Genua: Tristan und Isolde NI - 22. Februar 2026

Metaphysische Romantik in Wagners opus summum

Im Rahmen eines interessanten Saison-Programms kam das 1991 nach umfangreicher Renovierung wegen großer Kriegsschäden durch Aldo Rossi eindrucksvoll in neuem Glanz gestaltete Teatro Carlo Fenice di Genova mit einer Neuinszenierung von „Tristan und Isolde“ in vier Aufführungen in Stagione heraus. Selten, wenn überhaupt, war in den vergangenen Jahren im Europa nördlich der Alpen eine ästhetisch so geschmackvolle und ansehnliche „Tristan“-Produktion zu erleben, die allenfalls jener von Roland Schwab in Bayreuth 2022 ähnelte. Laurence Dale zeichnete in Genua für die Regie verantwortlich, mit einer guten und eingängigen Personenregie sowie einigen interessanten Einfällen, wie dem angedeuteten Kampf zwischen Tristan und Morold gleich zu Beginn des 1. Aufzugs.

Der optische und damit besonders aussagekräftige Star des Abends war aber das Bühnenbild von Gary McCann im Licht von John Bishop mit dezent gestaltetem Videodesign von Leandro Summo. Man blickte auf eine riesige, vom Bühnenplafonds schräg herunter hängende Scheibe, die mit einer ähnlich gestalteten, angewinkelten und immer wieder leicht rotierenden Scheibe als Spielfläche korrespondierte.

Im Verlauf des Abends nahmen diese zentralen Bühnenelemente immer wieder fast unmerklich wechselnde Farben in ebenfalls changierenden Bildern an. Beides stand dabei stets in perfektem Einklang mit dem Bühnengeschehen.

Im Hintergrund sorgten ebenfalls wechselnde visuelle Phantasien in sorgsam aufeinander abgestimmten Pastelltönen für die beeindruckende und sich immer wieder verändernde Komplettierung eines großen emotionalen Bühnenraumes, in dem sich die Figuren gut bewegen und artikulieren konnten. Das Regieteam schuf mit diesen Bildern und Bewegungen ein Ambiente von kontinuierlichem Wechsel, um die tiefgründigen Gefühle Wagners zum Ausdruck zu bringen: Eine fantastische, aber auch meditative Welt, während diese außergewöhnliche Musik unser Sein und unsere Seelen umhüllt.

Natürlich schreckte man in einer solchen Ästhetik nicht davor zurück, ebenso das weite Meer anzudeuten wie die Tatsache, dass der 1. Aufzug auf einem Schiff und der zweite vor einem dichten Wald stattfindet, in den die von Melot organisierte Jagd hinausgeht. Die Kostüme, ebenfalls von Gary McCann gefertigt, waren im Prinzip passend zeitlos zur Szene, ließen aber bei Isolde und König Marke den Eindruck entstehen, dass beide aus einer Aufführung an der Met der 1970er Jahre herüber gekommen wären. Ein klarer Stilbruch, der den so großartigen optischen Gesamteindruck etwas schmälerte. Der von Claudio Marino Moretti geleitete Chor sang kraftvoll aus dem Off, während sich auf der Bühne einige mit Schiffsladung befasste Matrosen tummelten.

Unorthodoxer Saal

Unorthodoxer Saal

Marjorie Owens sang eine königlich wirkende Isolde, mit einem in allen Lagen bestens ansprechenden kraftvollen Sopran. Tilmann Unger war ein etwas depressiver und bisweilen zu zurückhaltender Tristan. Sein Tenor passt gut zur Rolle, könnte aber etwas stärker sein. Hervorragend und prägnant sowie äußerst wortdeutlich sang Nicolò Ceriani einen emphatischen Kurwenal. Daniela Barcellona war mit ihrem klangvollen Mezzo und sehr schönen Rufen eine um das Wohl Isoldes besorgte Brangäne – auch sie in einem nicht ganz passenden Kostüm. Evgeny Stavinsky gab den König Marke mit einem eher samtenen, aber nicht besonders ausdrucksstarken Bass.

Der musikalische Grand Seigneur das Teatro Carlo Fenice, Donato Renzetti, dirigierte das Orchestra della Fondazione Teatro Carlo Fenice di Genova bei dieser Dernière mit großer Ruhe und Souveränität, wobei er ein ausgewogenes, aber immer wieder klar differenzierendes und nach dynamisch vorgetragenen Steigerungen dramatische Höhepunkte setzendes Klangbild erzielte. Mehr Wagner in Bella Italia!

Fotos: Marcello Orselli 2-3, 5; Marilena Imbrescia 4; Klaus Billand 1, 6-7

Klaus Billand

YouTube podcast unter: https://www.youtube.com/watch?v=s_SC5E0io0o&t=2s

Tristan und Isolde

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