Zürich: Das Rheingold – Premiere 30. April 2022

Wagners „Ring“ à la Henrik Ibsen wieder am Usprungsort

Rheintöchter mit Alberich

Rheintöchter mit Alberich

Es wird völlig dunkel im Saal, und unter der ruhigen Hand von Gianandrea Noseda erklingt im Graben die Philharmonia Zürich mystisch mit dem „Rheingold“-Vorspiel des Vorabends der Tetralogie, noch mystischer und tiefgründiger als man es sonst zu hören bekommt. Warm tönen die Hörner, wie später auch die Wagner-Tuben beim Aufstieg auf „wolkige Höhen“. Die Celli fangen mit großer Intensität und Transparenz an, die ersten Erda-Linien des Entstehens der Welt zu zeichnen – noch ungestört von Alberichs fallender Quinte…

Die Götter in Erwartung

Die Götter in Erwartung

Die Musiker der Philharmonia, insbesondere auch mit den Zwischenspielen und dem pompösen Finale, sind die tragende Kraft dieses Vorabends des „Ring des Nibelungen“, wenn man von der zu beherzt geblasenen Bass-Tuba absieht. Oben auf der Bühne sieht es nämlich schon weit weniger mystisch aus, und fast hätte man das Schlusswort der Rheintöchter Falsch und feig‘ ist, was dort oben sich freut!“ gleich zu Beginn bringen können.

Die Riesen sind da

Die Riesen sind da

Denn wir erleben in einem dreiflügeligen schneeweißen herrschaftlichen Zimmer mit – durch manchmal zu häufige – Bühnenrotation schnell wechselnde Szenen in einem tief psychologischen Kammerspiel à la Henrik Ibsen. Weniger à la August Strindberg, denn Regisseur Andreas Homoki, auch Intendant der Oper Zürich, ging es wohl in erster Linie um die Rolle der Frauen im „Rheingold“.

Was nun?!

Was nun?!

Homoki will „dem Zuschauer keine fertige Deutung servieren, die er auf Treu und Glauben zu schlucken hat, sondern ihn einladen, seine eigene Deutung des Geschehens zu finden.“ Das gelingt erfahrungsgemäß immer dann am besten – wie auch die Erler „Rheingold“-Inszenierung von Brigitte Fassbaender 2021 mit wenigen Requisiten und einer starken Personenführung zeigte – wenn man das Stück aus den Intentionen Wagners heraus erschließt und es dann in einen zeitgemäßen Rahmen schmiedet, der fast zwangsläufig weiträumige Assoziationen zulässt.

Nibelheim in Walhall...

Nibelheim in Walhall...

Homoki versucht im rotierenden Einheitsbühnenbild mit den – wie auch die Handlung – an die Buddenbrooks erinnernden Kostümen von Christian Schmidt und der stimmungsvollen Lichtgestaltung von Franck Evin das Schicksal der Götterfamilie um Wotan ins Heute zu übersetzen. Er wählt dazu ein Regiekonzept, das nicht auf den von Wagner ja auch gewollten zivilisationskritischen Aspekt, sondern ganz dezidiert auf die theatralisch wirkungsvolle Erzählung der Interaktionen zwischen den Figuren abstellt. Und das ist dem Regisseur mit einer fein ausgearbeiteten Personenregie gelungen, wobei man merkte, dass auch auf größtmögliche Harmonie mit der Musik geachtet wurde. Ganz überragendes Thema ist die plastisch zur Schau gestellte Gier nach Gold und Besitz und damit Macht, die alle menschlichen Beziehungen korrumpiert.

Erda mit Wotan allein zu Haus

Erda mit Wotan allein zu Haus

Erda erscheint Wotan folgerichtig in einem Zimmer ohne alle anderen wie eine ferne erotische Oase im allgemeinen Chaos. Sie neigt sich ihm in größter Entscheidungsnot zärtlich zu – ein subtiler Hinweis auf den Fortgang und ein kurzes einnehmendes Innehalten. Anna Danik gestaltet diesen Moment der Urmutter, der Urweisen, sehr intensiv, mit verbunden Augen und einem klangvollen wortdeutlichen Mezzo. Tomasz Konieczny hat als „Rheingold“-Wotan an Statur gewonnen, besticht mit guten, aber recht metallischen Höhen und starkem mimischem Ausdruck. Patricia Bardon ist eine matronenhafte Fricka mit gutem Mezzo.

Rate du nur auf den Ring!

Rate du nur auf den Ring!

Matthias Klink gibt wieder einen bestechenden Lohe mit hellem Tenor, der alle Fäden phantasievoll und mit manchmal über mögliche Ziele hinausschießendem Elan in der Hand hält. Christopher Purves wird in seinem Rollendebut als Alberich im Laufe des Abends immer besser und gestaltet sängerisch wie darstellerisch einen unter die Haut gehenden Fluch auf den Ring. Jordan Shanahan als Donner und Omer Kobiljak als Froh geben bisweilen allzu stark blödelnde Baseballspieler, während Kiandra Horwath eine nachdrückliche Freia singt. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke ist wie immer ein kraftvoller Mime, eine Luxusbesetzung auf dieser im „Rheingold“ noch relativ kleinen Partie, aber ein sehr gutes Versprechen für den „Siegfried“!

Gelangweiltes Finale...

Gelangweiltes Finale...

David Soar als Fasolt und Oleg Davydov als Fafner geben gute Rollendebuts, welche im Übrigen auch noch Shanahan, Kobiljak, Bardon, Horwath sowie Niamh O’Sullivan als Wellgunde und Siena Licht Miller als Flosshilde absolvieren. Die Ukrainerin Uliana Alexyuk bildet mit den beiden ein hyperaktives, sich mit silbernem Marlene-Dietrich Haarschnitt vornehmlich in einem großen Bett herumtreibendes Rheintöchter-Trio, das allen stimmlichen Herausforderungen gewachsen ist.

Schlussapplaus

Schlussapplaus

Am Schluss sitzen alle Götter gelangweilt am großen Esstisch im Salon und wissen scheinbar nicht so recht, was die Musik dazu soll, die eigentlich mit hohlem Pathos ihren Einzug nach Walhall verkündet. Da waren sie allerdings schon die ganze Zeit…! So lässt Loge es wenigstens vorahnend schonmal leicht brennen…

Fotos: Monika Ritershaus 1-8; K. Billand, 9

Klaus Billand

Der Ring des Nibelungen

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