlsruher Bühne erreicht hat, mit dem Orchester direkt vor dem Bühnenbild – als Teil der Produktion auch optisch beteiligt. All dies ist sein „Schlaues Füchslein“ geworden.

Fuchs und Füchsin beraten

Fuchs und Füchsin beraten

Im Rahmen einer bestechenden technischen Animation der Walter Robot Studios sowie Bill Barminski&Christopher Louie mit Projektion und Licht von Jason H. Thompson auf einem dreiflächigen bunten und immer neue Naturstimmungen wiedergebenden Bühnenscreen im Hintergrund, treten die Tiere aus Öffnungen nur mit den Köpfen hervor, in fantasievollen Masken von Cristina Waltz. Das wirkt spielerisch, wenngleich ihre Dialoge an Intensität gewinnen, weil man sich so konzentrieren muss, welcher Tierkopf nun grade mal wieder und wo auf der großen Leinwand erscheint und zu singen beginnt.

Der Dachsbau im Winter

Der Dachsbau im Winter

Die Füchsin agiert als Protagonistin als bewegtes Bild auf der gesamten Leinwand und fügt so gewissermaßen die verschiedenen Kommentare der Tiere auch dramaturgisch zu einer Handlung im ästhetisch alles dominierenden Wald zusammen. Sie bewirkt somit auch eine optische Dynamik von stets großer Poesie. Das wird besonders deutlich, als die Tiere es gemeinsam mit ihr schaffen, den unfreundlichen Dachs aus seinem Bau zu vertreiben, in den er die Füchsin nicht einlassen wollte. Man wird auf eine modern-romantische Art und Weise Zeuge einer imaginären Welt, die dennoch ungemein viel mit der unsrigen zu tun hat. Darin liegt ja auch der eigentliche Aussagewert dieser Oper von Janáček, die er zunächst als „Opernpantomime“ komponierte und später als „Waldidyll“ bezeichnete…

...und im Sommer

...und im Sommer

Eine andere und noch intensivere Ebene der Darstellung wird erreicht, als Fuchs und Füchsin zu ihren Liebesannährungen und der anschließenden verklärten Hochzeit im Schneeregen als wirkliche menschliche Figuren im Fuchskostüm in Erscheinung treten. Halt so, wie man sie in traditionellen Inszenierungen meist sieht. So bekommen diese Momente mit den übrigen Tieren im Hintergrund angedeutet und dem Specht, der die Hochzeit noch auf den letzten Drücker durchführt, eine ganz eigene poetische Note. Die Polin Agnieszka Tomaszewska als Füchslein Schlaukopf singt mit einem facettenreichen Sopran und ist ansonsten im Karlsruher Ensemble auch als Pamina, Fiordiligi, Gretel, Adina und sogar Freia unterwegs. Die türkische Mezzosopranistin Dilara Bastar als Fuchs gehört ebenfalls zum Ensemble und kann dem Sopran der Füchsin einen klangvollen Mezzo entgegensetzen und somit ihre Rolle als Fuchs auch vokal bestens zu Gehör bringen. Bastar wird hier noch in dieser Saison die Muse und Niklausse in „Hofmanns Erzählungen“ singen.

Das Badische Staatsorchester

Das Badische Staatsorchester

Die Menschen treten natürlich ohnehin ad personam auf, und zwar auf einer schmalen Bühnenfläche hinter dem Orchester in rustikalem Ambiente, auch was die Kostüme von Ann Cross-Farley angeht – eine Art Gegengewalt zu jener der Tiere im Wald. Alle können ebenfalls stimmlich voll überzeugen, so Ks. Armin Kolarczyk als Förster, Christina Niessen als Frau Försterin, in Karlsruhe auch Kundry, Brangäne und Gutrune eingesetzt, Ks. Klaus Schneider als Schulmeister und von Hause aus passionierter Liedsänger, Nathanael Tavernier a.G. als Pfarrer und Dachs, ebenfalls begeisterter Liedsänger und Preisträger des ADAMI Classique. Der Koreaner Seung Gi Jung wartet als Haraschta und Landstreicher mit einem klangschönen und voluminösen Bariton auf, der nicht überraschen lässt, dass er in Karlsruhe auch Rollen wie Macbeth, Simon Boccanegra, Kurwenal, Donner und Scarpia singt und bald am Teatro San Carlo di Napoli als Renato in „Ein Maskenball“ gastieren wird. Der Badische Staatsopernchor wurde von Ulrich Wagner und der Cantus Juvenum Karlsruhe e.V. von Katrin Müller einstudiert, beide mit großer Präzision.

Nach der Aufführung

Nach der Aufführung

Die vom Karlsruher GMD Justin Brown geleitete Badische Staatskapelle entwickelte wohl auch wegen der offenen Bühnenplatzierung ein ausgezeichnetes transparentes Klangbild, das die vielen flimmernden Details der glutvollen und so slawischen Janáček-Partitur exzellent wiedergibt, mit immer wieder bestechenden Soli. Brown wusste das Tempo in rechten Moment anzuziehen, aber auch lyrischen Momenten, wie jenem der Hochzeit, malerische Farben zu verleihen, ebenso wie melancholische oder gar traurige Momente zu ihrer passenden Charakterisierung kamen. Für Justin Brown hat Janáček, wie er in einem Interview im Programmheft sagt, hinsichtlich des „Ausdrückens von Leidenschaften und Gefühlen mit den Mitteln der Neuen Musik das tiefste Verständnis von allen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Und vor ihm gab es eigentlich auch nur Mozart, Wagner und einige Stücke von Verdi, die den Menschen so tief durchdrangen und in der Lage waren, die menschliche Erfahrung so ernsthaft zu gestalten, ohne zu idealisieren … Janáček beschönigt nichts. Bei ihm müssen sich die Tiere gegenseitig töten um zu überleben.“

Fotos: Falk Traubenberg; letztes K. Billand

Klaus Billand