Wien/Staatsoper: Tristan und Isolde - Premiere 14. April 2022

Lautstarke und chaotische Unmöglichkeit einer Liebe…

Kinder auf Schaukeln

Kinder auf Schaukeln

Am Abend dieser “Tristan”-Premiere auf den Tag genau vor 110 Jahren sank die Titanic vor Neufundland, und man könnte sagen, zumindest nach der sehr signifikanten Ablehnungsreaktion des Publikums gegen das leading team von Calixto Bieito (Regie), Rebecca Ringst (Bühne), Ingo Krügler (Kostüme), Michael Bauer (Licht) und Nikolaus Stenitzer (Dramaturgie), dass an der Wiener Staatsoper auch die – nicht unbedingt notwendige – Neuinszenierung von Richard Wagners Handlung in drei Aufzügen „Tristan und Isolde“ schon bei ihrer Jungfernfahrt – und damit ähnlich wie die Titanic – gesunken ist. Der allein gegen die Regie gerichtete Buh-Orkan war aber auch nachvollziehbar, denn man erlebte eine „Tristan“-Produktion, in der wieder einmal in einer regietheatralischen Ästhetik zu viel handwerkliche Fehler gemacht wurden und letztlich fast alles offen blieb. Was viele vielleicht in einer allzu naheliegenden „Tristan“-Naivität als Symbol für das Meer der Überfahrt nach Cornwall hielten, das auf fast der gesamten Bühne stehende Wasser, in dem auch eifrig geplantscht wurde, war eine Metapher für die Emotionen, die von innen kommen und nach außen dringen…

Isolde auf der Schaukel (des Lebens?!)

Isolde auf der Schaukel (des Lebens?!)

Ein Schiff oder wenigstens ein Bug war ohnehin weit und breit nicht in Sicht. Für Bieito ist die gesamte Story ohnehin ein Traum. Und in einem Traum lässt sich inszenatorisch und dramaturgisch natürlich (fast) alles machen. So sollte Tristan nach Bieito aus dem Wasser kommen… Etliche Schaukeln beherrschen statt nautischer Aperçus, die selbst Krzysztof Warlikowski mit seinem „Tristan“ aus dem Vorjahr in München noch zeigte, den 1. Aufzug. Der Liebestrank wird virtuell aus der Handfläche genommen, und nach kurzem emotionalem Suhlen im Wasser geht Tristan ab, vom König keine Spur! Der kommt im 2. Aufzug gelangweilt im Glencheck mit Händen in den Taschen in Begleitung zweier kleiner Mädchen herein, singt seinen Part und zieht wieder ab. Sogar gleich noch mit Isolde, die wohl auch kein gesteigertes Interesse an des Liebhabers Schicksal hat, welches dieser mit dem Fischmesser Brangänes selbst blutig einleitet, sodass Melot am Ende gar nichts mehr tun muss.

Auch Tristan schaukelt...

Auch Tristan schaukelt...

Wieder einmal also die nahezu um jeden Preis prononcierte Negation von Emotion und Menschlichkeit, die wir immer häufiger im Wagnerschen Regietheater erleben müssen. Man denke and Simon Stones‘ „Tristan“ in Aix en Provence und die neue „Walküre“ in Stuttgart letzten Sonntag von gleich drei Regieteams, einem pro Aufzug (Rezension folgt). Dass Isolde vorher bei Tristans Frage, ob sie ihm Folge leisten wolle in die dunkle Nacht (des Todes), ihn zärtlich umarmt, ist erfreulich, wie auch eine menschliche Nähe zu ihm durch Händchenhalten im Liebestod. Das wird aber immer wieder gestört durch handfeste Entfremdungen, als wenn der Regisseur sich einfach nicht erlauben wollte, dass zwei Menschen durchgängig intensiv zueinander stehen wollen und können, auch wenn es ihr Ende bedeuten sollte.

Alles kurz und klein im 2. Aufzug!

Alles kurz und klein im 2. Aufzug!

Den Höhepunkt findet dieses Regiekonzept, wenn man es denn so nennen will, im 2. Aufzug, als beide in nebeneinander schwebenden Boxen (im fixen Zustand sind solche Bühnenbildelemente eine Spezialität von Olivier Py und nun auch wieder im neuen Halleschen „Tristan“ zu sehen) selbst noch beim Liebesduett voneinander getrennt agieren und – sicher wegen der Unmöglichkeit ihrer Liebe – alles kurz und klein schlagen, sodass man kaum noch die Musik hören oder sich auf sie konzentrieren kann. Am Ende finden beide dann inkonsequenterweise doch noch den Weg auf die Bühne, um mit einem großen Küchenmesser einen Selbstmordversuch zu starten (Krzysztof Warlikowski lässt wieder aus München grüßen!).

Danach kann man kaum noch ein Liebesduett halten...

Danach kann man kaum noch ein Liebesduett halten...

Was im 3. Aufzug etwa 30 nackte junge Leute à la Martin Kušej im Bühnenhintergrund sollen, die bei einem Gang in den Vordergrund mit Liebesannäherungen für gleichgeschlechtliche und diverse Paare für Tages-Aktualität sorgen, während Tristan in seinem Fischblut vor sich hindämmert, verschließt sich dem Normalbesucher ziemlich sicher. Wahrscheinlich die Phantasien Bieitos über geglückte Liebesbeziehungen, wobei bei Tristan und Isolde aber strenge Binarität vorliegt. Die Nackten kommen wenigstens nicht vor den Vorhang…

Vor Marke

Vor Marke

Bis auf Clemens Unterreiner als unscheinbar gemachter Melot mit guter Stimme und Wirkung hatten alle Protagonisten ihr Rollendebut am Haus. Andreas Schager fing als Tristan vielversprechend an, sang auch einen sehr guten 2. Aufzug, wobei er immer auch – wie bei ihm gewohnt – sehr intensiv und charismatisch spielte, aber eben wieder einmal nicht mit dem Volumen haushielt. Nach einer Vorankündigung bei einer Höhe im 2. versagte Schager gegen Ende der Fieberphantasien im 3. Aufzug immer mehr die Stimme. Die Höhen kamen kaum noch, es wurde zu tief gesungen – die Erschöpfung wurde offenbar. Martina Serafin hatte als Isolde zu Beginn mit den Höhen leichte Probleme, sang die Rolle aber mit sicherer Mittellage, wobei ihr Timbre, wenn man an andere große Rollenvertreterinnen denkt, zu wenig Persönlichkeit aufweist. Ihr Sopran wäre unter vielen anderen nicht herauszuhören. Eigentlich nicht genug für eine Isolde auf dem hier erwartbaren hohen Niveau.

Liebesphantasien im 3. Aufzug

Liebesphantasien im 3. Aufzug

René Pape sang den Marke mit seinem gewohnt profunden und klangvollen Bass, von der Regie aber arg vernachlässigt. Irgendwie schien er aber an diesem Abend nicht ganz im Vollbesitz seiner gewohnten Kräfte zu sein. Iain Paterson, sonst Wotan und Hans Sachs, gab einen hell timbrierten Kurwenal mit seinem gut geführten Heldenbariton. Er durfte sich immerhin in signifikanter Menschlichkeit zu Tristan ergehen. Ekaterina Gubanova war eine gute Brangäne, aber auch sie viel zu sehr vernachlässigt in ihrer Beziehung und den Zwiegesprächen mit Isolde. Sie lief so nebenher mit und verbrachte den 2. Aufzug im Wesentlichen mit dem Ausnehmen zweier großer Fische, die sie, statt sich um Isoldes Auftritt vor König Marke zu kümmern, geruhsam in zwei Plastiksäcken am Ende des 1. Aufzugs in Gummistiefeln über die Bühne schleppte. Doch noch ein dezenter Hinweis auf Hafen- und damit Meeresnähe?! Immerhin diente das Blut der Fische nach dem Ausnehmen Tristan für seine vermeintlich tödliche Selbstverstümmelung im 2. Aufzug… Die Brangäne-Rufe Gubanovas aus dem Off hätten aber schon etwas lauter und eindringlicher, ja beherzter sein können. Daniel Jenz als Hirt, Martin Häßler als Steuermann und Josh Lowell als Stimme eines jungen Seemanns absolvierten ihre Parts tadellos. Der von Martin Schebesta einstudierte *Chor der Wiener Staatsoper*war aus dem Off stimmkräftig zu hören.

Schlussapplaus mit Maestro Halffter

Schlussapplaus mit Maestro Halffter

Philippe Jordan vermochte angesichts des Tohuwabohus auf der Bühne erstaunlich viel Ruhe in den musikalischen Ablauf des Abends zu bringen und gleichwohl einen guten Spannungsbogen zu halten. Leider ging in der 2. Szene des 2. Aufzugs die Musik fast völlig unter angesichts der Kraches, der die Zerstörung der Kulissen durch Tristan und Isolde erzeugte. Hier und da hätte man vielleicht eine etwas kräftigere musikalische Akzentuierung wünschen können, aber das kommt sicher noch. Es war insgesamt ein guter Abend Jordans mit dem Wiener Staatsopernorchester. Der Applaus, und damit auch der Buk-Orkan, hielten sich zeitlich – für eine solche Premiere – in Grenzen.

Fotos: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn 1-7; K. Billand 8

Klaus Billand

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