Berlin/Deutsche Oper: G. Verdi Messa da Requiem - 9. November 2018

Grandiose optische Assoziationen

Ku-Klux-Clan und der "Beladene"

Ku-Klux-Clan und der "Beladene"

Am 3. November 2018 verstarb der große Chor-Direktor Walter Hagen-Groll (1927-2018), der auch den Freunden des Wagnerschen Oeuvres bestens aus bedeutenden Produktionen bekannt ist. Er war Chordirektor und später Ehrenmitglied der DOB von 1961-1984. Das ist fast ein Vierteljahrhundert und damit nahezu eine ganze Generation! Hagen-Groll leitete den damals mit 120 Sängern größten Opernchor Europas, von der Direktion sicher zu Recht als „Modellfall eines großen Opernhauses, dessen Klangkultur bis heute Maßstäbe setzt“ bezeichnet. Aus diesem Anlass führte die DOB unter der musikalischen Leitung von Benjamin Reiners wieder das „Verdi-Requiem“ in der pracht- und stimmungsvollen Inszenierung von Achim Freyer auf, die ihre Premiere hier 2001 erlebte.

Der "Weiße Engel" und "Der Tod-ist-die-Frau"

Der "Weiße Engel" und "Der Tod-ist-die-Frau"

Freyer, wie immer auch für Bühne, Kostüme – und diese ja besonders charakteristisch für ihn – sowie für das Licht zuständig, wusste einmal mehr, die so tiefgründigen Aussagen des „Verdi-Requiems“ für jeden nachvollziehbar in bisweilen spektakuläre dramaturgische und optische Kategorien zu überführen, dass einem schon mal der Schauer über den Rücken laufen konnte. Für die Dramaturgie war Gerd Rienäcker zuständig.

Der Tod und der "Beladene"

Der Tod und der "Beladene"

Im Programmheft schildert Freyer in zwei Sätzen treffend die Konzeption seiner Inszenierung des Requiems: „Die Zeit geht, und wir gehen mit der Zeit, Monaden des Seins, in einer Geste die Welt verkörpernd, die Welt des Scheins, das Erscheinen im Licht, in immer neuen Bedeutungen, Erwartungen und Benennungen im jeweiligen Geist der Zeiten.“ Und dann noch, und das vermag er bildlich auch mit seinen Figuren darzustellen: „Aber dennoch: seit 33.000 Jahren ist die einzige Hoffnung auf ein wenig Unsterblichkeit das schöpferische Werk des nicht greifbaren, unergründbaren menschlichen Geistes, der dieses Sein im Schein erkennend und liebend zu erfassen sucht.“ Damit ist alles gesagt! Und wir sehen es.

Schlussapplaus

Schlussapplaus

Auf zwei Ebenen, einer schneeweißen, wie eine Straße wirkenden Fläche von links nach rechts und einer darüberliegenden Ebene findet der Gang aller Menschen, den „Gehenden“, in den Tod ebenso statt wie die Monologe der Solisten. Bis auf den „Einsam“, der in einer Säule im Vordergrund eingemauert nahezu unmerklich langsam während der 90 Minuten von links nach rechts wandert. Die dritte Ebene bildet der tiefe dunkle Untergrund, in dem die bereits Verstorbenen, „Die Gegangenen“ als gigantischer Chor immer wieder auftauchen, je nach Aussage des Textes bisweilen rot erschimmernd – ganz starke Bilder! Schwarz-Weiß-Kontraste beherrschen den optischen Eindruck. So könnte man sagen, dass Freyer, der bekanntlich auch Maler ist und diese Kunst gern physisch auf seiner Bühne umsetzt (man denke nur an seinen „Ring“ 2010 in Los Angeles) die drei elementaren Ebenen menschlicher Vorstellungen zeigt: Himmel, Erde und Unterwelt (Hölle). Assoziationen zu Wagners „Ring“ drängen sich auf, freilich auf einer anderen, heidnischen Grundlage.

Der Dirigent

Der Dirigent

Der Himmel wird bei Freyer unterstrichen mit dem auf der obersten Ebene meist stehenden „Weißen Engel“, der mit seinen beruhigenden Gesängen wie eine stets präsente mildernde Hoffnung wirkt, angesichts der auf der mittleren Ebene unaufhaltsam dem Tod entgegen gehenden Menschen aller Herkunft und Art. Die vor allem in den USA auftretende US-Amerikanern Michelle Bradley singt den Engel mit leuchtendem Sopran und einem lyrischen Timbre, das bestens zu dieser Rolle passt. Sie trägt ein weißes, engelsgleiches Gewand, versehen mit einer für Achim Freyer so typischen Neonröhre, wohl um die Strahlkraft noch zu erhöhen. Der US-Amerikaner Robert Watson singt den „Einsam“ tatsächlich (dramaturgisch) einsam im Vordergrund mit einem kräftigen, charaktervollen und höhensicheren Tenor.

Der "Beladene" und der "Einsam"

Der "Beladene" und der "Einsam"

Für besondere solistische Höhepunkte sorgen aber Annika Schlicht als „Der Tod-ist-die-Frau“ und Alexandros Stavrakakis als „Der Beladene“. Schlicht singt mit ihrem klangvoll timbrierten und vollen Mezzosopran ein inniges und berührendes Lacrimosa und ist auch bei ihren anderen Auftritten stimmlich überaus präsent. Im Kontrast zum „Weißen Engel“ trägt sie ein tiefschwarzes Kostüm mit einem Strahlenkranz, an die New Yorker Freiheitsstatue erinnernd. Darunter befindet sich dann aber ein feuerrotes Unterkleid, das man eigentlich erst beim Schlussapplaus so richtig sieht… Stavrakakis ist als „Der Beladene“ tatsächlich mit einem riesigen Buckel beladen, auf dem auch noch ein Totenschädel prangt – die Assoziation ist eindeutig. Wenn er mit seiner stets depressiven und fast statischen Darstellung das Mors stupebit et natura singt, scheint alles stillzustehen.

"Der Tod-ist-die-Frau"

"Der Tod-ist-die-Frau"

Unterdessen sehen wir die äußerst fantasievoll gestalteten „Gehenden“ über die Straße zum Tode wandern, aber auch den Tod selbst mit fürchterlich anmutenden Sensen am ganzen Körper – als Schattenspiel auf der oberen Fläche. Unten kommen dann die verschiedenen Zünfte, wie Fischer, Schuster, Ärzte, et al., aber auch ein Mann, der immer wieder spastische Anfälle zeigt. Einmal fliegen von unten Totenköpfe auf die Bühne, einige der „Gegangenen“ winken dem Publikum zu. Mehrmals ziehen Gruppen des Ku-Klux-Clan in feurig roten Roben und mit lebhaften Bewegungen vorüber – alles uns alle wird es treffen, wenn sie nach rechts die Bühne verlassen haben und – gedanklich – zu dem von Jeremy Bines hervorragend einstudierten Chor der „Gegangenen“ in der Unterwelt bzw. Hölle gestoßen sind. Es ist ein fast mittelalterlich anmutender Totentanz scheinbar ohne Ende, der einen das berühmte „Verdi-Requiem“ aus einer ganz anderen, aber die Musik ungeheuer intensivierenden Perspektive erleben lässt. Ein großer Wurf von Achim Freyer, der hier seiner unerschöpflichen Phantasie freien Lauf lässt!

Einige der "Gehenden"

Einige der "Gehenden"

Benjamin Reiners wusste mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin die dramaturgische Optik eindrucksvoll zu verstärken und Höhepunkte zu setzen, wo sie musikalisch und von der Inszenierung her angebracht waren. Natürlich war das Dies Irae in diesem Sinne einer der Höhepunkte. Die Solisten trug Reiners auf Händen, die somit auch bestens verständlich waren, was gerade bei einem Requiem so wichtig ist. Die DOB kann stolz auf diese einzigartige Produktion sein. Riesenbeifall!

Fotos: 1-3 Monika Rittershaus; 4-8 K. Billand

Klaus Billand

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